Wunsch und Wirklichkeit: Brasilien präsentiert neue Werbekampagne

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30 Tage sind es nur noch bis zum Beginn des größten Sportevents auf diesem Planeten: Der FIFA Fussball-WM 2014 in Brasilien. Aus diesem Anlass präsentierten das Tourismus-Ministerium und das staatliche Tourismus-Institut Embratur gestern eine neue Video-Kampagne, in der sich Brasilien als fröhliche, gastfreundliche und vielfältige Destination empfiehlt. In einer Telefonkonferenz mit Journalisten aus aller Welt spielte der neue brasilianische Tourismusminister Vinicius Lages die Probleme bei der Organisation des Mega-Events herunter.

Erst seit März ist Vinicius Lages als Tourismusminister im Amt. Der parteilose studierte Agraringenieur ersetzt Gastão Vieira, der bei den Wahlen im Oktober für einen Sitz im Bundesparlament kandidiert. Gerade gab es außerdem einen Wechsel beim untergeordneten Tourismus-Institut Embratur: Deren bisheriger Präsident Flavio Dino will Gouverneur im Bundesstaat Maranhão werden. An seine Stelle ist Vicente Neto getreten. Die persönliche politische Karriere ist den bisherigen politischen Amtsträgern also wichtiger als ihre Verantwortung in Bezug auf das Gelingen des größten sportlichen wie touristischen Events in der Geschichte Brasiliens.

In Sachen Schönfärberei stehen die neuen Amtsinhaber ihren Vorgängern aber in nichts nach. Einige Stadien sind noch nicht fertig? Viele Infrastrukturprojekte wurden nicht einmal begonnen? Kein Problem. Das ist normal bei Projekten dieser Größenordnung und die Verzögerungen werden überwunden. Hotel- und Flugpreise für Inlandsflüge sind in astronomische Höhen gestiegen? Das ist anderswo auch nicht anders, wenn eine solche Nachfrage besteht und man Last Minute bucht. Ausserdem gebe es ja ein wachsendes Angebot an privaten Unterkünften (z.B. via Airbnb), das wirke sich positiv auf die Preisentwicklung aus. Könnten neue Massenproteste wie zuletzt während des Confed Cups im vergangenen Jahr nicht zu Problemen führen? Nein. Proteste sind Ausdruck der Demokratie und werden die Spiele nicht beeinträchtigen.

600.000 ausländische Touristen aus 186 Ländern werden während der Weltmeisterschaft (12. Juni bis 13. Juli) im Land erwartet. Hinzu kommen rund drei Millionen Brasilianer, die zwischen den 12 WM-Austragungsorten zirkulieren werden.

Die Erwartungen, was die Zahl der WM-Gäste angeht, haben sich eher abgedämpft. Aber das Profil der Touristen ist ein anderes, wie Minister Lages hervorhob. Auch im Hinblick auf die Olympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro sei der Sport ein Schlüsselelement, um Touristen aus aller Welt für Brasilien zu begeistern.

Ungeachtet der großen Unzufriedenheit in der Bevölkerung über die milliardenschweren Ausgaben für die „Copa 2014“, ungeachtet der konfliktreichen und gewalttätigen gesellschaftlichen Situation preisen die staatlichen Tourismusvertreter Brasilien als Land der Fröhlichkeit, des Feierns und des Glücks. „Kommen Sie und feiern mit uns das Leben“, schließt Tourismusminister Lages seine Einführung, bevor der Werbesong „Encontros“ (Begegnungen) und der Clip „Dance“ (engl.: Tanz) zu sehen sind.

Brasilien ist ein tolles und vielseitiges Land und die Feierlaune seiner Bewohner legendär. Wer aber bei seiner Reise zur WM den Hochglanz-Videos glaubt, dass alles nur eitel Sonnenschein ist, der wird sein blaues Wunder erleben. Die Lebensfreude im Land hat angesichts der Art und Weise, wie die Fussball-WM organisiert worden ist, doch einen erheblichen Dämpfer bekommen. Und der Tourist darf sich auf etliche Unannehmlichkeiten und Chaos in der Organisation gefasst machen.

FIFA-Generalsekretär spricht Reisewarnung aus

FIFA-Generalsekretär Jérôme Valcke, der die Vorbereitungen im Auftrag des Weltfussballverbandes als oberster Inspekteur intensiv begleitet hat, warnte die ausländischen Gäste vor wenigen Tagen davor, in Brasilien einzutreffen und zu glauben, alles liefe so gut wie 2006 bei der WM in Deutschland. „Ich weiß, dass es schwierig ist, so etwas zu sagen, ohne damit Probleme heraufzubeschwören“, sagte er laut estadao vor Journalisten in Zürich. „Aber meine Botschaft an die Fans ist, dass sie alles organisiert haben sollten, bevor sie in Brasilien eintreffen.“

Einfach im Auto oder am Strand zu übernachten oder sein Zelt irgendwo aufzuschlagen, das sei in Brasilien nicht möglich, warnte Valcke. Es gebe keine Züge und mit dem Auto von einem WM-Austragungsort zum nächsten zu fahren, sei auch nicht möglich. Fazit von Valckes Reisewarnung: Die Fussball-Fans werden vor Ort mit den größten Widrigkeiten zu rechnen haben.

Nun ja, ganz so schwarzmalen würde ich die Situation nicht. Natürlich ist Brasilien nicht Deutschland und um Metropolen wie Rio de Janeiro, São Paulo oder Salvador sollte man möglichst einen großen Bogen machen. Gänzlich unvorbereitet sollte man nicht zur WM nach Brasilien reisen. Aber das Land ist groß und außerhalb der WM-Metropolen wird man durchaus ruhige Plätzchen finden können, wo man entspannt die WM genießen kann. Die Deutsche Botschaft in Brasilien hat anlässlich der WM eigens eine Online-Seite geschaltet mit nützlichen Reisehinweisen.

Verbraucherschutzministerium ist besorgt

Auch das brasilianische Verbraucherministerium (Secretaria Nacional do Consumidor, Senacon) bereitet sich auf die zu erwartenden Probleme vor und wird am 27. Mai eine Zentrale zum Schutz der Verbraucherrechte eröffnen, wo alle Informationen aus allen relevanten Bereichen zusammenfließen sollen, um schnell eingreifen zu können. In einer Broschüre sollen alle wichtigen Informationen und Kontakte aufbereitet werden.

Schon jetzt zeigen sich Vertreter der Senacon laut O Globo besorgt über nahezu alle Aspekte, welche den Verbraucher betreffen, seien es die Flughäfen, Telefon, Mobilfunk, Internet, Unterkunft, Verpflegung oder Stadioneintritt.

Diese Woche wurde der neue Terminal 3 am Internationalen Flughafen von Cumbica/Guarulhos in São Paulo eröffnet. Doch auf Reporter von O Globo machte er alles andere als einen fertigen Eindruck: Undichte Stellen an den Decken, kein Wasser in den Toiletten und fehlende Hinweisschilder waren die sichtbarsten Mängel.

Besorgt zeigt man sich im Verbraucherministerium auch über den Internationalen Flughafen Galeão in Rio de Janeiro. Am Terminal 2 beherrschen noch Bauzäune das Bild. Die Gepäckabwicklung, die schon jetzt 40 Minuten dauert, könnte sich während der WM auf über eine Stunde hinziehen, warnt Staatssekretär Woltair Simei. Um die riesige Nachfrage zu bedienen und die Preise zu drücken, hat die Regierung knapp 2000 zusätzliche Inlandsflüge verordnet. Mit Mitarbeitern vor Ort will das Ministerium dafür sorgen, dass die Touristen bei Problemen und Verspätungen Ansprechpartner haben. Sie werden Hemden mit der Aufschrift „Posso ajudar? Defesa do Consumidor” (Kann ich helfen? Verbraucherschutz) auf Portugiesisch, Spanisch und Englisch tragen.

Apropos Fremdsprachen: Der Plan „Bem Receber a Copa“ („Die WM willkommen heissen“) der Regierung sah vor, 360.000 Menschen aus dem Tourismussektor im ganzen Land in Kursen auf die WM vorzubereiten. Der Plan kam im parlamentarischen Prozess zum Erliegen. Das sei aber auch die einzige Sorge, die den Präsidenten des brasilianischen Hotelverbandes ABIH umtreibe, berichtet O Globo. Enrico Fontes widerspricht darin der Darstellung von Embratur, dass es einen Missbrauch bei den Preisen für Unterkünfte gebe. Die Preise seien transparent und das Angebot an verfügbaren Betten liege voll im Plan.

Probleme wird es aber zweifellos im Bereich Telekommunikation geben. Schon an normalen Tagen reichen die Kapazitäten kaum aus. Während der WM wird das Netz um so mehr überlastet sein. Die Telekomkonzerne  Vivo, Oi, Claro, TIM und Nextel haben laut O Globo nochmal 200 Mio. Reais (ca. € 65 Mio.) in die Hand genommen, um die Funknetze zumindest in den Stadien selbst zu verbessern und Glasfaserkabel nach außen zu verlegen. Wegen der Verzögerungen beim Stadionbau wird es im Eröffnungsstadion in São Paulo und in der Arena da Baixada in Curitiba aber trotzdem keine hundertprozentige Abdeckung geben. WLAN wird es auch nur in sechs von den 12 Stadien geben. Ohne WLAN bleiben die Stadien in São Paulo, Belo Horizonte, Fortaleza, Recife, Cuiabá und Natal.

Was das Gesundheitssystem angeht, soll für die Zeit der WM die Trennung zwischen öffentlichem und privaten Netz aufgehoben werden, um vor allem die öffentlichen Krankenhäuser (SUS) zu entlasten. Ausländische Touristen dürften aber ohnehin eine Vorzugsbehandlung genießen und werden kaum auf das mangelhafte staatliche Gesundheitssystem angewiesen sein.

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3 Gedanken zu „Wunsch und Wirklichkeit: Brasilien präsentiert neue Werbekampagne“

  1. Ein Austragungsort für ein solches Megaevent zu sein ist Fluch und Segen in einem. Einerseits bringt der gigantische Touristenansturm viel Geld in die Kasse des Landes. Andererseits zieht so ein Ereignis aber auch viele organisatorische Aufgaben und Problemstellungen mit sich. Brasilien ist finanziell betrachtet bei weitem nicht so gut gestellt wie Deutschland, klar das der zu erwartende Standard nicht dem Lebensstandard zuhause entspricht. Eine gute Planung der Reise ist deshalb unerlässlich, auch über einige Sicherheitsvorkehrungen sollte man sich im vorhinein Gedanken machen.
    Ich persönlich freue mich schon auf ein WM-Spiel live aus dem brasilianischen Austragungsort – ein spannendes Spiel kann so manch anderes Manko auf jeden Fall wieder ausgleichen!

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