Merkel und die finanziellen Analphabeten

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Am 22. September wird in Deutschland der neue Bundestag gewählt. Umfragen sehen die Union klar vor der SPD und 63% der Befragten hätten laut jüngstem ZDF-Politbarometer lieber Angela Merkel (CDU) denn SPD-Kandidat Peer Steinbrück (29%) als KanzlerIn. Mir war diese Zustimmung für Merkel stets ein Rätsel. Aber jetzt habe ich eine mögliche Erklärung gefunden:

Es ist der finanzielle Analphabetismus der Deutschen! Schon 2004 hatte eine Studie der Bertelsmann-Stiftung einen entsprechenden Mangel an Kompetenz der Deutschen in Finanzfragen diagnostiziert. Eine aktuelle Studie im Auftrag der ING DiBa hat nun festgestellt, dass die Deutschen die geringste Finanzbildung in Europa haben.

Wie sonst lässt sich erklären, dass die absolute Mehrheit der Deutschen mit einer Bundeskanzlerin weiter machen will, die mit ihrem EURO-Rettungskurs dermaßen unsere Zukunft und die unserer Kinder und Kindeskinder auf’s Spiel setzt? Und die zu solch absurden Sätzen fähig ist wie „Scheitert der Euro, dann scheitert Europa“?

Der Euro ist gescheitert

Keine Frage: Die ganze Euro-Rettungspolitik ist sehr komplex und unübersichtlich und kaum einer blickt da noch durch bei all den Rettungsschirmen und vermeintlichen Stabilitätsmechanismen. Aber genau da liegt schon eines der Probleme: Es wurden unüberschaubare Risiken für die Zukunft in Kauf genommen, die keiner verkraften kann, wenn sie tatsächlich eintreten. Aber sie werden eintreten, weil z.B. Griechenland niemals in der Lage sein wird, die zur Verfügung gestellten Kredite zurückzuzahlen. Deutschland wird am Ende seinen Teil der Zeche zahlen und unser eigener Schuldenberg wird die Finanzierbarkeit unseres ohnehin schon schwindsüchtigen Sozialstaates untergraben.

Trauten sich die Deutschen in Finanzfragen ein eigenes Urteil zu, dann kämen sie zu dem Ergebnis, dass der Euro zum Scheitern verurteilt ist und die ganze Euro-Rettungspolitik nur einer Seite nützt: Der Bankenbranche, die wegen ihrer verantwortungslosen Spekulationssucht und Gewinngier permanent in Schieflage gerät.

Nun könnte man einwenden: Und was würde Peer Steinbrück anders oder besser machen?

Guter Einwand. Bedauerlicherweise hat die SPD den Kurs von Schwarz-Gelb mitgetragen. Alle derzeit im Bundestag vertretenen Parteien bekennen sich zum Euro und alle bis auf DIE LINKE haben die Euro-Rettungspakete mit durchgewinkt. Merkel suggeriert, ihr Kurs sei alternativlos. Das ist er aber nicht. Merkel ist nur phantasielos oder es mangelt ihr an Mut und Kraft, einen anderen Kurs einzuschlagen.

Europa ≠ Euro

Europa funktioniert auch ohne Euro. Das eine hat mit dem anderen überhaupt nichts zu tun. Schließlich besteht die Europäische Union auch heute noch aus mehr Staaten als der Währungsunion zugehörig sind. Europa ist vor allem und zuallererst eine Kultur-, Schicksals- und Wertegemeinschaft, die auf Nachbarschaft und gemeinsamer Geschichte beruht. Darüber hinaus ist Europa ein Wirtschaftsraum, in dem in großen Teilen ein grenzenloser Handel herrscht mit nach wie vor unterschiedlichen Währungen.

Es mag ja den Handel erleichtern, wenn man nicht ständig Währungskurse umrechnen muss. Aber starke und schwache Volkswirtschaften mit einer gemeinsamen Währung über einen Kamm zu scheren und am Ende für die Schulden anderer aufzukommen, um die Gemeinschaftswährung vor dem Kollaps zu retten, ist ersichtlich das schlimmere Übel. Die gemeinsame Währung in nicht vergleichbaren Volkswirtschaften verhindert, dass die einzelnen Nationalbanken eine Währungspolitik betreiben können, welche den Gegebenheiten des jeweiligen Landes gerecht werden kann.

Hochrangige Politiker scheuen negative Aussagen zum Euro, weil sie wissen, dass die ach so nervösen Finanzmärkte jedes Wort auf die Goldwaage legen und zu heftigen Ausschlägen neigen, wenn sie ihre Spekulationsgeschäfte gefährdet sehen. Für die Märkte ist das eine „win-win-Situation“: Geht die Spekulation gut, werden die Gewinne eingestrichen, geht sie schief, werden die Verluste vergemeinschaftet. Die Politik lässt sich permanent unter Druck setzen, weil die Finanzbranche als zu wichtig erachtet wird, als dass man einzelne Institute über die Klippe springen lassen dürfte.

Nach der Lehman-Pleite im Jahr 2008 wurden viele sinnvolle Maßnahmen ersonnen, um das Risiko eines Zusammenbruchs des Finanzsystems bzw. beteiligter Institute in Zukunft zu vermeiden bzw. abzufedern: Ein wesentlicher Kernpunkt ist die klare Abtrennung des Investmentbankings vom Kundengeschäft und die Erhöhung der Kernkapitalquote der Banken, um den normalen Geldkreislauf nicht zu gefährden, wenn die Spekulationsgeschäfte in die Hose gehen. Die Trennung der Geschäftsfelder wurde bis heute nicht vollzogen, die Kernkapitalquote ist zu niedrig, gewährt zu lange Fristen und zu viele Schlupflöcher.

Alldieweil sind die extrem niedrigen Leitzinsen (aktuell 0,5%) in der Euro-Zone für die Banken wie eine Lizenz zum Gelddrucken. Sie können sich zu extrem günstigen Konditionen Geld besorgen, um es teuer an die Kunden weiterzugeben. Eine aktuelle Erhebung der Stiftung Warentest hat die Dispozinsen der Banken in Deutschland verglichen. In der Spitze werden bis zu 14,75% Zinsen für die Überziehung des Kontos verlangt!

Euro-Zukunft entscheidet über Arbeitsplätze und soziale Gerechtigkeit

Wollte man auf Gedeih und Verderb den Euro erhalten, so müsste man wenigstens die Geburtsfehler korrigieren. Dass es laut Vertrag keine Vergemeinschaftung von Schulden geben darf, war ein schlechter Witz. Diese gemeinsame Haftung ist Fakt und liegt in der Logik der Sache, wenn man eine gemeinsame Währung hat. Schließlich sitzen alle in einem Boot und müssen für die Währung gerade stehen.

Also bedürfte es zumindest einer wirksamen Kontrolle aller Staatshaushalte der Euro-Länder mit einem rigidem Sanktionsregime bei Fehlverhalten. Das ist ein noch schlechterer Witz. Eine wirksame Kontrolle aller EURO-Länder-Haushalte ist nicht praktikabel, würde nur zu einer Mammutbehörde führen, die selbst Unmengen an Geld verschlingt. Die Vergangenheit hat außerdem gezeigt, dass all zu schnell beide Augen zugedrückt werden, wenn das politische Interesse stark genug ist.

Laut ZDF-Politbarometer sind für 59% der Befragten die Themen Arbeitsplätze und soziale Gerechtigkeit am wichtigsten für ihre Wahlentscheidung. Doch gerade diese beiden Themen sind von der Lösung der Euro-Frage abhängig. Wird diese Politik des Weiterwurschtelns, wie sie Angela Merkel betreibt, fortgesetzt, sind die soziale Gerechtigkeit und die Arbeitsplätze erst recht in Gefahr.

Angela Merkel hat in der nun zu Ende gehenden Legislaturperiode zur Genüge unter Beweis gestellt, dass sie zu einer nachhaltigen Lösung dieses Problems nicht willens oder in der Lage ist. Eine rot-grüne Koalition unter Peer Steinbrück wäre es offensichtlich auch nicht, weil beide Parteien fest zum Euro stehen. Immerhin versteht Peer Steinbrück mehr von der Finanzwelt als Angela Merkel und ihm ist eher zuzutrauen, dass er den Mut aufbringt, der Finanzwelt die Stirn zu bieten.

Meine Wunsch-Konstellation

Ich finde es daher sehr erfreulich, dass es in Deutschland diesmal eine Alternative zu diesem Common Sense der etablierten Parteien gibt: Die Alternative für Deutschland, in der sich kompetente und namhafte Wirtschaftsexperten verbündet haben, um vehement für einen Kurswechsel zu streiten. (Disclaimer: Ich bin nicht Mitglied oder Unterstützer der Partei! Jedenfalls noch nicht…). Auch wenn ich nicht zu 100% alle Forderungen und Einschätzungen der Partei und ihrer Vertreter teile (bei welcher Partei wäre das auch je der Fall?) ist die Stimme für die AfD ein klares Statement gegen den Euro-Kurs der deutschen Politik.

Ich hoffe, wünsche und glaube, dass die AfD es in den Bundestag schafft, auch wenn die interessengesteuerte, veröffentlichte Meinung offenbar alles tut, um die junge Partei zu ignorieren oder zu diffarmieren. Die AfD könnte das Zünglein an der Waage bei der Koalitionsbildung werden. Eine Koalition aus Rot-Grün und AfD wäre nach gegenwärtigem Stand der Dinge meine Wunschkonstellation, wenngleich ich eingestehe, dass sie ziemlich unwahrscheinlich ist.

Ebenso wünsche ich mir den Einzug der übermäßig verunglimpften Piraten in den Bundestag. Ihre Aufgabe sollte es vor allem sein, mehr Transparenz ins Politikgeschäft zu bringen und die Bürgerbeteiligung zu stärken. Die FDP möge an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern. Es gibt nicht einen vernünftigen Grund, diese Partei zu wählen, außer man ist Lobbyist, Hotel-, Haus- oder Grundbesitzer.

Die Eule in Athen

Euro-Land am Scheideweg

5 Gedanken zu „Merkel und die finanziellen Analphabeten“

  1. Selbständiges Denken

    Der Mensch lernt, indem er für das, was er richtig macht, belohnt, und für das, was er falsch macht, bestraft wird. Bei Kindern können es gute oder schlechte Schulnoten sein, bei Erwachsenen ist es in der Regel das Geld, das eine Belohnung oder Bestrafung ausdrückt. Weil aber das Geld an sich fehlerhaft ist, kann in vielen Bereichen zwischen „richtig“ und „falsch“ nicht mehr unterschieden werden und es bildet sich so etwas wie „negatives Wissen“. Es entstehen „Wissenschaften“, in denen keine Erkenntnisse mehr verbreitet werden, sondern nur noch vorgefasste Meinungen und Denkfehler.

    Was hält ein europäischer oder US-amerikanischer Ökonom von der fachlichen Kompetenz eines Kollegen, der an einer staatlichen Universität in Nordkorea „Ökonomie“ (Staatskapitalismus) studiert hat? Wahrscheinlich gar nichts. Er kommt aber gar nicht erst auf die Idee, dass er genauso wenig von Ökonomie versteht, auch wenn die Denkfehler, die er studiert hat, andere sind:

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2013/01/geldtheorie.html

    „Wer einen Fehler gemacht hat und ihn nicht korrigiert, begeht einen zweiten.“

    Konfuzius

    Der Fehler „Europäische Währungsunion“ entstand aus dem Gedanken, „dass Staaten, die eine gemeinsame Währung haben, nie Krieg gegeneinander führen“. Dieser Gedanke war schon der zweite Fehler; der erste Fehler bestand darin, sich gar nicht bewusst gemacht zu haben, was eine Währung ist und woraus Kriege entstehen:

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2012/04/krieg-oder-frieden.html

    Dass eine Menschheit, die bereits Raumfahrt betreibt (und in „God´s own country“ schon wieder einstellen musste), etwas im Grunde so Einfaches wie das Geld bis heute nicht verstehen konnte, beruht auf einer künstlichen Programmierung des kollektiv Unbewussten, die vor Urzeiten erforderlich war, um den Kulturmenschen im wahrsten Sinn des Wortes „wahnsinnig genug“ für das Unternehmen „Arbeitsteilung mit Konstruktionsfehlern“ zu machen, und die der „Unglaube“ (Ignoranz) nicht überwinden kann.

    Mythen lassen sich nicht durch Ignoranz besiegen, denn sie sind mehr als bloße Dichtung, und das in zweifacher Hinsicht: Zum einen beinhaltet ein Mythos eine tiefere Wahrheit (die umso elementarer ist, je länger der Mythos besteht), sodass seine naiven Fehlinterpretationen (so genannte Exegese) erst dann aus der Welt geschafft werden können, sobald die eigentliche, tiefere Bedeutung des Mythos erklärt und damit zugleich der Mythos selbst zerstört ist. Zum anderen beeinflussen Mythen unser Unterbewusstsein und steuern auf subtile Weise unser Verhalten, was uns auch erst dann bewusst wird, sobald der Mythos erklärt ist.

    Grundvoraussetzung des selbständigen Denkens – sofern es das menschliche Zusammenleben im weitesten Sinne betrifft – ist daher der elementare Erkenntnisprozess der „Auferstehung aus dem geistigen Tod der Religion“:

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2011/07/die-ruckkehr-ins-paradies.html

  2. In den etablierten Medien wird die AfD totgeschwiegen. Auf YouTube ist ihr Wahlkampfspot dagegen ein Schlager: Über 600.000 Klicks weist das Video auf – so viele wie kein anderer Spot der im Bundestag vertretenen Parteien – und über 1600 Kommentare. Das ist beachtlich, wenngleich ich den Spot für nicht sehr gelungen halte. Er spielt mit Ressentiments gegen Griechen, Einwanderung und EU und fischt damit am rechten Rand, wie die vielen unsachlichen Kommentare bestätigen. Schade. Denn das Wahlprogramm ist weit differenzierter als der Spot.

  3. Hallo Herr Rabe,wie ich aus Ihrem Beitrag entnehme, sind Sie sich auch nicht wirklich schlüssig wen ,was , und warum man heute zutage noch wählt .Na gut…ich werde wählen..seiner Zeit gab ich den ,Grünen´´eine Chance warum nicht auch einer neuen Partei. Wieder Mal haben Sie mich wach gerüttelt. Das ist Journalismus. Guter Puplizismus…………….!Sie denken weiter!Danke…………….!

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