Spooky Halloween in Paraty

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Wow. Das nenne ich mal gutes Timing. Passend zu Halloween wurde ich am gestrigen Abend Zeuge eines phantastischen Naturschauspiels in meiner neuen brasilianischen Heimat Taquari bei Paraty…

Seit ich Brasilien kenne, sind mir schon oft solche außerordentlichen, ungewöhnlichen Phänomene begegnet. Insofern bin ich eigentlich nicht mehr so leicht zu beeindrucken, denn ich habe hier schon Vieles gesehen, was alle Erwartungen sprengt. Ich habe hier in meinem Blog schon etliche Fälle beschrieben, zuletzt die Mondfinsternis in Taquari.

Trotzdem rangiert der gestrige Abend unter allen anderen Erlebnissen ganz weit oben. Weil das ganze Drumherum dieses Ereignis zu einem perfekten Abschluss eines insgesamt außergewöhnlichen Tages machte!

Ich mache mir eigentlich nichts aus Halloween. Dieser Brauch ist ja erst in den letzten Jahren über den Atlantik zu uns rübergeschwappt.

Im protestantischen Teil Deutschlands und gewissermaßen historischem kulturellen Erbe ist der 31. Oktober natürlich zu aller erst REFORMATIONSTAG. An diesem Tag vor 501 Jahren soll Martin Luther seine berühmten 95 Thesen gegen die katholische Lehre an die Schlosskirche von Wittenberg genagelt haben.

Für mich ganz persönlich hat dieser Tag eine noch viel größere Bedeutung, weil es der Geburtstag meines Sohnes ist. Er wurde gestern zwölf Jahre alt!

Wie die Fügung es so wollte, ist er vor zwölf Jahren ausgerechnet im Martin-Luther-Krankenhaus von Berlin (Halensee) auf die Welt gekommen.

Heute lebt er immer noch in Berlin bei seiner von mir geschiedenen brasilianischen Mutter.

Und ich bin hier in Brasilien. Weit, weit weg.

Es war der erste Geburtstag, den ich nicht mit ihm gemeinsam verbracht habe. Das macht mich natürlich traurig. Einerseits. Auf der anderen Seite weiß ich, dass es ihm gut geht und es ihm an nichts fehlt. Also muss ich jetzt auch nicht in Trübsal blasen. Denn alles hat seine Zeit und seinen Ort. Unsere Verbindung ist so stark, die kennt keine Entfernung. Zumal es heute dank Internet kein Hindernis ist, um trotzdem Kontakt zu haben, und zwar LIVE! Man kann irrsinnige Distanzen überwinden, ohne sich von seinem Fleck zu bewegen! Was für ein Fortschritt, der für meine Kinder völlig selbstverständlich ist, den es aber zu meinen eigenen früheren Lebzeiten nicht gab! Was war das früher kompliziert und langwierig! Und teuer!!

Deswegen ermahne ich mich stets zur Dankbarkeit. Jedesmal, wenn mir eine Klage auf der Zunge liegt oder ich am liebsten losjammern würde ob der Ungerechtigkeit dieser Welt, besinne ich mich flugs auf die positiven Dinge und Effekte, die selbst aus dem größten Mist erwachsen können.

Ich möchte mich jedenfalls nicht beklagen. Ich werde es auch nicht. Ich darf es nicht! Es wäre sehr ungerecht, angesichts all der wunderbaren Dinge, die mir hier in Brasilien wiederfahren.

Natürlich gratulierte ich meinem Sohn per WhatsApp und zu meiner Freude reagierte er auch mal zeitnah, was er sonst nicht unbedingt tut. Diese Kids von heute leben in einem Paralleluniversum. Sie sind schon auf einem ganz anderen Leven als wir Alten. Sie haben das Handy mit der Muttermilch aufgesogen…

Und wir Alten machen es ihnen ja gleich. Wir kriegen ja auch eine Krise, wenn wir nicht online sind und das Handy griffbereit haben!

Als mein Sohn im Kindergartenalter war, freute er sich riesig, als ihm bewusst wurde, dass er ausgerechnet an Halloween Geburtstag hat!! Er liebte Halloween und sich entsprechend zu verkleiden. (Mit Martin Luther verband ihn rein gar nichts. Der ist ganz weit weg…) Und außerdem war und ist für die Zukunft garantiert, dass alle Welt mit ihm SEINEN Geburtstag feiert! Wie groß ist das denn??? Großartig!

Durch meine Kinder (es folgte noch eine Tochter) kam schließlich auch ich zu Halloween und es wurde zusammen mit dem Geburtstag zu einem festen und sehr wichtigen Feiertag in unserer Familie. – Jetzt beim Schreiben wird mir bewusst, dass es DER WICHTIGSTE ist neben dem Geburtstag unserer Tochter (der leider traumatische Begleiterscheinungen hatte)!

Hier in meiner Umgebung kam ich mit Halloween dagegen überhaupt nicht in Berührung. Gestern war ein überraschend strahlender, sonniger, heißer Tag, wie wir ihn seit Wochen nicht erlebt haben. Wer konnte, ging im Laufe des Tages oder Abends an den Strand. Ich hatte leider andere Dinge zu erledigen.

Als ich dann endlich zuhause war, fing ich an, es mir gemütlich zu machen: Ich schenkte mir einen Schuss Cachaça ein und mischte ihn mit Maracuja-Saft, betrat meine große Veranda, um es mir in meiner Hängematte mit Blick in meinen großen Garten mit zahlreichen Obstbäumen gemütlich zu machen. Ich legte Musik auf.

Dann wurde es dunkel und ich machte die Musik aus, um den Lauten der Natur zu lauschen, die hier außerordentlich spannend sind.

Ich bemerkte Wetterleuchten oberhalb der Baumwipfel. Die Natur dämpfte erwartungsvoll bis ängstlich ihren Pegel. Es wurde still und ein fernes Grollen war zu vernehmen, das sich langsam näherte. Das Wetterleuchten nahm zu. Der Strom im Haus und der Straße fiel aus. Es wurde stockdunkel, meine beiden Hunde suchten meine Nähe.

Ein leises Rauschen setzte ein, wie bei einem Radio ohne Empfang. Es wurde lauter und lauter. Es war die Regenwand, die sich rasch näherte und bei Ankunft wie ein rauschender Wasserfall lärmte. Es regnete nun in Kübeln und Blitze und Donner lieferten sich einen heftigen Wettstreit.

Die Blitze ließen meinen Garten, meine Umgebung aufleuchten und wieder verschwinden. Im Dunkeln wirkten die Schattenumrisse der Bäume wie große, hässliche Monster mit großen Fangarmen. Sie waren allerdings in so weitem und sicheren Abstand und so harmlos, dass ich das ganze Schauspiel ohne jede Angst und mit großer Freude und Genugtuung verfolgte.

Was für eine Show!! Wahnsinn!!

Schließlich, als das Gewitter bereits abgeklungen war,  tauchten noch einige  Glühwürmchen auf, die wie kleine Laternen durch das Dunkel der Nacht schwebten.

Das Licht im Haus sprang wieder an. Die Show war vorbei.

(Mein einziger deutscher Nachbar in der Umgebung hatte nicht so viel Glück wie ich. Sein Haus erlebte zur selben Zeit eine Ameiseninvasion von zwei Seiten. Erst gegen Mitternacht war der Spuk beendet…)

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