Polizei nimmt Brasiliens Google-Chef fest

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Im Streit um ein umstrittenes Wahlkampf-Video auf YouTube hat die Bundespolizei in São Paulo Brasiliens Google-Statthalter Fábio José Coelho vorübergehend festgenommen. Google weigert sich, das Video vom Netz zu nehmen, obwohl es von einem Gericht im Bundesstaat Mato Grosso do Sul dazu verpflichtet wurde.

Das Video bezichtigt Alcides Bernal, Kandidat der PP (Partido Popular) für das Bürgermeisteramt in Campo Grande, diverser, aktenkundiger Rechtsverstöße und moralischen Fehlverhaltens. Trotzdem sah ein Wahlgericht den Politiker verunglimpft und forderte eine Löschung des Videos.

Google argumentiert wie üblich damit, nicht für die Inhalte auf YouTube verantwortlich zu sein und lediglich eine Plattform darzustellen.

Diese Argumentation kennt man ja nicht zuletzt angesichts des Mohammed-Videos, das weltweit für Aufruhr sorgt (und das ich nicht verlinke).

Auch wenn ich in Bezug auf das umstrittene Video in Brasilien in der Tat keinen Anlass sehe, es zu sperren, denn alle dort erhobenen Vorwürfe werden durch Dokumente belegt, ist Google’s Strategie inkonsequent.

YouTube regiert in anderen Fällen durchaus und sehr spürbar in die Plattform hinein, übt Zensur und sperrt Videos aus viel nichtigeren Gründen.

Ich persönlich habe mal ein Video aus Brasilien hochgeladen (mit über 13.000 Views mein bisher erfolgreichstes), das einige Gemüter sehr erhitzte und irgendwann von einem User als „unangemessen“ denunziert wurde. Daraufhin wurde es durch YouTube mit einer Altersbeschränkung von 18 versehen. Nun kann es nur noch von Usern gesehen werden, die über ein YouTube-Konto verfügen, das die Altersvoraussetzungen erfüllt (was im Übrigen von YouTube nicht weiter kontrolliert wird. Jeder kann unter irgendeinem Namen kostenlos ein Konto anlegen und ein beliebiges Alter eingeben…).

Das Video zeigt einen Nachmittag bei Verwandten auf einer Fazenda nahe Belo Horizonte und wie ein Onkel in Gegenwart meiner und anderer Kinder einen Hahn mit einem Messer schlachtet, um ihn dann zuzubereiten. Da mir von Anfang an klar war, dass Tierschützer, Tierfreunde und andere zartbesaitete Gemüter das vielleicht nicht so toll finden,  gibt es gleich zu Beginn einen Warnhinweis auf Deutsch und Englisch. Wie man sieht, hat es nichts genutzt und ich habe unzählige unflätige und beleidigende (deutsche) Kommentare erhalten. Die Altersbeschränkung hat letztlich dafür gesorgt, dass das Video kaum mehr neue Klicks bekommt, was aus meiner Sicht natürlich schade ist, weil es einfach nur etwas zeigt, was in vielen Regionen der Welt völlig alltäglich ist und dort niemanden schockiert.

Deutsche Nutzer können ja sprichwörtlich ein Lied von Google’s Zensur singen, denn sobald sie ein Video anschauen oder hochladen wollen, das mit Musik unterlegt ist, an der die GEMA Rechte geltend machen könnte, sieht der User schwarz oder kann sein eigenes Video nicht öffentlich machen.

Auch in puncto Sexualität zieht YouTube in typisch amerikanischer Manier die Grenzen sehr eng. Die Comunity-Richtlinien nennen darüber hinaus noch eine ganze Reihe anderer Spielregeln.

So heisst es unter Punkt 6:

Wir unterstützen die Redefreiheit und räumen dieses Recht jedem ein, auch bei unpopulären Standpunkten. Wir gestatten jedoch keine Hassreden, die eine Gruppe aufgrund von Rasse oder ethnischer Herkunft, Religion, Behinderung, Geschlecht, Alter, Veteranenstatus oder sexueller Orientierung/Geschlechtsidentität angreifen oder erniedrigen.

Das umstrittene und dümmliche Mohammed-Video hat nachweislich einen rassistischen Hintergrund und wurde von den Machern allein zu dem Zweck gemacht und veröffentlicht, Moslems und ihren Propheten Mohammed zu beleidigen und zu verunglimpfen.

Auch wenn ich mir seitens der Moslems in dieser Hinsicht mehr Gelassenheit wünschen würde: Spätestens die massiven Ausschreitungen in etlichen islamischen Ländern hätten Google dazu bewegen müssen, dieses Video aus Respekt vor dem Glauben anderer Menschen weltweit zu sperren. Die Welt hätte es verschmerzen können, schließlich ist die ganze Machart alles andere als ein Meisterwerk.

Aber Google hat es nur in einzelnen Ländern gesperrt.

Google wird nicht umhin kommen, sich über seine Guidelines mal ernsthafte Gedanken zu machen. Das Problem dabei ist, dass Google damit überfordert sein dürfte, denn Google ist ein privatwirtschaftliches Unternehmen, das auf Umsatz und Profit abzielt. Je mehr Publicity daher ein Video egal welchen Inhaltes hat, desto besser für YouTube.

Eigentlich. Die Dinge könnten sich jedoch irgendwann auch ins Gegenteil verkehren, wenn der Unmut über Google’s Politik zu groß wird. Dann wenden sich die User von YouTube ab und gehen zu anderen Portalen, die ja nur darauf warten, YouTube dereinst zu beerben.

Was Brasiliens Google-Chef angeht, wurde er nach einigen Stunden wieder auf freien Fuss gesetzt. Wie die Bundespolizei laut G1 mitteilte, rechtfertigte der Anlass keine längere Festsetzung.

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