WM 2014: Brasilianer zunehmend skeptisch

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Die brasilianische Regierung wird nicht müde, die kommende Fussball-WM in Brasilien vorab als #CopadasCopas (die beste WM aller Zeiten) zu propagieren. Allein, den Brasilianern fehlt zunehmend der Glaube daran. Laut aktueller Erhebung erwartet mehr als die Hälfte der Bevölkerung im besten Fall eine durchschnittliche Weltmeisterschaft. Kritische Songs und Videos machen in den sozialen Netzwerken die Runde.

Laut repräsentativer Erhebung von Datafolha erwarten nur 46 Prozent der Befragten eine „sehr gute“ (13%) bzw. „gute“ (33%) WM. Für 30 Prozent wird sie bestenfalls mittelmäßig, für acht Prozent schlecht und für 16 Prozent sogar die schlechteste aller Zeiten, wobei die Frauen noch einen Tick pessimistischer sind als die Männer.

Die ursprüngliche Euphorie weicht also zunehmend dem Unbehangen. Man könnte auch sagen, bei der Bevölkerung macht sich ein Realitätssinn breit, von dem die brasilianischen Funktionäre in Politik, Tourismus und Sport noch weit entfernt zu sein scheinen.

Die Kosten für die WM sind völlig aus dem Ruder gelaufen. Die brasilianische Zeitung estadao hat die Kosten auf jeden einzelnen der insgesamt 664.000 Sitzplätze in den zwölf WM-Stadien runtergebrochen und kommt auf die stolze Summe von 12.000 Reais (ca. 3.700 €). Das ist fast das Doppelte dessen, was ein Sitz bei der WM in Deutschland gekostet hat (ca. 2000 €).

Allein das Stadion Mané Garrincha in der Hauptstadt Brasília dürfte nach jüngsten Berechnungen des brasilianischen Rechnungshofes am Ende 1,6 Milliarden Reais (€ 500 Mio.) verschlungen haben. Ursprünglich waren für die Total-Renovierung 700 Mio. Reais veranschlagt worden. Ein teures Stadion für eine Stadt, die nicht einmal über einen bedeutenden Fussball-Club verfügt.

Das Versprechen der Politik, dass die Kosten für die Stadien allein von der Privatwirtschaft getragen werden würden, hat sich ebenfalls nicht bewahrheitet. Im Gegenteil: Je näher der Termin rückt, desto mehr muss der Staat einspringen, um fehlende Privatinvestitionen zu ersetzen oder zu überbrücken, damit die erforderlichen Arbeiten noch zu einem Abschluss kommen. Die Stadien in São Paulo, Curitiba und Cuiabá sind bis heute nicht fertig.

Darüber hinaus wurde der Bevölkerung die WM mit Milliardeninvestitionen in die marode Infrastruktur schmackhaft gemacht. Doch viele der versprochenen Projekte wurden gar nicht erst realisiert, andere werden erst nach der WM fertig, wenn überhaupt.

Immer weniger Brasilianer glauben daher, dass das Land und seine Bevölkerung irgendeinen Gewinn aus dieser WM ziehen werden. Statt dessen wurden aus ihrer Sicht Milliarden an Steuergeldern vergeudet, die an anderer Stelle (Bildung, Gesundheit, Nahverkehr) besser investiert gewesen wären.

Im Netz und auf den Strassen macht sich eine Anti-Stimmung breit. Ein brasilianisches, aber auf Englisch gesprochenes YouTube-Video mit dem Titel „No, I’m not going to the world cup“ wurde bereits knapp vier Millionen Mal angeklickt, knapp 100.000 Mal geliked und mit über 31.000 Kommentaren versehen.

Die Autorin erklärt darin, welche Kosten die WM erzeugt und in welchem Missverhältnis sie zum Ertrag stehen. In der Schlusssequenz wird eine Jubel-Rede von Präsidentin Dilma Rousseff mit Bildern aus der Lebenswirklichkeit kontrastiert.

Auch der brasilianische Songwriter Edu Krieger erfreut sich mit einem Anti-WM-Song wachsender Beliebtheit. Sonst für namhafte brasilianische Stars wie Maria Rita, Ana Carolina oder Roberta Sá tätig, singt er nun in bester Bossa Nova-Manier an die Adresse des brasilianischen Fussballstars gerichtet: Desculpe, Neymar

Verzeihe, Neymar
Aber bei dieser WM werde ich nicht mit euch fiebern
Ich bin es leid dabei zuzusehen
Wie unser Volk peu a peu
Bei unseren TV-Programmen verblödet
Während sich die FIFA nur über ihre Standards sorgt
Werden wir von Räubern regiert
Die schmutzig spielen um zu gewinnen
Verzeihe Neymar
Ich fiebere diesmal nicht mit

Parreira, ich sah
Wie der Tetra das Volk so glücklich machte
Aber wir werden keine echten Weltmeister sein
Wenn wir mehr als 10 Milliarden ausgeben
Um eine WM im Land zu machen
Wir haben schöne und monumentale Stadien
Während Schulen und Krankenhäuser
Vor dem Zusammenbruch stehen
Parreira, ich sah
Einen Abgrund zwischen Brasilien

Das war mies, Felipão
Als Cafu die Tasse nach oben reckte
Und seine Wurzeln offenbarte in einem so feierlichen Moment
Sich zu Jardim Irene bekennend
Einem Abbild von Brasilien
Der versprochene Frühling aber nicht kam
Das Leben ist wertvoller als ein Tor
Und wo sind die Verbesserungen
Das war mies, Felipão
Unser Vaterland blühte nicht auf

Ich weiß, Fan
Dass meine einfache und ernsthafte Meinung
Dich, der schlecht verdient und lebt
Nicht davon abhalten wird
Bis zum Ende mit unserer Seleção zu gehen
Selbst ohne das Geld um den teuren Eintritt bezahlen zu können
Wirst du nie aufhören zu lieben
Unser Team wohin es auch immer gehe
Ich weiß, Fan
Du hast recht damit.

Dieser Song ist drauf und dran, zur Hymne der WM-Verweigerer im Land zu werden, einer Bewegung, die sich den Slogan „Não Vai Ter Copa“ (Es wird keine WM geben) auf die Fahnen geschrieben hat.

Ob es zu ähnlichen Massenkundgebungen wie während des Confed Cups im vergangenen Jahr kommen wird, ist schwer vorherzusagen. Ich glaube es gegenwärtig nicht. Aber Kundgebungen wird es mit Sicherheit geben. Die Frage ist, wie die Sicherheitskräfte damit umgehen werden. Deeskalation ist nicht Sache der brasilianischen Polizei. Sollte sie wie im vergangenen Jahr mit übermäßiger Gewalt reagieren, dann dürfte das der Protestbewegung weiteren Zulauf bringen.

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2 Gedanken zu „WM 2014: Brasilianer zunehmend skeptisch“

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