Online-Journalismus ist geil!

Flattr this!

So langsam komme ich ja wirklich auf den Geschmack. Als jahrelanger TV-Journalist habe ich die Entwicklungen im Internet zwar immer verfolgt, aber doch überwiegend von der Seitenlinie. Nun, wo ich mich gezwungenermaßen neu orientieren muss – UND AUCH WILL! – steige ich mehr und mehr in die Materie ein. Und bin FASZINIERT von den Möglichkeiten!

Ein schönes Beispiel ist die Geschichte um die Hamburg-Mannheimer (oder „Humbug Mülleimer“, wie Insider wohl sagen), die zuerst das Handelsblatt hatte und von der BILD aufgegriffen wurde. Da haben 2007 Top-Versicherungsvertreter und Vorstände in Budapest ein Gelage gefeiert, bei dem den Teilnehmern 20 Nutten zur freien Verfügung standen. BILD brachte dann „exklusiv“ Fotos, die belegen sollten, dass während der Party ausserdem noch in aller Öffentlichkeit gekokst wurde.

Neue Wendung durch Netz-Kommentare

So weit, so gut oder schlecht. Interessant waren dann vor allem die Kommentare im Netz.

Während sich zunächst viele der „Empörung“ von BILD anschlossen und am liebsten ihre Police aus Abscheu gleich kündigen wollten, fing eine Diskussion darüber an, ob es sich überhaupt um Koks handelte, was da geschnupft wurde. Denn ERGO, der Konzern, zu dem die Hamburg-Mannheimer inzwischen gehört, hatte auf seiner Online-Presseseite allen Ernstes behauptet, es handele sich in Wirklichkeit um Salz!

Hier der Wortlaut:

Die Berichterstattung in der BILD-Zeitung-Ausgabe vom 24. Mai 2011, wonach Handelsvertreter der Hamburg-Mannheimer auf sogenannten „Top 5 Reisen“ Kokain konsumiert hätten, ist unwahr. Die von der BILD-Zeitung veröffentlichten Fotos zeigen ein Trinkspiel mit Salz, Tequila und Zitronensaft (auch „Tequila Stuntman“ oder „Tequila Suicide“ genannt). Dazu gehört das Einschnupfen von Salz. Bei den Handlungen der Akteure auf den von der BILD-Zeitung veröffentlichten Fotos handelt es sich nicht um den Konsum von Kokain. ERGO liegen dazu eidesstattliche Versicherungen von auf den Lichtbildern abgebildeten Personen vor.

26. Mai 2011, 15 Uhr

Darüber haben sich zunächst natürlich viele lustig gemacht. Doch dann gab es immer mehr Stimmen, die diese These unterstützten. Kenner aus der Gastwirtschaft oder ähnlicher Gelage bestätigten, dass es sich um „Tequila Stuntman“ handelte:

Salz in die Nase, Zitronensaft in die Augen, Tequila auf Ex. Jaja, sowas gibt’s! Unglaublich, aber wahr. Nur die ach so insidermäßigen BILD-Journalisten haben es nicht gewusst! Oder vielleicht doch? Und sie haben sich nur künstlich empört? Wissend, dass es sich nicht um Koks handelte? Und sie wollten sich eine gute Geschichte nicht durch zu viel Recherche kaputt machen lassen?

Ehrlich gesagt, ich glaube es nicht. Sie sind wirklich drauf reingefallen. Denn am nächsten Tag war in der Fortsetzung der Geschichte von großer Empörung keine Spur mehr. Man brachte ziemlich kleinlaut die Bedenken an der Koks-Theorie zur Sprache, gestand selbst dabei aber keinen Fehler ein.

Es spricht also Vieles dafür, dass man bei der BILD nicht genau hingeguckt hat und sich vom ersten Eindruck der Bilder hat täuschen lassen.

Aber dafür ist das Internet doch toll: Die Kommentare der Leser bringen eine Geschichte weiter und bieten interessante Hinweise, an die der in seiner Redaktion sitzende Redakteur so schnell nicht gekommen wäre.

Und das finde ich einfach GEIL und eröffnet dem Journalismus neue Recherchequellen!

nach oben

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.