Bê Ignacio als Stadtindianerin in der Kulturbrauerei

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Ich muss gestehen, bis vor wenigen Tagen nichts von Bê Ignacio gewusst zu haben. Erst der Hinweis eines Facebook-Bekannten auf ihr Konzert im Kesselhaus der Kulturbrauerei in Berlin machte mich auf sie aufmerksam. Was ich dann im Netz über sie erfuhr und an Musikkostproben hörte, machte mich neugierig. Und so besuchte ich das Konzert am gestrigen Abend.

Bê ist eine Reisende zwischen den deutsch-brasilianischen Welten. In São Paulo als Tochter einer deutschen Mutter und eines brasilianischen Vaters geboren und aufgewachsen, folgte sie 1998 ihrem Bruder nach Deutschland. In Stuttgart lernt sie den Schlagzeuger Markus Schmidt kennen, Künstlername Marquinho da Silva. Er wird ihr Musik- und Lebenspartner. Während sie an der Stuttgarter Musikhochschule Gesang studiert und mit diversen Bands Bühnenerfahrung sammelt, lernt sie beim Jazz Festival in Montreux den Gitarristen, Arrangeur und Produzenten Luiz Brasil kennen. Zu dritt gründen sie das Projekt  . 2008 erscheint ihr erstes Album Mistura Fina mit elf Songs. Es folgen mit wechselnden Instrumentalisten Mistura Natural (2009) und Azul (2011). Seit Sommer diesen Jahres gibt es nun das vierte Album, India Urbana (Stadtindianerin), mit dem die Band gegenwärtig auf Tour ist.

Inspiriert wurde es von einem Besuch in ihrer Heimatstadt: Auf ihren Wegen durch die nimmermüde Mega-Metropole São Paulo fühlte sich die naturverbundene Sängerin bald wie eine Indianerin auf Streifzug. So ziert das Cover denn auch ein Portrait der langhaarigen, milchkaffeebraunen Sängerin mit einem roten Streifen entlang der Augenpartie, eine Bemalung, die – wie Bê erklärt – bei den Ureinwohnern sowohl auf Kriegspfaden wie Festen verwendet wird.

Aufgenommen in München, São Paulo und New York, vereint das Album verschiedene Musikstile und -rhythmen, von Bossa Nova über Samba und Forró bis hin zu MPB, Reggae, Jazz und elektronischen Elementen. Meistens singt sie ihre Texte auf Brasilianisch, manchmal auch Deutsch und immer häufiger auf Englisch. Songs wie Sununga zielen erfolgreich auf den Massengeschmack. Er stand 15 Wochen in den deutschen Charts, wie Bê stolz vermeldet. Mit ihm trat die Band u.a. im ZDF-Fernsehgarten auf.

Bei dem gut besuchten Konzert in Berlin gibt sie aber nicht nur Songs aus dem aktuellen Album zum Besten. Vom Album Mistura Natural stehen die Titel SurfistaCai na Balada und Me Leva auf der Setlist, vom Album Azul die Songs YeneneyRhythm of the SeaNão vou chorar und von der ersten CD Mistura Fina die Titel Zuera sowie eine Cover-Version des Welthits Mais Que Nada von Jorge Ben Jor.

Bê Ignacio auf der Bühne in Berlin
Bê Ignacio mit Band in der Kulturbrauerei in Berlin

Begleitet wird Bê an diesem Abend von ihrem Partner Markus Schmidt am Schlagzeug sowie den Brasilianern Oliver Pellet (Gitarre), Jonivon Freitas (Bass), Ricardo Fiuza (Keyboard) sowie Dalma Lima (Percussion).

Während eines stimmungsvollen Intros taucht Bê hinter den Stuhlreihen auf: Großgewachsen, in gelben Hot Pants, grüner Bluse und rotem Streifen über der Augenpartie. Ihre Stimme ist warm und sanft, in den Höhen allerdings auch etwas schwach und heiser. Sie laboriert an einer Erkältung, wie ich nach dem Konzert von ihrem Partner erfahre. Fast hätten sie das Konzert deswegen sogar abgesagt. Sie meistert den Abend dennoch mit Bravour und macht die stimmliche Schwäche des Abends durch ihre gute Laune und ihren Charme mehr als wett.

Schon nach dem zweiten Song Vida Louca animiert sie das Publikum zum Mitsingen („Ich brauche jetzt einen Chor“). Bei der Raggae-Nummer Cai na Balada soll es aufstehen und mittanzen, beim nachfolgenden Titel Me Leva werden erst die Frauen, dann die Männer zum Singen aufgefordert. Das klappt alles wunderbar, das Berliner Publikum geht mit. Beim letzten Song Samba é kommt Stimmung auf wie auf einer brasilianischen Karnevalsparty, die auch nicht von den Wassertropfen getrübt wird, die seit Beginn des Konzertes von der Decke des Kesselhauses auf Bühne und Publikum tropfen (draußen ist es herbstlich und regnerisch und das Kesselhaus ist offenbar nicht ganz dicht…). Bê nimmt’s mit Humor und fühlt sich umso mehr an Brasilien erinnert.

Die Sperrzeit ist nah. Doch es bleibt noch Zeit für Zugaben, die das Publikum vehement einfordert. Und so gibt es noch drei Extras: Sununga, nach ihrem Lieblingsstrand in Ubatuba benannt, Vida Louca zum Zweiten und Não vou chorar („Ich werde nicht weinen“) als letztes. Ein familiärer Abend, der gute Laune macht und nicht zuletzt dank der an die Wand projizierten Videos mit Brasilienimpressionen saudades (Sehnsucht) nach Brasilien weckt.

Nach dem Konzert mischen sich Bê und ihre Bandmitglieder noch unters Publikum, stehen für Autogramme und Gespräche zur Verfügung. Ein Teil der Band-Einnahmen fließt in ein soziales Projekt in der Favela Monte Azul, wo Bê aufgewachsen ist. Dort unterstützen sie einen Hort, in dem 70 Kinder Musikunterricht erhalten. Ein Grund mehr, die CD zu kaufen.

Hier kann man in das Album India Urbana reinhören.

Homepage von Bê Ignacio

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