#AufDiePresse : Anmerkungen zum Tag der Pressefreiheit

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Der 3. Mai ist der Internationale Tag der Pressefreiheit. Am Brandenburger Tor fand ein Konzert statt, mit dem „Freiheit für alle inhaftierten Journalisten in der Türkei und anderswo“ gefordert wurde. Nicht zuletzt für den deutsch-türkischen Welt-Korrespondenten Deniz Yücel. Als Autor und Journalist, der einen Großteil seines Berufslebens für namhafte Massenmedien gearbeitet hat, muss mir keiner die Bedeutung der Pressefreiheit erklären. Doch gerade aufgrund meiner langjährigen Einblicke in die Medienbranche weiß ich auch, wie hohl diese mainstreamartige Forderung nach Pressefreiheit aus dem Munde vieler Medienschaffender klingt. Denn die Wenigsten haben die Eier und das Rückgrat, für ihre Meinung wirklich einzustehen, wenn es hart auf hart kommt.

Es ist ja so einfach und risikofrei, sich in Deutschland auf die Straße zu stellen und für die Pressefreiheit einzutreten. Denn im Gegensatz zu vielen anderen Ländern auf der Welt muss man nicht fürchten, von Seiten des Staates verboten und verhaftet zu werden. Das ist ein außerordentliches Privileg. Für eine funktionierende Demokratie sind Meinungs- und Pressefreiheit eine unabdingbare Voraussetzung.

Wobei das Wort „Presse“-Freiheit in heutigen Zeiten ja ziemlich altmodisch klingt. Schließlich haben journalistische Produkte, die aus einer Druckerpresse kommen, in den vergangenen Jahrzehnten durch Radio, Fernsehen und Internet immer mehr an Bedeutung verloren. Wenn wir von Pressefreiheit sprechen, meinen wir also vielmehr das Recht aller Medienschaffenden, Informationen und Meinungen ohne Repressionen und Einflussnahmen publizieren zu dürfen – solange sie sich auf dem Boden des Grundgesetzes bewegen, versteht sich.

Von daher greift der Begriff der Pressefreiheit heutzutage zu kurz. Es geht doch eigentlich um die Meinungsfreiheit, die jedem Bürger zusteht und nicht nur ein Privileg von selbsternannten Meinungsführern und influencern in Mainstream-Medien ist.

Und da sind wir schon beim Kern des Problems.

Wer heutzutage für Mainstream-Medien arbeitet, steht ja unter ganz anderen Zwängen, die mit dem, was man gemeinhin unter Pressefreiheit versteht, nur wenig zu tun haben.

Jeder, der für ein Massenmedium arbeitet, weiß, dass seiner Meinungsfreiheit Grenzen gesetzt sind. Denn unsere Medienwelt ist von Auflagen, Quoten und Klicks bestimmt.

Die Freiheit des Wortes, der Information und der Meinung geht nur so weit, wie es der jeweilige Auftraggeber, Chefredakteur, Herausgeber, Intendant erlaubt. Und auch die unterliegen – abgesehen von der weltanschaulichen und/oder politischen Richtung, die sie vorgeben – gewissen Zwängen, nämlich ökonomischen.

Publiziert wird, was Auflage, Quote, Klicks generiert. Die Qualität der Inhalte ist längst zur Nebensache verkommen.

Es geht nicht darum, der Wahrheit möglichst nahe zu kommen, was für sich allein schon ein schwieriges Unterfangen ist.

Es geht darum, den Leser, Hörer, Zuschauer bei der Stange zu halten, um der Werbeindustrie eine attraktive Zielgruppe zu bieten bzw. dem Gebührenzahler und der Politik als Gebührenbeschließer eine Rechtfertigung für die Zwangsgebühr zu liefern.

Die Öffentlich-Rechtlichen hängen am Tropf der Politik und an der Akzeptanz in der gebührenpflichtigen Bevölkerung. Die werbefinanzierten Medien hängen am Tropf der Wirtschaft.

Angesichts des enormen Druckes, unter dem die Medien angesichts der Verwerfungen durch das Internet, von Google, Facebook und Co. stehen, ist der Typus des aufrechten, unabhängigen, wahrheitsliebenden Journalisten längst ein Auslaufmodell.

Gefragt sind Opportunisten, Populisten und Entertainer. Karriere macht, wer dem Mainstream folgt, sich gut vermarkten oder mit steilen Thesen für Aufmerksamkeit sorgen kann.

Heerscharen von prekär beschäftigten Praktikanten, freien Mitarbeitern  und Bedarfsbeschäftigten sind nicht viel mehr als Galeerensträflinge, denen eine eigene Meinung gar nicht zusteht oder die zu bilden sie gar nicht mehr in der Lage sind, weil die Arbeitsverdichtung in den Redaktionen ihnen gar keine Zeit lässt, vernünftig zu recherchieren und über das Recherchierte nachzudenken.

Wer es bis nach oben geschafft hat, sonnt sich in seiner Eitelkeit, gefällt sich in hochtrabenden Formulierungen und pseudokritischen Bonmots, die aber nie so weit gehen, den eigenen Status zu gefährden.

Wo sind sie, die unbestechlichen, hartnäckigen, unerschrockenen und kritischen Journalisten, die alles riskieren würden, um der Wahrheit auf den Grund zu gehen? Und die es wagen, der eigenen Zunft auf den Zahn zu fühlen?

Journalisten sind Menschen wie Du und ich. Auch sie wollen von ihrem Gewerbe leben, und zwar möglichst gut und privilegiert. Doch die Zeiten haben sich durch das Internet geändert.

Jeder kann heute publizieren. Der Journalist ist heute nur noch einer unter Vielen. Arbeitet er für ein etabliertes Medium, dient es ihm gewissermaßen als Verstärker: Ohne dieses Vehikel würde kaum einer Notiz von ihm nehmen. Und er muss sich gegen Blogger, YouTuber oder sonstige Netzaffine behaupten, die weit mehr Aufmerksamkeit erzielen als manche Edelfeder bei einer Qualitätszeitung.

Die Sorge um die eigene Existenz lässt da schnell das Rückgrat biegsam werden. Lieber widerstandslos der Richtlinienkompetenz der Vorgesetzten folgen, als intern anzuecken und damit den Job zu riskieren. Noch biegsamer sind diejenigen, die zur PR-Branche wechseln und damit der Wahrheitsliebe gleich ganz den Rücken kehren.

Aber soll man es ihnen verdenken? Es ist ja das Massenpublikum, das wenig Interesse an gutem Journalismus hat und ihn nicht zu würdigen weiß.

Wenn das Aufkommen der Sozialen Medien eines hat offen zu Tage treten lassen, dann ja wohl dies, dass Katzenbilder weitaus mehr Aufmerksamkeit erzielen als eine aufwändig recherchierte, investigative Story.

Immerhin: Dank Trump, Trolls, Fake News und „Lügenpresse“-Vorwürfen dämmert inzwischen wohl auch dem eitelsten und einfältigsten Journalisten, dass seine Branche in Verruf geraten ist und das Ansehen rapide geschwunden ist.

Dass es vielleicht doch nicht so altmodisch und oldschool ist, sich auf sowas wie journalistisches Ethos zu besinnen, statt bloß den Affen Zucker zu geben.

In vielen Ländern mussten Journalisten ihre Komfortzone bereits verlassen. Unfreiwillig. Sie sitzen auf der Straße oder im Gefängnis. Weil der Wind gedreht hat. Weil Diktatoren und Populisten das Ruder übernommen haben. Die hemmungslos Fakten fälschen, die Wahrheit beugen, das Volk belügen und betrügen.

Die Welt braucht daher Medien, Journalisten, Bürger, die sich diesem Trend entgegenstellen. Die unabhängig, unerschrocken, unbequem sind und bereit, extern wie intern anzuecken.

Wenn Repräsentanten von Mainstreammedien heutzutage Pressefreiheit einfordern, dann ist das zwar löblich, aber letztlich nur Ausdruck des Wunsches, unbehelligt so weitermachen zu können, wie bisher. Da schwingt die Angst mit, womöglich bald selbst unter die Räder zu geraten.

Wir brauchen daher vielmehr aufgeklärte und kritische Bürger, die unabhängige und möglichst objektive, wahrheitsgetreue Informationen einfordern. Denn nur wer richtig informiert ist, kann sich auch eine qualifizierte Meinung bilden.

Wenn der Bürger das einfordert, werden Verlage, Sender und Plattformbetreiber dies auch liefern. Das liegt in der Logik ihres Geschäftes und ihrer Gesinnung.

Es ist also an jedem von uns, ob die Presse- und Meinungsfreiheit Bestand haben wird, indem wir die Medien und Publizisten unterstützen, denen wir vertrauen, weil sie möglichst unabhängig und wahrhaftig sind.

In diesem Sinne: Ein Hoch auf die Meinungsfreiheit! Ein Hoch auf die Demokratie!

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