Gedanken zum 29. Tag der Deutschen Einheit

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Heute vor 29 Jahren trat die DDR der BRD bei – aus Nachkriegs-Klassenfeinden (sozialistisch-kapitalistisch) wurde mit einem Schlag wieder eine Nation, ein Volk mit einer gemeinsamen Regierung. Ich habe diese Wendezeit sehr intensiv und aus nächster Nähe erlebt, da die Familien meiner beiden Elternteile zwischen Ost und West getrennt waren und wir vor wie nach der Wende einen starken familiären Austausch pflegten. In den Sonntagsreden zum heutigen Nationalfeiertag werden wieder einmal das Glück der Stunde und das „Geschenk“ der Einheit gepriesen – und die Probleme zwar angesprochenen, aber eher kleingeredet. Ja, man darf sich freuen. Aber die Augen vor den realen Konflikten zu verschließen, führt auch nicht weiter. Eine persönliche Bestandsaufnahme.

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Familie und andere Katastrophen

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Konservative verklären die Familie gern zum einzig wahren und wertvollen Kern der Gesellschaft. Allein daran zeigt sich, wie beschränkt ihr Weltbild ist. Denn niemand sucht sich seine biologische Familie selber aus. Wir alle werden ohne eigenen Willen in die Welt geworfen und müssen dann zusehen, wie wir mit den jeweiligen Gegebenheiten zurechtkommen.

Ich kann und will mich nicht beklagen. Ich bin 1967 in Deutschland, in der Mitte Europas, geboren, wuchs in Frieden und Wohlstand auf, mit moderner medizinischer Versorgung, gut ausgebautem Bildungssystem, moderner Infrastruktur und sozialen Sicherungssystemen. Ich konnte mich frei bewegen und äußern, die Welt bereisen, andere Sprachen lernen, mich mit anderen Kulturen anfreunden und meinen Traumjob (Journalist) antreten und über viele Jahre genug Geld verdienen, um meine wichtigsten Wünsche realisieren zu können.

Unsere Babyboomer-Generation hat insofern eigentlich keinen Grund sich zu beklagen. Wir kamen in der damals besten aller Welten auf die Erde.

Auch meine eigenen familiären Umstände bieten äußerlich betrachtet keinen Anlass zum Jammern. Mein Vater war Studienrat (später Studiendirektor) am Gymnasium, verbeamtet. In materieller Hinsicht waren unsere Verhältnisse also stabil und durch nichts gefährdet.

Da meine beiden Elternteile aus dem thüringischen Eichsfeld stammen, kann ich von Glück reden, dass sie noch vor dem Mauerbau (1961) in den Westen übersiedelten. Andernfalls wäre meine eigene Biographie komplett anders verlaufen.

Trotzdem ist nicht alles Gold, was glänzt. Bei allem Wohlstand, der uns im Westen Europas umgab, war die Welt auch damals nicht ohne Konflikte und Probleme.

Das größte Problem war der Ost-West-Konflikt, der Kalte Krieg zwischen zwei Systemen (kapitalistisch versus „kommunistisch“), die sich bis an die Zähne mit Atomwaffen wettgerüstet hatten. Die Angst vor einem Atomkrieg war allgegenwärtig und real und trieb die Menschen um und auf die Straße, um für Abrüstung und Frieden zu protestieren. Die Industrialisierung sorgte für eine hohe Umweltbelastung, welche die Lebensqualität spürbar sinken ließ: sterbende Wälder, tote Flüsse, ungesunde Ernährung und Luft.

Nicht von Ungefähr war das die Geburtsstunde der Grünen Bewegung: Frieden schaffen ohne Waffen! Umweltschutz! Ökologisch einwandfreie Lebensmittel! Regenerative Energien statt Kohle und Atomkraft!

Diese Forderungen waren auf der Höhe der Zeit und absolut überlebensnotwendig. Heute ist dieses grüne Bewusstsein für die meisten Menschen meiner Generation eine Selbstverständlichkeit. Seit den 80er Jahren hat sich in dieser Hinsicht in Deutschland sehr viel zum Positiven entwickelt.

Ich darf mich außerdem glücklich schätzen, Zeitzeuge des glücklichsten Ereignisses der neuzeitlichen Geschichte zu sein: dem Fall der Mauer im Jahr 1989! Ich erlebte diesen Moment umso intensiver, als ein Großteil meiner Verwandtschaft sowohl väterlicher- als auch mütterlicherseits auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs lebte. Kurz danach bekam ich die Gelegenheit, ein journalistisches Praktikum bei zwei ostdeutschen Zeitungen mit Sitz in Ost-Berlin zu absolvieren und hautnah zu erleben, welche Veränderungen, Probleme und Herausforderungen die Wiedervereinigung  mit sich brachte.

Die Geschichte hatte ihr Urteil über den real existierenden Kommunismus/Sozialismus gesprochen. Er war eine Farce, ein lächerlicher, nicht überlebensfähiger Abklatsch dessen, was sich seine Erfinder und Entwickler einst wohl vorgestellt und erträumt haben mögen. Umgekehrt zeigte auch der Kapitalismus vor allem in den ersten Jahren nach der Wiedervereinigung seine hässliche Fratze, die leichtgläubigen DDR-Bürger wurden von windigen Geschäftemachern aus dem Westen über’s Ohr gehauen, alle ihre Gewissheiten und Sicherheiten waren im Nu perdue, die Industrie lag brach, die Jobs brachen weg und sie mussten sich von heute auf morgen auf ein komplett neues System umstellen.

Nun gut, sie hatten es ja mehrheitlich so gewollt. Und sie konnten ja nichts dafür, dass ihnen das Westfernsehen eine Welt vorgaukelte, die in Wahrheit doch komplizierter und wettbewerbsaffiner war als ihre eigene. Man konnte aber auch noch so viel Westkontakt haben und Medienberichte verfolgen wie möglich: nichts verschafft einem einen so realen Einblick in die Wirklichkeit der Bundesrepublik Deutschland als die ureigene Erfahrung und Anschauung!

Dass die DDR-Wirtschaft marode und nicht wettbewerbsfähig war, konnte man nicht der Bevölkerung anlasten, wenngleich sie am Ende dafür die Zeche zu zahlen hatte. Der Westen schleuste Milliarden in den Osten, um die Menschen dort zu alimentieren und neue Lebensgrundlagen zu schaffen.

Die öffentliche Debatte drehte sich vor allem um die „Aufarbeitung“ der SED-Diktatur und ihrer berüchtigten Staatssicherheit, der Stasi.

So waren die Ossis zweifach bestraft: materiell, weil ihnen die Existenzgrundlage wegbrach, und ideell, weil jeder unter dem Verdacht stand, ein offizieller oder inoffizieller Stasi-Mitarbeiter gewesen zu sein.

Kein Wunder, dass dies für viele zuviel des Guten war und sie daran zerbrochen sind und einen großen Lebensfrust vor sich herschieben.

Dass gerade im Osten Deutschlands die AfD und andere rechtspopulistische wie linksradikale Parteien und Strömungen auf den nahrhaftesten Boden fallen, ist vor diesem Hintergrund eigentlich keine Überraschung. Es ist eine soziologische Binsenweisheit, dass radikale politische Botschaften vor allem bei denen Gehör finden, die in materiell prekären Verhältnissen leben. Wer sich benachteiligt und vernachlässigt fühlt, der greift irgendwann zu härteren Mitteln, um sich Gehör zu verschaffen. Nirgendwo in Deutschland gibt es so viele Protestwähler wie in den ostdeutschen Bundesländern. Früher, nach dem Fall der Mauer, wählte man die Nachfolgepartei der SED, die PDS (heute Linke), inzwischen hat man sich nach rechts radikalisiert. Weil man damit besser provozieren kann, denn die Linke ist ja inzwischen selbst längst etabliert!

Das Potenzial der Protestwähler ist daher am Ende nur ein Indiz dafür dafür, wie groß die Unzufriedenheit in bestimmten Bevölkerungsschichten ist.

Will man also die Anzahl der Protestwähler wieder auf ein gesundes Maß zurückführen oder gar ganz beseitigen, muss man an die Ursachen ran.

Und da hilft es wenig, auf die Protestwähler einzudreschen, sich über sie lustig zu machen, sie zu diffarmieren oder auszugrenzen. Man muss sich ernsthaft mit ihren Problemen beschäftigen und an einer Lösung arbeiten.

Dass sich der Hass vieler Ostdeutscher ausgerechnet auf Angela Merkel richtet, die doch eigentlich „eine von uns“ sein müsste, ist nur auf den ersten Blick überraschend.

Denn sie war ja eigentlich nie eine von ihnen. Merkel schaffte es schon zu DDR-Zeiten, sich in ihrer kleinen Nische praktisch unsichtbar zu machen. Und als die Mauer fiel, ergriff sie die Gelegenheit, sich flugs den neuen Verhältnissen anzupassen und Helmut Kohls „Mädchen“ und erste ostdeutsche Umweltministerin in seinem Kabinett zu werden. „Wendehälse“ nannte man damals diese Leute, die schnell ihr Fähnchen in die richtige Richtung hängten und sich blitzschnell den westdeutschen Verhältnissen anpassten.

Ich mache ihr daraus keinen Vorwurf. Es ist Überlebenskunst, sich veränderten Verhältnissen und Situationen anpassen zu können und viele andere in Ostdeutschland haben das auch geschafft, ohne sich dabei mehr als nötig verbiegen zu müssen.

So habe ich beispielsweise einen Onkel (Bruder meiner Mutter), der schon zu DDR-Zeiten eine Autowerkstatt betrieb, in der er Autos neu lackierte. Die Werkstatt befand sich im Hinterhof des Elternhauses und hatte angesichts der Mangelwirtschaft mehr Kundschaft, als er bedienen konnte. Von Herzen immer ein Kapitalist, nutzte er nach der Wende die neuen Möglichkeiten, um endlich zu expandieren und der Nachfrage Herr zu werden und wurde Millionär!

Andere kamen mit all diesen Veränderungen nicht klar. Sie hatten es sich behaglich gemacht in dieser kleinbürgerlichen DDR, wo der Staat sich um alles kümmerte. Auch wenn die Versorgungslage mit den Jahren immer schlechter wurde, so brauchte man sich um Gesundheitsversorgung, Bildung, Arbeit und Rente wenigstens keine Sorgen machen, solange man die Klappe hielt und zu allem Ja und Amen sagte.

In der DDR ist Vieles falsch gelaufen. Und nach der Wende ebenfalls.

Es war ein weiter Weg und er ist noch lange nicht zu Ende.

Immerhin haben sich die Lebensverhältnisse angeglichen. Städte und Ortschaften wurden saniert und modernisiert, marode Industriekomplexe plattgemacht oder modernisiert, es gibt überall die von Kohl propagierten blühenden Landschaften. Die ostdeutschen Länder und Landschaften sind wunderschön und eine Reise wert. Es wurde mit unzähligen Milliarden in vergleichsweise kurzer Zeit viel erreicht.

Für junge Menschen, die nach der Wende oder kurz davor zur Welt kamen, dürfte die gesamtdeutsche Identität längst Wirklichkeit sein.

Viele Ältere hadern noch immer mit ihrem Schicksal und haben sich bis heute nicht assimiliert.

Und so ist die bei ihnen weit verbreitete Angst vor dem Fremden in Gestalt von Ausländern nur ein Spiegelbild ihres eigenen Versagens oder Unglücks.

Selbst ihrer vertrauten Welt verlustig gegangen, verstärkt sich noch das Fremdsein-Gefühl, wenn Menschen fremder Kulturen in der Nachbarschaft wohnen.

Wie sollst du den Fremden neben dir akzeptieren, wenn du mit deinem eigenen Fremdsein in dieser Welt nicht klarkommst?

Und was kann die eigene Familie in diesem Moment leisten? Im besten Fall bietet sie dir Geborgenheit. Im schlimmsten – und wie ich annehme verbreitetsten Fall – nichts.

Biologische Familien sind nur Spielball und Spiegelbild der Gesellschaft.

Je zerrissener die Gesellschaft, desto zerrissener die Familie. Das lässt sich derzeit besonders gut in den USA und in Brasilien beobachten, wo die Polarisierung zwischen Rechts und Links ganze Familien unversöhnlich auseinandertreibt.

Familien sind die Projektionsfläche und das Versuchslabor der Gesellschaft.

Familien sind keine verlässliche Konstante.

Als sich meine Eltern 1972 trennten und anschließend scheiden ließen, galt noch das Schuldprinzip. Meine Mutter wurde schuldig gesprochen und so wurde das Sorgerecht meinem Vater zugesprochen. Meine Schwester und ich wuchsen daher bei meinem Vater auf. Mein Leben wäre komplett anders verlaufen, wenn die Ehe nach heutigem Recht geschieden worden wäre.

Es dürfte keinen Bereich geben, der so sehr in die persönliche Lebensplanung eingreift, wie die Familienpolitik. Ob Ehe für alle, Abtreibung ja der nein, Scheidung, das Verhältnis der Geschlechter zueinander – das sind alles Fragen, die einen wesentlichen Einfluss auf unser Leben haben.

Für die Zukunft halte ich es daher für wünschenswert, wenn sich der Staat so weit wie möglich aus diesen Bereichen heraushält. Jeder ist seines Glückes Schmied und jeder soll nach seiner Façon selig werden. Niemand hat das Recht, anderen vorzuschreiben, wie sie ihr Privatleben zu leben haben. Der Staat soll nur dafür sorgen, dass alles in geordnetem Rahmen stattfindet und im Streitfall ein fairer Interessenausgleich unter allen Beteiligten stattfindet und keiner dem anderen Schaden zufügt.