Ratlos in Osaka

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Im japanischen Osaka findet gerade der G20-Gipfel statt. Und im Grunde ist heute schon klar, dass er in all seiner Hilf- und Ratlosigkeit ein gespenstisches Abbild der aktuellen Weltlage gibt. Bilder können lügen, aber Live-Bilder eben nicht.

Dank des Internets und der Sozialen Medien ist es heute ja glücklicherweise ein Kinderspiel, sich selbst ein unverfälschtes und eigenes Bild zu machen. Das muss auch unbedingt so bleiben!!

Ich als langjähriger TV-Journalist weiß es einfach absolut zu schätzen, dass ich mir besonders via Twitter ein eigenes Bild der Lage machen kann, ohne irgendwelche Zwischenhändler und -Interpretierer. Interpretieren kann ich selber, hab ich schließlich jahrzehntelang gemacht.

Insofern überrascht mich diese ganze gespenstische Kulisse in Japan auch nicht wirklich. Denn das Gute an solchen Gipfeln ist, dass sich eben dieselben Leute, die sich vorher aus der Ferne gegenseitig attackiert haben, nun plötzlich im selben Raum miteinander befinden. Das hat etwas von Dschungel Camp, Klassen- und Familientreffen. Wer wackelt zuerst?

Im übertragenen Sinne läuft es in den Sozialen Netzwerken und auch im Alltag nicht anders. Wenn man auf diejenigen trifft, über die man sich vorher hinter vorgehaltener Hand noch verächtlich gemacht hat, dann macht das etwas mit uns. Unser Denken und unsere Kommunikation spiegeln sich in unserem Verhalten, unserer Körperhaltung und Mimik.

Heute habe ich via Twitter live die von der Nachrichtenagentur Reuters gestreamte Abendvorstellung für die illustren Staatsgäste angeschaut mit anschließendem Gang zum Abendmahl, eingeleitet von einer Festansprache  des japanischen Ministerpräsidenten Abe. Man stieß mit einem rötlichen, weinartigen, traditionellen Getränk an und die Übertragung war beendet, als der „informelle Teil“ begann.

 

Nun darf sich ein Aussenseiter und TV-Zuschauer nicht der Illusion hingeben, dass es im „informellen Teil“ ohne Kameras und Tonaufnahmen genauso gesittet zugehe wie vor laufenden Kameras.

Das ist ein Unterschied wie Tag und Nacht, kann ich aus meiner journalistischen Erfahrung bescheinigen.

Das eine ist Show (inszeniert) – das andere ist die Wirklichkeit.

Dennoch offenbaren selbst noch so professionell und detailliert vorbereitete und durchgeführte Inszenierungen Vieles über die sich dahinter zu verbergen versuchende reale Welt.

Und an den Live-Aufnahmen des klassischen Konzertes mit einer Geisha-ähnlichen japanischen Sängerin sowie dem Gang zu den gedeckten Tafeln war unmissverständlich zu erkennen, zu sehen und zu hören, dass sich die versammelte Weltelite offenbar nicht mehr viel zu sagen hat.

Jeder gegen jeden. Kein gemeinsamer Nenner. Keiner traut niemandem mehr über den Weg. Eine schrecklich zerstrittene Familie, die nur mit äußerster Not noch die Contenance bewahrt!

Endspiel gewissermaßen.

Sackgasse. (Rua sem saída)

Game over.

Ein neuer Ansatz muss her. Und der ist in der Tat anti-global, was den Waren- und Personenverkehr angeht.

Jeder sollte sein eigenes Haus bestellen und zusehen, wie er/sie klarkommt.

Globale Mega-Multi-Milliarden-Dollar-Deals sind einfach total out.

Old Economy.

Der Wind weht jetzt aus einer ganz anderen Richtung.

Muss!

Denn wenn nicht, ist eh bald alles zappenduster.

Ein Gedanke zu „Ratlos in Osaka“

  1. Wider alle pessimistischen Erwartungen ist es den G20 gelungen, eine gemeinsame Abschlusserklärung zu unterzeichnen, in denen sich alle außer den USA zu den Pariser Klimaschutzzielen bekennen. Parallel unterzeichneten die EU und die Mercosur-Länder Südamerikas das seit 20 Jahren verhandelte Handelsabkommen, das für beide Seiten erhebliche Erleichterungen bringen wird. Man könnte auch sagen, die Europäer und die Weltgemeinschaft haben Brasilien auf ihre Seite gezogen. Vorerst zumindest. Brasilien – egal unter welchem Präsidenten – tut aber gut daran, sich die USA möglichst vom Hals zu halten und mit dem Rest der Welt weiterhin freundschaftlich verbunden zu sein.

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