Rückblick: Als Quereinsteiger und Vertretungslehrer an einer Berliner Grundschule

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Lehrer zu sein ist ein anspruchs- und verantwortungsvoller Job – jedenfalls, wenn man ihn gewissenhaft und engagiert angehen will. Er kostet viel Zeit und viel Nerven.

Ich hatte das Vergnügen, ihn eineinhalb Jahre als Quereinsteiger und Vertretungslehrer an zwei Berliner Grundschulen auszuüben.

Das ist nicht besonders lang, werden Sie vielleicht einwenden. Aber – ehrlich gestanden – es hat gereicht, um einen praxisnahen Eindruck zu gewinnen. Welcher Journalist verbringt sonst schon so viel Zeit an einem Ort, über den er berichten will?

Als ich mich an der Schule meiner eigenen Kinder (jetzt 9 und 10 Jahre alt) in Charlottenburg-Wilmersdorf als Elternvertreter engagiert hatte, erfuhr ich von dem grassierenden Lehrermangel in Berlin und der Möglichkeit, als Quereinsteiger in den Schuldienst zu gehen.

Da meine Perspektiven als hauptberuflicher Journalist trotz langjähriger Erfahrung wenig rosig waren, fasste ich diesen Weg ins Auge. Es gibt halt Phasen im Leben, da muss man sich umorientieren, ob es einem passt oder nicht. Pädagogisches Interesse hatte ich schon in Jugendjahren, nicht von Ungefähr hatte ich Pädagogik in meinem abgeschlossenen Magister-Studium als Nebenfach. Pädagogische Fragestellungen begleiteten mich von Kind an, weil sowohl mein Vater als auch meine Stiefmutter als Lehrer tätig waren. Und abgesehen davon ist die journalistische Arbeit nicht sehr weit weg von der des Lehrers: Man muss recherchieren und den Stoff dann zielgruppengerecht präsentieren.

Für den Berliner Senat hatte meine journalistische Erfahrung aber keine besondere Relevanz. Angesichts meiner Fächerkombination (Deutsch, Philosophie, Pädagogik und ein paar Semester Musikwissenschaften) war mir der offizielle Weg als Quereinsteiger verwehrt. Deutsch war nur kurzfristig mal als Mangelfach deklariert. Gesucht wurden v.a. Naturwissenschaftler und Mathematiker, Musik- und Sportlehrer.

Dank meiner Aktivität als Elternvertreter hatte ich einen guten Draht zum Rektor der Grundschule, an der meine Kinder unterrichtet wurden. Er wies mich darauf hin, dass es auch noch den Weg gebe, als PKB-Kraft Vertretungstätigkeiten ausüben zu können. PKB steht für Personalkräfte-Budgetierung. Jede Schule in Berlin hat einen gewissen Etat, über den sie selbst verfügen kann, um kurzfristige Engpässe oder langfristige kurzfristig auszugleichen.

Interessenten können sich auf einem eigens dafür eingerichteten Portal der Berliner Senatsverwaltung für Vertretungslehrer eintragen. Der Rektor selbst verspach, auf mich zuzukommen, sollte er an seiner Grundschule Bedarf haben.

Plötzlich Grundschullehrer für Deutsch, Mathe und Musik

Im November 2015 war es plötzlich so weit. Mit einem Mal waren so viele Lehrer ausgefallen, dass der Rektor gleich mehrere Vertretungen brauchte für die verschiedensten Klassen und Fächer.

Wir einigten uns darauf, dass ich ab sofort eine 5. Klasse in Deutsch und Mathematik unterrichten würde. Zwei dritte Klassen kamen noch für das Fach Musik dazu.

Deutsch zu unterrichten bereitete mir nicht das geringste Kopfzerbrechen. Ich beherrsche die deutsche Sprache, sie ist schließlich seit Jahrzehnten mein Handwerkszeug, mit dem ich arbeite und das mich lange gut genährt hat (was gelegentliche Flüchtigkeits- und Rechtschreibfehler nicht ausschließt…).

Auch Musik zu unterrichten empfand ich als Geschenk. Zwar habe ich trotz mehrerer Semester Musikwissenschaften keinen Abschluss vorzuweisen, aber mein Vater war Studiendirektor für Musik am Gymnasium, dementsprechend bekam ich eine intensive musikalische Bildung, spielte lange Cello, später auch etwas Klavier und Gitarre und spiele heute am liebsten Schlagzeug. Auch als Sänger sammelte ich viele Erfahrungen und Erfolge, nicht zuletzt mit einem a capella-Quintett, das bis über die Grenzen Deutschlands hinaus Musik im Stil der Comedian Harmonists aufführte.

Mathe war gewissermaßen die Kröte, die ich schlucken musste. Mathe war nie mein Lieblingsfach in der Schule. Allerdings hat meine journalistische Laufbahn mich in eine jahrelange Tätigkeit als Redakteur und Chef vom Dienst in einer Wirtschafts- und Börsenredaktion geführt. Da geht es um viele und große Zahlen. Mich interessieren bis heute allerdings weniger die nackten Zahlen als die großen Zusammenhänge und Hintergründe. Wirtschaft und Börse sind zwei sehr spannende Gebiete. Ich gehe sogar so weit zu sagen, dass die Ökonomie im weitesten Sinne Kern und Wesen des menschlichen Daseins, des Lebens überhaupt darstellt.

Ökonomie ist der eine Grundpfeiler unseres Daseins. Kommunikation ist der zweite.

Und Kommunikation ist seit Jahrzehnten meine Profession, ob off- oder online.

Auch als Journalist musste ich oft über Dinge berichten, von denen ich auf Anhieb keine Ahnung hatte. Ich musste sie mir schnell und effektiv aneignen (verstehen) und dann in verständlichen und wenigen Worten so auf den Punkt bringen, dass auch ungebildete TV-Zuschauer sie gleich beim ersten Mal verstehen konnten. Ob das immer so gelungen ist, ist schwer zu beurteilen. Man sendet ja einfach in die Welt hinaus und bekommt abgesehen von den nackten Zahlen der TV-Quoten selten und wenig qualifiziertes Feedback.

Ich war deshalb guter Dinge, meinen Fünftklässlern auch Mathematik näherbringen zu können. Auch für mich selbst empfand ich es nicht als nutzlos, grundlegende mathematische Grundsätze bei dieser Gelegenheit wieder aufzufrischen. Immerhin, ich befand mich ja „nur“ in einer Grundschule. So kompliziert konnte Mathe da doch nicht sein, dachte ich.

Die 5. Klasse, die ich in Deutsch und Mathe zu unterrichten begann, bestand aus 24 Kindern. Weil es sich um eine Europaschule mit romanistischer Sprach-Ausrichtung handelte, hatten die Kinder entsprechende Wurzeln. Das kombinierte gut mit meinem eigenen Lebenslauf, der mich nach Spanien und Brasilien geführt hat.

Die verbeamtete Lehrerin, die ich zu vertreten hatte, fehlte schon seit einigen Wochen. Der Zeitpunkt ihrer Rückkehr stand noch in den Sternen. Der Rektor wies mich kurz ein, überreichte mir den Generalschlüssel für die Schule, die notwendigen Schulbücher und den Lehrplan für das Schuljahr.

Dann sprang ich ins kalte Wasser.

Während die Klasse für Deutsch etwa zur Häfte geteilt wurde in Mutter- versus Partnersprachler, hatte ich die Klasse in Mathematik komplett zusammen. So begann mein Solo-Unterricht mit Mathematik. Lediglich die für die Klasse zuständige Erzieherin stand mir oftmals zur Seite. Die sehr erfahrene und hilfsbereite Klassenlehrerin konnte ich bei Bedarf jederzeit um Rat fragen, ebenso die Lehrerin, die ich vertrat.

Da ich viele Kinder, Eltern, Erzieher und Lehrer schon durch meine Kinder bzw. meine Tätigkeit als Elternvertreter kannte und sie mich, war ich mit der Schule von Anfang an sehr vertraut. Zusammenfassend kann man also sagen: ideale Voraussetzungen für einen Quereinsteiger.

Ich stellte mich zunächst ausführlich der Klasse vor. Erzählte, dass ich lange beim Fernsehen gearbeitet hatte, Elternvertreter an derselben Schule gewesen war und selbst Kinder hier hätte. Außerdem sei ich mit ihren romanischen Wurzeln vertraut.

Das war wohl zu viel der Information, wie mir die Erzieherin später sagte. Als ich die Kinder einzeln nach ihren Namen und Hintergründen befragte, begann die Unruhe immer mehr um sich zu greifen. Immerhin erfuhr ich, dass sich die meisten Jungs vor allem für Videospiele, Spielkonsolen und YouTube interessierten, einzelne Mädchen auch schon in sozialen Netzwerken aktiv waren.

Um den Einstieg und das Kennenlernen etwas lockerer zu gestalten, hatte ich mehrere Sudokus mitgebracht, die uns spielerisch dem Thema Mathe näher bringen sollten. Das gelang auch mehr oder weniger.

Einer der Jungs machte schnell durch unflätiges Verhalten auf sich aufmerksam. Er erwies sich auch im weiteren Verlauf als der größte Störenfried. Auch ein blondes Mädchen machte mit hysterischen Anfällen negativ auf sich aufmerksam und zementierte damit ihren Ruf als Klassen-Außenseiterin.

Der Rest der Klasse war bei aller Diversität halbwegs in den Griff zu bekommen. Zwar ließen sich bestimmte Jungs leicht von der Sache ablenken, wurden dazu aber vor allem von dem Hauptstörenfried verführt. Hatte ich ihn im Griff, blieben auch die anderen beherrschbar.

Den Deutschunterricht begann ich jeweils mit einem Diktat, um auf diese Weise zu erfahren, wo die Kinder jeweils in Sachen Rechtschreibung standen.

Die Bandbreite erwies sich sowohl in Mathematik als auch in Deutsch als groß, von sehr schwach bis sehr gut. Generell musste ich außerdem sowohl bei den Fünftklässlern als auch bei den Musikschülern zweier dritter Klassen konstatieren, dass es vor allem Jungs waren, die verhaltensauffällig waren: Unkonzentriert, unruhig bis respektlos. Ob das daran lag, dass sie zuviel „zockten“, womit das Spielen mit elektronischen Unterhaltungsgeräten zu verstehen ist? Bei meinem eigenen Sohn musste ich zu meiner Besorgnis das Suchtpotential dieser Spiele beklagen, ohne es selbst nachempfinden zu können.

Alles in allem schätzte ich mich aber glücklich, nicht an einer „Brennpunktschule“ zu sein und mit einem sozio-kulturell ausgewogenem Durchschnitt zu tun zu haben.

Unterrichtsstoff zu vermitteln habe ich von Anfang an nicht als allzu schwierig empfunden. Die Unterrichtsmaterialien, sprich Bücher und Arbeitshefte, sind bereits didaktisch aufbereitet. Wenn man sich die Sachen vorher mal anschaut und schnell einzuschätzen lernt, wieviel man in einer Unterrichtsstunde unterbringen kann, dann ist das keine große Sache.

Schrei nach Aufmerksamkeit

Schwieriger ist es dagegen, einen so bunten Haufen von über zwanzig Kindern überhaupt erst einmal dazu zu bekommen, aufzupassen und mitzumachen, sie in den Griff zu bekommen – und zu behalten.

Immerhin: Wenn ich sie mal richtig anbrüllte, so meine Erfahrung, dann wirkte das wenigstens für eine Weile. Für das eigene Stimmorgan war das auf Dauer aber keine Lösung…

Im Musikunterricht hatte ich einmal das Thema Schlaginstrumente behandelt und eigens die Snare von meinem privaten Schlagzeug mitgebracht. Die Kinder sollten selbst mal einen Trommelwirbel versuchen. Da dies erwartbar zu besonderem Lärm führen würde, hatte ich für alle Fälle eine Trillerpfeife dabei, um mich gegen den Lärmpegel durchsetzen zu können.

Am Ende der Stunde klagte ein Mädchen über Ohrenschmerzen. Wenige Tage darauf händigte mir die Klassenlehrerin einen Brief des Vaters aus, in dem er den körperlichen Schaden seiner Tochter beklagte und sich über meine Disziplinierungsmethode (Trillerpfeife) beschwerte. Es gebe bessere Methoden, bei Kindern für Aufmerksamkeit zu sorgen, als eine Trillerpfeife, dozierte er vor dem Hintergrund seiner Erfahrung als Gymnasiallehrer.

Der Brief war an die Klassenlehrerin adressiert, aber im Briefkopf war die Email-Adresse des Vaters angegeben. Also schrieb ich ihm postwendend zurück, zeigte viel Verständnis für seine Klage und versicherte ihm aufrichtig, alles andere im Sinn zu haben, als den Kindern mit meinem  Musikunterricht Ohrenschmerzen bereiten zu wollen. Mir täte dieser Vorfall sehr leid.

Ich erklärte ihm die speziellen Umstände und dass die Trillerpfeife nicht meine Standardmethode sei, um für Ruhe zu sorgen, zumal die Ohrenschmerzen der Tochter meiner Ansicht nach eher von den Trommelwirbeln herrührten. Aber gerne würde ich in der nächsten Musikstunde die Gelegenheit ergreifen und den Kindern das Thema Lärm und die Empfindlichkeit unserer Gehörmuschel näherbringen. Darüber hinaus sei ich sehr an seinen Erkenntnissen darüber interessiert, wie man sonst noch für Aufmerksamkeit im Unterricht sorgen könne.

Der Vater antwortete schnell, verständnisvoll und freundlich und berichtete von einem Projekt an seiner Schule, das dem us-amerikanischem Vorbild der Modern Mindfulness folge und sich genau um Aufmerksamkeitstechniken drehe. In der Tat sei dies heute eines der Hauptprobleme in den Schulen, überhaupt die Aufmerksamkeit der Schüler zu bekommen. Darüber hinaus könne er mir allerdings auch keine konkreten Ratschläge geben…

Schade. Hätte ich brauchen können. Der Link war interessant, enthielt aber auf Anhieb nichts, was ich ad hoc hätte umsetzen können.

Der Kampf gegen das Aufmerksamkeitsdefizit

Natürlich gibt es ein gewisses Inventar an Sanktionen, die einem Lehrer zur Verfügung stehen: Ermahnung, Klassenbucheintrag, Tadel, Strafarbeit, schlechte Noten, Klassenverweis, Schulverweis…

Bestrafungen nutzen sich aber ab, entwickeln zudem schnell eine Eigendynamik und sind nicht motivierend.

Belohnungen sind dagegen motivierend, jedenfalls, wenn sie als solche wahrgenommen werden.

Einsichtigen Schülern sollten gute Noten und die Chance, überhaupt ein kostenloses Bildungsangebot in Anspruch nehmen zu können, zwar Motivation genug sein. Aber so viel Einsicht und Verständnis ist bei den Wenigsten zu erwarten. Die Kinder machen insgesamt doch einen recht desinteressierten, unmotivierten Eindruck.

Ich hörte von einem österreichischem Junglehrer, der ein Benotungssystem auf der Basis des Videospiels World of Warcraft entwickelt hatte, mit dem jeder Schüler anhand eines computergestützten Punktesystems online und völlig transparent erkennen konnte, auf welchem „Level“ er sich gerade befand. Für jede Leistung, die er erbrachte, bekam er eine bestimmte Anzahl von Punkten und stieg damit weiter auf.

Interessanter Ansatz, aber auch nicht sofort umsetzbar. Ein Alleingang hätte meine Kompetenzen als Vertretungslehrer ohnehin weit überschritten.

Trotzdem versuchte ich, möglichst mit Belohnungen statt mit Bestrafungen zu agieren.

Der Segen des Einsatzes von Multimedia im Unterricht

Wie ich bald feststellte, waren die Schüler meiner 5. Klasse ganz heiss darauf, am Computer und dem Whiteboard zu arbeiten.

Interaktive Whiteboards ersetzen in immer mehr Klassen die klassische Kreidetafel. Obwohl „meine“ Schule mit ca. 800 Schülern die größte des Bezirks war, waren nur sechs Klassen mit diesen multimediafähigen Boards inklusive Internetanschluss ausgestattet. Einmal die Woche war uns aber ein Klassenraum zugewiesen, in dem das Whiteboard die Tafel ersetzte. Eine meiner Musikklassen hatte auch eins.

Ich kann die Begeisterung der Kinder für das Whiteboard nachvollziehen. Ich finde es auch toll, weil ich viele Dinge aus dem Internet oder Datenträgern dort vorführen kann und kreidestaubfrei auf die Tafel schreiben kann. Die Aufmerksamkeit der Kinder ist sofort voll da.

Selbst die veralteten PCs (noch mit Disketten-Schacht) im Teilungsraum meiner 5. Klasse waren begehrt genug, um von den Schülern den Schreibheften vorgezogen zu werden.

Wenn immer möglich und nützlich, setzte ich also Whiteboard und PC im Unterricht ein. Und wenn nicht möglich oder nötig, versprach ich den Kindern, sie wieder an die PCs zu lassen, wenn sie ordentlich im Unterricht mitmachten. Das funktionierte.

Mein Standard-Werkzeug im Musikunterricht war ein handlicher Mini-Lautsprecher von Bowers & Wilkins, auf den ich mein iPhone 4 stecken konnte, um darin gespeicherte Musik abzuspielen bzw. über Spotify zu streamen.

Schon die Kinder der dritten Klasse kannten sich gut mit Handys aus, kannten YouTube und Spotify (und natürlich noch etliches mehr, v.a. Spiele-Apps). Und sie hatten ihre musikalischen Präferenzen. Kinderlieder gehörten definitiv nicht dazu. Also traten sie immer mit irgendwelchen Wünschen auf mich zu, was ich in der Frühstückspause abspielen sollte. Es wurden aber nur Wünsche von denjenigen Kindern erfüllt, die sich auch gut benommen hatten…Es dauerte nicht lange, und selbst die schlimmsten Rabauken rissen sich jetzt zusammen…

In den Osterferien bekam die Schule einen neuen Server. Danach funktionierte wochenlang das Internet nicht mehr. Für meine Art, den Unterricht mediengestützt zu gestalten, war das fatal. Und für die Kinder auf Dauer auch.

Vermittlung von Medienkompetenz

Ich bin ein absoluter Befürworter eines multimediagestützten Unterrichts. So wichtig Lese- und Schreibkompetenz sind, ist die analoge Vermittlung des Stoffes völlig veraltet und eindimensional. Elektronische Medien bestimmen den Alltag unserer Kinder. Eine Schule, die in dieser Hinsicht mangelhaft ausgestattet ist, hat bei den Schülern auf Dauer einen schlechten Stand und versäumt es, den Kindern wichtige Handreichungen, Methoden und Techniken zu vermitteln, die in der heutigen Arbeits- und Lebenswelt unabdingbar sind.

Medienkompetenz zu vermitteln, ist eine zentrale Aufgabe der Schule. Darin sind sich ja auch ziemlich alle einig, über alle Parteien hinweg.

Die Versuchungen und Verlockungen sind zu groß, als dass man die Kinder allein damit lassen dürfte.

Leider sind viele Lehrer selbst so abgekoppelt von diesen Entwicklungen, dass sie diese Kompetenzen kaum vermitteln können, weil sie sie selbst nicht haben.

Insofern habe ich mich als Journalist, der mit den elektronischen Medien sehr vertraut ist, in der Schule überhaupt nicht fehl am Platz gefühlt. Im Gegenteil.

Meine praktischen Erfahrungen als Buchautor, TV- und Radioredakteur, Wirtschaftsjournalist und Blogger haben sich als sehr nützlich erwiesen.

Für mich gelten zwei Maximen für eine erfolgreiche Informationsvermittlung, die sich mühelos aus dem journalistischen in den schulischen Alltag übertragen lässt:

  1. Kenne Deine Zielgruppe!
  2. Hole sie da ab, wo sie ist!

Nur so funktioniert jedwede Art von Kommunikation. Egal, mit wem. Andernfalls redet man nur aneinander vorbei und es entstehen Missverständnisse über Missverständnisse.

Das Schöne am Unterrichten ist, dass man seine Zielgruppe in Fleisch und Blut vor Augen hat und genau sieht, wer aufpasst, mitmacht, versteht und wer nicht. Man kann sich dann entsprechend anpassen und feinjustieren.

Wenn ich sage, hole Deine Zielgruppe da ab, wo sie ist, dann bedeutet das, dass der Unterricht möglichst nahe an der Lebenswelt der Kinder stehen sollte, sowohl was die Themen angeht als auch deren Vermittlung.

Der Unterricht sollte auch in der Hinsicht interaktiv sein, als der Lehrer aufgreift, was ihm seitens der Schülerschaft vor die Füße geworfen wird.

Einmal konfrontierte mich ein Fünftklässler mit der Behauptung, ich sei ja kein Lehrer, ich sei ja nur Vertretungslehrer. Er wollte mir damit sein Desinteresse und mangelnden Respekt zu verstehen geben, bemerkte aber nicht, dass dieser Satz in sich bereits widersprüchlich war. Denn auch ein Vertretungs-lehrer ist ja schließlich ein Lehrer, wie das Wort schon besagt.

Ich ergriff die Gelegenheit, mit den Kindern die Bedeutungen des Wortes „Lehrer“ zu klären und nahm ein Universalwörterbuch zu Hilfe. Dann überlegten wir uns sinnvolle Kriterien, um zu beurteilen, ob jemand ein guter oder schlechter Lehrer ist. Das Gleiche machten wir anschließend mit dem Wort Schüler.

Tatsache ist, dass die Kinder viel unüberlegtes Zeug reden, ohne sich der Bedeutung der Wörter bewusst zu sein. Wortbedeutungen zu klären betrachte ich daher als Basisprogramm für den Sprachunterricht in der Grundschule.

Generell muss jeder Unterricht dazu geeignet sein, die Kinder für das Fach zu begeistern und ihnen verständlich zu machen, wieso es sich lohnt, sich damit auseinanderzusetzen. Ist erst einmal das Interesse geweckt, kommt die Motivation von ganz allein.

Das heisst nicht, dass der Lehrer zum Alleinunterhalter mutieren muss, der mit allerlei Tricks und Effekten um Aufmerksamkeit buhlt. Das wäre zuviel verlangt und viele Kinder wüssten einen solchen Aufwand eh nicht zu schätzen.

Es geht um die richtige Dosierung von Belohnung und Bestrafung, von Verlockung und Abweisung. Es ist ein zwischenmenschliches Spiel, bei dem ein Lehrer auch gruppendynamiche Prozesse einzuschätzen und zu steuern verstehen muss. Das erfordert höchste Aufmerksamkeit und treffsichere Reaktion.

Da ich in meiner journalistischen Tätigkeit jahrelang bei einem aktuellen 24-Stunden-Nachrichtensender gearbeitet habe, bin ich extrem belastbar. Erstens erfordert die Tatsache, dass man stundenlang live sendet und die Geschehnisse laufend aktualisiert, permanente Konzentration und Reaktionsschnelligkeit. Zweitens ist eine Ansammlung profil- und geltungssüchtiger Medienfuzzis nicht unbedingt leichter zu ertragen als verhaltensauffällige Acht- bis Zwölfjährige. Ich ziehe defintiv Letztere vor!

Alles in allem war ich also willens und motiviert, diesen Weg weiter zu gehen.

Angesichts des allenthalben beklagten Lehrermangels und der Vielzahl an Unterrichtsstunden, die ausfallen, war ich guter Dinge, problemlos Ersatz zu finden, wenn an „meiner“ Schule der Vertretungsgrund wegfallen würde.

Das passierte dann peu á peu. Die Sommerferien nahten und die Nachfrage nach Vertretungskräften schwand bzw. die PKB-Etats waren aufgebraucht.

Ich wurde arbeitslos. Die Sommerferien hätte mir der Senat eh nicht bezahlt. Die Kurz-Verträge enden spätestens zum letzten Schultag und beginnen mit dem ersten.

Erst nach den Sommerferien sollte sich eine neue Herausforderung ergeben. Doch darüber berichte ich ein anderes Mal.

Ein Gedanke zu „Rückblick: Als Quereinsteiger und Vertretungslehrer an einer Berliner Grundschule“

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