Mondfinsternis in Taquari

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Bin immer noch ganz benommen und in den Bann gezogen von dem phantastischen Ereignis der vergangenen Nacht, in der sich ein für dieses Jahrhundert einmaliges astronomisches Ereignis vollzog. Eine totale Mondfinsternis, die mit 103 Minuten eine für dieses Jahrhundert einzigartige Dauer aufwies. Zeitgleich befand sich der Mars auf seiner eliptischen Bahn genau auf einer Linie mit Sonne, Mond und Erde. Insgesamt sprechen die Wissenschaftler von vier astronomischen Großereignissen in einer einzigen Nacht. Es war klar, dass dieses Event unter den bestmöglichen verfügbaren Umständen gewürdigt werden musste. Es konnte unter den gegebenen Umständen keinen besseren Ort geben als den Strand von Taquari, meiner neuen Heimat in der Region von Paraty, wo ich seit Januar lebe.

Wegen des an diesem Wochenende stattfindenden Internationalen Literaturfestivals Flip in Paraty war die Tochter einer guten Freundin und Nachbarin in Taquari aus São Paulo angereist und war gleich von unserer Idee, die Nacht am Strand zu verbringen, begeistert. Wir wollten mein geräumiges Zelt dazu benutzen und außerdem meine Musik via portable Musikboxen auch ohne Stromanschluss genießen können.

Wir hatten die Qual der Wahl zwischen zwei absolut traumhaften Plätzen: einem höher gelegenen Plateau am Übergang zum Mangrowenwald mit leichtem Zugang per Auto und kurzem Weg zum Zeltplatz und freier Sicht auf das Meer und den Horizont oder einem schwerer zugänglichen Platz am anderen Ende des Strandes, am Ufer des Flusses Taquari gelegen, der sich an dieser Stelle ins offene Meer schlängelt. Dieser Ort hatte den Vorteil, abgesehen von der idyllischen und gepflegten Lage von eventuellen gezeitenabhängigen Überraschungen gefeit zu sein. Das war bei dem anderen Ort nicht garantiert, denn an und um den Vollmond herum fallen die Gezeiten deutlich heftiger aus. Unser Zeltplatz lief Gefahr, unter widrigen Umständen unter Wasser zu geraten, wenn auch nicht tief. Das Risiko schien daher überschaubar. Das Einzige was darüber hinaus noch hätte stören können wäre die Belästigung durch zu viele andere Leute, die möglicherweise dieselbe Idee hätten und an den Strand kämen. Leichter Zugang kann auch mehr Fluktuation bedeuten. Auch hier musste also eine Grundsatzentscheidung fallen, die von den jeweiligen Vorlieben abhing. Logenplatz mit Risiko der Überflutung und Belästigung oder idyllischer Rückzugsort, von dem aus das Meer weiter weg und der Blick zum Mond verstellt wäre und der Zugang umständlicher.

Wir entschieden uns für Variante 1. Die Mondfinsternis sollte nach brasilianischer Zeit um 17:15 h zu sehen sein, wenn der Himmel sich genügend abgedunkelt hatte, um den Mond im Erdschatten zu entdecken.

Gegen 16:15 Uhr trafen wir vor Ort ein und freuten uns, dass niemand unseren anvisierten Logenplatz in Beschlag genommen hatte. Im Gegenteil, irgendjemand hatte wohl schon ein bisschen geharkt und Müll beseitigt, denn der Platz war in einem besseren Zustand als üblich. Auch ich hatte eine Harke in meinem Pickup dabei und bereitete den Untergrund für mein Vier-Personen-Zelt vor.

Mir fiel ein, dass ich mein Handy und Ladekabel bei der Freundin gelassen hatte. Während ihre Tochter daraufhin zu Fuß zur ein bis zwei Kilometer entfernten Wohnung ihrer Mutter zurückkehrte, um noch weitere vergessene Dinge zu holen, baute ich mit Marcia das Zelt auf, was sich verzögerte, weil wir aus Versehen zwei Stangen vertauscht hatten. Zwei ältere Passantinnen und offenbar Einheimische kamen vorbei und begannen ein Gespräch mit uns. Sie hielten den Zeltplatz für zu riskant. Die Flut, die in der Nacht um 2:32 Uhr ihren Höhepunkt erreichen sollte, würde ziemlich wahrscheinlich bis hoch zu unserem Plateau reichen, zeigten sich die Damen überzeugt. Sie zogen dann weiter und Marcia und ich grübelten ein wenig. Aber wir kamen schnell überein, dass wir diese Sorgen in den Wind schlagen wollten. Alles wird gut. Hier ist einfach der beste Platz. Fertig.

Prompt war das Zelt errichtet, Marcias Tochter kam zurück mit allem, was gefehlt hatte. Und wir begannen, unser Zelt einzurichten und es uns gemütlich zu machen. Ich hatte meinen Campingstuhl mit Armlehnen dabei, die Frauen Decken und Strandtücher. In meiner großen Kunststoff-Kühlbox aus Deutschland kühlten zwölf 500-Milliliter-Dosen Brahma-Bier inmitten von großen Eiswürfeln. Zu Essen hatten wir einige von Marcias Mutter zubereiteten brasilianischen, mit Hackfleisch und einigem anderen gefüllten Teigtaschen dabei. Für den späteren Abend stand eine von Marcia zubereitete Erbsensuppe bereit, die auf dem mitgebrachten Camping-Gaskocher nur noch aufgewärmt werden musste. Plastikteller und -becher sowie drei Esslöffel waren in unserem Gepäck dabei.

Es wurde dunkler und diesig. Vom Mond war nichts zu sehen. Aber wir waren bestens präpariert und saßen bereit. Ein Nachbar kam vorbei, wollte auch einen Blick auf das Ereignis werfen, zog dann aber wieder von dannen, weil er nichts Besonderes entdeckte.
Wie stets, leistete mir meine etwa sieben Monate alte Hündin Tití Gesellschaft. Hatte sie in der Nacht zuvor noch ununterbrochen gebellt, wie alle Hunde in der Nachbarschaft, war sie nun still und verfolgte aufmerksam, was sich vor unseren Augen ereignete.

Wir waren allein, machten es uns auf Stuhl und Decken gemütlich und starrten zum Horizont. Teilten das erste Bier unter uns auf und machten Musik an.

Es war eine wunderbar friedliche Atmosphäre, sehr gelöst, entspannt.

Der Himmel war weitgehend wolkenfrei, aber diesig. In der Mitte über dem Horizont schwebte eine schleierhafte, etwas dunklere, langgezogene Wolke. Und plötzlich entdeckte ich ihn: Den Mond. Schemenhaft verbarg er sich hinter diesem Schleier. Dunkel. Geheimnisvoll. Wir starrten gebannt auf ihn und waren bis in die letzte Faser gespannt, was noch alles folgen würde, sobald er hinter dem Schleier hervortreten würde. Mit jedem seiner in größter Gelassenheit gemachten Schritte wurde er sichtbarer. Als er endlich sein ganzes, dunkles Gesicht zeigte, fing er vom unteren Rand an zu strahlen. Er sah schließlich wie ein über das ganze Gesicht strahlender Smiley aus. Immer größer wurde dieses Strahlen, bis es schließlich von unten nach oben den ganzen Mond in herrlichstem Gold erstrahlen ließ!

Und während am Himmel der Mond im Verbund mit Sonne und Sternen sein Bestes gab, begleitete das Meer auf der Erde das Ereignis mit einem rhythmischen Rauschen und faszinierenden Lichtspielen auf der Wasseroberfläche. Das sich auf der Wasseroberfläche brechende Mondlicht erzeugte einen visuellen Effekt, bei dem das Wasser zu fluoriszieren schien. In schnellem Tempo zuckelten und züngelten kleinen Feuernestern gleich silberfarbene Lichter über die schwarze Wasseroberfläche. Mein iPhone war via Bluetooth mit meiner kleinen Musikbox verknüpft. Wie meistens, ließ ich Spotify selber auswählen, welchen meiner Titel aus meiner Favoritenliste es abspielen sollte. Ich habe stets gute Erfahrungen damit gemacht. In gewisser Weise ist es meine Art, über das Zufallsprinzip Gott mit mir sprechen zu lassen. Und auch diesmal funktionierte es perfekt. Während die Natur also ein spektakuläres Gesamtkunstwerk auf XXL-Leinwand und Mega-Dolby-Surround-Atmo präsentierte, steuerte mein Handy den passenden Soundtrack dazu bei. Es war gigantisch! Unaussprechlich. Einzigartig.

Die Euphorie von uns drei Erdbewohnern in diesem Moment war grenzenlos. Die Leuchtspur, die der hell am Firmament strahlende Mond auf dem Meer zog, richtete sich wie ein sich verjüngender Pfeil direkt auf uns. Dieses Happening war in diesem Moment absolut exklusiv für uns. Für uns inszeniert. Diesen Blick, diesen Moment, dieses Ereignis hatten wir für uns ganz allein. Zusammen mit zwei anderen Personen, zwischen denen die Chemie stimmt, die denselben Moment in gleicher Weise empfinden und zu würdigen wissen.
Es war magisch. Heilig. Göttlich.

Das Meer zog sich immer weiter zurück, weiter als sonst. Hoffentlich würde es nicht umso heftiger zurückkehren!

Aber in dieser Nacht lag keine Gefahr. Sie war eine spektakuläre Zurschaustellung dessen, wozu Natur und Universum fähig sind. Und wie herrlich, großartig und verehrungswürdig sie ist. Es gibt nichts, aber auch rein gar nichts, was sich mit der Natur und der Schöpfung und dem Universum messen lassen kann. Bei aller Technologie, die der Menschheit heutzutage zur Verfügung steht, ist die Natur ein unerreichbares Vorbild. Niemals wird der Mensch in der Lage sein, dies mit allen Sinnen zu imitieren und zu kopieren. Niemals.

Deswegen sollten wir mal innehalten und ernsthaft darüber nachdenken, ob wir wirklich auf diese Art und Weise wie bisher fortfahren wollen oder ob nicht endlich der Zeitpunkt gekommen ist, zur Vernunft zu kommen, auf die sich der Homo sapiens doch so viel einbildet.

Es ist wirklich nicht so schwer. Einfach mal den ganzen Scheiß hinter sich lassen, nach vorne schauen, zuversichtlich sein und einfach nur soviel Gutes wie möglich tun. Jeder weiß instinktiv, was gut und böse ist. Alles Reden darum sind nur Ablenkungsmanöver. Jeder hat in seinem unmittelbaren privaten Umfeld die Möglichkeit, von jetzt auf gleich alles in Ordnung zu bringen, was er selbst falsch macht. Wenn jeder erst einmal bei sich anfängt und jedem anderen gegenüber einfachen Respekt zeigt ohne ihn zu beleidigen oder in irgendeine Schublade zu stecken, dann haben wir sehr viel erreicht.

Niemand ist gezwungenen, seine Mitmenschen zu LIEBEN. Das wäre zu viel verlangt (wenn es auch nichts Schöneres gibt als das Gefühl tief empfundener Liebe). RESPEKT reicht. Seid einfach möglichst nett zueinander. In jeder Hinsicht. Der Rest erledigt sich dann von ganz alleine.

Es ist keine große Sache und bedarf keiner besonderen Anstrengung. Einem Fremden gegenüber erst einmal freundlich entgegenzutreten sollte bei sogenannten zivilisierten Menschen eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein. Gut und Böse hat nichts mit Hautfarbe oder Herkunft zu tun, sondern mit Charakter. Gut sind diejenigen, die konstruktiv und kreativ und einfühlsam sind. Schlecht ist, wer nur an sich denkt, anderen Stress macht und immer gegen alles ist und alles kaputt macht. Braucht kein Mensch.

Es steht einem jeden von uns jederzeit frei, uns für die eine oder andere Seite zu entscheiden. Aber wenn du dich entschieden hast, musst du aber auch alleine die Konsequenzen tragen.

Mittel- und langfristig zahlt es sich aus, sich für die richtige Seite zu entscheiden, egal, wie schwer es auch manchmal scheint und fällt und ist. Aber es lohnt sich. Kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen.

Denn wenn du Gott gefällst, dann dankt Er es dir tausendfach und nimmt dich in den Kreis derjenigen auf, die Seinen Schutz und Seine Großzügigkeit genießen dürfen. Dazu braucht es keine Bibel, keinen Koran, keinen Buddha, keine Religionen, keine Kirchen. Nichts. Nur DICH und DEINEN WILLEN und DEINE TATEN. Amen.

Der Mond überstrahlte inzwischen wie eine am Himmelsdach angebrachte Lampe die ganze Umgebung. Wir konnten ohne technische Hilfe weiter Bier in die Becher einschenken, kochen, essen und unseren Schlafplatz in Ordnung halten. Die Akkus meiner zwei Musikboxen waren schneller als erwartet aufgebraucht und die Müdigkeit übermannte mich. Ich verzog mich ins Zelt. Zumal es auch ziemlich kühl geworden war. Das Meer dagegen hatte eine so angenehme Wärme, dass die Versuchung groß war, möglichst unbekleidet hineinzutauchen. Aber wir hatten kein Handtuch dabei und die Lufttemperatur fühlte sich im Verhältnis zur Wassertemperatur deutlich kühler an. Es gab auch keine Möglichkeit, sich Sand und Salz mit Süßwasser abzuwaschen, also verwarfen wir die verlockende Idee.

Auch die beiden Damen folgten mir bald ins Zelt, nachdem sie unseren Rastplatz aufgeräumt hatten.
Schlaf fand ich kaum. Das Meer rauschte, die Flut schob hörbar und mit großer Kraft immer mehr die Wassermassen zurück in unsere Richtung. Marcias Tochter hatte noch bei Tageslicht mit einer Schaufel, die ich mitgebracht hatte, einen Graben vor unserer Schlafstatt ausgeworfen. Er bewahrte uns am Ende davor, dass die Flut über den Rand unserer Plattform steigen konnte. Doch es gab keinen Grund zur Sorge. Alles war gut. Selig im Halbschlaf lauschten wir den Naturereignissen dort draußen. Meine Hündin Tití verschwand zwischenzeitlich in den Mangroven und hielt die Nacht über Augen und Ohren offen, bellte hier und da irgendetwas weg, was ihr bedrohlich vorkam. Dürfte aber auch einfach ihrer lebhaften Phantasie oder unterdrückten Angst geschuldet gewesen sein. Gelegentlich bellt sie sogar bei Tageslicht die riesigen Blätter von Bananenstauden an, weil sie wohl glaubt, es handle sich dabei um ein bedrohliches Lebewesen. Bellen ist überhaupt eine sehr nützliche Sache. Es vertreibt die eigene Angst und kann das Gegenüber in Angst und Schrecken versetzen.

Gegen sechs Uhr am Morgen bemerkte ich, wie Marcia das Zelt verließ. Ich fragte, ob man den Sonnenaufgang schon sehen könne, was sie bejahte. Also stieg ich auch aus dem Zelt und war sogleich hingerissen von den orange-rot-gelben Tönen, in die der Himmel über den tropisch bewachsenen Hügeln Richtung Osten getaucht war. Was für ein herrlicher Ort! Was für ein herrliches Ereignis! Was für eine Dankbarkeit, diesen Ort mein Zuhause nennen zu dürfen! Grenzenloses Glücksgefühl.

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