Mesut Özil und die Rassismus-Keule

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Der türkischstämmige Mesut Özil hat seinen Rückzug aus der deutschen Fussball-Nationalmannschaft erklärt. Das tat er in Form einer dreiteiligen, auf Englisch verfassten Erklärung, die er über seine sozialen Netzwerkprofile mit Millionen Followern auf Facebook und Twitter verbreitete. Nun schlagen die Wellen hoch in Deutschland.

Der Germane an sich schwingt gerne die Keule: Sei es die Rassismus-Keule, die Antisemitismus-Keule, die Gutmenschen-Keule, die Gender-Keule, die #MeToo-Keule oder was es sonst noch alles für Keulen gibt, um jedes beliebige Thema hochzupuschen und aufzubauschen und zu einer Grundsatzdebatte ausufern zu lassen.

Der Fall Mesut Özil eignet sich offenbar hervorragend dazu, um die ganze aktuelle, brisante und kontroverse Grundsatzdebatte um Migration, Immigration, Integration, abendländische gegen morgenländische Kultur an einer Person exemplarisch durchzuexerzieren.

Und da sich heutzutage dank der sozialen Medien jeder Idiot – mich eingeschlossen – an dieser Debatte beteiligen darf, ist das Geschrei umso lauter und undifferenzierter und vergifteter. Weil es im Netz einfach an einer Debattenkultur mangelt, in der jeder sich um Sachlichkeit und Klarheit bemühen müsste und persönliche Anfeindungen und Beleidigungen unterlassen sollte.

Ich bin des Englischen mächtig und habe alle drei Teile von Özils Erklärung gelesen. Und es gibt nach der Lektüre keinen Zweifel daran, dass Özil es nach wie vor korrekt findet, dass er sich mit dem türkischen, autokratischen und menschenrechtsverletzenden Präsidenten Erdogan für ein gemeinsames Foto mit Trikot hat ablichten lassen. Er habe es aus „Respekt“ gegenüber seinen türkischen Wurzeln gemacht.

Das ist schlicht und einfach dumm. Man drückt seinen Respekt vor seinen Wurzeln nicht damit aus, dass man einem Despoten leutselig die Hand schüttelt. Es gäbe unendlich viele andere Arten, dies im Stillen wie im Öffentlichen zu tun, ohne damit falsche Signale an die falschen Leute zu senden. Offenbar ist Özil’s Intellekt nicht ausgeprägt genug, um das zu begreifen.

In seiner Erklärung beklagt er sich über die Anfeindungen, die ihm nicht erst seitdem entgegenschlugen, seitens der Massenmedien, seitens der sozialen Medien. Nun denn: wer in der Öffentlichkeit steht und damit Millionen verdient, kann sich gerne darüber beklagen. Bringen tut das aber nichts. Das ist der Preis, den er dafür zahlt, soviel Geld und Aufmerksamkeit damit zu verdienen, dass er mit dem Fuss einen Ball tritt (was an sich ja schon eine groteske Entwicklung unserer Zeit ist).

Mesut beklagt sich in dem Statement über mangelnden Rückhalt vor allem seitens des DFB und seines Präsidenten Grindel. Das lässt sich von außen schwer beurteilen, mir persönlich fehlen dafür die Hintergrundkenntnisse, um das beurteilen zu können. Aber auch das sind Dinge, mit denen jeder Arbeitnehmer, jeder Vater, jede Mutter, jeder Lehrer, jeder Altenpfleger, jeder Mensch im Alltag zu kämpfen hat. Ich denke, die wenigsten Menschen haben das Gefühl, die Anerkennung für ihr Tun zu bekommen, die sie gerne hätten und verdienen. So what? Er verdient Millionen, bekommt millionenfache Aufmerksamkeit von Fans und Medien, und jammert dann rum, weil er sich vom DFB-Präsidenten nicht genügend unterstützt findet? Hör auf zu heulen, Alter!

Mesut beschreibt, wie sehr er sich als Deutschtürke oder Türkischdeutscher integriert hat, wie sehr er sich in dieser Hinsicht über all die Jahre in diversen Projekten engagiert hat. Bravo! (Auch wenn man weiß, dass solcherart Engagement heutzutage zum professionellen Selbstmarketing gehört und nicht immer von Herzen kommen muss. Aber keine Ahnung, wie echt es bei Özil ist.)

Özil beklagt, nur dann als Deutscher respektiert zu werden, wenn Deutschland gewinnt. Und als Türke diffarmiert zu werden, wenn Deutschland verliert.

Ich würde ihm empfehlen, diesen ganzen Schmarren, den Medien und Trolle verbreiten, nicht persönlich zu nehmen und einfach sein Ding zu machen. Und sich klar zu positionieren.

Das ist für mich das Hauptproblem von Özil: offenbar ist er in seiner Identität gespalten. Er fühlt sich als Türke UND als Deutscher. Das ist aber eigentlich überhaupt kein Problem. Für Millionen Menschen ist das Alltag.

Ich bin Deutscher und bin als Kind in Spanien aufgewachsen. Ich habe Spanien so geliebt, dass ich mich nach der Rückkehr nach Deutschland noch Jahre mehr als Spanier denn als Deutscher gefühlt habe. Nun lebe ich in Brasilien und werde damit leben müssen, dass ich hier bei aller Anpassung an die Landessitten immer der „Gringo“ und „Alemão“ sein werde. So what? Kann ich mit leben. Ich habe diese verschiedenen Identitäten, und ich kann sie leben, ohne damit der falschen Seite zu applaudieren. Ich kann, ich will und werde meine Wurzeln nie verlieren und nie verleugnen.

Özils Problem ist seine intellektuelle Unreife und seine Unfähigkeit, sich klar zu positionieren. Als Spieler für die deutsche Nationalmannschaft hat er sich dem Land gegenüber loyal zu verhalten. Ausgerechnet mit Erdogan zu posieren ist angesichts dessen, was in der Türkei abgeht, nicht loyal. Es ist eine Provokation, auch für mich, der alles andere als ein Rassist ist. Und jahrelang beim Erklingen der deutschen Nationalhymne demonstrativ den Mund zu verschließen, obwohl es ihm jedes Mal auf’s Neue vorgeworfen wurde, ist ebenfalls provokant und zeugt von großer Sturheit.

Özil hat offenbar ein Problem mit seiner deutschen Identität. Wie viele andere (NICHT alle!!) Türken in Deutschland auch. Das ist Fakt.

Ihr könnt gerne euer Brauchtum pflegen, uns mit eurer wunderbaren Küche bespeisen, zu eurem Allah predigen.

Aber ihr habt gefälligst unsere demokratische Grundordnung, unsere Kultur und unsere Sprache zu respektieren! Ich tue das auch, wenn ich (wie jetzt) im Ausland lebe. Niemals käme ich auf die Idee, von den Brasilianern zu erwarten, dass sie sich an MICH anpassen müssen! Niemals käme ich auf die Idee, in einem anderen Land zu leben, ohne die Sprache zu lernen und die Sitten zu respektieren. Ich bin Gast und bleibe es. Wer damit ein Problem hat, dem steht es frei, das Land zu verlassen und in seine Heimat zurückzukehren.

Ah nee: in Deutschland lebt es sich doch so viel besser als in der Türkei, nicht wahr? Und als Fußballer verdient man in der Türkei nicht so gut wie in Europa, nicht wahr?

Hör auf zu heulen, Mesut. Dein Verhalten ist einfach unreif und unreflektiert. Als Symbol für gelungene Integration eignest du dich genauso wenig wie als Sprachrohr der Deutschtürken. Dafür bist du einfach zu ambivalent, introvertiert und unklar.

2 Gedanken zu „Mesut Özil und die Rassismus-Keule“

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