Schweres Unglück auf WM-Baustelle in São Paulo

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197 Tage vor Start der Fussball-WM in Brasilien sind gestern durch den Einsturz eines Krans auf der Baustelle des Eröffnungsstadions Arena Corinthians („Itaquerão“) in São Paulo zwei Bauarbeiter ums Leben gekommen. Teile des Stadions wurden so stark beschädigt, dass die geplante Fertigstellung bis Jahresende gefährdet ist. Öffentlichkeit und Fussball-Funktionäre reagieren schockiert.

Das Unglück ereignete sich gegen 12 Uhr mittags. Mit einem Spezialkran sollte gerade das letzte Teilstück der Dachkonstruktion über einer Zuschauertribüne gehoben werden, als der Kran plötzlich in sich zusammenbrach.  Das 420 Tonnen schwere Teilstück krachte in die Flanke der Ost-Tribüne (siehe Grafik von estadao.com.br). Der Führer eines Hilfskrans sowie ein Monteur wurden dabei getötet.

1600 Bauarbeiter befanden sich zur Stunde des Unglücks auf der Baustelle. Nur der Tatsache, dass sich nahezu alle in der Mittagspause befanden, ist zu verdanken, dass keine weiteren Personen zu Schaden kamen.

Dennoch sitzt der Schock tief. In einem Statement drückten die FIFA und das Lokale Organisationskomitee ihr Beileid aus:

Mit tiefer Trauer haben FIFA und das LOK vom Tod von Bauarbeitern an der Arena Corinthians in Sao Paulo erfahren. Gegenüber den Angehörigen der tragisch ums Leben gekommenen Arbeiter möchten wir unser herzliches Mitgefühl zum Ausdruck bringen. Die Sicherheit der Arbeiter hat für die FIFA, das LOK und die Bundesregierung oberste Priorität.

Die Bauarbeiten wurden sogleich gestoppt und eine dreitägige Trauer verhängt. Erst am kommenden Montag sollen die Arbeiten fortgesetzt werden.

Wie es überhaupt zu dem Unglück kommen konnte, ist noch nicht geklärt. Übereinstimmenden Medienberichten zufolge war der Kran für Lasten bis zu 1500 Tonnen zugelassen. Wieso er unter der Last von nicht einmal 500 Tonnen zusammenbrach, ist nun Gegenstand der Ermittlungen.

Ebenso unklar ist bislang, wie groß die entstandenen Schäden am Stadion sind. Andrés Sanchez, Ex-Präsident des Erstliga-Clubs Corinthians, sagte laut estadao:

Das Geschehen wird von den Behörden untersucht und erst danach können wir über den Zeitplan der Arbeiten sprechen. Das ist jetzt aber unsere geringste Sorge. Wir sind darauf konzentriert, den Familien der Opfer unsere ganze Aufmerksamkeit zu widmen.

Ersten Einschätzungen zufolge sollen die Schäden am Bau aber nicht so schwerwiegend sein, auch wenn Bilder von der Unglücksstelle einen anderen Eindruck vermitteln.

Nach Informationen von globo.com war das Stadion zu 94 Prozent fertig. Bis Ende des Jahres müssen von den insgesamt zwölf WM-Stadien noch sechs fertiggestellt und an die FIFA übergeben werden. Im Schnitt machte das Itaquerão-Stadion seit Baubeginn im Mai 2011 einen Fortschritt von 3,2 Prozent pro Monat. Da nur noch ein Monat bleibt, um die FIFA-Auflagen zu erfüllen, war dieses Ziel schon vor dem Unglück ambitioniert. Jetzt ist es das umso mehr, zumal das letzte, rund 500 Tonnen schwere Teilstück beim Absturz ebenfalls beschädigt worden sein dürfte.

In der Arena Corinthians sollen am 12. Juni das Eröffnungsspiel der Fussball-WM 2014 in Brasilien sowie fünf weitere Begegnungen stattfinden: drei Spiele in der Gruppenphase, ein Achtel- und ein Halbfinale.

Auch bei den anderen noch verbliebenen Stadien gibt es teils erhebliche Zweifel an der rechtzeitigen Fertigstellung.

  • Die Arena da Baixada in Curitiba war am 21. Oktober erst zu knapp 83 Prozent fertig, bei einem monatlichen Fortschritt von zuletzt drei Prozent.
  • Die Arena Pantanal in Cuiabá war Anfang November erst zu 85 Prozent fertiggestellt, bei einem monatlichen Fortschritt von zuletzt 3,16 Prozent.
  • Die Arena da Amazônia in Manaus war am 12. November zu 90 Prozent fertig, wobei allein in zwölf Tagen laut portal2014 ein Fortschritt von zwei Prozent erreicht wurde.
  • Das Stadion Beira-Rio in Porto Alegre war Anfang November zu 92 Prozent vollendet.
  • Die Arena das Dunas in Natal war zur selben Zeit mit 94 Prozent am weitesten fortgeschritten.

FIFA-Generalsekretär Jérôme Valcke hatte angesichts der verspäteten Fertigstellung von vier der sechs WM-Stadien für den Confed Cup im Juni deutlich erklärt, die FIFA werde eine erneute Verzögerung bei den verbliebenen Stadien nicht dulden. Die FIFA braucht die Stadien rechtzeitig, um Planungssicherheit zu haben und diverse Testveranstaltungen durchführen zu können. Die Drohungen laufen allerdings ins Leere, weil die FIFA nach eigenen Angaben keinen Plan B hat. Der Ticketvorverkauf hat längst begonnen und am 6. Dezember werden die Gruppen für die WM ausgelost.

Die Uhr tickt. Die Anspannung steigt.

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11 Gedanken zu „Schweres Unglück auf WM-Baustelle in São Paulo“

  1. Bis zum 10. März soll die fehlende Stahlkonstruktion am Stadion ersetzt werden. Das berichtet das brasilianische Portal terceirotempo unter Berufung auf Angaben der Baufirma und des Clubs Corinthians. Für die Installation würden perfekte Wetterbedingungen abgewartet, ohne Regen und mit möglichst wenig Wind. Für die schlüsselfertige Übergabe ist der 15. April gesetzt. Bis heute ist nicht geklärt, wie genau es zu dem Unglück mit dem Baukran kommen konnte.

    http://terceirotempo.bol.uol.com.br/noticias/odebrecht-define-plano-e-prazo-para-concluir-cobertura-do-itaquerao

  2. Die FIFA hält trotz des Unglücks an der Arena Corinthians als Austragungsort fest. „Die Eröffnung (der WM) wird in São Paulo sein, wir haben keinen Notfallplan. Sollten die Rechenschaftsberichte sehr negativ ausfallen, werden wir sie abwägen, aber ich bin sicher, dass die Eröffnung in São Paulo sein wird“, sagte FIFA-Generalsekretär Valcke gestern auf einer Pressekonferenz in Costa do Sauípe. Bedenklicher sind die Verzögerungen in der Arena da Baixada in Curitiba. „Wir sind mit Problemen konfrontiert, es wird nicht wie geplant bis zum 24. Februar übergeben werden“, sagte Valcke.

  3. Der Zivilschutz hat nach der Besichtigung des Unglücksortes die Fortsetzung der Bauarbeiten erlaubt. Nur das betroffene Areal an der Ost-Tribüne sei davon ausgenommen, schreibt estadao.com. Das entspreche 30% der Ost-Tribüne und 5% des Gesamtstadions. Aussagen von Gewerkschaftsseite, ein instabiler Untergrund habe für den Zusammenbruch des Krans gesorgt, wurden von offizieller Seite dementiert.

    http://www.estadao.com.br/noticias/esportes,problema-na-sustentacao-do-guindaste-no-itaquerao-havia-sido-detectado,1101768,0.htm

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