Endlich 50 !

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Bist Du auch in diesem Jahr 50 Jahre alt geworden? Oder wirst es noch? Willkommen im Club! Du bist eine/r von über einer Million allein in Deutschland, die 1967 geboren wurden! Wie fühlt sich das an? Gut oder schlecht? Bist Du stolz und zufrieden, wenn Du zurückblickst? Oder hättest Du lieber alles oder wenigstens einiges anders gemacht? Fühlst Du Dich alt? Oder fühlst Du Dich auf dem Zenit Deines Lebens?

Früher schaute ich eher besorgt auf die Perspektive, eines Tages 50 Jahre alt zu werden. Ich empfand das immer als eine besondere Marke im Leben, ab der es nur noch abwärts gehen konnte. Mit der Gesundheit, dem Geld, dem Genuss. Fünzig! Das ist ja schon echt alt, wenn ich die Perspektive meiner Kinder (9 und 10 Jahre alt) einnehme.

Jetzt bin ich fünfzig (seit Anfang März schon).

Und wie fühlt sich das an?

Gut, muss ich zu meiner eigenen Überraschung gestehen. Sehr gut sogar!

Ich fühle mich auf dem Höhepunkt meines Lebens. Alles, was jetzt noch kommt, ist gewissermaßen eine Zugabe, ein Sahnehäubchen auf ein Leben, das – rückblickend – für mich völlig komplett, perfekt ist. Besser geht’s nicht! Ich bin überaus dankbar für alles, was ich erleben und erfahren durfte, für all die Türen und Wege, die sich mir geöffnet haben -oder auch nicht -, für alle Menschen, denen ich begegnen durfte oder von denen ich erfahren habe. Zeitgenossen, Vorfahren, Nachfahren, Freunde, Bekannte, Kollegen, Frauen…

Auf die Frauen kommen wir später noch zu sprechen. Aber erstmal möchte ich wissen, wie es dazu kommt, dass Du Dein Leben als so perfekt beschreibst. Es ist doch nun mal wirklich nicht alles gut bei Dir gelaufen. Ich könnte Haufen Dinge, Erlebnisse, Geschehnisse nennen, bei denen Du nicht so gut ausgesehen hast, wo Du ziemlich auf die Fresse geflogen bist…

Selbstverständlich. Diese Liste hat keinen Anfang und kein Ende. Aber das Entscheidende ist: Auch in den Momenten, wo die Dinge nicht so liefen, wie ich wollte, wo ich am Ende der Sackgasse angekommen zu sein schien – auch in den dunkelsten Stunden tat sich immer ein kleines Türchen, ein Lichtlein oder gar ein ganz großes Tor auf. Es ging immer weiter, irgendwie. Und ich hatte auch immer das absolute Vertrauen in mich, in mein Schicksal und den lieben Gott, dass sie mich schon nicht so schmählich zu Grunde gehen lassen würden. Und außerdem: Jedem Scheitern wohnt ein Zauber inne. Aus Erfahrungen kann man lernen, wenn sie auch noch so schlecht sind.

Du glaubst an Gott?

Selbstverständlich, wenn auch nicht im herkömmlichen, bürgerlich-kirchlichen Sinne. Ich glaube nicht nur an Gott, ich bin mir Seiner gewiss! Es gab so viele Momente in meinem Leben, in denen ich Gottes Wirken schlicht und einfach am eigenen Leib erlebt habe! Niemals würde ich Ihn verleugnen, wie Judas es tat. Das Göttliche zu verleumden, zu verraten, es zu opfern der eigenen Bequemlichkeit halber ist das größte Verbrechen, das ein Mensch begehen kann! Und der Witz ist: Je mehr Gott Teil Deines Selbstverständnisses als MENSCH ist, desto stärker und widerstandsfähiger macht es Dich! Der Glaube macht Dich stark. Er versetzt Berge.

Das weckt heutzutage gleich Assoziationen von Fanatismus, religiösen Wahnvorstellungen, Radikalität. Sich zu Gott zu bekennen macht einen bei manchen Menschen heutzutage ziemlich verdächtig bis kriminell. Für Rationalisten klingt es Irrational.

Gott ist Irrational. Mit dem Verstand allein nicht zu begreifen. Man muss ihn erleben, erfahren. Die Frage ist, welches Gottesbild uns bewegt. Habe ich einen gütigen, verzeihenden Gott im Sinn oder einen bösen, gewalttätigen, rachsüchtigen? Oder einen gleichgültigen?

Dank meiner familiären Herkunft bin ich christlich geprägt. Mein Vater war katholisch und als Kirchenmusiker (Orgel, Chor) aktiv, meine Mutter entstammt wie mein Vater einer sehr katholischen Familie aus dem thüringischen Eichsfeld. Der sonntägliche Kirchgang, das Eingebundensein in die Kirchengemeinde, der enge Kontakt zum Pastor war für mich völlig normal. Nach der Scheidung heiratete mein Vater eine evangelische Pfarrerstochter. Ihr Vater war ein über seine Gemeinde hinaus sehr angesehener Pfarrer und Theologe. Am Mittagstisch wurden oft theologische Debatten geführt. Ich setzte mich also früh auch kritisch mit der Bibel auseinander, reflektierte das Gehörte, Gesagte und verglich es mit den Taten und dem, was ich sah. Je älter ich wurde, desto kritischer wurde ich auch, bis ich schließlich als Zivildienstleistender aus der Kirche austrat. Ich wollte einen so reaktionären Verein wie die Katholische Kirche unter Papst Johannes Paul II nicht mit Kirchensteuergeld unterstützen. Und ich war auch der Ansicht, dass die offensichtliche Schlechtigkeit der Welt ja als Beweis dafür genügte, dass Gott nicht gut sein konnte oder zumindest ziemlich machtlos war, wenn er denn überhaupt existierte. Eine ziemliche Niete.

Und wie fandest Du dann zu Gott zurück?

Spätestens mit der Frühgeburt meiner Tochter. Es war ein einziges Wunder, dass sie das alles ohne bleibende Schäden überstanden hat! Meine Dankbarkeit ist grenzenlos.

Aber eigentlich ging es schon vorher los durch die Begegnung mit der Oma meiner brasilianischen (inzwischen Ex-) Frau. Diese Frau war zwar nicht gebildet, konnte weder lesen noch schreiben. Doch sie war eine lebende Heilige. Hatte sechs eigene und über ein Dutzend fremde Kinder aufgezogen – allein, ohne Mann. Auf dem Land. Diese Frau stand mit beiden Beinen auf der Erde, doch ihr Herz, ihr Glaube gehörte nur einem: Jesus, dem Sohn Gottes! Die Existenz Gottes war für sie keine Glaubensfrage, sondern absolute Gewissheit. Sie konnte einem viele Geschichten erzählen, wie Gott ihr Leben auf den Kopf gestellt und sie vom falschen Weg abgebracht hatte. Sie ist ein sehr weiser Mensch, sehr gütig und geduldig, voller Humor. Als ich ihr das erste Mal in Brasilien begegnete – kurz nach der Hochzeit mit ihrer Enkelin in der Ferne – waren wir uns auf Anhieb sympathisch. Wir schauten uns kurz in die Seelen und erkannten einen Gleichgesinnten.

Wie? Gleichgesinnten? Du hast doch zu der Zeit an Gott und der Kirche gezweifelt?

 Ich habe vor allem an der Institution Kirche gezweifelt, konnte ihr aus meiner Sicht nichts mehr abgewinnen. Wir hatten uns entfremdet. Die Kirche hinderte mich daran, die Dinge zu tun, die ich auch tun wollte. Vor allem vorehelichen Geschlechtsverkehr…

(beide lachen)

Meine Verbindung zu Gott war dagegen nie völlig abgebrochen. Ich hielt ihn mir zwar auf Distanz, aber ließ ihn auch einen guten Mann sein. Solange nicht das Gegenteil bewiesen war, wollte ich seine Existenz und damit auch seine Macht nicht komplett infrage stellen. Wenn er ein grundgütiges Wesen ist, dachte ich, wird er mich schon verstehen und ein Auge zudrücken. Wenn es einen Gott gibt, dachte ich mir, muss er viel Geduld und vor allem Humor haben!

Humor? Wohl eher Schadenfreude bei all dem Mist, der auf dem Globus geschieht!

Aber das haben wir ja nicht Gott vorzuwerfen! Wer für all dieses Elend vor allem verantwortlich ist, ist ja der Mensch!

Und was ist mit Naturkatastrophen, Epidemien?

Aus Sicht des Einzelnen, der davon persönlich betroffen ist, mag das Leben ungerecht sein. Aber aus einer höheren Distanz, Instanz betrachtet, gehört das alles zum Lauf des Lebens und der Welt: Werden und Vergehen, Aufstieg und Fall, Fressen und Gefressen werden…

Klingt ja sehr martialisch und rücksichtslos. Nach dem Motto: Friss oder stirb!

So radikal ist es ja auch. Einerseits.  Das Leben kennt keine Gnade! Du kannst Dir daherfantasieren, was immer Du willst: Die Realität, das Leben wird Dir zeigen, ob Du auf dem richtigen Weg bist. Oft muss man aber auch sehr hartnäckig sein, wenn man von einer Sache überzeugt ist, über hohe Hürden springen, dicke Bretter bohren, um etwas zu erreichen.

Andererseits ist es ja uns Menschen vorbehalten, diese Härten, die das Leben zweifellos bereithält (Krankheit, Tod, Verbrechen, Katastrophen), abzufedern und in der Gemeinschaft füreinander dazusein. Leider scheint allein die Tatsache, dass wir alle der Gattung Mensch angehören, nicht zu genügen, um ein solches Gemeinschaftsgefühl aufkommen zu lassen. Man definiert sich vorwiegend über kleinere Gruppen: die Familie, die Freunde, den Verein, die Nationalität, den Geschmack oder was auch immer. Die Glaubensgemeinschaft, die Kirche, die Religion oder Weltanschauung sind hier ebenfalls sehr wichtig für die eigene Identität. Das Bekenntnis zu einer Weltanschauung.

Und was ist Deine Weltanschauung? Wie schaust Du auf die Welt? Heute, Ende Mai, im Jahre 2017 nach Christus?

Ich denke, die Sozialen Medien haben uns mehr als alles andere vor Augen geführt, wie der Mensch in der Masse tickt. Und das ist wirklich nicht sehr weit entfernt von irgendwelchen Primaten. Als jemand, der über zwanzig Jahre hauptberuflich als Journalist für namhafte Medien gearbeitet hat, könnte man darüber verzweifeln!

Am Ende verhalten sich Primaten sogar viel sozialer als wir Menschen, überhaupt die Tiere! Ich staune und staune über all diese Naturwunder, die unser Planet bereithält, über das ganze Universum! Jedes Lebewesen ist ein einziges Wunder! Und gleichzeitig ist jeder Einzelne von uns ein kurzes Nichts im Universum. Nicht einmal ein Sandkorn in dieser unfassbaren Unendlichkeit!

Aber im Alltag mit all unseren Problemen hilft uns diese Erkenntnis auch nicht viel weiter. Der Schmerz, das Leid sind ja trotzdem da!

Durchaus. Vielleicht hilft es dem einen oder anderen, sich selbst und das Erlebte ein wenig zu relativieren. Aber raus aus der Nummer kommen wir damit trotzdem nicht.

Da kommt dann eben Gott ins Spiel. Auch unsere engsten Weggefährten, Familienmitglieder, wahren Freunde. Sie alle können uns helfen, dieses Dasein irgendwie zu ertragen.

Oder wir sagen ganz fatalistisch: Okay, ich hab keine Chance zu überleben, aber ich mach das Beste draus! Ich seh zu, dass ich alles abgreife, was das Leben mir bereithält. Und das ist eine Menge!

Viele Menschen kommen auf die Welt, ohne überhaupt irgendeine Chance zu haben…

Das ist wahr. Aber sie können wenigstens den anderen dazu dienen, sich dazu zu verhalten.

Die Quintessenz des Lebens lässt sich ohnehin auf diesen einfachen Satz herunterbrechen: Wie begegnest Du dem, was das Leben für Dich bereithält? Wie verhältst Du Dich dazu?

Daran zeigt sich, erweist sich Dein wahrer Charakter! Bist Du mutig oder feige? Bist Du schlau oder dämlich? Bist Du ein Macher oder eher ein Mitläufer? Bist Du ein guter oder ein schlechter Mensch?

Seit Menschengedenken zerbrechen sich Philosophen und Wissenschaftler darüber den Kopf, ob unser Leben vorbestimmt ist und wie groß unsere eigene Handlungs- und Entscheidungsfreiheit ist. Hat der Mensch einen freien Willen oder nicht?

Die Probleme in der Philosophie fangen schon in der Sprache an, bzw. sind letztlich rein semantischer Natur.  Wenn wir über Gott und die Welt streiten, machen wir am Ende nichts anderes, als über die Bedeutung der Begriffe zu streiten. Jeder versteht etwas anderes darunter (obwohl ich ja nicht einmal das mit Gewissheit sagen kann, denn ich kann den anderen ja nicht in den Kopf schauen). Das war das Fazit meines Philosophie-Studiums nach der Lektüre von Ludwig Wittgenstein, meinem Leib- und Magen-Philosoph. Er hat es einfach auf den Punkt gebracht. Es gibt keine Erkenntnis, die über den uns eigenen Horizont hinausgeht und über den Horizont der Sprache, sonst wäre es ja auch nicht der Horizont. Unsere Erkenntnis reicht immer nur so weit, wie unser Intellekt. Aus einem Lukas Podolski wird niemals ein Albert Einstein und umgekehrt. Aber das müssen sie ja auch nicht. Es gibt nur einen Lukas Podolski. Und die Welt wäre ärmer gewesen ohne ihn. Ohne Einstein genauso, nur anders. Jede Jeck is anders, sagt der Kölner. Und das ist auch gut so. Das macht das Leben spannend, vielseitig, vielfältig.

Hat der Mensch nun einen freien Willen oder nicht?

Ja und nein. Natürlich haben wir in einer konkreten Situation die Wahl zwischen mehreren Möglichkeiten. Und je nach dem, wie wir uns entscheiden, hat das auch Einfluss auf den weiteren Verlauf unseres Lebens.

Aber WOFÜR wir uns am Ende entscheiden, das hat doch viel mit früheren Erfahrungen, Prägungen und mit unserem Charakter, unserer Natur zu tun. Dabei ist ein Charakter ja keine eindimensionale Sache. Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832) klagte einst: „Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust.“ Ich klage: Wenn es doch nur zwei wären!

Letztlich kann ich nur von mir selbst sprechen, und auch da kann ich mich täuschen. Aber wenn ich auf mein persönliches Leben zurückblicke, so ergibt das alles am Ende einen Sinn. Ich sehe einen roten Faden. Ich sehe mich selbst, so wie ich bin. Ich bin so, wie ich bin. Und wer das ist, das weißt Du erst am Ende ganz genau!

Dann könnte ein Schwerverbrecher ja immer sagen: Sorry, Leute. Ich konnte einfach nicht anders. Ich musste das tun. Ich hatte keine Wahl…

Es mag durchaus Verbrecher geben, bei denen das auch so ist, von einer unbändigen Lust getrieben, Böses zu tun. Aber natürlich darf dieser Grundsatz (Ich bin so, wie ich bin) nicht als Generalentschuldigung für alles herhalten. Die Tatsache, dass es Gesetze und Regeln gibt, die auch den meisten Verbrechern bekannt sind, gehören ja mit zu unserem Entscheidungsumfeld. Wenn ich trotz dieses Wissens und der damit verbundenen Konsequenzen meine Tat begehe, dann ist das eine bewusste Entscheidung oder eine affektgesteuerte Tat. Wenn der Affekt nachvollziehbar ist, wirkt sich das in einem Rechtsstaat durchaus positiv auf das Strafmaß aus.

Ein Mensch, der ohnehin ganz anders gepolt ist, wird sich über solche Sachen gar keinen Kopf zerbrechen, sie beschäftigen ihn einfach nicht. Es kommt für ihn einfach überhaupt gar nicht in Frage, sich so oder so zu verhalten.

Welche Optionen ich überhaupt sehe und wahrnehme, hat ja schon viel mit meinem Charakter, meinen Erfahrungen, meiner Aufmerksamkeit und meinem Weltwissen zu tun.

Ich vergleiche den Menschen immer am liebsten mit einer Orgel: Die hat bekanntlich viele Register, sprich: viele verschieden gestimmte und verarbeitete Pfeifen, die unterschiedliche Klänge erzeugen. Und es gibt eine Klaviatur, Tasten, mit denen die Pfeifen aktiviert werden. Es gibt kleine Orgeln mit wenig Registern und es gibt gigantische Orgeln mit vielen Registern. Die Register sind gewissermaßen die Eigenschaften, die ein Mensch von Geburt an mitbringt. Und welche davon im Laufe des Lebens dann tatsächlich gezogen werden und zum Einsatz kommen, hängt von einem selbst und den Umständen ab. Wo nix ist, da kann auch nix werden. Und wo viel ist, kann auch viel ungenutzt verloren gehen.

Du hast an zwei Berliner Grundschulen gearbeitet,  einmal im gutbürgerlichen Charlottenburg, einmal in einer Neuköllner Brennpunktschule. Wie hat sich dein Weltbild auf Deine Arbeit als Pädagoge ausgewirkt? Ist pädagogische Arbeit überhaupt noch möglich angesichts einer Menschengattung, die so ist, wie sie ist?

Nun, abgesehen davon, dass ich Pädagogik studiert habe, hatte ich spätestens mit der Geburt meiner Kinder sehr konkret mit erzieherischer Arbeit zu tun. Auch ein Journalist ist ja gewissermaßen ein Pädagoge, denn er versucht, komplexe Sachverhalte möglichst korrekt und verständlich zu vermitteln. Möglichst ohne erhobenen Zeigefinger, denn der ist allseits sehr unbeliebt.

Jede Klasse ist für sich ein eigenes Universum, egal an welcher Schule. Da sitz ein bunter Haufen von Charakteren, die mehr oder weniger zufällig zusammengewürfelt wurden. Man erkennt sehr schnell, wer wie drauf ist. Wobei nicht gesagt ist, dass sich ein und dieselbe Person gegenüber anderen nicht völlig anders verhält.

Aber gewisse Schubladen-Kategorisierungen kann man immer vornehmen. Da sind die Fleißigen und die Faulen, da sind die Netten und die Nervigen, da sind die Guten und die Schlechten. Und in jedem Fach kann das bei ein und derselben Person wieder ganz anders aussehen.

Die Haltung allerdings, die ein Mensch dem Leben und den Mitmenschen gegenüber an den Tag legt, ist doch etwas sehr Zentrales. Es gab Schüler, die waren so klar in ihrer Ausrichtung, dass ich eine klare Prognose für ihn/sie vor Augen hatte. Bei anderen war es uneindeutig. Außerdem verändern sich manche Menschen im Leben aufgrund äußerer Einwirkungen.

Wobei: Verändern sie sich wirklich? Oder kommt nicht nur ein anderes Register von ihnen zum Vorschein, das bislang verborgen geblieben war? Wohl eher das!

Es ist jedenfalls wichtig, dass es in der Schule klare Verhaltensregeln gibt und die auch konsequent kommuniziert und angewandt werden.

In der Neuköllner Schule, wo ich erstmals als Klassenlehrer einer 4. Klasse ins kalte Wasser gesprungen war, musste ich lernen, dass zunächst einmal die Sozialkompetenz im Vordergrund stehen musste, vor aller Stoffvermittlung. Es gab so massive Unstimmigkeiten und Konflikte in der Klasse, dass man erst einmal daran arbeiten musste, um überhaupt erst eine Lernatmosphäre herstellen zu können.

Als das geschafft war, ist mir die Klasse sehr ans Herz gewachsen, jeder Einzelne von ihnen.

Letztlich sind es ja auch nur Kinder, die irgendwie vom Leben überfordert sind. Sie brauchen Anleitung, Orientierung, Geborgenheit, Gewissheit. Und sie wollen sich nicht langweilen…

Was war denn schwerer? An einer Brennpunktschule zu unterrichten oder an einer namhaften Europaschule?

Alles hat seine Vor- und Nachteile. Die Europaschule war ja sehr international, vor allem aus den spanischsprachigen Weltregionen. Das kam mir, der als Kind in Spanien aufgewachsen war, sehr entgegen. Die sozialen Verwerfungen waren nicht so groß wie anderswo, die Klassen ziemlich homogen, der Islam spielte kaum eine Rolle im Schulalltag, viele Eltern waren engagiert und wachsam, die Schulleitung kompetent.

Allzu engagierte und wachsame Eltern können allerdings auch sehr anstrengend sein. Sie wollen alles wissen, mischen sich ständig ein, haben hohe Erwartungen, wollen das vermeintlich Beste für ihr Kind.

Von langjährigen Kollegen erfuhr ich, dass es Eltern gibt, die wegen kleinster Kleinigkeiten vor Gericht ziehen und die Lehrer verklagen.

Das gab’s in Neukölln nicht. Nur wenige Eltern mischten sich ein. Die meisten waren wahrscheinlich froh, die Blagen für ein paar Stunden los zu sein, waren oft selbst zu ungebildet, um den Kindern eine Hilfe zu sein. Oder sie waren mit sich selbst überfordert. Was auch immer.

Die Tatsache, dass die meisten Kinder aus muslimischen Familien stammten, machte einen sehr großen Unterschied. Denn der Islam hat ein anderes Welt-, Menschen-, Frauenbild als das Christentum.

Aber damit muss man umgehen lernen. Und man kann damit umgehen, wenn man dazu bereit ist. Man kann nicht alle Menschen, auch nicht Moslems, über einen Kamm scheren. Es gibt so’ne und solche. Die meisten waren ganz umgänglich und die meisten Mütter wollen überall auf der Welt nur das Beste für ihre Kinder, was auch immer sie darunter verstehen. Jedenfalls sollen sie nicht hungern und irgendwann auf eigenen Beinen stehen können.

Du hast an beiden Schulen vor allem Deutsch und Musik unterrichtet. War das schwer? Fühltest Du Dich der Aufgabe gewachsen?

Im Prinzip, ja. Ich hatte ja schon viel Lebenserfahrung, bin oft vor Publikum aufgetreten. Und wenn man die reine Wissensvermittlung betrachtet, konnte ich auf meine journalistische Kompetenz zurückgreifen: Recherchieren, aufbereiten, präsentieren. Das Gute am Lehrerdasein im Vergleich zum Journalisten ist, dass Du Deine Zielgruppe jederzeit genau im Blick hast. Als Journalist sendest Du gewissermaßen in den Orkus, bekommst Quoten oder Auflagen oder Klicks als Bestätigung, manchmal Kommentare. Aber Du siehst Deine Zielgruppe in der Regel nicht von Angesicht zu Angesicht. Im Klassenraum schon. Das war somit für mich viel berechenbarer.

In pädagogischer Hinsicht war ich zwar kein unbeschriebenes Blatt, aber hatte keine Erfahrung als Pädagoge im Klassenverbund, der seine ganz eigene Dynamik hat – jede Klasse ihre eigene.

So viele Kinder (über 20) im Blick zu haben und bei der Stange zu halten, ist gar nicht so einfach. Und ein Neuankömmling wird von den Schülern natürlich auf Herz und Nieren geprüft…

Aber ich hatte in beiden Schulen viele nette Kollegen, die mir mit Rat und Tat zur Seite standen. Und habe schnell begriffen, dass sie allerhöchsten Respekt dafür verdienen, diese Arbeit über so viele Jahre auszuhalten.

Im Fach Deutsch fühlte ich mich aber auch auf der sicheren Seite. Schließlich war ich schon in der Schule immer einer der Besten in diesem Fach gewesen, hatte es studiert und danach als Journalist mit meiner Sprachkompetenz meinen Lebensunterhalt verdient. Da konnte mir kein Schüler die Butter vom Brot nehmen.

Und Musik ist ein Fach, das einfach Spaß machen soll. Weil es nichts Größeres und Erfüllenderes gibt als Musik auf dieser Welt. Musik ist für mich alles: Seelentröster wie Animateur. In der Musik kann ich völlig aufgehen, die Welt um mich herum abschalten und auf eine losgelöste Reise gehen…

Wie würdest Du Deinen Musikunterricht beschreiben?

Der Kern jeder Pädagogik ist die Motivation. Das Fach Musik hat den Vorteil, dass es dort nicht so sehr ums höher, weiter, schneller geht. Der Leistungsdruck ist kaum da. Das kann natürlich dazu führen – und führt tatsächlich auch dazu – dass manche Schüler das Fach nicht ernst nehmen und meinen, jetzt so richtig die Sau rauslassen zu können.

Auf der anderen Seite hatte und habe ich nach wie vor das Vertrauen in die Musik, dass sie niemanden unberührt lässt. Jeder Mensch hat irgendeine Musik, die ihm gefällt. Und selbst wenn jemandem keine einzige Musik gefallen sollte, ist er doch ständig damit konfrontiert. In der Stadt werden wir allerorten zugedudelt, auf dem Land gibt es mindestens die wundervollen Geräusche und Klänge aus der Natur.

Selbst der am einfachsten strukturierte Mensch kann sich bestimmten Rhythmen nicht entziehen. Insofern gab es sogar in den schlimmsten Klassen immer irgendwelche Titel, mit denen ich die Aufmerksamkeit aller erzielen konnte.

Mein Ansatz war es also, hier wie dort, mit Musik zu arbeiten, die zur Lebenswelt der jeweiligen Kinder gehört und passt. Gerne Songs, die man gerade im Radio, Fernsehen oder Internet hörte. Da war ich sehr offen.

Allerdings musste ich auch Grenzen ziehen. Denn manche Kinder hörten so aggressive bis gewaltverherrlichende Musik, dass ich sie nicht zum Unterricht zuließ. Was ihr Zuhause hört, ist eure Sache, sagte ich. Aber hier in der Schule kommt das nicht in die Tüte! Zumal die wenigsten Schüler bereit oder in der Lage waren, über die Texte länger zu reflektieren. Sie konsumierten sie nur.

Was muss Musikunterricht in der Grundschule als allererstes vermitteln?

Ein Gefühl für Rhythmus und Melodie. Klatschen, Schnippen, Stampfen sind motorische Fähigkeiten, die viele Grundschulkinder noch nicht beherrschen. Darauf kann man dann aufbauen. Sich mit Instrumenten beschäftigen, mit verschiedenen Musikstilen.

Kinderlieder waren nach meiner Erfahrung ziemlich out. Da fühlen sich Grundschulkinder an den Kindergarten erinnert, und über diese Phase sind die meisten ja hinausgewachsen. Sie wollen jetzt schon erwachsenere Sachen hören, wie ihre Geschwister, oder wie sie es aus Internet und anderen Medien kennen.

Manche Kinder sind musikalisch und fangen schnell an, Refrain und Strophen zu singen. Andere wollen sich lieber zur Musik bewegen. Andere wollen lieber nur zuhören und zuschauen. Das ist alles in Ordnung.

Nicht an jedem ist ein Musiker verloren gegangen und Künstler brauchen Publikum.

An der Neuköllner Schule versuchte ich, mit den Klassen so etwas wie ein eigenes Repertoire aufzubauen, auf das man bei gegebenem Anlass zurückgreifen konnte.

Mit meiner 4. Klasse zum Beispiel studierte ich Lieblingsmensch von Namika ein, ein Song, der sich großer Beliebtheit erfreute und einen sehr eingängigen Rhythmus hat.

Einige Mädels konnten den Text komplett auswendig bzw. lernten ihn schnell. Den Refrain sangen alle mit und alle schnippsten bzw. klatschten zum Rhythmus. Der Song wurde gewissermaßen zu unserer Klassenhymne. Wir führten ihn am Ende der Fahrradprüfung den ehrenamtlichen Mitarbeitern der Fahrschule vor und sie waren sehr gerührt und begeistert.

Zu dem Beatles-Song Hello Goodbye dachten sich meine Schüler eine gemeinsame Choreografie aus, die sie ebenfalls einmal aufführten.

Gerade in meiner 4. Klasse nutzte ich den Musikunterricht gezielt zur Verbesserung der Gruppendynamik und zur Entwicklung sozialer Kompetenzen. Musik macht am meisten Spaß, wenn man sie gemeinsam macht. Musik fördert – wie der Sport – den sozialen Zusammenhalt. Über alle Sprachgrenzen hinaus.

Die Arbeit an der Schule hat Dir also auch Spaß gemacht?

Auf jeden Fall! Für jemanden, der jahrelang in einer so selbstverliebten, profilneurotischen Branche wie dem Fernsehen gearbeitet hat, war es geradezu wohltuend, mit Menschen zusammenzuarbeiten, denen es nicht in erster Linie um die Befriedigung ihres Egos geht, sondern um die Sache, um die Schüler, um die Gemeinschaft, um die Gesellschaft.

Das ist ja überhaupt das Spannende an Schule, dass sie gewissermaßen der Brennpunkt der Gesellschaft ist, hier kommt alles zusammen: Eltern, Kinder, Lehrer, Politik. Die Bildung ist ein Dauerbrennerthema, wird seit Jahrzehnten kontrovers in allen Parteien diskutiert.

Diese Bildungspolitik ist es aber auch, die Schule kaputt macht. Lehrer müssen sich ständig neuen Ideen von Bildungspolitikern auf kommunaler, Landes-, Bundes-, Europa- und globaler Ebene unterwerfen. Klar, Veränderungen gibt es in jedem Beruf, in jeder Branche. Die Welt dreht sich weiter. Und Schule steht immer im Fokus und soll ja auf diese Welt da draußen vorbereiten. Wie das am besten geht, darüber wird heftigst gestritten.

Dieses ganze Hin und Her sorgt aber auch für viel Unruhe bei allen Betroffenen, Lehrern, Schülern wie Eltern.

Es wäre besser, die Bildung denen zu überlassen, die etwas davon verstehen, nämlich den Pädagogen! Und sie und die Schulen so auszustatten, dass sie vernünftig arbeiten können.

Gerade in der Brennpunktschule hätte ich mir oft eine zweite Person an meiner Seite gewünscht, eine/n Erzieher/in, die mich unterstützen kann, sowohl bei der Disziplinierung der Schüler wie bei der Durchführung des Unterrichts.

Inklusion ist ja eine schöne, ambitionierte Sache. Aber dafür braucht es genügend Personal. All diese neuen Aufgaben einfach bei den Lehrern abzuladen, geht gar nicht. Die sind heutzutage ohnehin schon überfordert mit dem ganzen Papierkram, den sie erledigen müssen, Förderpläne, binnendifferenzierte Unterrichtspläne, Anträge hier, Anträge dort, Gutachten, Umfragen, Erhebungen etc. Mit den Unterrichtsstunden allein und der Vorbereitung derselben ist es bei Weitem nicht getan.

Am Ende hast Du mitten im Schuljahr den Job gekündigt. Was ist passiert?

Gekündigt hatte ich bereits kurz vor Beginn des neuen Schuljahres, nur gab es ja eine Kündigungsfrist. Die drei Monate sollten dazu dienen, den Übergang möglichst harmonisch zu bewerkstelligen, was auch gelungen ist.

Ein neuer Klassenlehrer ist für eine Klasse immer eine große Umstellung. Der Klassenlehrer ist ja eine starke Bezugsperson, fast sowas wie Ersatzeltern, schließlich verbringt man viel Zeit mit ihm/ihr.

Mein Motiv kam in erster Linie von Außen, hatte mit der Schule unmittelbar nichts zu tun.

Meine Lebensumstände hatten sich einfach so gefügt, dass ich den Augenblick gekommen sah, das zu tun, was ich schon lange tun wollte: nach Brasilien auswandern.

Umgekehrt war die Erfahrung an der Schule dann aber auch nicht positiv genug, um mich zum Halten zu bewegen. Ich ging mit einem lachenden und einem weinenden Auge, erfuhr aber auch sehr viel Verständnis für meine Entscheidung, bis hin zu Respekt und Neid (im positiven Sinne).

Meine Lehrerlaufbahn blieb also nur eine kurze, aber sehr lehrreiche Episode in meinem Leben. Wenngleich ich nicht ausschließe, in irgendeiner Weise auch wieder als Lehrer zu arbeiten. Es gibt ja doch Einiges, was ich anderen Menschen vermitteln kann, nicht nur an Grundschulen.

Du warst also Lehrer, Journalist und Musiker, warst mit einer Brasilianerin verheiratet, mit der Du zwei Kinder hast. Welches waren die wichtigsten Momente in Deinem bisherigen Leben?

Es waren weniger Momente, als Phasen. Ich betrachte meine Entwicklung als eine Folge von Phasen. Meine Geburt in Köln. Dann fünf Jahre in Spanien. Dann bis zum Abitur im Rheinland aufgewachsen. Das war meine intensivste musikalische Epoche, die über den Zivildienst bis ins Studium hineinreichte. Dann die journalistische Epoche. Dann die familiäre. Dann die Schule. Und jetzt Brasilien. Das eine geht ins andere über, alles fügt sich, ergänzt sich, baut aufeinander auf. Mein Leben konnte am Ende eigentlich nur so verlaufen, wie es verlaufen ist. Angesichts meiner Eigenschaften und der Umstände, in die ich hineingeboren wurde.

Wieso eigentlich Brasilien? Wie kam es dazu?

Brasilien, Südamerika überhaupt übte schon früh eine Faszination auf mich aus. Meine erste Fernreise führte mich in die USA, wo mich besonders der latinogeprägte Südwesten faszinierte. Dann nach Kuba.

Die lateinamerikanische, südländische Mentalität war mir aus Kindheitstagen vertraut. Doch ich schreckte vor Brasilien zurück, weil ich glaubte, kein Portugiesisch zu verstehen. Erst als ich im Jahr 2000 auf den Jakobsweg in Nordspanien ging, lernte ich viele Brasilianer kennen und merkte, dass ich mich mit meinem Spanisch doch halbwegs mit ihnen verständigen konnte. Ein Weggefährte sagte, ich müsse unbedingt den brasilianischen Bundesstaat Bahia kennenlernen. Der würde mir sicher sehr gefallen. Und so unternahm ich im Jahr 2002 meine erste Reise dorthin. Es packte mich von Anfang an. Es war Liebe auf den ersten Blick. Von nun an wollte ich nirgendwo anders mehr hin. Das Land ist ja auch so groß und vielfältig, dass ein Leben nicht reicht, alle Ecken kennenzulernen. Im Jahr 2004 verliebte ich mich schließlich so sehr in eine Brasilianerin, dass ich sie kurz darauf heiratete und mir ihr Kinder zeugte.

Nun bleibe ich auf immer und ewig mit diesem Land verbunden, allein schon aus familiären Gründen.

Was gefällt Dir so an Brasilien?

Diese überwältigenden Naturerlebnisse. Dieser natürliche Reichtum. Ich bin ein absoluter Naturliebhaber und in Brasilien bleiben da keine Wünsche offen.

Aber auch die Lebensart der Bewohner gefällt mir. Ihre Musikalität, ihre Religiösität, ihre Lebensfreude, Spontanität, Flexibilität, ihre Gastfreundschaft. Die Leidenschaft und Emotionalität. Es ist das pralle Leben, mit all seinen Vor- und Nachteilen. Aber vor allem Vorteilen. Leben und leben lassen. Arbeiten, um zu leben, nicht leben, um zu arbeiten. Den Augenblick, das Leben genießen, so gut es gerade geht. Und in Brasilien braucht man nicht viel, um glücklich zu sein. Einen Platz, wo man sein Zelt aufbauen kann, findet man immer. Bananen, Kokosnüsse, Mangos etc. wachsen in Hülle und Fülle, man muss sie nur pflücken. Und selbst in der kleinsten Hütte, dem kleinsten Dorf findet man jemanden, der einem hilft, wenn man Hilfe braucht.

Wenn ich in Brasilien bin, habe ich immer das Gefühl, dass alles sich zum Besten fügt. Alles fließt, wenn man sich mitreißen lässt. Ich fühle mich unglaublich frei und unbeschwert. Das Land selbst steckt ja auch voller Möglichkeiten. Es ist nicht so weit entwickelt wie Deutschland. Man kann da noch etwas aufbauen, ohne von mächtigen Konkurrenten plattgemacht zu werden. Der Staat mischt nicht so viel in den Alltag herein. Die Politiker sind zu sehr damit beschäftigt, sich die eigenen Taschen vollzustopfen.

Korruption ist ein großes Thema in Brasilien. Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht irgendein mächtiger Politiker in den Knast wandert, weil er Teil eines weit verzweigten Korruptionsnetzes ist.

Ja, das ist schlimm. Einerseits. Andererseits ziehe ich meinen Hut vor der Justiz, die so unerbittlich und ohne Ansehen der Person diesen Sumpf austrocknen will. Die Frage ist nur, wer danach kommt? Unbelastete, talentierte Politiker gibt es kaum. Und die Bevölkerung ist in weiten Teilen politisch kaum engagiert. Jeder jammert, aber nur wenige versuchen, selbst etwas zu verändern.

Zumal dieses Mantra, dass eine Hand die andere wäscht, auch im Alltag der Durchschnittsbrasilianer sehr verbreitet ist. In diesem Sinne sind eigentlich alle Brasilianer irgendwie korrupt, bestechlich, wenn es ihren persönlichen Interessen dienlich ist. Es ist Teil der Lebensart, eine Form des Überlebens. Denn wenn Du Dich auf den offiziellen, bürokratischen Weg begibst, landest Du in der Hölle und verlierst den Verstand! (lacht)

Das soll mit den brasilianischen Frauen nicht anders sein…

(lacht wieder)

In der Tat. Es ist nicht einfach. Sehr widersprüchlich. Einerseits der Himmel auf Erden, andererseits Hölle, Hölle, Hölle.

Meine Ehe war kein Zuckerschlecken. Eine Herausforderung. Aber ich hab’s überlebt. Und heute sind meine Ex und ich ziemlich beste Freunde.

Immerhin: Es bleibt immer spannend. Es wird nie langweilig. Es ist immer irgendwas los. Drama. Komödie. Telenovela. Porno.

Bislang ist mir eine Brasilianerin lieber als jede andere Nationalität. Vielleicht auch, weil ich inzwischen mit ihnen umzugehen weiß, mit ihnen vertraut bin und weiß, was mich in etwa erwartet. Ich finde Brasilianer überhaupt viel leichter zu berechnen. Im Grunde ticken sie alle ähnlich. das macht auch ihren Volkscharakter aus. In Deutschland weiß man ja nie, woran man bei einer Person ist. Die eine ist Vegetarier, die andere Veganer, die eine hat eine Laktose-Unverträglichkeit, die andere ist geräuschempfindlich. Brasilianer sind nicht so kompliziert.

Du bist sogar bereit, demnächst wieder zu heiraten. Und zwar wieder eine Brasilianerin.

Ja, ich habe sie im April in Porto Seguro kennengelernt. Mit der Ehe hätte ich unter normalen Umständen noch etwas gewartet, aber die Heirat ist für mich der schnellste und sicherste Weg, dauerhaft in Brasilien leben und arbeiten zu dürfen. Meine Zukünftige sieht die Heirat auch eher pragmatisch. Sie ermöglicht ihr umgekehrt auch die Option, in Europa zu leben und zu arbeiten.

Alles in allem bist Du sehr zufrieden mit Deinem Leben. Was macht den Kern dieser Zufriedenheit aus?

Ich denke, das Wichtigste im Leben ist, dass man sich selbst treu bleibt und mit sich selbst im Reinen ist. Schließlich gibt es niemanden, mit dem man so viel Zeit verbringt, wie mit sich selbst.

Ich habe in meinem Leben immer versucht, nach bestem Wissen und Gewissen zu handeln. Habe auf meinen Verstand und auf mein Herz und den Bauch gehört, bin keinem Problem aus dem Weg gegangen und habe die Gelegenheiten, die das Leben mir bot, beim Schopfe gepackt.

Ich habe immer an mir gearbeitet, mich stets selbst und meine Umwelt hinterfragt, versucht, so viel wie möglich zu verstehen, die Zusammenhänge zu ergründen, mich interessiert und engagiert.

Unser Einfluss auf das Leben ist letztlich doch sehr beschränkt. Nur wenige schaffen es, tatsächlich die Welt zu verändern. Und selbst dann war es nie die Leistung eines Einzelnen, sondern dieser Einzelne profitierte bereits von den Leistungen seiner Vorgänger und/oder Zeitgenossen.

Die Umstände, in die wir hineingeboren werden, können wir nicht ändern. Aber wir können unser Verhalten dazu steuern. Wie gehen wir mit den Herausforderungen um, die das Leben bietet? Das ist das Entscheidende. Und wenn Du am Ende von Dir sagen kannst: Ich bekenne, ich habe gelebt. Ich habe meine Potentiale genutzt und ausgeschöpft, dann ist das außerordentlich viel und bietet Anlass, stolz und dankbar zu sein.

Du hast kürzlich den Roman Der Untergeher von Thomas Bernhard gelesen, der sich um den genialen Pianisten Glenn Gould dreht. Er, der Erzähler sowie ein weiterer Freund und Kommilitone sind alle um die 50, als ihre Geschichte erzählt wird. Und Thomas Bernhard grantelt, 50 Jahre seien absolut genug. Länger bräuchte man nicht zu leben.

Da ist was dran. Ich empfinde mein Leben derzeit auch als so komplett, dass alles weitere für mich wie eine Zugabe wirkt. Zumal im vergangenen Jahr nicht viele gefehlt hat, um das Zeitliche zu segnen…

Was ist passiert?

Ich war mit meinen Kindern in Brasilien. Sommerferien. Am letzten Tag vor dem Rückflug gingen wir zu einem Wasserfall. Ich rutschte aus und schlug voll Karacho mit der rechten Augenbraue auf harten Felsen. Die Haut platzte auf und musste mit acht Stichen genäht werden.

Gott sei Dank habe ich einen echten Dickschädel. Er zeigte nicht die geringste Fissur, wie ein MRT in Berlin kurz darauf belegte.

Das grenzte an ein Wunder. Ein Splitter meiner Sonnenbrille war außerdem so nah an meinen rechten Augapfel gedrungen, dass ich zumindest leicht auf dem Auge hätte erblinden können.

Aber der liebe Gott und meine stets aufmerksamen Schutzengel meinten es wieder einmal gut mit mir. Bis auf die Narbe am Auge ist kein Schaden geblieben. Und diese Narbe trage ich mit ganzem Stolz. Ein Mann, erst recht wenn er ein Abenteurer ist, muss im Leben Narben davontragen. Sie sind der Beweis dafür, dass er gelebt und überlebt hat!

Und die Tatsache, dass ich nicht zum ersten Mal dem Gevatter Tod von der Schippe gesprungen bin, nährt in mir den Gedanken, dass der liebe Gott noch irgendwas mit mir im Schilde führt. Ein Gefühl, das mich im Übrigen seit meiner Kindheit begleitet. Ich hatte immer das Gefühl, das Gott seine schützende Hand über mich legt. Wieso auch immer. Wenn ich es nur wüsste!

Möge Gott Dich also auch weiterhin beschützen! Danke für das Gespräch!

Dito!

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