Wann ist ein Mann ein Mann?

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Es ist ein heißes Eisen, das ich hier anpacke. Allein die gestrige Diskussion um den Hashtag #GilletteAd auf Twitter hat dies wieder gezeigt: ein US-Werbespot, der ein rückständiges und ein modernes Männerbild gegenüberstellt und damit unversehens polarisiert hat. Ist die Frage um Mann- und/oder Frausein am Ende gar das Kernthema überhaupt, mit dem sich der neue Nationalismus, Neo-Faschismus, Trump, Bolsonaro, AfD etc. auf seinen eigentlichen Kern reduzieren lässt?

In Deutschland feiern wir heute 100 Jahre Frauenwahlrecht. Ein Anlass mehr, meinen Senf zum Thema Männer und Frauen abzugeben.

Was ich im Folgenden schreibe, ist eine rein subjektive Sicht der Dinge ohne Anspruch auf Vollständigkeit und absolute Wahrheit. Aber das Thema beschäftigt mich, Jahrgang 1967, schon mein Leben lang. Und der einzige, für mich wahrhaftige und authentische Zugang zu dem Thema kann nur rein subjektiv sein. Wann ist ein Mann ein Mann?

Herbert Grönemeyer hat dazu im Orwell-Jahr 1984 einen Song veröffentlicht, der damals für Furore sorgte. Damals war ich 17 Jahre alt, also mitten in der Pubertät, in einem Alter, in dem das sexuelle Interesse die totale Kontrolle über dich übernimmt. Und wo Mann und Frau nach seiner/ihrer geschlechtsspezifischen Identität suchen. Ich rede im Folgenden als Mann über das Hetero-Mannsein und welchen Wandlungen es allein in meiner Lebenszeit unterstanden hat.

HERKUNFT: deutsch, katholisch, konservativ

Ich entstamme einem in den ersten Lebensjahren katholisch geprägten Elternhaus, an dem die Flower-Power-Bewegung völlig vorbeigegangen ist. Meine Eltern entstammen dem katholischen Eichsfeld (damals DDR), schafften es aber noch vor dem Mauerbau in den Westen. Sie verehrten Konrad Adenauer, wählten ohne nachzudenken die CDU. In musikalischer Hinsicht existierte nur Klassik für sie. Die Beatlemania ging völlig an ihnen vorbei.

1970 – da war ich drei Jahre alt – zogen wir in den Norden Spaniens, ins Baskenland, wo mein Vater für fünf Jahre eine Stelle als Lehrer an der dortigen Deutschen Schule antrat. Es waren die letzten fünf Jahre der Ära des faschistischen Diktators und Hitler-Freundes Francisco Franco. Spanien war ein ziemlich rückständiges, von Landwirtschaft geprägtes Land. Die EU gab es noch nicht. Rollenbilder waren klar verteilt. Männer waren Patriarchen und Machos, die mit Stieren kämpften oder wenigstens dabei zuschauten, Frauen waren für Kind und Küche zuständig. Sonntags ging man in die katholische Kirche. Insofern war das Weltbild, in dem ich aufwuchs, klar umrissen und unumstritten.

Politische 180-Grad-Wende

Politisch waren die Zeiten dennoch unruhig. Dafür sorgte vor allem die im Baskenland beheimatete Terrororganisation ETA mit ihren zahlreichen Anschlägen (in Deutschland die RAF). Die Basken waren überhaupt ein ziemlich renitentes, für Unabhängigkeit kämpfendes Volk und machten dem Caudillo (Führer) das Leben schwer. Wir Kinder sangen sorglos Spottlieder auf Franco und dachten uns nichts dabei. Ein befreundetes Ehepaar aus dem Kollegium meines Vaters schaffte es in nächtelangen politischen Diskussionen, meinem stur konservativen Vater die Augen zu öffnen und ihn auf die Seite der SPD zu ziehen, einer Partei, die zu dieser Zeit mit Willy Brandt eine international hoch angesehene Lichtgestalt als Bundeskanzler stellte.

Was ich als Kind aus dem fernen BRD-Deutschland mitbekam, ließ mich mein Heimatland im strahlenden Glanz erscheinen: modern, wohlhabend, sozial, liberal.

Privat scheiterte die Ehe meiner Eltern, als ich gerade fünf Jahre alt war. Meine Mutter verflüchtigte sich nach Deutschland, während mein Vater kurz darauf eine evangelische Pfarrerstochter aus dem Rheinland heiratete, die zu uns nach Spanien zog.

Ich war zu jung, um diese neuen Umstände für mich zu dramatisieren und akzeptierte die neue Frau zunächst problemlos als neue Bezugsperson. Meine leibliche Mutter hatte psychische Probleme und war weit weg, und wenn sie aus der Ferne in Erscheinung trat, sorgte das in der neuen Familie vor allem für Unruhe, Stress und Streit.

Wäre meine Stiefmutter eine umgängliche, kommunikative und herzliche Person gewesen, hätte ich den Kontakt zu meiner leiblichen Mutter vermutlich für längere Zeit verloren. Dem war aber nicht so.

Meine Stiefmutter war eine sehr gebildete, intelligente, aber auch höchst komplizierte und empfindliche Person, die schnell beleidigt war und meine drei Jahre ältere Schwester und mich mit Gefühlskälte strafte, wenn wir uns nicht so verhielten, wie sie es erwartete. Sie hatte meinen Vater voll im Griff, prägte mit ihren Überzeugungen das herrschende Weltbild im Hause.

Sie war als evangelische Pfarrerstochter rigoros in ihren ethischen und moralischen Urteilen und gleichzeitig politisch links orientiert. Sie vertrat eine klare feministische Haltung und war im Grunde zerrissen zwischen ihrer realen familiären Rolle als Mutter und Hausfrau (sie brachte mit meinem Vater zwei weitere Kinder auf die Welt) und ihrer politischen Überzeugung im Kampf um Frauenrechte. Mein Vater kehrte der katholischen Kirche den Rücken, wurde Lutheraner und fügte sich dem beißenden Diktat einer politisch bewussten Ehefrau.

Zurück in Deutschland, verdanke ich meiner Stiefmutter immerhin, dass sie höchsten Wert auf Bildung legte und unser Haushalt etliche Printerzeugnisse links-liberaler Prägung abonniert hatte, die ich – auf dem Land lebend – aus purer Langeweile von vorne bis hinten durchlas: den Spiegel von Rudolf Augstein, Die Zeit von Gerd Bucerius, Für Sie und Brigitte nebst Kölner Stadt-Anzeiger als lokale Ergänzung.

Auf diese Weise eignete ich mir ein links-liberales Weltbild an, in dem der christliche Gott dennoch einen unangefochtenen Platz einnahm. Immerhin war es nicht verboten und durchaus gängige Praxis in unserem Haus, auch kirchliche Positionen (zumal die katholische) kritisch zu betrachten und zu hinterfragen. Es war nicht einfach alles gottgegeben und auch die Bibel war nicht sakrosankt und man durfte sich kritisch mit ihr auseinandersetzen. Dank der Lektüre der Frauenzeitschriften bekam ich eine Idee von moderner Pädagogik und dem berechtigten Willen der Frauen nach Mitsprache und materieller und ideeller Unabhängigkeit.

In intellektueller Hinsicht war mein Zuhause also durchaus progressiv, in emotionaler Hinsicht aber fühlten sich meine Schwester und ich isoliert, wie in einem Gefängnis, in dem wir uns angesichts der neuen Familie mit zwei weiteren Kindern wie Fremdkörper fühlten.

Libertäre Mutter pflanzt den Willen zur Freiheit

Zunehmend entfremdete ich mich der Stiefmutter, doch da ich nach meinem Vater schlug, behielt ich immerhin noch eine starke Bindung zu ihm. Vor allem die Liebe zur klassischen Musik erwies sich als Bindeglied. Wir musizierten viel gemeinsam, er am Klavier, ich am Cello.

Für meine Schwester war es schwerer, denn sie schlug immer mehr nach ihrer leiblichen Mutter, die nichts weniger als ein rotes Tuch für meinen Vater war.

Obwohl der Kontakt zu unserer Mutter, die weit weg im Süden Deutschlands wohnte, stark reglementiert war, wurde er im Laufe der Zeit immer enger. Drei Wochen im Jahr, während der Sommerferien, durften wir sie nur besuchen. In der Zwischenzeit gab es nur Briefwechsel, keine Telefonate.

In diesen drei Wochen verhätschelte sie uns daher nach Strich und Faden. Sie reiste mit uns ins europäische Ausland, zu ihrer Verwandtschaft in der DDR und und und. In ihrer Familie fühlten wir uns Zuhause, geliebt, akzeptiert, gewollt. Bei unserer Mutter mussten wir uns nicht verstellen, nicht zu allem Ja und Amen sagen, so sein wie wir sind. Wir fühlten uns frei. Meine Mutter genoss das Leben als Single, wenngleich sie gleichzeitig davon träumte, noch ihren „Traumprinzen“ zu finden, war unabhängig, reiste viel und engagierte sich in der christlich geprägten Friedensbewegung von Pax Christi. Sie verachtete inzwischen die katholische Kirche, war auch in sexuellen Dingen sehr libertär.

Umso krasser war es, dann wieder ins Haus meines Vaters zurückzukehren, wo „die böse Stiefmutter“ uns das Leben schwer machte. Dort wurde unsere Verwandlung auch missmutig bemerkt, was die Konflikte im Haus noch verschärfte.

Kaum hatten meine Schwester und später ich unser Abitur in der Tasche, hieß es daher: Nichts wie weg!

Leben! Frei sein!

Der Neue Mann – ein Softie!

Wenn man also Rollenvorbilder ins Zentrum der Erziehung von Heranwachsenden stellt (was ich nach wie vor für einen wesentlichen Ansatz halte), wie also sollte ich in meinem besonderen Fall meine Rolle finden?

Macho-Getue war offensichtlich out und es gab keine gottgegebene Rollenverteilung mehr. Männer gerieten immer mehr in die Defensive, Frauen wollten ihren Teil vom Kuchen und strebten an die Macht (und das mit gutem Recht!).

Ich wurde also zu einem Softie! Sex durfte es nur im gegenseitigen Einvernehmen geben, er musste außerdem zärtlich sein und durfte nicht weh tun. Und überhaupt hatte man einer Frau auf Augenhöhe zu begegnen, sie durfte in keinster Weise benachteiligt werden. Gleiche unter Gleichen.

Das war auch so lange kein Problem, wie es nichts kostete. In meiner Studienzeit machte es keinen Unterschied, ob ein/e Kommilitone männlich oder weiblich war. Das Einzige, was zählte, war die jeweilige Leistung. Und da schnitten die Mädels eher besser ab, weil sie zielstrebiger, ehrgeiziger waren als wir Jungs. Und in der Freizeit galt Waffengleichstand. Die Mädels ließen sich nicht die Butter vom Brot nehmen und wir Jungs steckten im Zweifelsfalle lieber zurück, als uns mit ihnen anzulegen. Sie hatten ja eh die besseren Argumente.

Wenn der Feminismus die Lebensplanung durchkreuzt

Ernster wurde es, als es ins Berufsleben ging. Dieser Wechsel gelang mir glücklicherweise nahtlos. Seit meiner Schulzeit hatte ich journalistische Ambitionen und während meines Hauptstudiums begann ich, redaktionell für den WDR in Köln zu arbeiten. Ich wurde sogenannter „fester freier Mitarbeiter“ einer TV-Redaktion. Die Bezahlung war gut und so wurde ich auf der Zielgeraden zum Magister schon finanziell unabhängig und konnte danach meine Tätigkeit nahtlos fortsetzen.

Doch der WDR hatte in den 90er Jahren dank einer länger zurückliegenden Klagewelle von freien Mitarbeitern einen personellen Überhang. Die Aussicht auf eine Festanstellung war schon allein deswegen gering. Selbst die hauseigenen Volontäre hatten kaum Aussicht auf eine Festanstellung. Hinzu kam, dass jede Neueinstellung praktisch nur Frauen vorbehalten war, um das Ziel einer in Bezug auf’s Geschlecht ausgewogenen Belegschaft näher zu kommen.

Ich musste erkennen, dass ich als Mann nun die Arschkarte hatte. Auch der Ton im Geschlechterkampf wurde immer schärfer und verbissener.

Männer wurden in der öffentlichen Debatte immer mehr stigmatisiert. Wir waren machtbesessen, gewalttätig, die schlechteren Chefs undundund. Kolleginnen outeten sich mehr und mehr als Lesben und immer mehr Männer in der kreativen Szene bekannten sich zum anderen Ufer! Als normaler Hetero-Mann warst du immer mehr abgemeldet.

Ich kriegte noch die Kurve und heuerte beim Privatsender ProSieben in München an, der gerade Personal für seinen neuen Nachrichtensender N24 suchte. Ich ergatterte ein Volontariat und schaffte es zwei Jahre später inmitten der Kirchpleite, gerade noch eine Festanstellung als Redakteur zu bekommen.

Geschlechterzugehörigkeit spielte hier praktisch keine Rolle. Die Redaktion war bunt und ausgewogen gemischt. Privatsender mussten sich zu jener Zeit nicht dem öffentlich-rechtliche Diktat der Gleichstellung widmen.

Ich hatte schon beim WDR mit weiblichen Chefs zu tun gehabt. Das setzte sich bei ProSieben und N24 fort und ich hatte damit keinerlei Problem.

Geschlechtszugehörigkeit ist kein Qualitätskriterium, es gibt auf der einen wie auf der anderen Seite gute wie schlechte Leute. Aus eigener Erfahrung konnte ich nun aber auch ohne jeden Zweifel bestätigen, dass Frauen per se nicht die besseren Chefs sind, genauso wenig wie Männer.

Kind und Karriere – wie soll das gehen?

Gleichwohl waren geschlechtsspezifische Besonderheiten nicht zu bestreiten. Männer und Frauen sind grundverschieden, wie von zwei verschiedenen Planeten. Sie denken, sprechen, fühlen und handeln anders. Das sage ich völlig wertfrei. Und dass es schwierig war (und ist), Beruf und Familie unter einen Hut zu bekommen, zumal in Zeiten, wo traditionelle Geschlechterrollen ins Wanken geraten sind, liegt auch auf der Hand.

Wie soll eine Frau es schaffen, einerseits eine berufliche Karriere zu verfolgen und andererseits eine Familie zu gründen? Welche Rolle soll/muss/wird der Mann in diesem Gefüge einnehmen? Das waren genau die Fragen, welche die Gesellschaft umtrieben und im Alltag geklärt werden mussten.

Meine (vermeintlich) gesicherte materielle Situation als Redakteur und später Chef vom Dienst beim Fernsehen hatte zur Folge, dass ich im Alter von 38 Jahren – als ich es eigentlich fast gar nicht mehr auf dem Zettel hatte – eine Frau heiratete und mit ihr zwei Kinder in die Welt setzte.

So sehr ich intelligente und unabhängige Frauen schätze und respektiere, wenn sie lesbisch sind und sich in allem dem traditionellen Männerrollenbild annähern wollen: Ich liebe es, wenn eine Frau ihre Weiblichkeit auslebt, gut aussieht und sexy ist.

Meine Frau war eine junge Brasilianerin, wo die Rollenbilder noch stärker traditionell geprägt sind, sodass es bei der Rollenverteilung zunächst keine Konflikte gab. Sie kümmerte sich widerspruchslos um Haus und unseren Erstgeborenen und zeigte zunächst keine Ambitionen nach einer beruflichen Karriere, wenngleich ich sie als moderner und aufgeklärter Mann sehr darin bestärkte, sich weiterzubilden und berufliche Ziele zu stecken. So besuchte sie Sprachkurse, machte den Führerschein und schaute sich nach kleinen Gelegenheitsjobs um.

Spätestens mit der Frühgeburt unserer Tochter wurde mir aber klar, wie schwer es ist, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen. Im Idealfall wäre meine damalige Frau die ganze Zeit (über 9 Wochen!) bei unserer Tochter in der Klinik geblieben. Doch unser Sohn war erst 8 Monate alt und brauchte sie genauso dringend Zuhause! Mangels hilfsbereiter bzw. -fähiger Familienmitglieder oder Freunde in der Nähe waren wir nahezu völlig auf uns allein gestellt. Auch von der Kasse gab es keine Hilfe.

Mein Job brachte es mit sich, dass mein Dienst um 5 Uhr morgens begann und um 13:30 Uhr endete. Und so hetzte ich nach der Arbeit nach Hause, um Frau und Sohn abzuholen und gemeinsam ins Uniklinikum zu fahren, um den Rest des Tages mit unserer Tochter zu verbringen. Es war eine extrem belastende Zeit. Gott sei Dank hatte ich einen verständnisvollen Vorgesetzen, der mich wo immer entlastete, so weit das im laufenden Betrieb möglich war.

Später kamen die Kinder in die Krippe, was die familiären Abläufe entlastete, zumal meine  damalige Frau zunehmend ihre eigenen Projekte verfolgte.

Aber was macht eine alleinerziehende Mutter, ein allein erziehender Vater, ein Paar, wo beide Partner arbeiten, wenn das Kind krank wird oder z.B. die Krippe oder die Lehrer streiken? Wenn Schulferien sind? Ich habe das alles hautnah erlebt und erfahren, wie schwer es in solchen Situationen für viele Eltern ist, Beruf und Familie unter einen Hut zu bekommen.

Klar können der Staat und die Arbeitgeber hier einiges tun. Doch letztlich ist man auf sich allein gestellt und stellt sich zwangsläufig die Frage, ob es wirklich ein so gutes Gesellschaftsmodell ist, wenn beide Elternteile arbeiten und die Erziehung überwiegend familienfremden Kräften überlassen.

Ich persönlich habe als Mann überhaupt kein Problem damit, auf Karriere zu verzichten und mich um die Kinder zu kümmern. Das habe ich sogar einige Jahre lang getan, nachdem ich betriebsbedingt gekündigt worden war und beruflich unversehens ins Abseits geriet.

Glücklicherweise hatte ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt meine damalige Frau einen sehr guten Lauf und schaffte es mit Links, die Familie finanziell zu versorgen. Erziehung war eh nicht so ihre Stärke, sie hatte wenig Geduld mit Kindern, so sehr sie sie auch liebte. Also sprang ich voller Elan in die Bresche und kümmerte mich, brachte die Kinder in den Kindergarten und später in die Schule, holte sie ab, unternahm viel mit ihnen, genoss die Zeit mit ihnen, engagierte mich als Elternvertreter in verschiedenen Gremien. Kochen und Putzen musste ich zum Glück für alle Beteiligten nicht, dafür hatte meine Ex externe Kräfte beschäftigt.

Scheidung als Nahkampf-Zone

Eigentlich war’s eine tolle Zeit und es hätte durchaus so weiter gehen können, wenn sich meine Ex und ich währenddessen nicht so entfremdet hätten. Unsere Lebenswege und -planungen waren nicht mehr vereinbar, die Trennung und schließlich Scheidung unabwendbar.

Die Scheidung hätte ein weiteres Exempel dafür werden können, wohin wir inzwischen gesellschaftlich gekommen sind. Die Frau wird im Scheidungsrecht heute klar bevorteilt. Die Verhältnisse haben sich völlig umgekehrt. Sie bekommt im Zweifelsfall das Sorgerecht, bekommt vom Mann die Alimente und die Hälfte des Zugewinns und der Mann darf vor Gericht darum streiten, wann und wo und wie er seine Kinder besuchen darf.

Hatte meine Ex mir in der Anfangsphase der Trennung noch damit gedroht, mir „alles“ nehmen zu wollen, mich geradezu vernichten zu wollen, sorgte das Schicksal dafür, dass es in der Stunde der Scheidung bei mir eh nichts zu holen gab, bei ihr dagegen umso mehr.

Doch ich bin ein Mann des Friedens und trachte nicht nach anderer Leute Eigentum, auch wenn es mir rein rechtlich zugestanden hätte. Ich wollte vor allem, dass die Dinge so friedlich und einvernehmlich wie möglich geregelt werden, zum Wohle der Kinder.

Ich hatte mir nichts sehnlicher gewünscht, als meinen Kindern eine böse Scheidung, wie ich sie selbst als Kind erlebt hatte, zu ersparen. Nun war aber das Kind entgegen meinem Willen bereits in den Brunnen gefallen, und so blieb mir nichts anderes übrig, als den Prozess so konfliktfrei wie möglich zu gestalten. Das war zunächst angesichts einer Ex, die sich in einer Art Furor befand, kaum möglich. Doch die Zeit verstrich und Schritt für Schritt näherten wir uns einander an. Sie hatte eine Anwältin besorgt, die alles Vertragliche vorbereitete und ich sagte zu allem Ja und Amen. Wohl wissend, dass sie mich finanziell über’s Ohr haute und mir ihre wahren Besitzverhältnisse verschwieg. Mir war aber am Wichtigsten, dass die elterliche Sorge wie gehabt zu gleichen Teilen ausgeübt wurde. Wir wohnten in der gleichen Stadt, nicht weit voneinander entfernt. Und sie hatte eh nicht allzu große Ambitionen, sich um die Freizeit der Kinder zu kümmern, um Elternsprechtage, Arzttermine und dergleichen. Insofern kam ihr diese Aufgabenteilung entgegen (sie ging ja überwiegend zu meinen Lasten, was mir aber auch recht war).

Vor der Scheidungsrichterin ging daher alles ganz schnell. Ich akzeptierte die Anwältin meiner Ex auch als meine Anwältin. Es war alles vorher einvernehmlich vereinbart und so verließen wir nach fünf Minuten entspannt und ohne jeden Streit den Verhandlungsraum.

Andere bewunderten uns dafür. Selbst die langjährige Richterin gestand erstaunt, dass es sehr selten vorkomme, dass eine Scheidung so reibungslos und schnell über die Bühne gehe.

Nun ja. Es war ja auch ein sehr langer privater Prozess vorausgegangen, der mich viel Blut und Schweiß und Tränen gekostet hatte. Aber meine Geduld hatte am Ende obsiegt und für unsere Kinder verlief der Übergang in die neuen Lebensumstände geschmeidig und nahezu unbemerkt.

Meine Ex fand einen neuen Lebenspartner, mit dem sowohl die Kinder als auch ich gut klar kamen und umgekehrt und wir schafften es, einen entspannten, freundschaftlichen Umgang miteinander zu pflegen.

Zwischenzeitlich hat sich das Blatt leider gewendet. Aber ich denke, dass auch das wieder vorbei geht. Das Leben geht weiter und das Beste für alle Seiten ist, wenn es so friedlich und freundschaftlich wie möglich vonstatten geht. Es bringt ja nichts, immer nur seinen eigenen Egoismus zu verfolgen. Man muss auch Zugeständnisse machen und zurückstecken können und das Wohl aller Beteiligten im Auge behalten. Dann geht es am Ende allen besser.

Wenn tradierte Weltbilder ins Wanken geraten

Die heutige, moderne Lebenswelt stellt uns vor große Herausforderungen. Was früher selbstverständlich war, ist es heute nicht mehr. Rollenbilder, Traditionen, vermeintliche Gewissheiten sind ins Wanken geraten. Es erfordert große Anstrengung und viel Auseinandersetzung, mit der Zeit Schritt zu halten.

Ich denke, viele Menschen sind damit überfordert. Sie kriegen es nicht gebacken. So viel Information, so viel Veränderung, so viel Unsicherheit, so viel Ungewissheit.

Die Welt ist offen, sie ist global, sie ist so widersprüchlich und vielfältig und so rasant und so komplex.

Daher sehnen sich meiner Meinung nach so viele Menschen nach den vermeintlich „guten alten Zeiten“ zurück, wo angeblich alles so viel besser war. Sie wollen Gewissheit, sie wollen Sicherheit, sie wollen Einfachheit. Viele Menschen radikalisieren sich und fallen daher so leicht auf Populisten herein, die einfache Lösungen versprechen.

Diese Sorgen der Menschen muss man sehr ernst nehmen, denn wenn man sie zurücklässt und den Rattenfängern überlässt, dann droht uns alles um die Luft zu fliegen.

Leider ist die Welt heute so komplex geworden, dass es kaum jemanden geben dürfte, der die Zusammenhänge vollumfänglich begreift. Allein die Lehman-Pleite mit dem Beinahe-Zusammenbruch des Finanzsystems hat das vor Augen geführt. Nicht einmal die Experten sind sich über die langfristigen Auswirkungen einig!

Und wem kann man überhaupt noch trauen? Den Politikern? Der Kirche? Den Großkonzernen? Den Gewerkschaften? (Ich höre schon die höhnischen Lacher!)

Wir leben in den Wohlstandsregionen einerseits in Zeiten der absoluten Individualisierung, wo jeder im Grunde so leben kann wie er will. Und andererseits in Zeiten einer Globalisierung, in der wir uns völlig fremdbestimmt fühlen von Entwicklungen, auf die wir keinen Einfluss haben. Und dabei wollen wir auf alles Einfluss nehmen, verfolgen das Geschehen weltweit über traditionelle Medien wie Neue Medien und geben zu allem unsere Kommentare ab, ob wir nun Ahnung von der Materie haben oder nicht.

Alles ist Reaktion und Gegenreaktion, Ursache und Wirkung. Und so verstehe ich den zuletzt erstarkenden Nationalismus und Chauvinismus á la Trump, Putin, Erdogan, Orban und Bolsonaro als Reaktion auf Fehlentwicklungen der vergangenen Jahre, gar Jahrzehnte.

Ich persönlich liebe Vielfalt und fremde Kulturen. Ich bin damit vertraut, kann damit umgehen, habe damit kein Problem. Aber ich kann verstehen, wenn sich schlichtere Gemüter befremdet fühlen und damit nicht klarkommen, wenn ihr gewohntes Umfeld sich so schnell und so stark verändert.

Es ist offensichtlich, dass die Globalisierung zu Verwerfungen geführt hat, die uns und unseren Planeten vor überwältigende Probleme stellt, die eigentlich nur gemeinsam zu lösen wären, doch die jeweiligen Interessengruppen sind sich nicht einig und teilweise zu mächtig, um übergangen zu werden.

Ich persönlich habe kein Problem damit, wenn jemand schwul oder lesbisch oder bi oder sonstwas ist. Aber ich muss akzeptieren, dass nicht jeder so liberal und weltoffen ist wie ich.

Ich weiß, dass die Europäische Union alles in allem eine Erfolgsgeschichte ist, die unserem Kontinent jahrzehntelangen Frieden gebracht hat. Aber das heißt nicht, dass sie frei von aller Kritik ist. Der Euro und der gemeinsame Wirtschaftsraum bringt viele Vorteile mit sich, aber das Nachkriegseuropa war auch ohne Euro lebensfähig (jedenfalls im Westen).

Es ist ethisch richtig, Menschen in Not zu helfen. Aber wenn die Menschen das Gefühl haben, von einer Flüchtlingswelle überrollt zu werden und die Kontrolle zu verlieren, dann kann man nicht einfach so tun, als wären die Sorgen unberechtigt.

Die Zukunft

Die Zeit lässt sich nicht zurückdrehen und die Erde dreht sich weiter. Aber es ist nicht verkehrt, wenn man sich wieder mehr auf sich selbst besinnt, das Tempo runterschaltet und einige übertriebene Entwicklungen wieder zurechtstutzt.

Ich denke, das ist der Trend der Zukunft: Die Globalisierung zurückfahren und die lokale Eigenständigkeit stärken, ohne gleich in Separatismus zu verfallen. Global denken, lokal handeln. Sich auf seine eigene Identität besinnen und die der anderen gleichzeitig respektieren. Leben und leben lassen.

Wir sollten unsere Zeit nicht mit ideologischen Kämpfen verplempern, sondern einfach das tun, was pragmatisch und notwendig ist, um uns und unseren Planeten zu erhalten.

Und dazu braucht es reichlich wenig. Wir müssen nicht im Überfluss leben. Noch kann unser Planet uns alle ernähren, wenn wir den natürlichen Reichtum gerecht verteilen, ihn hegen und pflegen und uns bescheidene Ziele setzen.

Die Technologie hat heutzutage einen Standard erreicht, der es uns ermöglicht, komplett ohne fossile Brennstoffe auszukommen. Es braucht auch nicht jeder ein eigenes Auto und wir müssen auch nicht ständig von A nach B reisen, wenn wir unser Wirtschaftssystem wieder mehr lokal/national organisieren, wenn die Produkte wieder dort produziert werden, wo sie auch konsumiert werden. Kommunikation findet eh schon problemlos in Echtzeit bis in den hintersten Winkel der Erde und darüber hinaus statt.

Wir müssen moderne Technologie mit Nachhaltigkeit und Naturschutz versöhnen. Dann bekommen wir eine perfekte Welt, um die uns etwaige Bewohner fremder Planeten beneiden dürften.

Worauf also warten? Einfach machen!

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