Sportminister erwartet keine Massenproteste bei der WM in Brasilien

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Brasiliens Sportminister Aldo Rebelo glaubt nicht, dass es während der Fussball-WM im kommenden Jahr zu Massenprotesten wie während des Konföderationen-Pokals im Juni kommen wird. Auf einer Pressekonferenz in São Paulo sagte er: „Während der WM wird es viel mehr Gründe zum Feiern als zum Protestieren geben“.

Mit der Ankunft der Touristen und Nationalmannschaften aus aller Welt werde sich eine allgemeine Feierstimmung breitmachen. „Es wird ein Moment der Verbrüderung sein. Die Leute, die sich zu Protesten veranlasst sehen, werden dies nicht in diesem Moment tun. Es wird kein Klima für Proteste geben,“ sagte Rebelo laut terceirotempo.

Auch die Drohungen der brasilianischen Verbrecherorganisation PCC (Primeiro Comando da Capital), das Sportevent zu einer „WM des Terrors“ zu machen, bereiten Rebelo keine Sorge: „Unsere Sicherheitskäfte werden auf alle Bedrohungen und Risiken trainiert und vorbereitet sein.“

Ähnlich beschwichtigend sind seine Worte in Bezug auf die Stadionbauten und Infrastrukturmaßnahmen. „Die meisten“ Arbeiten würden „rechtzeitig“ zur WM fertig werden.

Sollte es während der WM (12.06.2014 – 13.07.2014) zu größeren Problemen im Stadtverkehr kommen, gibt es für den Sportminister eine einfache Lösung: „Falls nötig, gibt es eine Gesetzgebung, die es erlaubt, die Spieltage zu Feiertagen zu erklären“, womit der Berufsverkehr entlastet werde.

Rebelo hatte erst kürzlich seinen Rücktritt zum Jahresende angekündigt, um bei den Gouverneurswahlen im nächsten Jahr für den Bundesstaat São Paul zu kandidieren. Auf Druck von Präsidentin Dilma Rousseff zog er seine Rücktrittsankündigung einen Tag später wieder zurück. Ähnlich ernst zu nehmen sind daher auch seine sonstigen Verlautbarungen, die auf Beschwichtigung und Verharmlosung zielen.

Brasilien liefert bei der Vorbereitung des Mega-Events alles andere als eine gute Figur ab. Die meisten Bau- und Infrastrukturmaßnahmen hängen dem Zeitplan erheblich hinterher, wenn sie nicht gar ganz gestrichen wurden (einen Überblick bietet der Artikel FIFA-Valcke schließt diesjährige WM-Inspektion in Brasilien ab). Es gibt berechtigte Zweifel, dass die verbliebenen sechs der 12 WM-Stadien wie von der FIFA gefordert bis Jahresende schlüsselfertig übergeben werden können.

Und was die Möglichkeit neuer Massenproteste angeht, zeigen Rebelos Aussagen nur, dass er wie die absolute Mehrheit der politischen Elite des Landes die Massenproteste vom Juni nicht verstanden hat. Die Demonstranten haben zu verstehen gegeben, dass sie diese Art der Politik, in der sich die oberen Zehntausend auf Kosten der Allgemeinheit die Taschen voll machen, nicht länger tolerieren werden. Auch wenn die Massenproteste nach dem Ende des Confed Cups nachließen, rumort es weiter im Volk. Da die FIFA als im gleichen Maße korrupt und arrogant empfunden wird wie die Politiker im eigenen Land, bietet die WM eine perfekte Bühne, um dem allgemeinen Ärger Luft zu machen. Zu glauben – wie FIFA-Chef Blatter es beim Confed Cup ausdrücklich tat – mit dem Verlauf des Turniers werde die Feier- über die Proteststimmung siegen, ist nicht mehr als ein frommer Wunsch.

Vielleicht werden sich die internationalen Fussballfans den Protesten sogar noch anschließen. Schließlich wird es auch für die WM-Besucher genügend Gründe geben, auf die Organisatoren sauer zu sein: Verkehrschaos in den Austragungsorten und auf den Überlandstrecken, horrende Preise für Unterkünfte, Verpflegung und Transport.

Das zu erwartende Chaos kann man vielleicht noch mit eine Lächeln wegstecken. Schließlich erwartet niemand von den Brasilianern die Perfektion einer Schweizer Uhr, dafür sind sie ja Improvisationskünstler („sempre tem um jeito“).

Aber wenn es an den Geldbeutel geht und die WM-Touristen sich ausgenommen und ausgenutzt fühlen, dann dürfte der Spaß für viele aufhören. Schon jetzt sind die Preisentwicklungen besorgniserregend: Fluggesellschaften haben die Preise für Inlandsflüge während der „Copa“ massiv angehoben. Flüge zwischen Rio de Janeiro und São Paulo, die sonst für 200 Reais (ca. € 66) zu haben sind, kosten während der WM mehr als das Zehnfache. Ähnlich sieht es bei den Hotels aus, die ihre Preise bereits ums Mehrfache angehoben haben.

Die staatliche Tourismus-Organisation Embratur ist zutiefst besorgt, dass Brasilien mit den sportlichen Großevents WM und Olympische Spiele 2016 die Chance verspielt, sich als gastfreundliches und modernes Land zu empfehlen. Embratur-Chef Flávio Dino schlägt in einem aktuellen Beitrag Alarm:

Wenn der Tourist, der zur WM nach Brasilien kommt, sich verletzt fühlt, wird er nicht nur Zweifel haben, wiederzukommen, er wird seine negative Meinung auch an Familienangehörige und Freunde weitergeben, inklusive der Sozialen Medien, die Milliarden Menschen auf der ganzen Welt erreichen. Und was werden die 20.000 Journalisten sagen, die das Event covern werden? Es sind sofortige Vorsorgemaßnahmen nötig um einen Schaden zu vermeiden, der es künftige Regierungen Jahrzehnte kosten würde, um ihn wieder gut zu machen.

Dino begrüßt es daher, dass Präsidentin Dilma bereits im März eine Kommission eingesetzt hat (Comitê Técnico de Consumo e Turismo do Plandec), in dem Vertreter der Ministerien für Justiz, Tourismus, Gesundheit und Transport ebenso sitzen wie Repräsentanten der Flug-, Transport- und Gesundheitsbehörden. Heute trifft sich das Komitee mit Vertretern des lokalen Hotel- und Transportgewerbes von São Paulo, um Maßnahmen zum Schutz der Verbraucher zu diskutieren. Schon jetzt wird darüber nachgedacht, den brasilianischen Luftraum während der WM auch für internationale Fluggesellschaften zu öffnen, um die zu erwartenden Engpässe durch ein größeres Angebot abzumildern.

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