Von Engeln und anderen guten Geistern

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Brasilianer sind ein sehr gläubiges Volk. Während Friedrich Nietzsche in Deutschland Gott einst für tot erklärte, begegnet er einem hier auf Schritt und Tritt. Ich staune jedes Mal, wenn ich in Brasilien bin, wie allgegenwärtig und lebendig Gott hier ist. Und wie er seine schützende Hand sogar über mich hält.

Das ist auch durchaus von Nöten. Denn ohne Schutzengel und ohne Gottes Hilfe kann es hier schnell um einen geschehen sein.

Nehmen wir als Beispiel allein das vergangene Wochenende. Dank einer glücklichen Fügung hatte ich wie berichtet eine unerwartete Mitfahrgelegenheit (carona) ins knapp 400 km entfernte Petrópolis bekommen, von wo aus es nur noch ein Katzensprung bis nach Rio de Janeiro ist, wo wiederum ein brasilianischer Bekannter wohnt, der sich vor Jahren einmal als Helfer in großer Not erwiesen hat.

Er bot mir kurzfristig Unterkunft in seiner Wohnung in Copacabana an. So machte ich mich nach erfolgreich absolviertem Besuchsprogramm am vergangenen Samstag Nachmittag mit dem Bus von Petrópolis nach Rio auf, wo ich vor allem das neu eröffnete Museu de Arte do Rio (MAR) besuchen wollte.

Mein guter Bekannter hatte erst ab 20 Uhr Zeit und so verabredeten wir, dass ich mit der Metro bis zur Station Cantagalo in Copacabana fahren solle, wo er mich dann abholen würde.

Ich hatte aus seinen Angaben geschlossen, dass es neuerdings einen direkten Metro-Anschluss am Zentralen Busbahnhof (Rodoviária) gebe. Bei der Ankunft in Rio sprach ich meinen Sitznachbar an, mit dem ich bis dahin kein Wort gewechselt hatte und fragte, wo die nächste Metro-Station sei. Zu meinem Entsetzen entgegnete er mir, die sei etwas weiter weg und man müsse erst einen Metro-Bus nehmen, um zur eigentlichen Metro-Station zu kommen.

Zu meiner Erleichterung ergänzte er jedoch, auch mit der Metro Richtung Copacabana fahren zu wollen und bot an, ihn zu begleiten.

Ich tat auch gut daran, denn für einen Ortsunkundigen war das weder einfach noch ungefährlich, zumal sich die Abfahrtsstelle geändert hatte und selbst mein Guide irritiert war und um Rat fragen musste.

Der Zentrale Busbahnhof von Rio de Janeiro liegt in einer üblen Gegend, auch Brasilianer beklagen das große Unsicherheitsgefühl, das sich vor allem abends und nachts breit macht. Man sollte es dringend vermeiden, den Busbahnhof zu Fuß zu verlassen. Das mussten wir aber, um zum benachbarten innerstädtischen Busbahnhof zu gelangen, wo der Metro-Bus abfuhr. (Irgendwelche für Ortsfremde erkennbaren Wegweiser waren übrigens nicht zu erkennen.)

Wie sich herausstellte, waren mein freundlicher Sitznachbar und ich die einzigen Fahrgäste, die den Metrobus nutzten.

War das nicht eine ungemein ungewöhnliche Fügung? Dass bei all den Bussen, die aus allen Ecken Brasiliens im Zentralen Busbahnhof ankommen ausgerechnet mein Sitznachbar die einzige Person war, die wie ich die Metro nehmen wollte?

Der Bus machte in der Nähe des Sambódromo an einer Metro-Station halt. Doch mein ortskundiger Sitznachbar empfahl, lieber bis zur nächsten Station weiterzufahren. Diese Metro-Haltestelle sei zu dunkel und unsicher.

Und so stiegen wir erst in Estácio aus und in die Metro ein.

Rios Metro ist vor allem abends nicht sonderlich vertrauenserweckend. Wir kennen das ja aus unseren eigenen Großstädten, dass man sich zurecht unsicher fühlt, wenn man abends/nachts die U-Bahn benutzt. In Rio ist dieses Unsicherheitsgefühl noch größer, wenngleich ich konkret keinen Anlass hatte, beunruhigt zu sein.

Ich hatte ohnehin meinen fleischgewordenen Schutzengel dabei. Der musste wenige Stationen vor meiner schon aussteigen, aber er beruhigte mich, dass es jetzt kein Vertun mehr gebe. Wir verabschiedeten uns voneinander und ich dankte ihm herzlich dafür, mein Schutzengel gewesen zu sein.

Mir sind in Brasilien schon oft Schutzengel begegnet. Sie nehmen verschiedene Gestalt an: Mir begegneten sie mal als Mensch, mal als Hund, mal als Ambulanz.

Als meine Familie vor Jahren mit dem Auto von Teófilo Otoni in Minas Gerais nach Itaúnas (Espírito Santo) unterwegs war, wussten wir trotz Straßenkarte irgendwann nicht mehr weiter. Mit Wegweisern und Straßenschildern sind die Brasilianer sehr sparsam. Wir kamen an einer Kreuzung an, die uns gleich mehrere Optionen bot. Wir hielten ratlos an. Weit und breit war kein Mensch zu sehen. Plötzlich tauchte aus dem Nichts ein Motorradfahrer auf, den wir sogleich um Rat baten. Er war ausgesprochen freundlich und erklärte, unser Ziel läge praktisch auf seinem Weg und wir sollten ihm nur folgen. Gesagt, getan. In der Tat war der Weg so kompliziert, dass wir ihn niemals alleine gefunden hätten.

Als wir schließlich nach vielen Kilometern in einer Stadt ankamen, von der aus unser Ziel leicht zu finden war, verabschiedete sich unser Engel von uns und wünschte einen guten Weg.

In Ouro Preto wiederum begegnete mir der Schutzengel in Gestalt eine Hundes.

Im Morgengrauen war ich damals mit einem freundschaftlich verbundenen Guide unterwegs, um den Sonnenaufgang an einem entlegenen Aussichtspunkt zu erleben. Dieser Mirante lag in der Nähe eines buddhistischen Tempels und galt als unsichere Gegend. Wir hielten das Auto in der Nähe des Tempels an, der von einem scharfen Hund bewacht wurde. Mein Begleiter blieb vor Angst im Auto sitzen. Ich dagegen stieg aus, um den wundervollen Blick über das von Nebelschwaden überzogene Tal zu genießen.

Ich habe keine Angst vor Hunden. Gott sei Dank habe ich einen gute Draht zu ihnen und selbst scharfe Hunde akzeptieren mich gewöhnlich auf Anhieb. Abgesehen davon befand sich der Hund ja auf einem eingezäunten Gelände.

Ich musste aber an dem Gelände vorbei, um auf den Weg zum Mirante zu gelangen. Der Hund stand auf dem höchsten Punkt des Geländes und bellte mich kräftig an. Ich redete beruhigend auf ihn ein, sagte, er sei ein toller Wachhund, dass wir aber in guter Absicht unterwegs seien und er sich abregen könne. Plötzlich verschwand der Hund, dann hörte ich ihn in meiner Nähe winseln. Zu meiner Überraschung stand er plötzlich vor mir. Offenbar war er unter dem Tor zum Tempelgelände durchgeschlüpft und begrüßte mich nun heftig mit dem Schwanz wedelnd.

Ich machte mich mit ihm zum Mirante auf. Er war immer einige Schritte voraus und inspizierte das Gelände. Wenn ich stehen blieb, um die Aussicht zu genießen, blieb er ebenfalls stehen. Wenn ich weiterging, ging er voraus. Der Weg zum eigentlichen Aussichtspunkt war mir schließlich zu weit. So machte ich mit meinem lieben Schutzengel wieder kehrt, bedankte und verabschiedete mich von ihm.

Eine der lebensgefährlichsten Situationen erlebte ich vor Jahren einmal im Straßenverkehr. Ich war mit Frau, dreimonatigem Sohn und meiner Mutter im Auto von der Küste Richtung Teófilo Otoni unterwegs. Es war nicht mehr weit bis zu unserem Ziel, als plötzlich ein unglaublicher Regen anfing. Die Sicht war gleich Null. Es waren aber viele Autos und Lastwagen auf der in jeder Richtung nur einspurigen Straße unterwegs. Ich kannte diese Strecke schon, die an einem Fluß entlang lief. Daher wusste ich, dass wir uns auf dem Weg in eine Senke befanden, die man überwinden musste, um oben auf der Anhöhe zu einer Tankstelle zu gelangen. Ich wusste auch, dass es bei solchen Regengüssen oft zu Erdrutschen und Fahrbahnunterspülungen kommt, die ganze Straßenabschnitte unpassierbar machen. Auch der angrenzende Fluss stellte eine Gefahr dar, weil er angesichts der Regenmengen schnell über die Ufer treten konnte.

Anhalten war keine Option, denn es gab keine Standspur und die nachfolgenden Fahrzeuge wären bei dieser schlechten Sicht sofort auffahren. Wir mussten also zügig und mit hohem Tempo durch die Senke durch, bevor sie sich so mit Wasser füllte, dass sie unpassierbar wurde.

Das war eine äußerst kritische Situation. Sollte irgendwo vor uns ein Hindernis oder ein Straßenabschnitt weggespült sein, wäre es um uns geschehen.

Während alle im Auto um ihr Leben bangten, blieben die Schutzengel aber nicht untätig.

Plötzlich tauchte nämlich in dieser undurchdringlichen Regenwand eine Ambulanz auf, die uns mit aggressiver Beleuchtung und lautem Sirenengeheul überholte. Das war das einzige, was ich in diesem Moment sehen und hören konnte. Also scherte ich prompt aus und hängte mich an diese rasende Ambulanz, die mir mit ihren Blinklichtern und Sirenengeheul den Weg wies. So überwanden wir die Senke, erklommen die Anhöhe, wo uns die überdachte Tankstelle endlich Schutz bot, bis der Regen vorüber war.

Auch auf dem Rückweg von Rio nach Petrópolis am vergangenen Wochenende blieb mir das Glück hold. Am Sonntag Nachmittag fing es in Rio heftig an zu regnen und hörte die ganze Nacht nicht auf. Ich machte mir Sorgen, ob ich rechtzeitig in Petrópolis ankommen würde, um meine Rückfahrgelegenheit nach Belo Horizonte wieder zu treffen. Denn wenn es in Rio regnet, ist es im hoch gelegenen Petrópolis meist schlimmer. Vor über zwei Jahren hatten heftige Regenfälle in der Region über 1000 Todesopfer gefordert.

Ich hatte mit meiner Mitfahrgelegenheit verabredet, uns um 12 Uhr mittags am Busbahnhof in Petrópolis zu treffen. Also brach ich früh in Copacabana auf, um mit dem Bus zum Zentralen Busbahnhof zu fahren und dort ein Ticket nach Petrópolis zu lösen. Das war auch kein Problem. Um 10 Uhr fuhr der nächste ab.

In Petrópolis, wo es kühl und regnerisch war, wurde ich bald darauf von meinem Bekannten und dessen Schwager abgeholt. Sie wollten alle noch zu Mittag essen, bevor es nach Belo Horizonte aufgehen sollte. Also luden sie mich ebenfalls zum Essen ein.

Petrópolis war durch die Regenfälle stark in Mitleidenschaft gezogen worden. Der Schwager meines Bekannten erzählte, dass es wieder zu Bergrutschen, Überflutungen und Unterspülungen gekommen sei. Acht Menschen seien dadurch in der vorangegangenen Nacht gestorben, der Busverkehr von Petrópolis nach Rio sei am frühen Morgen komplett eingestellt worden.

Ich konnte von Glück reden, dass die Gegenrichtung überhaupt noch passierbar geblieben war.

TV-Sender waren vor Ort. Am Abend heil in Belo Horizonte angekommen, waren die Nachrichten voll mit Berichten aus Petrópolis. Bis zum nächsten Morgen sollte sich die Zahl der Toten noch auf knapp 30 erhöhen, weitere Menschen wurden noch vermisst.

Ich dankte Gott, dass ich meinen Wochenendtrip schadlos überstanden hatte!

Gestern Abend begleitete ich daher die brasilianische Oma in die freikirchliche Assembleia de Deus, um Gott die Ehre zu erweisen und ihm für den Schutz, den er mir gewährt, zu danken. Wie der Zufall (?) es wollte, war dies auch das Thema des Abends. Mehrere Gläubige traten nacheinander vor die Gemeinde, um zu erzählen, wie Gott ihnen Gutes im Leben getan hat.

Eine junge verheiratete Frau erzählte, dass ihr die Ärzte vor einiger Zeit gesagt hätten, niemals Kinder bekommen zu können. Das habe sie sehr traurig gemacht, denn Kinder seien schließlich der Segen unseres Lebens. Also habe sie hier in der Kirche immer zu Gott gebetet, er möge sie doch entgegen aller medizinischen Wahrscheinlichkeit fruchtbar machen. Nun konnte sie vor aller Augen und Ohren bekennen, dass sie erhört worden ist. Vor wenigen Tagen ist sie beim Arzt gewesen und ein Test hat bestätigt, was sie schon gespürt hatte: Sie ist schwanger!

Eine Gemeindemitarbeiterin las einen Bibeltext vor: Psalm 91 aus dem Alten Testament.

Er spendet denen, die Gottvertrauen haben, Trost und Zuversicht:

Unter Gottes Schutz
Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt,

2 der spricht zu dem HERRN: / Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich hoffe.

3 Denn er errettet dich vom Strick des Jägers und von der verderblichen Pest.

4 Er wird dich mit seinen Fittichen decken, / und Zuflucht wirst du haben unter seinen Flügeln. Seine Wahrheit ist Schirm und Schild,

5 dass du nicht erschrecken musst vor dem Grauen der Nacht, vor den Pfeilen, die des Tages fliegen,

6 vor der Pest, die im Finstern schleicht, vor der Seuche, die am Mittag Verderben bringt.

7 Wenn auch tausend fallen zu deiner Seite / und zehntausend zu deiner Rechten, so wird es doch dich nicht treffen.

8 Ja, du wirst es mit eigenen Augen sehen und schauen, wie den Gottlosen vergolten wird.

9 Denn der HERR ist deine Zuversicht, der Höchste ist deine Zuflucht.

10 Es wird dir kein Übel begegnen, und keine Plage wird sich deinem Hause nahen.

11 Denn er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen,

12 dass sie dich auf den Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.

13 Über Löwen und Ottern wirst du gehen und junge Löwen und Drachen niedertreten.

14 „Er liebt mich, darum will ich ihn erretten; er kennt meinen Namen, darum will ich ihn schützen.

15 Er ruft mich an, darum will ich ihn erhören; / ich bin bei ihm in der Not, ich will ihn herausreißen und zu Ehren bringen.

16 Ich will ihn sättigen mit langem Leben und will ihm zeigen mein Heil.“

Abstecher nach Petrópolis und Rio de Janeiro

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