TITANIC CLUB – LESEPROBE

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Habe dieser Tage ein brandaktuelles Theaterstück in drei Akten verfasst – mein erstes! Es kam einfach so über mich. Und ich gestehe: mir gefällt’s! Ich hoffe, euch auch. Anregungen und konstruktive Kommentare immer willkommen.

TITANIC CLUB

 Ein Schauspiel in drei Akten

von

F. Gregor W. Rabe ©

 

 

© Alle Rechte beim Autor

Personen

 in der Reihenfolge ihres Erscheinens:

DER FREMDE                     schlanker, legerer Mann zwischen 50 und 60

MARGOT                              Barbesitzerin, um die 60

ELSA                                     brasilianische Putzfrau um die 30

MARCEL                              Tages-Bartender, um die 30, attraktiv, schwul

FASCHO                               Nur hinter Milchglas schemenhaft zu sehen

HANS                                    Businessmann Mitte 30, Typ Finanzbranche

RAISSA                                 russisches Escort-Girl, Mitte 20

GRETEL                               kleine Klimaaktivistin, um die 12 Jahre alt

WISSENSCHAFTLER        (versteht sich von selbst)

BEDIENUNGEN                  zwei Studentinnen Anfang 20

LIEFERANT                         deutscher Getränkelieferant, um die 40

BUSINESSMAN 1-3           Anzugträger, um die 30, no risk, no fun

ESCORT 1+2                       Mitte/Ende 20, sehr attraktiv

BÜRGERMEISTER            Typ Wowereit

SECURITY (4)                     3 Männer, eine Frau

BERATER                            Um die 50, früher Polit-Journalist, heute PR

REPORTER                         TV-Reporter

KAMERAMANN                  Heavy Metal Typ, kräftig, arm

TONMANN                           prekär beschäftigter Kabelträger Anfang 20

CLAUDIA                              Bartenderin Mitte 30, vermutlich bi, Single

ASSISTENTIN                     Typ Sekretärin, Businessoutfit

TÄNZERINNEN 1+2           Typ Pool Dance

ANFÜHRER                         Kräftiger Mann um die 50, Typ Volkstribun

GELBWESTE 1+2                weiße Männer um die 40

TÄNZER, STATISTEN, KINDERCHOR 

Das Stück spielt die ganze Zeit im Inneren des CLUB TITANIC in einer deutschen Millionenmetropole

SETTING:

Das gesamte Bühnenbild wird vom Interieur des CLUB TITANIC ausgefüllt. Der Stil ist edel, sauber, teuer. Hier trifft sich alles, was in der Stadt Rang und Namen hat, ist aber durchaus für das breite, erwachsene Publikum zugänglich. Abends eher Cocktail- und Tanz-Club, wird tagsüber auch Küche angeboten, von Frühstück bis zu kleineren, warmen Gerichten.

Der Hintergrund der Bühne wird von der breiten, verspiegelten und edel beleuchteten Cocktail-Bar mit gemütlichen, gepolsterten Drehstühlen eingenommen.

Von dort führt eine Tür zum vom Zuschauer nicht einsehbaren Backstagebereich, virtueller Zugang zu Küche, Geschäftsräumen, Hinterausgang.

Im Vordergrund befinden sich mehrere Sitzgruppen für bis zu vier Personen pro Rundtisch.

Von dort kann man rechter Hand auf eine kleine Bühne blicken, die mit allen notwendigen Installationen für Live-Musik, Karaoke sowie zwei Eisenstangen für Pole Dance eingerichtet ist.

Linker Hand befindet sich auf Höhe der Theke die Eingangstür zum Club, der sich leicht im Souterrain befindet. Beim Öffnen der milchfarbenen Panzerglastür dringen Geräusche der Großstadt herein. Die Bar befindet sich mitten in der Großstadt an einem Verkehrsknotenpunkt.

An der linken Seitenwand befindet sich eine gepolsterte Sitzecke für diskretere Treffen. Sie dient auch als VIP-Lounge mit erhöhtem Blick über das Geschehen in der Bar und auf der Bühne.

Im ganzen Club darf geraucht werden (Kinder haben deswegen eigentlich keinen Zugang). Außer durch die Milchglastür dringt keinerlei natürliches Licht herein.

Im rechten Hintergrund der Bühne, zwischen Theke und Bühne, verläuft ein sich im Dunkeln verlierender Durchgang zu den Toiletten. Im Hintergrund glimmt ein grüner Wegweiser an der Wand.

Das Etablissement fasst um die 50 Sitzplätze und kann dicht gedrängt bis zu 120 Personen fassen inklusive Stehplätzen (variabel, darf auch noch kleiner und exklusiver oder größer und noch publikumswirksamer ausfallen).

An den hohen Wänden der Rückwand sowie rechts und links der Bühne hängen große Projektionsflächen wie bei Live-Konzerten, auf denen GIFs und Videos oder Animationen laufen, die das gesprochene Wort, Gedanken, Songtexte, Assoziationen reflektieren. Zusätzlich kann ein Steadycam-Operator auf der Bühne wie in einem Fernsehstudio live (Nah-) Aufnahmen machen, die bei Gelegenheit auf die Leinwände projiziert werden.

ERSTER AKT

ERSTE SZENE

Der Vorhang ist von Anfang an geöffnet. Es ist früher Morgen. Ca. 6:00 Uhr. Das Licht der Morgendämmerung dringt durch die Milchglasscheibe der Eingangstür in den Club, taucht ihn in ein dämmriges Licht. Die Beleuchtung beschränkt sich auf den Thekenbereich und ist auf Not-Modus. Der eingeschaltete Fernseher im Thekenbereich zeigt Live-Aufnahmen mehrerer Überwachungskameras innen wie außen. Der Club ist menschenleer. Aber die nicht zu übersehende Unordnung lässt darauf schließen, dass hier noch bis vor Kurzem viele Menschen eine wilde Party gefeiert haben.

Musik setzt ein. HEY BULLDOG in der Version von Xavi Garriga

Erst allmählich erkennt man im sich aufklarenden, schummrigen Morgenlicht, dass an der rechten Seite der Theke ein zunächst regungslos in sich versunkener Mann sitzt. Er trägt ein helles, zerknautschtes Sakko und eine helle Buntfaltenhose. Das hellblaue Hemd ist offen, ohne Krawatte. Seine Erscheinung ist leger bis leicht heruntergekommen, Dreitagebart, lichtes Haar. Sein Alter dürfte irgendwo zwischen 50 und 60 Jahren liegen.

Er hat die Arme verschränkt auf die Theke gestützt und lässt den Kopf müde hängen. Nur allmählich richtet er sich auf. Ein Whiskey-Glas ist zu seiner Linken, an dem er nun nippt. Doch der Songtext animiert ihn dazu, das Lied mitzusingen und pantomimisch zu kommentieren…

Der Fremde zündet sich eine Zigarette an.

Und während er so vor sich hin sinnt, tritt aus dem Küchenbereich hinter der Theke die MARGOT hervor. Eine ältere Bardame, an deren Statur und Stimme man sofort erkennt, dass sie schon viel im Leben gesehen und erlebt hat..

Ihre Worte haben daher einen sehr tiefen, rauen, gestählten, entschiedenen, mal herrischen, mal zynischen, mal ironischen, mal melancholischen, samtweichen Klang.

Als die Musik zum instrumentalen Zwischenteil kommt, betritt MARGOT den Thekenraum, bemerkt DEN FREMDEN dort sitzen und eröffnet sogleich das Gespräch. Musik tritt in den Hinrergrund…

MARGOT:     Na, da ist ja immer noch jemand da? Was machst Du denn noch hier? Kein Zuhause?

Der Mann regt sich, antwortet aber nicht.

MARGOT: Die Show ist vorbei, mein Lieber. Aus. Ende Gelände. Feierabend. Hat man dich beim Abschließen übersehen? Gleich kommt die Putzfrau, ich muss ein bisschen Papierkram erledigen und dann kommt Marcel, der den Laden für die Tageskundschaft vorbereitet.

MARGOT fängt an, die Theke aufzuräumen und den gröbsten Dreck zu beseitigen, während DER FREMDE keine Anstalten macht, den Club zu verlassen.

MARGOT:     Wir haben geschlossen! Rien ne va plus!

Der FREMDE richtet sich im Drehstuhl auf und spricht mit einer weichen, sonoren, gefühlvollen Stimme.

FREMDER:   Kann ich nicht noch etwas bleiben? Ich störe doch nicht. Ich will einfach nur hier sitzen bleiben. Ich bin so müde. Und ich weiß gerade tatsächlich nicht, wohin ich gehen sollte. Draußen ist es zu kalt. Ins Hotel will ich auch nicht. Ich kenne hier niemanden. Hier in Ihrer Bar fühle ich mich irgendwie wohl und sicher. Behütet. Ich möchte einfach am liebsten hier sitzen bleiben und schauen, was der Tag so bringt. Sie machen doch gleich wieder auf für die Tageskundschaft, oder nicht?

MARGOT bemerkt sofort, dass dieser Mann kein Gast wie jeder andere ist, hat ihm aufmerksam zugehört und antwortet zögernd mit verständnisvoller Stimme:

MARGOT:     Na, ok. Stören tust du nun wirklich nicht. Magst Du einen Kaffee trinken?

DER FREMDE: Danke, nein. Grad nicht. Später vielleicht.

MARGOT:     Ok. Sag bescheid, wenn doch. Ich mache mir jedenfalls einen. War mal wieder eine lange und intensive Nacht und ich bin fix und foxy.

MARGOT bereitet sich am edlen italienischen Kaffeeautomaten einen Cappuccino mit heißem Milchschaum zu. DER FREMDE beobachtet sie dabei.

MARGOT:     Na, willst Du nicht doch einen? So ein Cappuccino ist doch am frühen Morgen nicht zu verachten, oder?

DER FREMDE: (lacht) Da hast Du allerdings recht. Ich nehme das Angebot dankend an!

MARGOT macht sich daran, einen weiteren Cappuccino zuzubereiten.

MARGOT:     Und wo bist du her? Was hat dich ausgerechnet hierher verschlagen?

DER FREMDE: Ach, das ist eine lange Geschichte, die du jetzt bestimmt nicht hören möchtest. Aber hauptsächlich bin ich hergekommen, um…(denkt nach) Keine Ahnung. Es ist wie es ist.

MARGOT:     Aha, verstehe. Der Große Geheimnisvolle. Na dann.

Längeres Schweigen.

MUSIK AUS.

MARGOT: Magst du Musik?

DER FREMDE: Und wie!

MARGOT: Was magst du denn so?

DER FREMDE: Ach, alles. Alles was gut ist. Klassik, Pop, Jazz, Blues, Electronic, Weltmusik. Da gibt es eigentlich keine Grenzen. Es geht nichts über gute Musik! Musik ist einfach göttlich!! Magisch!

MARGOT: Na, dann mache ich mal etwas Besonderes an für uns Zwei, um diesen Tag voller Würde und Spirituellem Bewusstsein beginnen zu lassen und dem Großen Rad der Zeit zu lauschen, wie es langsam aber unaufhaltsam tick, tack, tick, tack sich weiterbewegt. Fast lautlos, so als wäre nix. Aber womöglich ist der superdünne und degenscharfe Sekundenzeiger gerade kurz davor, den viel größeren und schwereren Minutenzeiger einen  Satz nach vorne zu katapultieren!! PAMM!! ZACK!! Was sagst Du dazu??

DER FREMDE: (raunt anerkennungsvoll) Das hast Du sehr sehr schön gesagt…

Musik setzt ein: DER FREMDE und MARGOT singen I Never Talk To Strangers von Tom Waits. 

DER FREMDE: Tom Waits mit Betty Midler. Toller Song. Toller Musiker, habe ich früher in einer bestimmten Lebensphase viel gehört. Jetzt begleitet er mich zwar nicht mehr so oft, aber er bleibt unvergesslich!

Wie viele andere: Frank Zappa, Santana, David Bowie, Michael Jackson, Elvis Presley …ach Gott, es sind so viele! Aber mein oberster Favorit neben Bach, Beethoven, Brahms, Bruckner und Alban Berg sind definitiv die Beatles und insbesondere John Lennon, wobei ich alle vier als Persönlichkeiten und als Gruppe sehr schätze und bewundere!!

MARGOT: Da hast du recht. John Lennon liebe ich auch über alles. Lass uns Imagine hören!!

Imagine erklingt aus den Boxen und MARGOT und DER FREMDE lauschen andächtig und singen den Text mit, DER FREMDE klopft den Rhythmus auf der Theke mit seinen Händen mit… (Official Video ab 0:41 auf Leinwand)

Nachdem die Musik verklungen ist, schweigen sie einen Moment. DER FREMDE verneigt sich vor MARGOT mit einem Handkuss.

MARGOT: Ja, er war ein großer Träumer. Wohl der letzte Visionär, den diese Welt je gesehen hat. Und leider sind wir meilenweit davon entfernt, diese Welt zu verwirklichen, von der er geträumt hat. In Frieden und Freiheit, ohne Grenzen, ohne Nationen, ohne Waffen, ohne Religionen, ohne Eigentum, ohne Hass. Brüderlich. Einfach nur Liebe. All You Need Is Love. Eigentlich so einfach. Aber Pustekuchen.

DER FREMDE nickt verständnisvoll und schweigt. MARGOT legt All You Need Is Love auf.

 DER FREMDE: Oh, ja!!

MARGOT und DER FREMDE tanzen gemeinsam dazu und singen mit. 

MARGOT: Es wäre so einfach. Es IST so einfach! Und nicht mal zu einem so simplen und primitiven Verständnis des Zusammenlebens sind die Menschen fähig! Manchmal denke ich, es wäre besser, ein für alle Mal die Schotten dicht zu machen und das Experiment Menschheit endlich auf den Scheiterhaufen der Geschichte zu schmeißen! War ein netter Versuch, ist aber leider schiefgegangen! Die Menschheit ist einfach zu dämlich und zurückgeblieben, um die Probleme unserer Zeit vernünftig und einvernehmlich zu lösen! Jeder denkt nur an sich. Nach mir die Sintflut! Alle bekriegen und bekämpfen sich nur noch gegenseitig. Und dann noch diese Sozialen Medien und das Internet! Das macht alles nur noch viel viel schlimmer!!

DER FREMDE hört ihr ruhig und aufmerksam zu. Schweigen.

MARGOT: Aber was reg ich mich auf! Ich kann’s eh nicht ändern. Et es wie et es, et kütt wie et kütt.

DER FREMDE nickt zustimmend.

Hören die Musik zuende, singen mit, klatschen dazu, animieren das Publikum, mitzumachen! Der Text wird auf die Bildschirme projiziert. BEIDE: „Super, Super“

 

ZWEITE SZENE

Man hört jemanden laut an der Eingangstür klappern. Die dunkelhäutige, südländische Putzfrau kommt hereingeschneit. Eine sehr agile, lebendige Person in mittleren Jahren. Sie wirft Mantel und Mütze und Schal über eine Stuhllehne und plappert sofort los. Musik aus. 

ELSA: Aiiii, que FRIO !! (sie schüttelt sich fröstelnd und reibt sich die Hände) Gute Morgen, Chefin! Gute Morgen fremde Mann. Alle noch putz und munter?

MARGOT: (lachend) Putzmunter heißt das, Liebes! Putzmunter. Hab ich dir schon so oft gesagt!

ELSA: Ich bin Fossil, habe Lehrer in VHS gesagt. Fehler, der einfach nichte kaputt geht.

DER FREMDE: (lacht) Fossilierung meinen Sie! Wenn sich bestimmte Fehler so eingeprägt haben, dass man sie nicht mehr aus dem Kopf bekommt. Das kenne ich! Das habe ich mit dem Portugiesischen auch (lacht)

ELSA:            Du sprechen Portugiesisch?? Ich auch! Ich bin Brasileira!

DER FREMDE: Que bom! Eu falo sim. Muito prazer, querida!

ELSA eilt zum FREMDEN, umarmt ihn und schmatzt ihm fröhlich einen Kuss auf die linke und einen auf die rechte Wange! DER FREMDE erwidert bereitwillig die Zärtlichkeit der wildfremden Frau.

ELSA:            É tao dificil achar aqui um Alemão que sabe falar Portugues! Que maravilha!!

MARGOT:     Hallo! Ich verstehe kein Wort! Könnt ihr bitte Deutsch reden! Wir sind hier in Deutschland und in meiner Bar. Ich möchte gefälligst wissen, was hier geredet wird!

ELSA und DER FREMDE lachen.

ELSA:            Null Problema, Margot! Iche musse sowieso mitte meine Arbeit anfangen. Aber erste eine male mache iche mir eine Kaffee! Sem café não començo trabalhar!

DER FREMDE: (lacht) Tá certo!

ELSA geht an die Kaffeemaschine, um sich einen schwarzen Kaffee ohne Milch, aber mit viel Zucker zu machen.

MARGOT:     Ok. Ich muss auch noch etwas tun. Ich verziehe mich mal in meine Katakomben. Wenn Sie irgendetwas haben wollen, sagen Sie einfach Elsa bescheid. Kaffee, Wasser, Tee – Whiskey (lacht). Geht auf’s Haus. (MARGOT geht ab)

 

DRITTE SZENE

 

ELSA legt Brincar De Viver von Maria Bethania auf und beginnt emotional mitsingend und tanzend mit ihrer Arbeit. Video: https://youtu.be/kK27z557cS4. DER FREMDE dreht seinen Stuhl in ihre Richtung und verfolgt interessiert und aufmerksam und schmunzelnd ihr Treiben. 

DER FREMDE: Wie lange lebst du schon in Deutschland?

ELSA: Sieben Jahre.

DER FREMDE: Sieben Jahre? Wow. Das ist schon was! Und wie ist es so? Lebst du gerne hier?

ELSA: (überlegt) Sim e não. Não sei. Schwer su sagen. Tá complicado! Kompliziert!

DER FREMDE: Das glaube ich. Ich kenne das. Habe auch schon im Ausland gelebt und kenne viele, die im Ausland leben oder gelebt haben oder für die Deutschland eben Ausland ist.

Beide schweigen eine Weile. Der Song tritt aus dem Hintergrund hervor.

DER FREMDE: (lacht) Ach ja, Maria Bethânia, Die Große!! Soo schön! So wahrhaftig und ewig!! (lauscht, summt, singt mit)

ELSA: Muito famoso! Muito lindo! Da kriege iche immer Heimatweh, wenn ich so Musik höre ausse Brasil!

DER FREMDE: Heimweh. Ja, ich auch. Ich bin zwar kein Brasilianer, habe aber schon dort gelebt und kenne Brasilien sehr gut!

ELSA (stellt überrascht das Putzen ein und nähert sich dem FREMDEN): Echte jetzt? Wow! Wo denn?

DER FREMDE: Überall und nirgends. Ich bin mehrere Jahre durch’s Land gereist, von oben bis unten, von der Küste bis ins Hinterland. Man sagt nicht umsonst, Gott soll Brasilianer sein! Weil dieser Teil des Planeten einfach außergewöhnlich und besonders gut gelungen ist. Ich hatte viel Zeit und kam mit sehr wenig über die Runden. Wächst ja alles das ganze Jahr über an den Bäumen! Also verhungern? Im Prinzip ausgeschlossen! (lacht schallend)

ELSA:Habe Sie gut! Ich kenne faste gar nichtse von Brasil! Familie arme, ich binne eine Baiana aus der Nähe von Salvador! Espera!

ELSA unterbricht Bethania-Song und legt Raiz De Todo Bem von Saulo auf mit viel Percussion und Rhythmus. Eine ganz in Weiß gekleidete BRASILIANISCHE TANZGRUPPE kommt wie aus dem Nichts und legt eine Showeinlage auf’s Parkett. DER FREMDE begleitet den Rhythmus professionell, indem er Theke und Körper mit den Händen als Instrument benutzt. ELSA ist beeindruckt.

ELSA: Wow!! Sie habbe ja richtig Rhythmus in Blut!

ELSA tanzt körperbetont zur Musik, singt den Text mit. Als der Titel vorbei ist, klatschen sich beide anerkennend ab und verschnaufen lachend von dieser spontanen Jamsession.

ELSA: Ach, wie ich diese Brasil liebe! Meine Land! Meine Mensche! Meine CULTURA!!

DER FREMDE: Sim, eu também! Ist einfach etwas ganz anderes als hier in Deutschland oder Europa oder überhaupt irgendwo in der Welt! Die Latinos überhaupt sind mir die Liebsten! Aber zu allererst die Brasilianer! Das sind noch die lebendigsten und fröhlichsten! Da ist wenigstens was los!! Da hat man noch Lebensfreude!!

ELSA: Ja, dasse stimmte. Iche würde ja soo gerne wieder zurückkehren, aber ich habe noche nichte genug Gelte für der Flug. Und dort isse das Lebben auche nichte einfach!

DER FREMDE: Das stimmt. Nirgendwo ist es einfach. Und wenn man die Kultur und Sprache nicht kennt, ist es noch viel schwieriger!!

ELSA: Oh, ja! Éssa é a pura verdade!! Tá difícil demais!!

Es klappert an der Tür und atemlos kommt hereingestürmt…

 

VIERTE SZENE

Marcel, der Tagesbartender. Er ist ein schlanker, gut aussehender und gepflegter junger Mann, dessen Habitus und Tonfall ihn gleich als Homosexuellen zu erkennen geben. Er schließt hektisch die Tür hinter sich ab.

 MARCEL: Himmel hilf!! Fuck!! Da sind ein paar Faschos hinter mir her!! Alle still halten!!

MARGOT kommt aus der Küche herbeigeeilt. Musik und Licht bis auf Notbeleuchtung aus. Alle lauschen gespannt nach draußen…

Man hört einen Pulk von Männerstimmen vorbeiziehen, stehenbleiben, dann wieder weitergehend. Sie skandieren:

MÄNNERSTIMMEN VON AUSSEN: Hei du Schwulensau!! Zeig dich doch du Wichser! Wir kriegen dich!! Wir klatschen dich Du Hurensohn und Hühnerficker!!

ELSA schlägt verschreckt die Hände vor den Mund. Alle starren auf die Glastür, ob jemand versucht, hereinzukommen. Tatsächlich sieht man einen Schatten vor der Milchglastür erscheinen, jemand betätigt die Türklinke, doch die Tür ist verschlossen. MARCEL schleicht vorsichtig rückwärts zu MARGOT, die wie alle starr vor Schreck ist und ihre Arme fest um MARCEL schlingt.

FASCHO: Hey!! Ist da jemand?? Hey du Schwuchtel. Komm raus, du Feigling!! Lass uns kämpfen! Ich mach dich alle, Du Schweineschwuchtel!!

DER FASCHO rüttelt an der Tür, tritt gegen den Rahmen. Da sich niemand regt und er nichts hört, wendet er sich schließlich ab. Im Weggehen hört man ihn sagen:

FASCHO: Scheiße, die Schwuchtel hat sich verdünnisiert! Müssen wir eben eine andere jagen! Los Jungs, weiter geht’s! Nicht nachlassen!

Die Stimmen verstummen in der Ferne, Faschosprüche skandierend.

MARGOT: Herr im Himmel!! Das ist ja nicht zu fassen!! Erzähl, mein Schatz! Was ist passiert, wie geht es dir?

MARGOT und ELSA führen den völlig aufgeregten, heftig atmenden MARCEL auf einen der Barhocker und kümmern sich um ihn voller Mitgefühl.

MARGOT: Hier, trink erst mal ein Glas Wasser und komm wieder zu Atem, mein Lieber. Wie ist das passiert??

MARCEL kommt langsam zur Ruhe, trinkt das Glas Wasser mit einem Zug aus.

MARCEL: Ich glaub ich könnte etwas Härteres gebrauchen…

MARGOT: Ja, mein Schatz. Ich nehm‘ auch einen. Wollen Sie auch einen Whiskey, Herr…Wie heißen Sie überhaupt?

DER FREMDE: Wir waren doch eigentlich schon beim Du, Margot. Aber alle nennen mich O Alemão, der Deutsche. Den Spitznamen habe ich in Brasilien erworben und ich habe mich irgendwie daran gewöhnt.

ELSA: O alemão, sim. Besser als Gringo! Gringo ist hässliche Wort, auch wenn Brasilianer es nichte so meinen. Alle Ausländer sind Gringo!!

DER FREMDE: Verdade (lacht). Aber Namen sind nur Schall und Rauch…

ELSA: Namen sinte nur – o que?)

DER FREMDE: Schall und Rauch.

ELSA: Schalle und Rauche. Som e Fumaça. Gute Satz!

MARGOT: (an Marcel gewandt) Ok. Das ist also der Alemão. Zum ersten Mal in unserem edlen Etablissement. Er sitzt seit gestern Abend hier an der Theke, habe ihn aber erst heute früh bemerkt. Und ihm gefällt es hier so, dass er auch den Rest des Tages hier verbringen will, weil er gerade eh keinen anderen Ort zur Verfügung hat. Irgendwann stranden sie eben alle hier. Auf dem sinkenden Deck der Titanic (sie lacht sarkastisch).

Und jetzt erzähl mein Lieber! Das ist ja alles furchtbar, was dir passiert ist!

MARGOT stellt drei Whiskeygläser auf den Tisch und schenkt ein. MARCEL, MARGOT und DER FREMDE wollen anstoßen. DER FREMDE schaut fragend zu ELSA.

ELSA: Não, não. Não bebo. Sou crente!!

DER FREMDE: Ah, entendo. Elsa trinkt nicht, weil sie gläubig ist. Na dann, Prost! Auf den ersten Schreck des Tages!!

Alle drei stoßen an und kippen den Whiskey auf einen Zug weg. Atmen laut aus.

MARCEL: (immer noch sehr aufgeregt) (Auf den Projektionsflächen läuft parallel ein ***VIDEO, das actionreich das Geschilderte illustriert, wie mit Handyvideo gedreht, wie LOLA RENNT) Ich war bis gerade eben noch im Zwirbelbart, war voll was los. Ich hab den Laden verlassen um die U-Bahn zu nehmen und als ich mich wie immer umschaute, ob nicht irgendwo irgendwelche Faschos auflauern, habe ich tatsächlich in der Ferne eine Gruppe Glatzen gesehen, die im selben Moment mich bemerkt haben. Ich ging zügig und merkte, dass sie mir folgten und immer näher kamen. Ich hab das mit der U-Bahn gelassen und bin immer schneller gegangen und gelaufen und gerannt, die Meute johlend hinter mir her. Gott sei Dank hatte ich genug Abstand, um schnell hier hereinzuschlüpfen. Aber das war knapp. Super knapp!!***

ELSA: MEU DEUS!! QUE HORROR!! A ONDE NOS CHEGÁMOS!! QUE INFERNO!! (sie wischt sich Tränen des Mitgefühls aus dem Gesicht)

Die Frauen trösten und herzen ihren Kollegen.

MARGOT: Wo sind wir inzwischen wieder hingekommen!Ich fasse es einfach nicht!!***(Video mit Schwarz-Weiß-Bildern aus Nazi-Zeit)Das ist ja schon wie im Dritten Reich bei Hitler! Jetzt wird auf den Straßen wieder Menschenjagd gemacht?? Heute?? Im 21. Jahrhundert?? Das ist doch echt nicht zu fassen!!

Alle schweigen betreten, kopfschüttelnd, entsetzt.

MARGOT: Wenn das so weitergeht, dann haben wir in Kürze wieder brennende Bücher, brennende Häuser und KZs!! Lernen diese dummen Menschen eigentlich nie aus den Fehlern der Vergangenheit?? Muss man alles wieder und wieder durchmachen?? Zerstören?? Verwüsten?? HASS?? Mord und Totschlag? Rassismus? Nationalismus?

(VIDEO aus)***

ELSA: E Socialismo também!

MARGOT: Sozialismus?? Was verstehst du denn schon von Sozialismus, du dummes Huhn?

ELSA: Wieso? Die Nazional-Sozialisten waren doch auch Sozialisten, sagt doch schon Name!!

Die drei anderen brechen in prustendes Gelächter aus.

MARCEL: Nazis! Sozialisten!! Das ist echt der Gipfel der Tatsachenverdrehung. Geschichtsklitterung. Das ist grotesk und absurd!! Einfach nur hirnverbrannt!

ELSA: Sagt aber sogar unsere ***FOTO Präsident in Brasilien! Und seine Minister!!

MARCEL: Dann hat euer Präsident und dann haben deine Minister eindeutig nicht mehr alle Latten am Zaun! Sofortige Einweisung in die Psychiatrie!!

Zustimmendes Gelächter der anderen.

DER FREMDE: (legt seinen Arm um ELSA) Não, minha querida. Não é tão simples, não.***

ELSA: Wie auche immer. Niemand solle niemande weh tun. Alle Mensche sinte gleich. Alle solle liebe sein und nette und siche helfe, alle helfe alle. Isse doch nichte so schwer! Meu Deus!!

MARGOT: Da sagst du was, Schätzchen. Aber es gibt halt eine nicht unerhebliche Anzahl an Dumpfbacken und Vollpfosten da draußen, die nicht mal einen geraden Satz sprechen können, geschweige denn schreiben oder rechnen, aber soooo eine große Klappe haben und jeden Schwachsinn glauben, der ihnen von anderen Vollposten eingeredet wird!! Vollpfosten aller Länder vereinigt euch!! Die Vereinigten Staaten der Vollpfosten!! Ein ALPTRAUM!! Ich wird‘ noch verrückt!! Oder bin ich es schon?

MARGOT hat sich richtig in Rage geredet, die anderen stimmen ihr lachend und applaudierend zu.

MARCEL: Du hättest in die Politik gehen sollen, meine Liebste!! Du kannst so gut reden!! Und du redest so wahr und so klar und so ehrlich!! Wenn wir doch nur solche Politiker hätten, die auch tun, was sie sagen und sagen, was sie tun. Du kannst dich doch auf keinen dieser Typen mehr verlassen. Alle gekauft von der Industrie, oder zu schwach, um etwas gegen dieses Schweinesystem ausrichten zu können.

ELSA: Genau!! Schweine-System!! DEUS ACIMA DE TUDO!!

DER FREMDE: (lacht) Jetzt beleidigt mir mal die Schweine nicht!! Die sind viel schlauer als man früher dachte!

ELSA: Schlauer als die Mensch!

DER FREMDE: Na ja, zumindest verhalten sie sich untereinander und auch gegenüber anderen Tieren viel sozialer und friedvoller als der Mensch. Schweine sind sehr clever und haben sehr feine Nase, viel besser als wir Menschen!

MARGOT:(***VIDEO) Wir Menschen sind doch nur etwas weiter entwickelte Primaten. Wir stammen eindeutig vom Affen ab!! Da brauche ich keine wissenschaftlichen Studien für! Das sehe ich hier jeden Tag und jede Nacht mit eigenen Augen. Ach was, Affen!! Affen benehmen sich viel rücksichtsvoller zu ihren Clanmitgliedern als wir uns gegenüber den eigenen Familienmitgliedern, von fremden Leuten mal ganz zu schweigen. ***(schreckliche Bilder von leidenden Kindern) Da werden sinnlos Kinder in die Welt gesetzt, obwohl die Eltern nicht mal wissen, wie sie selbst über die Runden kommen sollen. Oder Kinder werden vernachlässigt, verwöhnt, vermarktet, vergewaltigt, verkauft, zur Schau gestellt, man lässt sie verhungern, verdursten, im Meer ertrinken, trennt sie von ihren Eltern, sperrt sie in Gefängnisse ein!! Das kann doch alles nicht wahr sein!!  Das ist alles so schrecklich!!*** (MARGOT bricht in Tränen aus, schluchzt hemmungslos. Auch die anderen sind seelisch angegriffen, trösten sich gegenseitig.)

ELSA: Eine scheiße Welt iste das. So böse. So gemein. So ungerecht!

Alle schweigen betroffen.

MARGOT: Nun. Wie auch immer. Das Leben geht weiter. Noch. Also an die Arbeit Leute. Wir haben keine Zeit. In Kürze trudeln schon wieder die ersten Gäste hier ein.

MARGOT verzieht sich in die Küche, Marcel richtet sein Äußeres zurecht.

MARCEL: Ich mach mich mal in der Toilette frisch. (verschwindet Richtung Toiletten)

ELSA: Und ich musse unbedingt die Toiletten putzen! Ganze wichtig!! Ich komme mit dir, Marcelinho!

DER FREMDE bleibt allein am Tresen zurück.

 

FÜNFTE SZENE

 Ein spitzer Schrei von ELSA aus Richtung Toiletten schreckt ihn kurz darauf aber wieder auf.

Man hört ELSA fluchen und zetern. Sie kommt hinter einem Paar hinterhergelaufen, das halb bekleidet aus dem Toilettenbereich flüchtet. Es ist eine sehr attraktive, sexy gestylte junge Frau und ein junger, bubyhafter Finanzmarkttyp. Sie versuchen sich im Gehen flüchtig anzuziehen.

ELSA: (außer sich) Imagina!! Que safadeza!! Hab ich die beide in Klo erwischt. Habe dort die ganze Zeit gefickt. Gefickt!! Ja, sind wir hier na zona oder was??

MARGOT kommt aus dem Hintergrund, während DER FREMDE alles nur aufmerksam beobachtet.

 MARGOT: Raissa!! Ich hab dir tausendmal gesagt, du sollst deine Kunden gefälligst woanders befriedigen! Dafür gibt es sowas wie Hotels!! Hostess – Hotel!! Hotel – Hostess! Ist doch ganz einfach zu merken! Deine Kundschaft hat doch Kohle genug dafür, nicht wahr Herr…

HANS: Hans. Einfach nur Hans. Der Name tut nichts zur Sache.

MARGOT: Tut er schon, wenn ich Sie wegen Hausfriedensbruchs anzeige! Sie Ferkel!! Haben Sie solche Not, dass Sie es nichtmal bis zum Hotel aufschieben können??

HANS: Na, das mit der Polizei lassen wir mal lieber, Schrumpeltante!! Ich bin hier der Kunde und der Kunde ist König!! Mein Anwalt macht deinen Laden dicht, wenn ich das will. Dann kommt nämlich keiner mehr in deinen Scheißladen, in dem die Nutten doch nur darauf warten, endlich meinen kostbaren Schwanz lecken zu dürfen!! Ich hab nämlich Kohle! Viel Kohle. Und die Weiber stehen drauf.

MARGOT: Ja, ja. Zieh Leine. Verschwinde von hier. Ich hab eh die Faxen dicke von euch Wichsern. Und dieses Flittchen kannst du gleich mitnehmen. Du hast hier Hauverbot, Raissa. Such dir einen anderen Club. Ihr könnt ja machen was ihr wollt, aber nicht hier in meinem Club!

Sie komplimentiert die Gäste entschieden, aber ohne Körperkontakt, Richtung Tür, schließt sie auf und öffnet sie sperrangelweit. Sie weist den Weg nach draußen. Es dringt geschäftiger Straßenlärm nach innen.

HANS: Das wird dir noch Leid tun. Deinen Laden kannst du dir abschminken, Runzel-Oma. Solltest mal was Botox spritzen, um deine hässlichen Falten loszuwerden! Aber dafür haste wohl kein Geld.

MARGOT: Ja, ja. Vor dir kleinem Würstchen hab ich keine Angst. Ich weiß mich zu verteidigen! Ich kenne Hinz und Kunz in der Stadt, sind alles meine Stammgäste. Also mal schön den Ball flach halten, Jüngelchen. Solche Leute wie dich verspeise ich morgens zum Frühstück!!

HANS und RAISSA verlassen den Club nach draußen, HANS ruft nach einem Taxi. MARGOT schließt die Tür wieder ab. ELSA klatscht begeistert.

ELSA: Super Rede, Chefin! Bravo! Bravíssimo! Abber jetze muss iche wieder arbeite! (geht ab zu Toiletten)

MARGOT: (zum FREMDEN)  Wie ich diese Typen verachte!! Ich hab Geld, ich kauf mir die Welt! Pfeifen auf jeden Anstand. Ohne jeden Respekt!! Das sind für mich auch Nazis. Faschisten. Denken nur an sich. Haben nur Scheiße im Kopf!!

DER FREMDE hört aufmerksam zu, nickt gelegentlich, schweigt aber.

MARGOT: Das Dumme ist: Sie sind die wichtigsten Kunden, wenn du Geld verdienen und nicht ein Armenhaus betreiben willst. Weil sie es ausgeben, als gäbe es kein Morgen. 1000 Euro für ne Flasche Champus? No Problem. Aber wenn ein Obdachloser um eine kleine Spende bettelt, geben sie nichts. Nichts. Sie spotten ihn noch aus, bespucken ihn vielleicht sogar noch oder sagen, Geh doch arbeiten, du armes Etwas, Du fauler Sack, Sozialschmarotzer!! No risk, no fun. Eure Armut kotzt mich an. Seid ihr doch selber schuld, wenn ihr zu dämlich seid, um so viel Kohle zu machen wie ich. Abartig!!

DER FREMDE: (nach einer Pause) ***(VIDEO: SW-Aufnahmen von Rosa Luxemburg und DDR-Geschichte) Na, höre ich da etwa die große Klassenkämpferin reden?? Eine neue Rosa Luxemburg? Alles verstaatlichen?? Alle enteignen?? Die Partei regelt alles??

MARGOT: Ach was! Ich bin im Osten aufgewachsen. Ich trauere dem keine Träne hinterher. Der gleiche Scheiß in Rot. Oben die Parteifunktionäre, die Elite, die alles hat. Und unten das dumme Volk, das mit Almosen abgespeist wird. Das keine Reise- und Meinungsfreiheit hatte. Ein falsches Wort, ein falscher Freund – und ab in den Knast als politischer Häftling. Folter. Angst. Keine Menschenrechte? Nein danke, das brauchen wir genauso wenig. NIE WIEDER!! Alles scheiße. Alles Dreck. Der Mensch ist einfach Dreck!!***

Es klopft an der Außentür. MARGOT und DER FREMDE schrecken zusammen. Schemenhaft ist ein kindlicher Körper durch das Milchglas zu erkennen.

MARGOT: Knusper, Knusper, Knäuschen, wer klopft denn da so früh an mein Häuschen? Ob das Hänsel und Gretel sind? (DER FREMDE und sie lachen)

MARGOT geht zur Tür und schließt auf.

 

SECHSTE SZENE

Ein etwas kleinwüchsiges Mädchen mit Pudelmütze und Zöpfen steht vor der Türschwelle, mit einem selbstgebastelten Klima-Protestschild in den Händen.

MARGOT: Ach Gottchen! Haben wir denn schon Weihnachten? Das Christkind steht vor der Tür! Komm rein in die warme Stube, mein Kind. Auch wenn Kinder hier eigentlich nicht erlaubt sind. Aber es ist ja noch früh und keiner da. Möchtest du einen heißen Kakao?

GRETEL betritt schüchtern, aber selbstbewusst die Bar, schaut sich um.

Musik setzt ein: Keep Going, Bozoo Bajou

MARGOT: Keine Angst, mein Kind. Hier bist du sicher. Zu Gast bei Freunden. Setz dich hin. Dieser Onkel hier ist ein netter freundlicher Mann, der dir nichts tut. Und ich bin zwar eine alte Hexe, bin aber völlig harmlos! Nur für die Bösen zaubere ich tödliche Zaubersäfte (lacht schallend)

GRETEL: (leicht befremdet und amüsiert, mit leiser, aber deutlicher Stimme) Vielen Dank. Ich wollte nur fragen, ob Sie unsere Klima-Aktion unterstützen können. Heute ist ja wieder Fridays For Future und wir brauchen Geld, um unsere Aktionen machen zu können.

GRETEL rasselt mit einer Sammelbüchse, die sie aus ihrem dicken Mantel hervorholt.

DER FREMDE greift in sein Sakko, holt ein schmales Lederetui hervor, schaut, was er für Geld dabei hat.

DER FREMDE: Tut mir leid, hab leider so gut wie kein Bargeld bei mir, zahle fast alles mit Karte. Aber hier sind meine letzten 15 Euro. Muss ich halt nachher kurz zum Automaten.

DER FREMDE steckt eine 10er und eine 5er-Note durch den Schlitz der Sammelbüxe, die ihm das Mädchen sofort entgegenhält. Es bedankt sich artig und macht einen Knicks.

MARGOT: Ach, ist sie nicht süß? So gut erzogen. So höflich! Wenn doch alle Kinder so wären! Komm her, mein Liebes. Lass dich umarmen!!

MARGOT breitet die Arme aus. GRETEL nähert sich zögerlich. Berührungen sind ihr sichtlich unangenehm, aber sie erduldet es.

GRETEL: Vielen Dank. Noch besser wäre, wenn alle Erwachsenen so nett wären wie Sie!!

MARGOT: Da hast Du recht, mein Schatz. (Streicht ihr zärtlich über die Haare) Es ist eine Tragödie! Und wenn ich die Macht dazu hätte, du kannst mir glauben, ich würde von heute auf morgen alles ändern!! Aber die Welt ist wie sie ist: schlecht. Und in Kürze geht sie unter!!

DER FREMDE: Ho Ho Ho!!! So aber nicht, Margot. Mar-GOTT!! Jetzt verunsichere das arme Kind doch nicht! Du machst ihm ja noch Angst! Nein, nein, nein. Alles wird gut, Liebes. Mach dir keine Sorgen. Wir schaffen das! Ist zwar eine Menge Arbeit, aber wir kriegen das hin. Die Hoffnung stirbt zuletzt!! Und ihr macht einen guten Job! Weiter so! Nicht nachlassen! Kinder an die Macht!!

Song von Grönemeyer! (Alle Darsteller frieren ein. Video mit zusammengeschnittenen Bildern von Grönemeyer https://youtu.be/5vTbztYZ3mI mit schönen, aktuellen Bildern von Kindern. Kindergartenkinder strömen auf die Bühne und tanzen zum Song. Treten ab. Danach erwachen Darsteller wieder zu Leben.)

MARGOT: Jetzt setz dich doch, liebes Kind. Ruh dich ein bisschen aus. Tanke Kraft!

GRETEL: (setzt sich auf die Kante des nächstbesten Stuhls) ***(GIF Große Standuhr) Ich habe nicht so viel Zeit. Es ist Fünf nach Zwölf und wir dürfen keine Zeit verlieren!***

DER FREMDE: (schaut auf seine schlichte Armbanduhr) ***(GIF Kuckucksuhr) Also auf meiner Uhr ist es jetzt genau sieben Uhr. Wir haben also noch was Zeit! (lacht) (GIF Kuckuck kommt heraus und ruft sieben Mal Kuckuck)***

 

SIEBTE SZENE 

Ein Mann mittleren Alters in Anzug und Krawatte betritt eilig den Club, schaut sich um, entdeckt Gretel und geht schnurstracks auf sie zu.

WISSENSCHAFTLER: Ach, Gretel, da bist du ja schon! Entschuldige die leichte Verspätung. Berufsverkehr. Viel los in der Stadt.

DER WISSENSCHAFTLER reicht GRETEL die Hand und begrüßt auch MARGOT und DEN FREMDEN mit einem Kopfnicken. Er setzt sich zu GRETEL an den Tisch.

WISSENSCHAFTLER: Und wie sieht’s aus? Alles vorbereitet für deine Rede? Brauchst du noch was?

GRETEL: (kramt ein Blatt Papier mit handschriftlichen Notizen hervor) Ich glaub, es ist alles so okay. Kannst du nochmal kurz gucken, ob die Fakten alle stimmen, die ich sagen werde?

GRETEL reicht dem Wissenschaftler das Blatt, er wirft einen Blick darauf.

MARGOT: Guten Morgen, der Herr. Wünschen Sie vielleicht etwas zu trinken? Der Kleinen hier habe ich schon einen heißen Kakao angeboten.

WISSENSCHAFTLER: (lacht) ***(Lehrvideo) Kakao ist leider etwas problematisch. Wächst ja nicht hier bei uns, wird von weit weg importiert, oft mit Kinderarbeit verbunden, hoher Wasserverbrauch, außerdem industriell verarbeitet und und und. Sehr negativer ökologischer Fußabdruck in unseren Breitengraden!! Aber wenn Sie ein Glas Leitungswasser hätten, wäre ich Ihnen sehr verbunden.

MARGOT: Leitungswasser. Na, dann kann ich meinen Laden ja bald dicht machen, wenn ich demnächst nur noch ökologisch korrekte Sachen anbieten darf!

WISSENSCHAFTLER: (lacht) Nein, so schlimm wird es nicht. Kakao gibt es ja zum Beispiel von Fair Trade, da ist der ökologische und soziale Fußabdruck gewissermaßen eingepreist.*** Aber natürlich wird es eine große Umstellung. In der Tat werden wir unsere Gewohnheiten ändern müssen. Das geht natürlich nicht alles von heute auf Morgen. Das fordert ja auch niemand, der realistisch und bei Verstand ist. Aber wir müssen jetzt damit anfangen, die Dinge Schritt für Schritt umzustellen.

GRETEL: Es müssen aber große Schritte sein, keine Trippelschritte. Die Menschheit hat schon viel zu viel Zeit verloren. Es ist Alarmstufe Rot. Die Leute müssen JETZT radikal umdenken! Und die Politik muss JETZT handeln, nicht morgen!

MARGOT: ***GIF Ich will, dass ihr in Panik geratet.*** Ich erinnere mich an den Satz. Panik! Ist es wirklich so schlimm?

WISSENSCHAFTLER: Ja. Es ist ernst. Wir können das Ziel von 1,5 Grad Celsius Klimaerwärmung aus dem Pariser Klimaschutzabkommen schon jetzt nicht mehr erreichen. Und wenn wir so weiter machen wie jetzt, reißen wir die Zwei Prozent – mit unabsehbaren, katastrophalen Folgen für unseren Planeten.

Unser Ziel kann es jetzt nur noch sein, die Zwei mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln noch abzuwenden! Bis 2030, 35 müssen wir bei den CO2-Ausstößen die Netto-Null erreichen! Das ist sehr sportlich! Sonst ist das Spiel verloren!***GAME OVER!***

MARGOT: ***2030***!! Das ist ja echt nicht mehr viel Zeit. ***Netto-Null***? Was muss man darunter verstehen?

WISSENSCHAFTLER: ***ERKLÄRVIDEO Netto-Null heißt, dass wir kein CO2 mehr ausstoßen dürfen. Unser gesamtes CO2-Budget ist dann dauerhaft aufgebraucht. Es ist dann sozusagen so viel Dampf im Kessel, ohne dass er ausweichen kann, wie bei einem Schnellkochtopf, dass wir diese Fülle an aufgeheizter Atmosphäre sehr sehr heftig zu spüren bekommen werden!! Da wird sich auch keiner vor retten können, weder Arm noch Reich!***

MARGOT: ALLMÄCHTIGER!!

WISSENSCHAFTLER: Deutschland hat zum Beispiel schon im März diesen Jahres sein komplettes Jahresbudget verbraucht! Alle Industrieländer reissen die Latte viel zu früh! Wir müssen viel viel höher springen!

MARGOT: Aber es gibt doch auch viele Länder, die eine bessere CO-2-Bilanz haben. Gleicht sich das nicht aus?

WISSENSCHAFTLER: ***(WELT-KARTE auf der die größten Verschmutzen in rot erscheinen) Es gibt viele Länder, vor allem auf der Südhalbkugel, Afrika und Südamerika, die noch eine sehr gute CO2-Bilanz haben. Das ist aber schon eingepreist.  Unterm Strich bleibt global ein Verbrauch übrig, der deutlich über dem liegt, was wir vertreten können!***

MARGOT: ***VIDEO PROTESTE Ich bin sehr gespannt, wie das alles ausgeht. Ich finde es ja so toll, dass die Schüler und Studenten, die jungen Leute auf die Straßen gehen und den Politikern Feuer unterm Hinern machen. Und wer sagt, die Kinder sollen besser in der Schule bleiben, dem zeige ich den Stinkefinger!! Das wahre Leben ist noch immer der beste Lehrmeister und wird es immer bleiben!*** Aber so wie ich die Menschen kenne, habe ich meine Zweifel, dass wir das noch hinkriegen.

WISSENSCHAFTLER: Wenn nicht jetzt, dann nie.

MARGOT: So sei es. Das zumindest ist gewiss. Wenn nicht jetzt, dann nimmermehr.

(VORHANG)

© Alle Rechte beim Autor

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