TITANIC CLUB – ZWEITER AKT

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Habe im April mit TITANIC CLUB mein erstes Theaterstück in Drei Akten verfasst, das noch seiner Aufführung und Verbreitung harrt. Den Ersten Akt habe ich hier auf meinem Blog bereits als Leseprobe veröffentlicht (jetzt nicht mehr sichtbar). Heute stelle ich den Zweiten Akt vor – weil er gerade so hübsch in die globale, politische Landschaft passt mit Klimakrise, Handelsstreit, G20 etc. Das Stück ist brandaktuell und hält selbst meinem eigenen selbstkritischen Urteil stand. Voilá:

ZWEITER AKT

 ERSTE SZENE

Es ist taghell, im Club herrscht rege Betriebsamkeit. Etliche Gäste an den Tischen und an der Theke. MARCEL an der Theke, zwei attraktive, weibliche BEDIENUNGEN an den Tischen. Es wird überwiegend Kaffee und kleine Frühstücksvarianten serviert. Alles dezent, diskret, unaufgeregt, mit entspannender Lounge-Musik. Change von Lisa Stansfield.

DER FREMDE sitzt immer noch auf demselben Platz an der Theke. MARCEL ist sein Gesprächspartner, wenn dessen Arbeit es zulässt.

DER FREMDE: Ist ja gut was los hier. Hätte ich nicht gedacht um diese Uhrzeit.

MARCEL: Ja. Der Laden läuft wie geschmiert, praktisch 24 Stunden am Tag. Margot ist jetzt Zuhause und versucht, zu schlafen. Und ich schmeiße jetzt den Laden bis zum Nachmittag oder Abend. Dann übernimmt Margot wieder die Nachtschicht!

DER FREMDE: Eine 12-Stunde-Schicht! Jeden Tag?

MARCEL: Außer montags. Da liegen wir alle flach. Bis Dienstag früh. Da geht der Stress dann wieder von vorne los!! Entschuldige…

MARCEL muss sich um die Bestellungen kümmern.

DER FREMDE beobachtet das Treiben in der Bar.

Der LIEFERANT betritt den Laden und steuert direkt auf die Theke zu, nimmt neben DEM FREMDEN auf einem der gepolsterten Dreh-Hocker Platz.

MARCEL: Ach endlich, Bernd. Wo warst du so lang? Unsere Getränke gehen zur Neige!!

DER LIEFERANT: Ja, Himmel, Arsch und Zwirn!! ***VIDEO AUF PROJEKTIONSFLÄCHEN  So ein Stau in der Stadt. Du kommst nirgendwo mehr durch. Diese Freitagskinder sind wieder los!! Nichts geht mehr!! Ich sag dir, das kann noch heiter werden, wenn die ihre Ziele durchsetzen! Dann muss ich wohl auf Pferde-Kutsche umstellen, um die Getränke anzuliefern!!

MARCEL und DER FREMDE lachen.

MARCEL: Wär doch cool!! Pferde! Ich liebe Pferde!!

LIEFERANT: Ja, Pferde. Super! Weil die so‘n langen Schwengel haben oder was, du Schwuchtel?

MARCEL: (lacht, verträumt) Ach ja, was so ein großer, fester, starker Schwanz doch ist!

LIEFERANT: Igitt. Ekelhaft!!! Lass mich in Ruhe mit deinen Fantasien!! Es geht doch nichts über eine schöne, enge, zarte, feuchte, duftende Muschi!! Wer will denn schon einen Schwanz lutschen!! Oder?***

Der LIEFERANT schaut DEN FREMDEN an seiner Seite herausfordernd an.

LIEFERANT: Oder? Was sagen Sie dazu? Sie sehen so aus, als könnten Sie etwas zur Sache beitragen!

DER FREMDE: (lacht) Also mit fremden Schwänzen habe ich jetzt so direkt keine Erfahrung. Soll jeder nach seiner façon selig werden. Aber für mich ist das nichts. Aber wenn jemand solche Neigungen hat, was soll‘s? Die Natur wird sich schon irgendwas dabei gedacht haben. Kommt ja in den besten Kreisen vor. Ist also normal. Alltag. Gewöhnt man sich dran.

LIEFERANT: Ich hab ja nix gegen Schwule. Sie sollen mich nur in Ruhe lassen. Wir sind alle keine Waisenkinder! (lacht schmutzig) Aber Finger weg von mir!! Der Marcel ist ein guter Kerl. Wir kennen uns schon länger und er weiß, dass ich es nicht so meine. Aber was ich überhaupt nicht abkann, das sind diese perversen Arschlöcher, die wehrlosen Kindern etwas antun, das geht gar nicht!!

MARCEL: Das stimmt. Jeder soll so sein dürfen, wie er ist. Solange er den anderen nicht vorschreibt, wie sie zu leben haben. Die Katholische Kirche ist doch sowas an tot für mich. Da will ich echt überhaupt nichts mehr mit zu tun haben!!

LIEFERANT: Ich war auch schon lange nicht mehr in der Kirche. Nur an Weihnachten oder Ostern, weil meine Frau das so will. Mit der Familie zusammen. Das weckt schöne Erinnerungen an die Kindheit. Aber sie ist auch zunehmend enttäuscht.  Was die Pfaffen da so von sich lassen in den Predigten! Ich will nicht alle über einen Kamm scheren, aber mir kommt das irgendwie alles ziemlich verlogen vor. Aber ich weiß auch nicht viel von der Bibel. Ist mir auch egal. Die hat in all den Jahrhunderten irgendwie auch nur Schlimmes über die Menschheit gebracht.

MARCEL nickt zustimmend, kümmert sich weiter um seine Arbeit

Obwohl ich jetzt gar nicht der Bibel die Schuld geben will oder Jesus oder wie die alle heißen. Ich glaube, der Jesus war schon ein ganz besonderer Mensch. Vielleicht wirklich ein Sohn Gottes, ein Mensch, den Gott damals zu uns geschickt hat, um uns ein paar wichtige Sachen mit auf den Weg zu geben, die wir in Zukunft beachten sollten. Aber die Leute haben sich das alles nur so zurechtgelegt, wie es ihnen gerade in den Kram passte und gesagt, sie täten es im Namen Gottes. Gott wolle das so!! Was sagen Sie dazu, Herr…

DER FREMDE: Alemão. Einfach alemão.

LIEFERANT: Komischer Name. Aber egal. Also hier ist der Lieferschein, mein Lieblingsschwuli. Hab keine Zeit, muss weiter!

Der LIEFERANT und MARCEL regeln das Geschäftliche, verlassen beide die Bar nach draußen, um die Lieferung zu überprüfen.

 

ZWEITE SZENE

 Eine Gruppe von drei BUSINESSTYPEN betritt die Bar, steuert den Tresen an, setzt sich neben DEN FREMDEN an die Theke.

BUSINESSMANN 1:  Hey, Bedienung. Ist da jemand?

DER FREMDE: Der ist gerade draußen, die Lieferung überprüfen. Er kommt gleich wieder.

BUSINESSMAN 1: Gleich wieder. Was ist das für ein Service? Wir sind VIP-Gäste. Zeit ist Geld. Wir haben keine Zeit! Das Geld wartet nicht auf uns! Der Rubel muss rollen, sonst wirft er nichts ab! Die Kuh muss gemolken werden!

Die beiden anderen BUSINESSTYPEN stimmen zu. Wirken wie spätpubertierende Jugendliche. Teure Anzüge und Accessoires.

BUSINESSMAN 1: Und? Was sind Sie für’n Vogel? Was ist Ihr Business? Antiquitäten? (lacht provozierend)

DER FREMDE: Niemand, nichts Besonders. Ruheständler sozusagen. Was immer Sie wollen. Ein Reisender zwischen den Welten. I’m a passenger!

Die drei Businessmänner intonieren lachend und herumalbernd den Song I‘m a Passenger von Iggy Pop. Musik-Video setzt ein. ALLE im Club tanzen und singen. MUSIK aus. Kurzer Freeze. Dann geht alles wieder seinen gewohnten Gang.

MARCEL kommt von draußen wieder zurück zur Theke.

BUSINESSMAN 1: Hey, warmer Bruder. Schieb mal ein paar Latte Macchiatos mit Schuss rüber. Aber ohne Dauerlatte, okay? (lacht dreckig) Aber dalli!! Sind ja schließlich nicht auf Freizeit!!Zeit ist Geld!

MARCEL übergeht die Beleidigung geflissentlich und bereitet zügig die gewünschten Getränke vor und serviert sie den Herren. Währenddessen:

BUSINESSMAN 1 wendet sich an seine Kumpane.

BUSINESSMAN 1: Also diese durchgeknallten Klima-Kinder gehn mir echt auf den Sack! Wäre Zeit, dass mal wieder Kinderarbeit eingeführt wird, damit die mal kapieren, wo’s langgeht. Das Leben ist kein Ponyhof! Wollen die jetzt alle enteignen und die Große Heile Welt bricht aus und alle tanzen nackig ihren Namen bei Sonnenuntergang, ohne Strom, ohne Auto, oder was? Piep, piep, piep, wir ham uns alle lieb?? (lacht höhnisch)

Die anderen Männer brechen in lautes, wieherndes Gelächter aus.

BUSINESSMAN 2: Das kommt alles von diese bekloppte 68er!! Haben sich wohl zu sehr die Birne vollgekifft mit ihrem billigen Shit und pflanzen nun ihrer grenzdebilen Brut in die Köpfe, dass die Welt untergeht, wenn wir so weitermachen wie bisher!

BUSINESSMAN 3: Jawollja!!

BUSINESSMAN 3: Hier!! Ich mache liebend gerne weiter wie bisher!! (zieht seine Brieftasche aus dem Sakko hervor) Mein Portemonnaie! Voller Banknoten!! Dicke, schöne, knisternde Banknoten!! Fünfziger! Hunderter! Sogar einen lila Fünfhunderter!! Mein Talisman. Und dann die Platinkarten. Platin! Eins, zwei, drei. Willste mal riechen? (hält DEM FREMDEM die Brieftasche unter die Nase) SO riecht Geld! So riecht Erfolg!! Die Weiber stehen drauf!!

Die Männer lachen, johlen, klatschen, stoßen an.

Von einem benachbarten Tisch erheben sich zwei attraktive junge Frauen, die dort bisher unbemerkt dem Gespräch gelauscht haben. Sie steuern die Männer am Tresen an.

ESCORT 1: Na, ihr Hübschen? Wollt ihr mir und meiner Freundin nicht einen Drink spendieren?

BUSINESSMAN 1: Aber klar doch. Sag ich doch. Die Weiber stehen drauf! Die haben ein feines Näschen!

BUSINESSMAN 3: Näschen ist gut! (lacht und tut so, als würde er sich über den Handrücken schnell eine Nase Koks reinziehen)

Die Frauen tuscheln mit den Männern. Offenbar ist man sich schnell handelseinig geworden und die Businessmänner verlassen mit den Frauen das Lokal, nachdem sie die Rechnung mit einem Hunderter beglichen haben.

BUSINESSMAN 1: (zu Marcel) Hier, nimm. Der Rest ist für dich Schwuchtel und für deinen komischen Freund hier. Gib ihm einen aus von mir. Er scheint es nötig zu haben. I love my Life! (verlässt lachend das Lokal)

MARCEL: Mann oh Mann, keine Ahnung, wie lange ich diese Typen noch aushalten kann. Wie ich sie verabscheue!

DER FREMDE schweigt.

MARCEL: Die schmeißen mit ihrem Geld nur so um sich und halten sich für die Allergrößten mit ihren SUVs und Rolex-Uhren und was noch alles. Die denken, ihnen gehöre die Welt, und Regeln seien nur was für Looser. SIE kennen keine Regeln, die einzige Regel die sie kennen ist, möglichst viel Profit in möglichst kurzer Zeit zu machen! Ohne Rücksicht auf Verluste! Scheiß auf die Natur! Scheiß auf die Gesellschaft! ICH ICH ICH!!

DER FREMDE schweigt.

MARCEL: Sagen Sie doch auch mal was!! Sie sind dauernd so still. Und denken sich doch Ihren Teil. Das sehe ich doch. Sie wissen doch was, sagen es aber nicht. Jetzt mal raus mit der Sprache! Wer sind Sie? Was denken Sie? Wie soll das alles werden? Haben Sie eine Antwort auf das alles?

DER FREMDE schmunzelt leicht in sich hinein.

DER FREMDE: Wo ist eigentlich Elsa geblieben?

MARCEL: Ach, die ist sicher schon gegangen, muss ihre kleine Tochter in den Kindergarten bringen und dann zu ihrem nächsten Putz-Job bei irgend so einer reichen Tussi.

 

 

DRITTE SZENE

Fanfaren erklingen! Wie vor dem Auftritt des Präsidenten der Vereinigten Staaten zur State of the Union!!

Die Außentür fliegt auf und hereingeschritten kommt ein von Security-Leuten umringter imposanter Mann mit Anzug und Krawatte, der offensichtlich eine wichtige Persönlichkeit ist.

MARCEL: Ach Herrje, der Regierende Bürgermeister! Jetzt muss ich arbeiten!

Der Tross steuert zielstrebig die VIP-Lounge an der linken Bühnenseite an. Alle Bediensteten und Restaurantgäste eilen herbei, um den VIP-Gast zu begrüßen, ihm zu huldigen, Fotos zu schießen, ihn zu belagern. Bühne wird dunkel, ein Spotlight leuchtet allein den VIP-Bereich in TV-Studio-Stärke an.

BÜRGERMEISTER: Hallo, Marcel. Bring mir bitte – wie immer!!

MARCEL: Sehr wohl, Herr Bürgermeister! Zu Befehl!!

BÜRGERMEISTER: So ist’s recht!

MARCEL geht einen Eimer mit eisgekühltem Champagner holen.

BÜRGERMEISTER: (mehr zu sich selbst) Man gönnt sich ja sonst nichts. Termine, Termine. Aber so viel Zeit muss sein. Landschaftspflege.

Ein bis dahin unauffällig an einem Tisch sitzender Mann im Anzug geht auf den Bürgermeister zu und begrüßt ihn vertraut.

BÜRGERMEISTER: Ach, da bist du ja schon, Heinz!! Wie gut, hab nicht viel Zeit.

MARCEL kommt mit dem Champagner herbeigeeilt.

BÜRGERMEISTER: Nimm ein Glas von diesem wunderbar perligen Veuve Clicquot! Ein wirklich guter Tropfen in der Morgenstunde. Gibt dir gleich einen ganz anderen Kick für den Tag.

BERATER: (akzeptiert nickend) Kick? Ach, und ich dachte da gäb’s was Besseres? (lacht, führt den Handrücken an die Nase und zieht sich symbolisch eine Nase)

BÜRGERMEISTER: Klappe, spinnst Du?

BERATER: Sorry, war nur’n Spaß. Was kann ich für dich tun, mein Lieber?

MUSIK setzt leise ein im Hintergrund: Be Gentle, Wendy Bevan

BÜRGERMEISTER: Du, wir müssen irgendwie auf diese Kinderkacke da reagieren! Die versemmeln mir noch den ganzen Wahlkampf mit ihren kindischen Forderungen! Netto-Null bis 2030!! Wie soll das gehen?? Ich hab die halbe Autoindustrie und die Energieriesen am Hals, die mir sagen, ich muss mich dagegen positionieren, sonst wird das nix mit der Kanzlerschaft. Die machen echt Druck und drohen damit, Arbeitsplätze in der Stadt abzubauen! Diese Blagen haben ja keine Ahnung von Politik! Das ist doch kein Wunschkonzert! Als ob ich mich einfach so hinstellen könnte um den sofortigen Weltfrieden auszurufen!! Politik ist das Bohren dicker Bretter. Einer der wenigen weisen Sätze, die Angela Merkel je von sich gegeben hat. Dicke Bretter!!

BERATER: (lachend) Und dicke Aktenkoffer!!

BÜRGERMEISTER: (Stimmung schlägt schlagartig um) Bist du bekloppt? Das kannst du doch hier nicht sagen! In aller Öffentlichkeit!! Wir sind schließlich nicht unter uns!

BERATER: Sorry, war ja nur’n Scherz…

BÜRGERMEISTER: Zum Scherzen bin ich jetzt nicht aufgelegt. Die Umfragewerte haben eine klare Richtung! Und die ist NE-GA-TIV. Die Ränder werden immer stärker, die Linken, die Rechten. Und die allseits beliebten grünen Klima-Retter!! Alle legen zu, nur wir als Volkspartei der Mitte werden gerupft wie ein Huhn! Diese Klima-Religiösen sind die Schlimmsten! Dass ich nicht lache! Dabei kochen die auch nur mit heißem Wasser!!

BERATER: Mit heißer Luft, wolltest du wohl sagen!

BÜRGERMEISTER: Heiße Luft, in der Tat. Machen einen auf Moralapostel. Versprechen den Leuten das Blaue vom Himmel, ein Alice im Wunderland, wo alles von den Bäumen runterwächst. „Nur WIR haben die Lösung!“ Was für eine Lösung? Zurück in die Steinzeit oder was?!

BERATER: Zurück in die Steinzeit ist gar nicht so schlecht als Spruch. Als Drohkulisse. Mit der Angst der Leute kann man im Wahlkampf immer am besten spielen. Die Menschen sind voller Ängste und Sorgen, was die Zukunft angeht. Je polarisierender wir das machen, desto besser. The Medium Is The Massage!

BÜRGERMEISTER: Ja, du mit deinem Kommunikations- und Marketinggedöns! Wohlfeile Theorie. Aber hier ist Praxis. Das ist reales Leben. Ich stehe an der Front. (verächtlich) Medium ist die Massage. Heute haben wir mit so vielen Medien zu tun. Diese ganzen Sozialen Medien müssen wir ja auch alle bespielen, um unsere Botschaften an den Mann zu bringen, sonst rennen die uns alle weg.

BERATER: Und an die Frau! Die Frauen nicht vergessen! Das ist die wichtigste Wählergruppe, vor allem in den Sozialen Netzwerken!

BÜRGERMEISTER: Ja, ja, die Frauen. Dieser ganze Genderscheiß geht mir auch gehörig auf den Sack! Du kannst ja heute nicht mal mehr eine derbe Rede im knüppeldicken Bierzelt halten, ohne dass dir diese ganze linksliberale Political-Correctness-Fraktion anschießend an den Hals springt und dich lynchen will!! Was waren das noch für selige Zeiten, als Herbert Wehner und Franz Josef Strauß sich Duelle im Bonner Bundestag geliefert haben! Das waren Straßenfeger in Radio und Fernsehen!!

BERATER: (hält kurz nostalgisch inne) Ja, Tempi passati…Aber was hilft’s. Es ist wie es ist. Ich durfte ja auch mal durch einen glücklichen Umstand an einer Rede von ***FOTO Willy Brandt mitschreiben…

BÜRGERMEISTER: Was? Echt? Wusste ich ja gar nicht. Musst du mir bei nächster Gelegenheit mal erzählen, die Story.*** Aber jetzt muss ich gleich wieder weg und irgendwo den Grüßonkel spielen. Also: was wir brauchen ist ein gutes Investitionsklima in der Stadt, start ups. Big business. Ohne potente Arbeitgeber steigen uns die Sozialausgaben bis zum Hals! Ist schon jetzt nur mit Länderfinanzausgleich zu schaffen. Mir hängen am Tropf der anderen Bundesländer und die machen mir auch die Hölle heiß, weil sie lieber streichen wollen als uns weiterhin etwas von ihren Milliarden abzugeben. Kann ich sogar verstehen. Hätte ich an deren Stelle auch keinen Bock drauf.

BERATER: War da nicht mal was von Solidargemeinschaft oder so?

BÜRGERMEISTER: Ach, du unverbesserlicher Sozi. Man kann nur verteilen, was man auch hat. Wir können nicht ewig auf Pump leben…

BERATER: Wieso? Läuft doch super! Die Zinsen auf Rekordtief! Gewinne privatisieren! Verluste sozialisieren. Das Volk lässt sich das doch bisher ohne Murren gefallen, weil es gar nicht checkt und versteht, was gerade abgeht, wie die Leute an der Nase herumgeführt und für dumm verkauft werden.

BÜRGERMEISTER: Dumm ist gut. Mag ja für die große Mehrheit zutreffen, aber ohne zu murren? Das war einmal. Ich glaube, die Leute sind aufgewacht und haben’s jetzt irgendwie gecheckt, dass da was schiefläuft. Die gehen auf die Barrikaden. Die Kinder. Die Eltern. Die Wissenschaftler. Alle. Die ganze Welt scheint sich gegen uns zu verschwören. Wir müssen etwas tun! Sonst sind wir weg vom Fenster!! Lass dir was einfallen, Heinz. Ich muss los. Komm später in mein Amtszimmer. Wir müssen das diskret unter vier Augen besprechen.

BERATER: Jawoll, Herr Bundeskanzler in spe! Werde mir mit meinem Team gleich ein paar Gedanken machen für deine Kampagne. Bis später!

Spätestens hier Musik aus.

Der Berater, der Bürgermeister und sein Tross wollen gerade das Lokal verlassen…

 

VIERTE SZENE

 SEED, Dickes B setzt ein

 …da stürmt ein Team eines großen TV-Senders herein, Reporter, Kamera- und Tonmann. Sie steuern direkt auf den Regierenden Bürgermeister zu, das Kopflicht der Kamera strahlt seinen Kopf und die Schultern an.

BÜRGERMEISTER: (zu dem Berater) Ach du Scheiße! Das hat mir gerade noch gefehlt!

BERATER: Fuck! – Ach was, Shit happens! Immer freundlich, souverän, alles im Griff!!

REPORTER kommt auf BÜRGERMEISTER zu, hält ihm Mikrofon vor’s Gesicht. Bürgermeister will sich zügig kameragerecht in Pose stellen, streicht über die Haare, rückt die Krawatte zurecht…

REPORTER: Herr Bürgermeister! Schön dass wir Sie hier antreffen! Wir haben ehrlich gesagt einen Tipp bekommen und dachten uns schon, dass Sie um diese Uhrzeit im TITANIC CLUB anzutreffen sind.

BÜRGERMEISTER: Kinners, immer langsam. Lasst mich mich erstmal ein bisschen herrichten, sonst denken eure Zuschauer noch, ihr hättet mich gerade inmitten einer wilden Party angetroffen (lacht jovial).

REPORTER: Ach so, der Party-Bürgermeister. Ja, so kennt man Sie. Aber darum geht‘s jetzt nicht. Die Lage ist ernst, Herr Bürgermeister! Das wissen Sie besser als ich!

BÜRGERMEISTER: Ernst? Da haben Sie (BERATER, der eng bei ihm steht und alles sehr konzentriert verfolgt und dem Bürgermeister hilft, sich ins rechte Licht zu rücken, knufft den BÜRGERMEISTER in die Seite, BÜRGERMEISTER kurz aus dem Konzept geworfen…)

Also nochmal. Cut. Cut. Ernst. Ja, da übertreiben Sie. Wir haben alles im Griff. Behörden, Polizei, Feuerwehren – alle stehen Gewehr bei Fuß, ich meine, alle sind auf alle Eventualitäten vorbereitet! Es besteht nicht der geringste Anlass zur Panik.

REPORTER: Was sagen Sie zu den FridaysForFuture-Demos? Was gedenkt Ihre Regierung zu tun, um den Forderungen der Demonstranten entgegenzukommen?

BÜRGERMEISTER: Entgegenzukommen? Ich denke, diese Kinder sind noch nicht reif genug, um zu verstehen, wie die Dinge laufen. Sie sollten das lieber den Profis überlassen. Das Leben ist kein Wunschkonzert! (äfft nach) Ich will jetzt, dass alle Bienen wieder zurückkommen! Ich will, dass alle Bäume glücklich sind! Ich will, dass von heute auf morgen alle Ampeln auf Grün springen!! Hallo??? Wo sind wir denn hier?! ***FOTO Das ist kein Pipi-Langstrumpf-Roman von Astrid Lindgren: Wir retten mal eben die Welt!!***

BERATER kann nicht an sich halten und applaudiert. Auch aus dem umstehenden Publikum kommt Zustimmung.

Der REPORTER wendet sich an seinen KAMERAMANN:

REPORTER: Und? Alles im Kasten?

KAMERAMANN hebt den Daumen.

REPORTER wendet sich an TONMANN.

REPORTER: Ton?

TONMANN: Check!

REPORTER: Danke, Herr Bürgermeister! Starkes Statement! Ist im Kasten. Wir fliegen zurück zum Sender und bringen es so schnell wie möglich On Air!

BÜRGERMEISTER: Großartig! Gute Arbeit! Sie sind der Beste! Lieben Gruß an Peter!!

REPORTER: Unseren Chefredakteur! Werde ich ausrichten! Er weiß ja immer, wo Sie gerade stecken!!

BÜRGERMEISTER: So ist‘s recht!

REPORTER und BÜRGERMEISTER reichen sich zum Abschied die Hand. BERATER klopft BÜRGERMEISTER anerkennend auf die Schulter. Alle verlassen das Lokal.

DER FREMDE schaut ihnen nach. MARCEL eilt hinterher, um die Gäste höflich zu verabschieden, wird aber nicht weiter beachtet. MARCEL kehrt zur Theke zurück. ALLE im Club bewegen sich rhythmisch zur Musik. Musik aus. Alles wieder weiter wie zuvor.

DER FREMDE: Der hat die Rechnung jetzt aber nicht bezahlt, oder?

MARCEL: Der? Bestimmt nicht. ***VIDEO Der braucht kein Geld im Portemonnaie. Kriegt überall alles umsonst. Und anschließend, wenn er nicht mehr in Amt und Würden ist, weil wegen Unfähigkeit oder Unbeliebtheit abgewählt, bekommt er trotzdem eine fette Pension und braucht sich um nichts weiter zu kümmern. Und weil er ja so gut vernetzt ist und schon immer der Genosse der Bosse war, wird er auch noch einen oder mehrere tolle Aufsichtsratsposten obendrauf bekommen, wo er nochmal fett Kohle einstreicht, ohne wirklich arbeiten zu müssen. So wäscht eine Hand die andere. Und wir kleinen, normalen Leute arbeiten bis zum Umfallen und haben am Ende eine Rente, mit der man nicht einmal die Miete zahlen kann!! Da gibst du dir doch lieber gleich die Kugel!!***

Naschfuchs von Deichkind. Alle tanzen dazu und spielen Textinhalt nach: Konsum von Drogen, Süßigkeiten, etc. Das Große Fressen.

VORHANG

PAUSE

Autor: F. Gregor W. Rabe – All rights reserved ©

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