Kriminalität in Brasilien macht der Bevölkerung Angst

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Brasilianer fühlen sich in ihrem eigenen Land nicht sicher. Und sie haben allen Grund dazu. Eine aktuelle Kriminalitätsstatistik weist einen erheblichen Anstieg von Tötungsdelikten und Vergewaltigungen auf. Und in keinem Land der Welt ist die Bevölkerung so oft Opfer von polizeilicher Gewalt wie in Brasilien.

Als im Juni während des FIFA Konföderationen-Pokals Millionen Brasilianer auf die Straßen gingen, um gegen die Zustände im eigenen Land zu demonstrieren, da war die alltägliche Polizeigewalt eines der Themen, gegen die die Menschen protestierten. Viele Kundgebungen endeten in Straßenschlachten, bei denen die Polizei mit Tränengas, Wasserwerfern und Gummigeschossen gegen tatsächliche und vermeintliche Randalierer vorging. Massenproteste in dieser Größenordnung hatte es seit zwanzig Jahren nicht mehr gegeben und die Polizei war offensichtlich mit der Aufgabe überfordert, durch Deeskalation die Lage in den Griff zu bekommen. Sie bestätigte damit die Vorbehalte, die es in der Bevölkerung gegenüber den Sicherheitskräften gibt.

Polizisten töten und sterben im Einsatz

1890 Menschen kamen nach Angaben der Nichtregierungsorganisation Fórum Brasileiro de Segurança Pública im vergangenen Jahr bei Polizeieinsätzen ums Leben. Im Schnitt sind das fünf pro Tag, so viele wie nirgendwo sonst auf der Welt. Nicht selten handelt es sich dabei um Unbeteiligte, die bei Schusswechseln zwischen Sondereinsatzkommandos (BOPE) und kriminellen Banden von verirrten Kugeln getroffen werden. Umgekehrt gibt es auch kaum ein Land, in dem so viele Polizisten im Einsatz sterben. Im Jahr 2012 waren es mit 89 nur geringfügig weniger als in den USA (95), übertroffen nur von Mexiko, wo 740 Polizisten im Einsatz ihr Leben verloren.

Die Daten, welche das Forum in seinem neuen Jahrbuch veröffentlicht hat, weisen außerdem einen deutlichen Anstieg von Mord und Totschlag auf. 2012 wurden gut 47.000 Morde verübt – ein Anstieg um 7,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Von 100.000 Einwohnern fielen damit 24,3 einem Morddelikt zum Opfer.

Am gefährlichsten ist der Bundesstaat Alagoas im Nordosten des Landes mit über 58 Tötungsdelikten pro 100.000 Einwohner. Dass die Zahl gegenüber dem Vorjahr um ein Fünftel zurückging, kann nur wenig darüber hinweg trösten. Im Bundesstaat Rio de Janeiro lag die Rate 2012 bei 23,5 pro hunderttausend Einwohner (-5,6%), in São Paulo bei 11,5 (+14,5%).

Vergewaltigungen übertreffen erstmals Tötungsdelikte

Übertroffen wird diese besorgniserregende Statistik nur von Vergewaltigungsfällen. Insgesamt wurden im vergangenen Jahr 50.617 sexuelle Übergriffe registriert, ein Anstieg von über 18 Prozent gegenüber dem Vorjahr! Die höchste Rate weisen die nördlichen Bundesstaaten Roraima (52,2 v. Ht.) und Rondônia (49 v. Ht.) auf, die höchsten Anstiege gab es in den Bundesstaaten Rio de Janeiro (+24%) und São Paulo (+23%).

„Die Daten bestärken den Eindruck, dass wir in einer zerrissenen Gesellschaft voller Angst leben“, konstatiert die Nichtregierungsorganisation in der Einleitung zu ihrem Jahrbuch, „besorgt von der alltäglichen Möglichkeit, Opfer und Geisel von Kriminalität und Gewalt zu werden.“

70 Prozent der Brasilianer haben kein Vertrauen in ihre Polizei. Größer ist das Misstrauen nur gegenüber den Politikern (95,1%).

„Unser Sicherheitssystem ist ineffizient“, konstatiert das Forum, trotz der 61 Milliarden Reais (ca. € 20 Mrd.), die im vergangenen Jahr für die öffentliche Sicherheit ausgegeben worden seien. Relativiert wird diese Summer allerdings auch dadurch, dass 40 Prozent der Gelder auf Zahlungen für Pensionäre und Inaktive entfallen.

Reformwiderstand bei Politik und Polizei

Zahlreiche Reformversuche habe es in den vergangenen Jahren gegeben, doch viele seien nicht zu Ende geführt worden, beklagt die Organisation. Sowohl auf politischer Ebene wie bei den Polizeikräften mangele es am Willen, nachhaltige Reformen durchzuführen und anachronistische Zustände zu beseitigen. Dabei sei die Polizei für die Entwicklung einer Zivilgesellschaft, die auf Respekt und Friede beruhe, von strategischer Bedeutung: „Eine starke Polizei ist eine Polizei, welche die Gesellschaft respektiert und verteidigt; eine Polizei, die Vertrauen schafft und nicht Schrecken verbreitet.“

Das 7. Jahrbuch des Fórum Brasileiro de Segurança Pública gibt es hier als Download.

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