Was, wer ist deutsch?

Flattr this!

Diese Frage scheint in Deutschland ja viele umzutreiben angesichts von Flüchtlingskrise, muslimischen Mitbürgern, AfD und Holocaust-Gedenken etc. Eigentlich ist diese Debatte überflüssig wie ein Kropf. Fragst du 100 Leute, wirst du 200 verschiedene Antworten darauf bekommen. Schlaue, dumme, belanglose, bedeutende. Und jeder meint, etwas Fundamentales dazu beitragen zu können.

Aber es ist auch eine allzu menschliche Konstante, sich seiner selbst vergewissern zu wollen und sich über irgendetwas Äußerliches definieren zu wollen.

Am Ende ist es eben eine Definitionsfrage. Das Wort „deutsch“ und „Deutschland“ weckt bei nahezu jedem irgendwelche Assoziationen und Emotionen, gute wie schlechte. Zu sagen, unterm Strich sei es aber SO und nicht anders, ist auch wieder nur eine von vielen möglichen Meinungen und am Ende völlig irrelevant.

Gleichwohl können wir – wenn wir offenbar nichts Wichtigeres zu tun haben – darüber diskutieren, wie wir uns als Deutsche definieren wollen. Was heißt es heutzutage, Deutscher zu sein? Wofür soll „Deutschland“ stehen? Wofür steht es zur Zeit?

Da wird jeder, der in Deutschland oder sonst wo lebt – ob qua Herkunft oder Migration – eine andere Geschichte erzählen können. Es gibt eine solche Vielfalt an Biografien, dass man wohl schwer einen gemeinsamen Nenner finden wird.

Ich persönlich könnte – was meine Herkunft angeht – deutscher nicht sein. Der Stammbaum meiner Mutter ist bis ins 17. Jahrhundert zurück lückenlos dokumentiert. Jemand in der Familie hat sich einmal diese Mühe gemacht.

Auch mein Vater war, was man in der Nazi-Zeit „arischer“ Herkunft nannte. So what?

Kann ich mir dafür etwas kaufen? Ist das irgendein Qualitätsmerkmal? Erwachsen aus diesem Stammbaum automatisch irgendwelche besonderen Privilegien gegenüber anderen Menschen?

Natürlich nicht! Wieso? Woher? Niemand kann für seine jeweilige Abstammung und niemand ist deswegen mehr oder weniger wert. Das versteht jedes Kind. Nur Erwachsene fangen auch noch an, darüber ernsthaft zu diskutieren!

Trotzdem wird jeder – ob er will oder nicht – auch über seine Nationalität und Abstammung definiert. Wir selbst definieren uns darüber, positiv wie negativ.

Ich bin als Kind in Spanien aufgewachsen und wäre damals viel lieber Spanier gewesen als Deutscher! Spanien war toll. Die Spanier waren super nett zu Kindern. Das Wetter, das Essen, die Landschaft – alles bestens. Ich fühlte mich als Kind unglaublich frei und wohl!

Trotzdem war das erste spanische Wort, das ich als dreijähriger Knirps konnte, „alemán“ (deutsch). Egal was mich die Leute fragten, meine Antwort lautet kategorisch: „Alemán!“

Als ich acht Jahre alt war und wir nach Deutschland zurückkehrten, sprach ich fließend Spanisch, besser als Deutsch!

An der Dorfgrundschule im Bergischen Land war ich in den Augen der anderen Kinder (alles Deutsche!) zunächst sowas wie ein Ausländer, weil ich ja aus Spanien kam. Das legte sich aber schnell wieder, jedenfalls kann ich mich nicht erinnern, dass es deswegen irgendwelche Probleme gegeben hätte. Wir Jungs prügelten uns auf dem Schulhof aus anderen, nichtigeren oder wichtigeren Gründen. Es ging einfach darum, wer der Stärkste ist. Primatenverhalten. Die Lehrer hatten oft einige Mühe, uns wieder auseinanderzubringen. Ich kann mich nicht erinnern, dass wir dafür groß bestraft worden wären. Der Klassenlehrer war eher wie ein Schiedsrichter, der dazwischenging, wenn’s zu heftig wurde und böse gefoult wurde.

Jetzt erinnere ich mich, dass es doch einen Klassenkameraden gab, der einer „Zigeuner“-Familie entstammte. Interessierte aber auch keinen. Er war genauso integriert wie alle anderen auch. Er war zusammen mit dem stärksten Jungen der Klasse/Schule mein bester Freund. Gegen uns drei hatten die anderen keine Schnitte. Wir waren unschlagbar.

Aus dem fernen Spanien wirkte Deutschland wie ein technologisches Wunderland. Was die da alles hatten! Diese Autos! Diese Waschmaschinen! Diese Spielsachen!

Ich machte mir aber schon als Kind wenig aus Besitz. Und außerdem war mir Deutschland im Winter zu kalt, wenn ich auch den Schnee liebe (für eine kurze Weile), den Herbst, das Frühjahr und eigentlich vor allem den Sommer! Frühjahr und Sommer wurden mir aber durch meinen Heuschnupfen lange Jahre verleidet.

Je älter ich wurde, desto mehr erfuhr ich über die deutsche Geschichte, vor allem die des 20. Jahrhunderts. Die Beschäftigung und Aufarbeitung der Nazi-Zeit war in vollem Gange. Kein SPIEGEL-Heft erschien ohne eine Geschichte über den Krieg und den Holocaust. Die US-Fernsehserie erschütterte mich zutiefst. Im Geschichtsunterricht wurde das Thema – böse gesagt – „bis zur Vergasung“ behandelt, es war schon fast zuviel.

Tatsache war aber auch, dass man sich als Deutscher im Ausland ständig rechtfertigen und verteidigen musste. Zurecht! Der Zweite Weltkrieg war noch nicht so lange her, es lebten noch sehr viele Zeitzeugen, die wenig Gutes über Deutsche und Deutschland zu erzählen hatten! Man musste sich also irgendwie positionieren, eine Haltung zu dem Thema gewinnen, um sich verteidigen zu können.

Gibt es eine Kollektivschuld? Ja oder Nein? Bist du schuldig, nur weil du Deutscher bist und deutsche Eltern hast? Diese Debatte trieb die intellektuelle Elite um.

Vor dem Hintergrund dieser furchtbaren Geschichte war man nicht gerade mit Stolz erfüllt, ein Deutscher zu sein. Ich nahm innerlich eine Distanz dazu auf und mochte mich nicht sehr damit identifizieren. In der Literatur, in der Musik, im Sport und auch in der früheren Geschichte und Nachkriegsgeschichte gab es aber auch Positives, mit dem man sich identifizieren konnte. Deutschlands Dichter und Denker.

Deutschland war mir trotzdem auf Dauer zu klein. Mich interessierte die große weite Welt, ich wollte am liebsten Auslandskorrespondent werden, oder Musiker, auch mal Koch. Und ich sah mich immer woanders leben als in Deutschland. (Jetzt lebe ich in Brasilien!)

Die Rede von Richard von Weizsäcker am 8. Mai 1985 zum 40. Jahrestag der Kapitulation war ein Meilenstein in der deutschen Nachkriegsgeschichte.

Nur wer sich ernsthaft und verantwortungsbewusst seiner Geschichte stellt (das gilt auch im privaten Leben), kann auf Gnade und Vergebung hoffen und kann die Zukunft gestalten!

Wer die Vergangenheit verdrängt oder bestreitet oder verbiegt gewinnt damit gar nichts. Die Fakten lassen sich nicht ändern. Man muss sich ihnen stellen und dann das Beste daraus machen, es vor allem JETZT einfach richtig und besser machen.

Deswegen muss man auch nicht dauernd in Sack und Asche gehen. Ich kann verstehen, dass es manchen schonmal zu viel wird. Es geht aber ja auch nicht darum, sich selbst dauernd schlecht zu machen und ewig schuldig zu fühlen. Aber man muss sich schon die Mühe machen, sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen und die richtigen Lehren daraus zu ziehen.

Das bleibt – wie man aktuell an der Diskussion in Deutschland sieht – eine wichtige Aufgabe.

Selbst bis in höchste politische Kreise scheint das, was man in der Pädagogik den „Transfer“ nennt, noch nicht vollständig stattgefunden zu haben: ein erkanntes Prinzip auf neue Fälle anzuwenden!

Antisemitismus ist nur eine – wenn auch für deutsche sehr belastende – Form des Rassismus. Es gibt aber noch unendlich viele andere Formen von Rassismus, zumal schon unter Hitler nicht nur die Juden Opfer waren.

Opfer von Rassismus gibt es auch heutzutage zuhauf und überall.

Selbst der Feminismus – so berechtigt er als gesellschaftspolitische Bewegung war und ist – zeigt Züge von Fanatismus.

Frauen müssen und sollen die gleichen Rechte wie Männer haben! Das ist eine Selbstverständlichkeit. Aber deswegen sind sie nicht per se die besseren Menschen. Wenn Männer nur weil sie Männer und dann auch noch weiß sind in der öffentlichen Debatte generell als rassistisch und gewalttätig dargestellt werden, dann ist das eine unzulässige Verallgemeinerung. Denn es dürfte letztlich mehr weiße ältere Männer geben, die nicht in dieses Schema passen. Ich zähle mich zum Beispiel dazu und mache mir solche Kategorien erst gar nicht zu eigen.

Jeder Mensch ist anders. Jeder hat seine Geschichte, seine Beweggründe (sofern er überhaupt darüber ernsthaft reflektiert!)

Man kann – wenn man denn unbedingt will – das Deutschsein auch sehr positiv besetzen. Und unsere jüngste Geschichte bietet dafür viele schöne Beispiele: den Fall der Mauer, die anfängliche große Hilfsbereitschaft der Bevölkerung angesichts von Menschen in Not, den Titel als Fussball-Weltmeister 2014 in Brasilien undundund.

Deutschland ist im Ausland hoch angesehen, Angela Merkel wird dort überwiegend positiv bewertet (für meine Begriffe schon übertrieben gut). Die Brasilianer zum Beispiel  haben im Allgemeinen ein ziemlich idealisiertes Bild Deutschlands, erst recht nach der WM. Im Vergleich zu Deutschland fühlt sich der Brasilianer im globalen Vergleich in der Tat wie beim 7:1: absolut geschlagen, völlig im Hintertreffen, rückständig.

Ich sage immer, sie haben gar keinen Grund, den Kopf so hängen zu lassen, wenngleich sich unzählige Beispiele finden ließen, eine solche Sicht zu begründen.

Es ist Vieles im Argen in Brasilien. Das ist aber anderswo auch nicht anders. Da braucht man nur in die USA unter Trump schauen.

Jeder sollte zunächst einmal vor seiner eigenen Haustür kehren und seine eigenen Probleme lösen. Manchmal kann man dabei die Hilfe von Freunden gebrauchen. Und je mehr Freunde du hast, desto mehr Hilfe wirst du auch bekommen.

Wenn du dir keine Freunde machst, stehst du am Ende allein da.

„Am deutschen Wesen soll die Welt genesen“, so das Motto der sich zu Überwesen stilisierenden Nazi-Deutschen.

Was soll das Bitteschön sein, dieses „deutsche Wesen“? Die Leute, die sowas sagen, meinen damit mit ziemlicher Sicherheit etwas, was ich nicht befürworte.

Aber man kann den Spieß auch umdrehen und positiv definieren, was „deutsches Wesen“ sein soll.

Überall auf der Welt gibt es ein gewisses Klischee, eine diffuse Vorstellung von dem, was „deutsch“ ist. Wir sind – nicht zuletzt Dank Hitler – weltweit berühmt!

Und wenn ich z.B. mit Brasilianern darüber Deutschland rede, kommen viele positive Assoziationen: fleißig, fortschrittlich, korrekt, verlässlich, professionell, hilfsbereit, gebildet, weit entwickelt, verantwortungs- und umweltbewusst, friedfertig!

Das ist schön. Das ist erfreulich. Das war nicht immer so. Wir sollten stolz darauf sein und es als unsere nie enden wollende Aufgabe betrachten, eben dieses Fremdbild zum Maßstab nehmen und es zum Ideal machen! Ohne Überheblichkeit, ohne Arroganz.

Deutsch ist, was wir am Ende daraus machen. Es liegt ganz bei uns, wie wir diesen Begriff anhand unserer Worte und Handlungen mit Inhalt füllen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.