YouTube-Projekt „Life in a Day“ jetzt online

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Im vergangenen Jahr forderte das Video-Portal YouTube seine weltweiten Nutzer dazu auf, am 24. Juli 2010 Szenen aus ihrem Leben zu filmen und hochzuladen. Ridley Scott und Kevin Macdonald machten aus über 4500 Stunden Rohmaterial einen 90-minütigen Film. Seit gestern ist die Dokumentation „Life in a Day“ nun für jedermann auf YouTube zu sehen.

Aus deutscher Sicht war es ein besonderer Tag. Denn an jenem Samstag fand die Loveparade in Duisburg statt, bei der 21 Menschen durch eine Massenpanik ums Leben kamen.

Szenen dieser Katastrophe werden erst gegen Ende des Film gezeigt. Und sie setzen einen unpassenden Akzent in einem Film, der vor Banalem nur so strotzt.

Menschen schlafen, sie stehen auf, sie essen und trinken, sie gehen auf’s Klo, sie leben in Armut oder in Reichtum, sie leben allein oder mit anderen zusammen, sie sind glücklich oder traurig, sind gesund oder krank, ängstlich oder mutig, sie lieben oder sie hassen sich – egal wo sie leben, egal welcher Herkunft. Leider werden die Orte und Länder nicht eingeblendet, so dass man sie aus dem Gezeigten oder Gesprochenen erschließen muss.

Loveparade-Tragödie wird zur Banalität degradiert

Nur manchmal erfährt man etwas mehr über die Instant-Protagonisten: Da ist der Koreaner, der seit über 9 Jahren die Welt mit seinem Fahrrad bereist; da ist die Mutter, die ihrem Sohn erklärt, dass sie jetzt ins Krankenhaus muss; da ist der afghanische Pressefotograf, der das andere, hoffnungsvolle Afghanistan zeigen will; da ist das Ehepaar, das nach 50 Ehejahren ein neues Gelübde ablegt. Aber selbst diese Geschichten bleiben unvollendet, im Ungefähren, haben keinen Anfang und kein Ende.

Das Einzige, was diesen Film dramaturgisch zusammenhält, ist, dass all dies am 24. Juli 2010 geschehen ist. Abgesehen von der Loveparade-Katastrophe hätte es genauso gut auch jeder andere Tag sein können. Eben deshalb fallen die Loveparade-Bilder so aus dem Rahmen. Weil dieses Ereignis nicht banal war. Durch die Einbettung in all die belanglosen, alltäglichen Szenen wird es aber zur Banalität degradiert.

Am Ende des Film sieht man eine Frau, die während eines nächtlichen Gewitters in ihrem Auto sitzt und erzählt, sie habe den ganzen Tag gehofft, dieser Tag werde etwas Besonderes für sie bereit halten, sie würde an etwas Großem teilhaben. Sie beklagt, der Tag sei aber genauso unbedeutend gewesen wie jeder andere. Erst jetzt, wo sie hier allein in ihrem Auto sitze, habe sie das Gefühl, es sei etwas Tolles passiert.

Sie konnte zu dem Zeitpunkt ja nicht wissen, dass sie damit die Schlussworte für den Film sprechen würde und dieser Tag in ihrem Leben sich am Ende tatsächlich als ein besonderer herausstellen würde. Für sie selbst mag das etwas Erhebendes haben. Für jeden anderen bleibt sie eine dieser vielen Namenlosen, die in dem Film auftauchen: Mitwirkende in einem Projekt, das banal und unbedeutend ist.

Viel Arbeit für nix. Der Berg kreißte und gebar eine Maus.

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