WM in Brasilien: Unterm Brennglas der Weltöffentlichkeit

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Es ist schon bemerkenswert, wie ein solches sportliches Großereignis wie die Fussball-WM Dinge, Ereignisse und Erkenntnisse zu Tage fördert, die einem vorher nicht so bewusst waren. Die WM manifestiert sich als Spiegelbild des gastgebenden Landes, seiner Bevölkerung, seiner politischen Entscheider und Funktionäre, seiner Wirtschaft, seiner Lebenswirklichkeit genauso, wie sie das Ereignis als solches und die es austragende Organisation (die FIFA) in einem zwar nicht neuen, aber klareren Licht erscheinen lässt. Die WM 2014 in Brasilien wird sich fundamental von allen bisherigen unterscheiden. Vor allem darin, dass sie die ursprünglichen Erwartungen nicht erfüllen wird.

Die WM 2006 in Deutschland war in dieser Hinsicht völlig anders. Sie war professionell gemanagt, sie lief ab wie am Schnürchen, auch das Wetter spielte mit und bescherte den Deutschen wie den WM-Gästen und der ganzen Welt ein unvergleichliches WM-Märchen. Damit übertraf Deutschland am Ende sogar die Erwartungen. Denn dass die WM gut organisiert sein würde, das verstand sich gewissermaßen von selbst. Dass sie darüber hinaus auch so viele positive Emotionen freisetzen würde, das hatten wohl nur die Wenigsten erwartet. Die Stimmung war einfach super. Die Welt fühlte sich wirklich zu Gast bei Freunden.

In Brasilien verhält es sich anders. Als das Land im Jahr 2007 als WM-Gastgeber auserkoren wurde, da war der Jubel allenthalben groß. Brasilien schwebte auf Wolke Sieben, weil die Wirtschaft brummte und Brasilien sich auf der Schwelle zu einer bedeutenden Wirtschafts- und Weltmacht wähnte. Der charismatische Präsident Lula erfreute sich größter Popularität und war überall auf der Welt ein gern gesehener Gast.

Jeder ging davon aus, dass Brasilien eine außergewöhnliche WM austragen würde, mit der es sich endgültig als modernes und zukunftsfähiges Land empfehlen würde.

Nun sind die Dinge ganz anders gekommen. Mit Ach und Krach hat Brasilien gerade mal das Allernötigste auf die Beine gestellt, um das Turnier austragen zu können. Milliarden Reais wurden locker gemacht, um Stadien zu bauen und die beklagenswerte Infrastruktur an den Bedarf anzupassen. Doch von den hochfliegenden Plänen wurde nur das Wenigste realisiert, viele Groß-Projekte werden erst am Sankt Nimmerleinstag fertig, wenn überhaupt.

Die Wachstumsraten sind für das Schwellenland sehr bescheiden geworden, da können gesättigte Märkte wie Deutschland locker mithalten. Die Inflation hat wieder bedenkliche Ausmaße angenommen und frisst der Bevölkerung ihre gewachsenen Einkommen weg.

Für die Masse der Brasilianer haben die WM und die Milliardenausgaben keinen sichtbaren Effekt. Das öffentliche Schul- und Gesundheitssystem ist nach wie vor mangelhaft, die Infrastruktur und die städtische Mobilität sind weiterhin überlastet und anfällig.

Während des Confed Cups im vergangenen Jahr brach sich der Unmut plötzlich Bahn und Millionen Menschen nutzen die weltweite Aufmerksamkeit, um ihre Wut über die FIFA und die Funktionäre im eigenen Land auf die Straße zu tragen.

Die Weltpresse war verdutzt und überrascht. Statt die erwartete Generalprobe als fröhliche Fussball-Samba-Party zu erleben, rückten plötzlich der politische Protest und die gesellschaftlichen Probleme Brasiliens in den Vordergrund.

Nun sind alle Journalisten vorgewarnt und erwarten auch während der WM mehr Massenproteste als Samba.

Die Vorzeichen deuten durchaus darauf hin. Schließlich hat sich an den kritisierten Defiziten kaum etwas geändert. Die Wut über „die da oben“ ist nicht geringer geworden und artikuliert sich aktuell in einer Vielzahl von Streiks und Ausschreitungen in nahezu allen Landesteilen. Ob Polizisten, Busfahrer, Metro-Mitarbeiter, Lehrer oder Krankenschwestern – die öffentlichen Angestellten legen abwechselnd auf den letzten Metern zur WM den Betrieb lahm und verschärfen damit die ohnehin prekäre Lage.

Kaum vorstellbar, wie es Brasilien gelingen soll, mit dieser WM noch ein positives Image zu bewahren oder gar zu schaffen. Die (organisatorische) Blamage ist ja schon jetzt mit Händen zu greifen. (Allerdings hat wohl auch kaum jemand im Ernst erwartet, Brasilien würde in dieser Hinsicht Deutschland übertreffen können…)

Vielleicht kommt ja sogar noch eine sportliche Blamage hinzu (dabei ist der WM-Sieg der Seleção im eigenen Land für Viele gewissermaßen die letzte Hoffnung, an die sie sich klammern. Politisch denkende Brasilianer wünschen sich gerade deswegen umso mehr ein vorzeitiges Ausscheiden. Sie fürchten, der Siegestaumel könnte sonst am Ende den Elan für den notwendigen Wandel zunichte machen…)

Auf der anderen Seite  hat der Ex-Weltmeister Romário recht, der schon beizeiten gegen die FIFA und die brasilianischen Fussball-Funktionäre wetterte und die WM als teure Veranstaltung für reiche Eliten anprangerte, von der Brasilien und seine Bevölkerung keinerlei Gewinn haben würden. Nur die FIFA würde sich die Taschen voll machen und sich dann davonmachen.

Dass dem so ist, zumindest was die direkt abgeschöpften Gewinne angeht, belegt eine Analyse des Hamburger Weltwirtschaftsinstituts (HWWI).

Das war bei früheren Weltmeisterschaften allerdings auch nicht anders. Das Gastgeberland kann bestenfalls einen Imagegewinn davontragen und Dank der Investitionen in die Infrastruktur den Weg in die Zukunft bereiten.

So, wie die FIFA allerdings während der ganzen Vorbereitung agiert hat, hat sie ihre ganze Überheblichkeit, Arroganz und Profitsucht offenbart.

Und genau in dieser Hinsicht könnte die WM in Brasilien nachhaltige Wirkung entfalten.

Wem nutzt ein solch durch und durch vermarktetes, milliardenschweres Groß-Event?

Nur den ohnehin schon höchstbezahlten Super-Reichen.

Der einfache Mann auf der Straße soll den immerfröhlichen, tumben Fussball-Fan geben, der sich damit zufrieden gibt, die WM-Produkte zu konsumieren, die Spiele zu sehen und das Klatschvieh abzugeben.

Tatsächlich ist die Fussballbegeisterung vieler Menschen so groß, dass sie dieser Verlockung gar nicht widerstehen können. Aber selbst der fussballbesessenste Fan wird in Brasilien nicht umhin können, sich über Sinn und Unsinn der Veranstaltung seine Gedanken zu machen.

Ist Kommerz wirklich alles? Ist Fussball wirklich so wichtig? Rechtfertigt er diesen Aufwand? Dieses Leid? Diese Gewalt?

Gibt es nicht Dinge, die wichtiger sind als das?

Kann man das ganze nicht eine ganze Etage tiefer hängen und die positiven, völkerverbindenen und sozialen Effekte, die der Fussball zweifellos hat, mehr in den Vordergrund stellen?

Brasilien ist immer für eine Überraschung gut. Es ist schwer, eine Prognose darüber abzugeben, wie sich die Massen letztlich während der WM verhalten werden. Brasilianer sind sehr impulsiv und emotional. Das kann sowohl in’s eine wie in’s andere Extrem ausschlagen.

Die meisten Brasilianer, die ich kenne, die außerhalb Brasiliens leben, befürchten das Schlimmste: Chaos, Kriminalität, Gewalt, Abzocke.

Der für alle Einheimischen aber ungewöhnliche Zustrom von ausländischen Touristen während der WM, die Außergewöhnlichkeit des Ereignisses, die Erfahrung, unter dem Brennglas der Weltöffentlichkeit zu stehen, die Angst vor der Blamage, kann am Ende aber auch einen ganz anderen Effekt zeitigen: Dass das Volk zusammensteht und alle alles dafür tun werden, um persönlich und privat den Gästen ein tolles und bleibendes Erlebnis zu bescheren.

Danach stehen Präsidentschaftswahlen an und der Tag der Abrechung. Wenn die Erfahrung mit der WM die Bevölkerung nachhaltig dazu animieren sollte, sich politisch einzubringen und an der notwendigen Veränderungen mitzuwirken, dann wäre für Brasilien schon viel gewonnen.

Warten wir’s ab. Wir werden es erleben. In 16 Tagen geht’s los. Ich bin gespannt.

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2 Gedanken zu „WM in Brasilien: Unterm Brennglas der Weltöffentlichkeit“

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