TITANIC CLUB – Letzter Akt, Szenen 1-4

Flattr this!

Hier ist die Fortsetzung des Theaterstückes, das ich im April verfasst habe. Den ersten und zweiten Akt konntet ihr hier auf dem Blog bereits lesen (wer ihn halt regelmäßig verfolgt). Nun enthülle ich den dritten und letzten Akt, der aus insgesamt fünf Szenen besteht. Die letzte Szene von TITANIC CLUB, das Finale, dürft ihr euch selber ausmalen…Vorschläge?

DRITTER AKT

 ERSTE SZENE

Everybody’s Talking, Harry Nilsson

Früher Abend. Das Lokal füllt sich mit Büroleuten, die das Wochenende mit einer After-Work-Party einläuten wollen. Am offenen Eingang ist eine Kasse aufgebaut, vor der sich eine Schlange gebildet hat. Die Stimmung ist angenehm, sommerlich entspannt, casual, Wochenende! Man sieht, wie sich das Lokal immer mehr füllt, Leute strömen herein, bis die Tür geschlossen werden muss.

You Sexy Thing von Hot Chocolate setzt ein. Eine Disko-Kugel lässt bunte Lichter durch die Bar tanzen, auf der Bühne sorgen zwei junge, leicht bekleidete Pole Tänzerinnen für Animation. Andere junge Frauen in kurzen Röcken und sexy Outfit stehen herum und offenbar für Kontaktanbahnungen bereit.

Alle fangen wie auf Knopfdruck an zu tanzen und Party zu machen.

DER FREMDE sitzt noch immer am Tresen. An Stelle von Marcel hat jetzt CLAUDIA Schicht, eine erfahrene, professionelle Bardame, bisexuell. Hausherrin MARGOT erteilt dem Personal Aufträge oder führt Small-Talk mit manchen Gästen.

Alle tanzen, quatschen, trinken. Dann sieht man, wie sich eine Frau um die 30 von der Tanzfläche zu den Sitzgruppen am vorderen Bühnenrand fortbewegt, gefolgt von einem Businessman, der ihr offenbar an die Wäsche will.

ASSISTENTIN: Lass mich, verdammt nochmal. Ich hab dir doch klar gesagt, ich will das nicht!

BUSINESSMAN 2: Jetzt stell dich nicht so an, Schnittchen!

ASSISTENTIN: Ich bin kein Schnittchen. Ich bin überhaupt kein Schnittchen oder Flittchen. Nur weil wir im selben Büro arbeiten, heißt das nicht, dass ich dir zur Verfügung stehe! Ich bin Mutter, habe Kinder!

BUSINESSMAN 2: Ja und? Ich hab auch Frau und Kinder zuhause! Ist mir doch egal. It’s a free world! Ich kann tun und lassen, was ich will. Wo kämen wir da hin, wenn derjenige, der die ganze Kohle anschafft, auch noch enthaltsam leben müsste wie ein Mönch!! Das wäre ja idiotisch! Dafür mache ich doch den ganzen Scheiß, damit ich die geilsten Schnecken vernaschen kann! Und gib zu: Du willst es doch auch!!

Nähert sich ihr wieder anzüglich, sie wehrt ihn erneut ab.

ASSISTENTIN: Nicht im Traum! Nicht im schlimmsten Alp-traum! Job ist Job, privat ist privat. Ich trenne das gerne voneinander.

BUSINESSMAN 2: No risk, no fun!! (versucht ihr unter den Rock greifen) Komm schon, pretty woman! Du bist so heiß, so sexy. Du hast einen so rattenscharfen Body, das hab ich vom ersten Tag an gemerkt. Da möchte man doch gleich seinen knüppelharten Schwanz in deine glühende Fotze stoßen!!

ASSISTENTIN: (schubst ihn von sich) LASS DAS! Sonst schreie ich und mache hier einen Aufstand!

BUSINESSMAN 2: (drohend) Ich warne dich!! Du Schlampe! Da legst du dich mit dem Falschen an! Ich bin dein Vorgesetzter, Mädchen. Und wenn du Ärger machst, bist du deinen Job schneller los als deine Kinder bis drei zählen können! Was glaubst du, wer du bist? Glaubst du echt, du hast den Job bekommen, weil du so qualifiziert bist, du Schlampe? (lacht höhnisch)

Musik aus. ASSISTENTIN und ALLE erstarren vor Schreck.

BUSINESSMAN 2: Ja, da guckst du, was? Natürlich nicht! Wir suchen uns unsere Sekretärinnen und Assistentinnen und Hostessen schon sehr gezielt aus (er beginnt, seine Hand über ihren Körper zu streichen, was sie widerwillig über sich ergehen lässt)…Schade, dass wir die Bodymaße nicht schon im Bewerbungsverfahren erfahren dürfen. Aber Bewerbungsfotos und Vorstellungsgespräche sind ja aussagekräftig genug (knurrt wie ein Kater…)

BUSINESSMAN 2 beginnt mit ASSISTENTIN in engem Körperkontakt zu tanzen, sie lässt sich widerwillig darauf ein.

BUSINESSMAN 2: Du glaubst gar nicht, was für affen-titten-geile Bewerbungen bei uns auf dem Tisch landen! Die Chicks sind ganz wild darauf, bei uns zu arbeiten! Und legen sich richtig ins Zeug, um den Job zu kriegen! Die besten Fotos und Videos hebe ich in meiner Asservatenkammer auf!! (lacht)

Michael Jackson, You Are Not Alone setzt ein, ASSISTENTIN und BUSINESSMAN 2 kehren zur Tanzbühne zurück, wo er sie nun hemmungslos betatschen, abknutschen und sein Bein zwischen ihre Beine drängen kann. ALLE tanzen nun, sogar DER FREMDE mit MARGOT. Das Video läuft auf den Projektionsflächen. Es folgt Bobby Brown von Frank Zappa als Projektion auf der Bühne: ALLE wenden sich zur Bühne und schauen Zappa zu. Dann setzt We Are The Champions ein, bei dem alle Büro-Leute inbrünstig mitsingen und sich mit Schampus begießen.

 

ZWEITE SZENE

Plötzlich stürmt ein Pulk vermummter GELBWESTEN ins Lokal! Die Leute schreien erschrocken, weichen den Vermummten aus, wollen sich in Sicherheit bringen, doch der Ausgang ist von den Gelbwesten versperrt. Der ganze Club wird schlagartig von grellen Lampen angestrahlt.

REVOLUTION! REVOLUTION! skandieren die Gelbwesten.

ANFÜHRER: Da haben wir euch ja! Ihr kapitalistischen Schweinepriester!! Jetzt ist Schluss mit lustig!! Jetzt geht’s euch an den Kragen!

Es kommt zu Tumulten und Handgemengen. Geschrei. Die Lage scheint außer Kontrolle zu geraten. Doch die Gelbwesten schaffen es, die Leute festzuhalten.

ANFÜHRER: (besteigt einen der Tische mit Megaphon) ALLE MAL HERHÖREN! Jetzt haben WIR das Sagen!

MARGOT kommt herbeigeeilt.

MARGOT: Von wegen!! Also so geht’s ja nicht, Leute! Ihr könnt doch nicht einfach so in meinen Laden eindringen. Verlasst sofort meinen Laden! Geht auf die Straße demonstrieren, aber nicht hier! Sonst muss ich die Polizei rufen!

ANFÜHRER: Polizei! Polizei!! Dass ich nicht lache! (Die Gelbwesten fallen in das Gelächter mit ein, skandieren Polizei, Polizei) Die sind ja schon da draußen völlig überfordert! Aber sowas von. Staatsversagen kann ich dazu nur sagen.

DIE GELBWESTEN skandieren: Staats-ver-sagen! Staats-ver-sagen!! (Die GELBWESTEN haben was von der Komik Monty Pyton’s.)

Ein Stein scheppert an die Fenstertür aus Panzerglas. Die Gäste erschrecken, schreien ängstlich, die Gelbwesten johlen: Anarchie! Anarchie! Jetzt oder Nie!!

MARGOT nimmt den Telefonhörer ans Ohr, ruft die 110. Doch es ist offenbar kein Durchkommen.

MARGOT: Besetzt. Der Notruf ist besetzt!

ANFÜHRER: Ja, so ist das. Nichts geht mehr. RIEN NE VA PLUS! Das müsstet ihr doch am besten verstehen, ihr Zocker von der Finanzbranche!! FINANZ-HAIE!! Heuschrecken!!

Aber euer letztes Stündlein hat jetzt geschlagen! Wir holen uns zurück, was uns gehört! WIR SIND DAS VOLK!!

GELBWESTEN skandieren: „Wir sind das Volk! Wir sind das Volk!“

BUSINESSLEUTE rufen, schreien: Polizei! Polizei! HILFE!! HILFE!!

ANFÜHRER: Da könnt ihr lange schreien, bis euch die Puste ausgeht, ihr Kokser! Jetzt wird enteignet. Und zwar Hier und Jetzt! Alle geben ihre Handies ab und leeren ihre Taschen und Portemonnaies. Alles hier auf den Tisch und in die großen Säcke! Aber Dalli!

Sofort machen sich mehrere GELBWESTEN daran, die Gäste zu filzen. Manche empören sich oder versuchen, Widerstand zu leisten. Doch die Gelbwesten gehen sofort zu Gewalt über, entreißen den Anwesenden ihren Schmuck und ihre Wertgegenstände.

BUSINESSMAN 3: Ich verbiete mir dieses respektlose Verhalten! Wo sind wir denn hier? In Venezuela? In Kuba? Wir haben hier eine Marktwirtschaft! Wir haben den Schutz des Eigentums! Wir haben einen Rechtsstaat!

ANFÜHRER: Rechtsstaat? Dass ich nicht lache, du armseliger Wurmfortsatz. Das Recht ist doch schon lange nicht mehr auf unserer Seite, sondern nur noch auf der Seite derjenigen, die es sich LEISTEN können! Der normale Bürger hat doch immer die Arschkarte, wird nach Strich und Faden belogen und betrogen! Es reicht! Jetzt kommt das Volk an die Macht!!

BUSINESSMAN 2: Das Volk! Wir sind das Volk! Bist du von Pegida übrig geblieben? Oder von der AfD? Oder haben sie dich bei den Montagsdemos in der DDR zurückgelassen?

Allgemeines Gelächter

ANFÜHRER: Völlig egal. Meinetwegen kannst du dir den Spruch auch in deinen armseligen Hintern stopfen. Ihr habt ausgespielt! GAME OVER!!

GELBWESTEN skandieren „Game Over! Game Over!“

GELBWESTE 1: Vaterland oder Tod! Deutschland den Deutschen!!

Großes allgemeines Gejohle! Skandieren „Deutschland den Deutschen“

GELBWESTE 2: Alle Macht dem Volke!!

Gelbwesten widerholen: „Alle Macht dem Volke“

BUSINESSMAN 1: Deutschland den Deutschen? Hey, da bin ich doch ganz bei euch! Schluss mit diesem ganzen ausländischen Ungeziefer, diesen Schmarotzern!!

ALLE skandieren: Schmarotzer, Schmarotzer!!

ANFÜHRER: Die Schmarotzer seid ihr! Ihr lebt auf Kosten der Allgemeinheit! Ihr scheffelt eure Prämien und Boni und macht euch ein schönes Leben, während das normale Volk ins Präkariat abgestürzt ist!!

GELBWESTEN skandieren: PRÄ-KA-RAT PRÄ-KA-RAT

            BUSINESSMAN 1: Prä-Ka-Ri-at heißt das!

GELBWESTEN skandieren: Prä-Ka-rÍ-at, Prä-ka-rÍ-at

ANFÜHRER: Jetzt wird enteignet! Friede den Hütten! Krieg den Palästen!!

Musik: Die Marceillaise setzt ein, DIE GELBWESTEN stimmen ein, während sie das Beutegut zusammenraffen. Dann drängen sie laut johlend und jubelnd wie bei einem Karnevalszug zum Ausgang und auf die Straße, einige demolieren dabei die Einrichtung des Lokals, lassen ihre Wut an Gegenständen aus, schubsen Gäste gewaltsam aus dem Weg. Einige Gäste rennen hinterher, andere bleiben verängstigt oder verblüfft und orientierungslos im Lokal zurück.

Musik aus

 

DRITTE SZENE

 

Die verbliebenen Gäste schauen sich fassungslos, ratlos bis aufgelöst an, suchen einen Sitzplatz, eine Frau bricht in Tränen aus, wird von den anderen Gästen aber nicht weiter beachtet.

MARGOT: Herr im Himmel! Was war das denn für ein Spuk?? Ich denk ich bin im Irrenhaus!! Das kann doch nicht wahr sein!

Tja, meine sehr verehrten Gäste. Entschuldigen Sie bitte diese unvorhergesehene Störung. Wir leben wahrhaftig in verrückten Zeiten.

Wir müssen jetzt leider unser Lokal wegen Höherer Gewalt schließen und aufräumen. Geld zum Zahlen haben Sie jetzt ja alle nicht mehr. Beehren Sie uns demnächst wieder. Aber gehen Sie jetzt bitte alle schnell nach Hause!!

BUSINESSMAN 1: Nach Hause? Wie denn? Die haben meine Autoschlüssel und all mein Geld und die Kreditkarten mitgenommen. Verbrecher! Die gehören alle zum Tode verurteilt! Standrechtlich erschießen muss man diesen Mob!!

Die verbliebenen Gäste applaudieren und johlen zustimmend. Und skandieren: ERSCHIESSEN!! ERSCHIESSEN!!

Da sind plötzlich von draußen tatsächlich Schüsse zu hören! Die Gäste jubeln zuerst, doch dann stutzen sie plötzlich und bekommen es mit der nackten Angst um ihr Leben zu tun.

BUSINESSMAN 2: TÜR VERRAMMELN!! TÜR VERRAMMELN!! SONST KOMMEN DIE NOCH HIER REIN UND TÖTEN UNS ALLE!!

Die Gäste fangen alle hektisch an, sperrige und schwere Gegenstände vor den Eingang zu stapeln, bauen eine Barrikade.

BUSINESSMAN 1: Das ist doch bestimmt die Polizei! Sie schießen auf die Demonstranten! Macht mal den Fernseher an. Mal gucken, was die Nachrichten bringen!!

Da springen plötzlich die Projektionsflächen an und man sieht Bilder von Straßenkämpfen der Gelbwesten mit der Polizei. DER FREMDE sitzt nach wie vor ohne sichtliche Regung am Tresen und schaut sich das alles aufmerksam, aber teilnahmslos an.

Auf allen Kanälen Breaking News. Sprachloses Entsetzen bei den Gästen.

***LIVE-BERICHTERSTATTUNG

REPORTER: Auf den Straßen ist die Hölle los. Die Lage scheint völlig außer Kontrolle zu sein. Polizei und Gelbwesten und Leute vom Schwarzen Block, aber auch Neo-Nazis und der aufgeheizte Mob liefern sich schwere Straßenkämpfe, die Fronten sind nicht klar auszumachen.***

BUSINESSMAN 1: What the Fuck! Was für eine Scheiße ist das denn?? Die legen ja alles in Schutt und Asche. Rette sich wer kann!!

Er will rausrennen, bemerkt aber die Barrikade. Es entsteht ein Handgemenge, keiner weiß so recht, ob er lieber drinbleiben oder rausrennen soll. Dann entscheidet sich die Masse, den Weg nach draußen zu suchen. Hektisch werfen sie die sperrigen Gegenstände wieder zur Seite und stürzen übereinander herfallend nach draußen.

Von draußen dringen kriegsähnliche Geräusche ins Lokal.

 

VIERTE SZENE

 

Nur MARGOT, DER FREMDE, CLAUDIA, zwei Kellnerinnen und die beiden Pole Tänzerinnen sind zurückgeblieben. MARGOT lässt sich völlig fertig und erschöpft in einen Sessel nahe der Theke fallen.

DER FREMDE sitzt weiter an der Theke und verfolgt das Geschehen auf dem Fernseher. Lärm von draußen und aus dem Fernseher sind kaum noch zu unterscheiden. Gegenstände fliegen gegen die Eingangstür.

MARGOT: Leute! Das ist die Apokalypse! So sieht sie also aus! Das ist das Ende! Das ist der Weltuntergang!!

MARGOT schaltet den Fernseher aus. Plötzlich kehrt Stille ein. Nur von außen ist noch dumpf etwas von den Straßenkämpfen zu vernehmen. Manchmal scheppert noch etwas gegen die Außentür.

MARGOT: Ich will das gar nicht hören. Kinder, verbarrikadiert die Tür, damit hier nicht noch mehr Verrückte reinkommen! Das hab ich meinen ganzen Lebtag noch nicht erlebt!

Das ist alles so krank. Durch die Medien werden jetzt auch noch diejenigen aufgeputscht, die irgendwo in der Pampa wohnen und eigentlich von nichts was wissen und jetzt auch noch mitmachen wollen bei dieser Anarchie!! The world is Crazy. So Crazy. Ich bin echt zu alt für diesen Scheiß.

TÄNZERIN 1: Aber ich muss zu meiner Tochter! Ich muss meine Tochter suchen. Ich habe sie im Haus einer Freundin übernachten lassen. Ich muss wissen, ob es ihr gut geht!

TÄNZERIN 2: Ich muss auch weg! Hier fühle ich mich nicht sicher. Ich will zu meiner Mama!!

MARGOT: Okay, okay. Ich verstehe. Dann lasst mich halt eben alle hier allein.

CLAUDIA: Ich bleibe hier bei dir. Zu mir nach Hause ist es zu weit. Und unter diesen Umständen zu gefährlich. Ich lege mich später hier auf die Couch.

MARGOT: Wie du willst. Aber jetzt helft noch schnell, die Tür zu verbarrikadieren. Und wer gehen will, nimmt den Hinterausgang durch die Küche!!

Die TÄNZERINNEN und die beiden BEDIENUNGEN errichten wieder eine Barrikade, nehmen dann ihre Sachen und verlassen die Bühne über die Küche zum Hinterausgang.

MARGOT: Passt auf euch auf, Kinder! Da draußen ist Bürgerkrieg!! Seid vorsichtig!

ALLE: Ja, Margot. Gott möge uns alle beschützen! Pass auf dich auf! Wir sehen uns hoffentlich alle wieder!

***

© F. Gregor W. Rabe. All rights reserved.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.