Mein Vater – Ein Nachruf

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Heute ist mir bewusst geworden, dass es jetzt genau zehn Jahre her ist, dass mein Vater gestorben ist. Die Umstände seines Todes waren dabei so kurios und unerwartet, dass sie es wert sind, erzählt zu werden. Das Leben schreibt nunmal die ungewöhnlichsten Geschichten. Und der Nachruf erfüllt darüber hinaus den Zweck, darüber zu reflektieren, wer mein Vater war, was er mir bedeutete und inwiefern er mich prägte.

Der genaue Todestag ist nicht festzumachen. Vor zehn Jahren war ein Schaltjahr. Wir wissen nur, dass mein Vater in der Nacht vom 29. Februar auf den 1. März gestorben ist, am Vorabend meines 41. Geburtstages. Allein. In einem Berliner Hotelzimmer, vor dem Zubettgehen. Es war ein natürlicher Tod.

Dass er ausgerechnet in Berlin in meiner Nähe und an jenem meinem Geburtstagswochenende sterben sollte, war mehr als unerwartet und ungewöhnlich.

Denn das Verhältnis zu meinem Vater war nicht unbelastet und wir hatten all die Jahre, seit ich 1986 nach meinem Abitur sein Haus verlassen hatte, eher sporadischen Kontakt.

Meine Eltern hatten sich scheiden lassen, da war ich gerade mal fünf Jahre alt gewesen. Wir (Vater, Mutter, meine drei Jahre ältere Schwester und ich) lebten damals in Spanien, da mein Vater als Studienrat für Musik und Geografie an der Deutschen Schule in Bilbao unterrichtete.

Zwischen meinen Eltern wuchs kein Gras mehr. Sie hassten sich abgrundtief und mein Vater setzte alle juristischen Hebel in Bewegung, um unseren Kontakt mit der Mutter (sie kehrte allein nach Deutschland zurück) so weit wie möglich zu unterbinden. Er erhielt das alleinige Sorgerecht und heiratete kurz darauf eine junge deutsche Pfarrerstochter, mit der er zwei weitere Kinder zeugte, die nach unserer Rückkehr nach Deutschland zur Welt kamen.

Das Verhältnis zu unserer Stiefmutter gestaltete sich für meine Schwester und mich mehr als schwierig. Sie war ein emotional gestörter Mensch, der eine unglaubliche Kälte ausstrahlen konnte und intellektuell höchst kompliziert war. Meine Schwester und ich ersehnten uns nichts mehr als den Tag herbei, an dem wir das Elternhaus verlassen würden!

Mein Vater ist Jahrgang 1933. Das sagt eigentlich schon alles. Diese Generation Männer wuchs während Hitlers II. Weltkrieg heran. Abgesehen davon, dass allein dieser Umstand wohl zu einer emotionalen Verhärtung geführt haben dürfte, gehörte es in jener Zeit zum kollektiven Selbstbild des Mannes, nach außen hin immer Herr der Lage zu sein und keine Rührung zu zeigen. Nicht von ungefähr liebte mein Vater Cowboyfilme („Pferdeopern“, wie er zu sagen pflegte).

Mit unseren pubertären Verwirrungen ließ er uns allein, mit unseren Konflikten mit der Stiefmutter auch, wenngleich meine Schwester und ich spürten und wussten, dass es ihn nicht gleichgültig ließ.

Unser Vertrauen in den Vater wurde zusätzlich dadurch erschüttert, dass unsere leibliche Mutter nur Schlechtes über ihn zu erzählen wusste. Wir durften sie ohnehin nur drei Wochen im Jahr besuchen (sie lebte in Ludwigsburg, wir ab 1975 im Bergischen Land), durften nicht mir ihr telefonieren, nur Briefe schreiben.

Wenn wir meinen Vater dann mit ihren Aussagen konfrontierten, erzählte er uns ganz andere Geschichten. Wem sollten wir nun glauben? Die Verwirrung war komplett.

Tatsache war, dass diese beiden Menschen überhaupt nicht und niemals zusammenpassten. Mein Vater war rational, meine Mutter emotional und irrational. Das konnte nicht funktionieren.

Doch bei allen Konflikten gab es etwas, was mich tief mit meinem Vater verband: Die Liebe zur Musik!

Mein Vater war ein leidenschaftlicher Schul- und Kirchenmusiker, Chor- und Orchesterleiter. Hier ging er auch emotional total auf und leistete Außergewöhnliches. Dafür habe ich ihn immer außerordentlich respektiert. In diesem Bereich war er zweifellos eine inspirierende Instanz.

Als ich 9 Jahre alt war, drängte er mich, Cello zu lernen. Und er verfolgte mit wachsender Freude meine großen Fortschritte. Abgesehen davon, dass ich in all seinen Chören und Orchestern Mitglied wurde, musizierten wir oft miteinander, er am Klavier, ich am Cello. Das waren unsere intimsten Momente.

Es gab etwas Tiefes, was uns miteinander verband. Während er zu meiner Schwester kein vertrauensvolles Verhältnis aufzubauen vermochte (sie erinnerte ihn wohl zu sehr an unsere Mutter), gab es ein unausgesprochenes D’Accord zwischen uns.

Da ich später an derselben Schule Schüler war wie er Lehrer, legten wir den 8 km langen Schulweg meistens gemeinsam im Familienauto zurück. Dort trugen wir oft sehr heftige Auseinandersetzungen miteinander aus oder tauschten uns einfach über Alltägliches und Schulneuigkeiten aus.

Viele Mitschüler ließen an mir ihren Unmut über meinen Vater aus, der ihnen zu streng und mit seiner Intoleranz gegenüber U(nterhaltungs)-Musik zu engstirnig war. Diejenigen jedoch, die eine klassische musikalische Ausbildung genossen (und davon gab es auch sehr viele), verehrten ihn.

Mein Vater war im Allgemeinen ein konservativer Mensch, der höchsten Wert auf Werte wie Disziplin, Ordnung, Tugend und Fleiß legte. Musikalisch hatte er einen klar umrissenen Horizont: Für ihn existierte nur Klassik!

Klassik aber im weitesten Sinne. Innerhalb dieses Horizontes der sogenannten E(rnsten)-Musik war er sehr offen. So begeisterte er sich für Zwölftöner wie Arnold Schönberg und Alban Berg oder für zeitgenössische Komponisten wie Karlheinz Stockhausen, der in derselben Gemeinde lebte wie wir.

Aber Rock, Pop, Blues oder dergleichen? Absolute Fehlanzeige!

Es war meine sehr liberal denkende und fühlende Mutter, die mich auf die Beatles stoßen ließ. Meine Begeisterung kannte kein Halten mehr, und ich konfrontierte meinen Vater damit. Vorzugsweise auf unseren gemeinsamen Autofahrten zur Schule oder nach Hause.

Unterhaltungsmusik war ihm einfach zu primitiv, intellektuell zu anspruchslos. Doch ich schaffte es, seinen Horizont in dieser Hinsicht zumindest etwas zu erweitern.

Mit steigendem Alter wurde er ohnehin um Vieles milder. Auch wenn er es zu verbergen suchte, erfüllte es ihn sichtlich mit Stolz, wie ich unbeirrt meinen Weg ging und ihm niemals Sorgen bereitete.

Als ich ihm und seiner zweiten Ehefrau Jahre später meine brasilianische Zukünftige präsentierte, war er hingerissen. Sie war ja auch ein echter Leckerbissen. Welcher Mann würde da nicht dahinschmelzen?

Obwohl die Heirat in Dänemark äußerst unspektakulär war und nur im allerkleinsten Kreis geplant war, erklärte er es entgegen meiner Erwartung zu seiner absoluten väterlichen Pflicht (er war ein Pflichtmensch, wie alle Männer seiner Generation), bei der Trauung zugegen zu sein.

Schon in die Jahre gekommen, ließ er sich in seinem Auto von meinem damaligen besten Freund kutschieren und beichtete ihm während der stundenlangen Fahrt ungewöhnlich offen sein ganzes Leben.

Meine Frau und ich lebten damals schon in Berlin, er weiterhin im Bergischen Land.

Wir bekamen Kinder. Erst unseren Sohn (2006), dann unsere Tochter (2007).

Obwohl Pensionär, ließ er sich nicht in Berlin blicken, um seine Enkelkinder mal zu Gesicht zu bekommen. Für uns war es unmöglich, mit den Kindern ins Rheinland zu fahren. Unsere Tochter war als extremes Frühchen auf die Welt gekommen, wir hatten unglaublich viel Stress um die Ohren.

Ich wurde zunehmend ärgerlich auf meinen Vater. Er nahm zwar telefonisch großen Anteil an der Frühgeburt, machte aber keine Anstalten, mal seinen Arsch nach Berlin zu bewegen. Er begründete dies stets mit gesundheitlichen Problemen, die er gewiss hatte, die ihn aber nicht davon abhielten, andere Kurz-Reisen zu unternehmen. Für mich war das eindeutig eine Frage der Prioritäten. Ich forderte seinen Besuch kategorisch ein!

Schließlich war der Punkt erreicht, wo auch er einsah, dass es keine Ausreden mehr geben konnte.

Erster und letzter Besuch in Berlin

Er wählte das Wochenende meines Geburtstages am 2. März (Sonntag) 2008 aus, an dem ich mein 41. Lebensjahr vollenden sollte.

Er nahm am vorhergehenden Freitag einen Intercity-Zug vom Kölner Hbf zum Berliner Hauptbahnhof, profitierte dabei von einem Sonderangebot der Deutschen Bahn und fuhr sogar 1. Klasse. Bei seiner Ankunft am Nachmittag schwärmte er, Alfred Biolek im selben Wagen vor sich sitzen gehabt zu haben.

Ich holte ihn am Bahnhof ab und fuhr ihn in meinem Auto in unsere damalige Wohnung in der Lietzenburger Straße in Charlottenburg, parallel zum Ku’damm.

Im Vorfeld hatte er schon den Wunsch geäußert, lieber einen Platz für sich zu haben und daher ein Hotelzimmer zu buchen. Ich half ihm dabei und so quartierte er sich gleich um die Ecke in der Knesebeckstraße ein.

Dann kam er zu uns nach Hause. Meine Frau hatte eine brasilianische Spezialität zubereitet (Carne de Sol com manioca), und er genoss es sichtlich, endlich seine beiden Enkelkinder zu sehen, zu hören, zu knuddeln. Vor allem an seiner Enkeltochter hatte er einen Narren gefressen. Sie hatte die frühgeburtlichen Probleme inzwischen bestens überstanden, war der reinste Wonneproppen, ließ sich von ihm kitzeln und herzen.

Es war ein wunderbarer Abend, sehr gelöst, sehr entspannt, völlig konfliktfrei.

Schließlich wollte er ins Hotel zurück. Er war müde von der langen Reise, wollte sich ausruhen.

Wir verabredeten, dass er am nächsten Morgen um 10 Uhr wieder bei uns vorbeikommen würde. Es war der einzige Tag des Wochenendes, den wir ganz für uns hatten, denn für Sonntag, meinen Geburtstag, hatte er schon die Rückfahrt gebucht.

Wir verabschiedeten uns also voneinander, ohne überhaupt ein gemeinsames Foto geschossen zu haben. Dafür würden wir ja noch den ganzen Samstag haben.

Am nächsten Morgen verstrichen die Minuten nach 10 Uhr, ohne dass mein Vater auftauchte. Ich war recht unbesorgt. Vermutete, dass er auf den Ku’damm gegangen sei um vielleicht ein Geschenk für mich zu besorgen oder sich einfach umzuschauen.

Doch meine damalige Frau wurde nervös und forderte mich auf, im Hotel nach ihm zu schauen.

Ich nahm unseren 16 Monate alten Sohn mit, fragte an der Rezeption nach ihm. Doch niemand hatte ihn bisher gesehen. Zum Frühstück war er nicht erschienen.

Nun wurde auch ich nervös.

Ich fraget nach der Zimmernummer, doch die Rezeptionistin rückte sie aus Datenschutzgründen nicht heraus. Also forderte ich sie auf, selbst nach dem Rechten zu schauen.

Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis sie über das Treppenhaus wieder zurückkehrte: aschfahl im Gesicht, am ganzen Körper zitternd. Sie stammelte, mein Vater liege im Badezimmer reglos auf dem Boden…

„WAS!“, schrie ich. „Ist er tot?“ Sie nickte hilflos.

„Wie lautet seine Zimmernummer??“, brüllte ich sie an.

„203“, stammelte sie kraftlos.

Ich überließ ihr meinen Sohn und stürmte die Treppe hoch.

Gleich als ich aus der Treppenhaustür trat, sah ich auf der gegenüberliegenden Seite rechter Hand eine offene Zimmertür, an der ein Zimmermädchen Wache schob. Ich erklärte ihr, dass ich der Sohn sei und trat in den Zimmerflur.

Gleich zur Linken war die Tür zum Badezimmer. Und da lag er, mit dem Kopf auf der Türschwelle, kerzengerade auf dem Rücken ausgestreckt. Aschfahl. Ich berührte sein Gesicht. Es war eiskalt. Es gab keinen Zweifel.

Mein Vater war tot.

Ich war fassungslos.

Rettungssanitäter trafen ein. Doch auch sie konnten nur noch den Tod bestätigen.

Es gab keine Spur von Gewaltanwendung. Kein Blut. Nichts. Seine Körperhaltung und sein Gesichtsausdruck waren völlig regungslos. Sein Bett war nur aufgeschlagen gewesen, aber noch nicht benutzt worden. Das Zimmer aufgeräumt.

Offenbar hatten ihn die Lebenskräfte verlassen, als er vor dem Zubettgehen bereits im Schlafanzug das Badezimmer aufgesucht hatte.

Alles was danach passierte ist wie ein Film in mein Gehirn gebrannt.

Ich rief meine Frau über Handy an, die sofort herbeigeeilt kam und es ja eh schon geahnt hatte…

Es kam Polizei, um den Todesfall zu untersuchen und alle Beteiligten zu befragen. Da mein Vater die Zimmertür mit einem Stuhl versperrte hatte, gab es zunächst den Verdacht des Suizids. Doch die Polizei begriff schnell, dass es sich nur um eine ängstliche Vorsichtsmaßnahme meines Vaters gehandelt hatte, der diesen neumodischen Hoteltüren, die sich per Steckkarte öffnen lassen, nicht traute.

Ich hatte dann das zweifelhafte Vergnügen, meine Stiefmutter aus dem Hinterzimmer der Hotelrezeption per Telefon über den Todesfall unterrichten zu dürfen. Ich brachte vor Tränen kaum ein Wort heraus. Und sie war so perplex, dass sie mir zunächst unterstellte, einen bösen Scherz mit ihr zu treiben. Wie absurd.

Der Tod eines so nahen Angehörigen wirft alles über den Haufen, stellt alles auf den Kopf. Weckt urplötzlich Erinnerungen, überspült einen mit Emotionen. Erst recht, wenn er so wider Erwarten und auf so kuriose Weise eintritt.

Selbst meine Mutter hatte plötzlich wieder gute Erinnerungen an ihren Ex-Mann und wäre gern zur Beisetzungsfeier gekommen, ebenso seine einzige Schwester, mit der er die letzten Jahre über Kreuz gewesen war.

Doch seine zweite Frau verbat sich ausdrücklich, dass diese beiden Frauen bei dem evangelischen Gottesdienst zugegen sein durften.

Auch meinen Vorschlag, während der Trauerfeier eine Ansprache zu halten (schließlich war ich der Letzte, der ihn lebend gesehen hatte), wehrte sie entschieden ab. Sie glaubte offenbar, die Verfügungsgewalt und Deutungshoheit über ihn zu haben.

Ich war im höchsten Maße wütend und wollte die Trauerfeier im fernen Bergischen Land schon boykottieren. Doch in letzter Minute entschied ich mich um und eilte mit Kind und Kegel nach Bechen.

Mein Vater war eine lokale Prominenz, dementsprechend war der Kirchraum bis auf den letzten Platz gefüllt. Sein Kirchenchor sang und der einzigartige Pastor, der meinen Vater und unsere Familie seit vielen Jahren außerordentlich gut kannte, fand wunderbare Worte. Er war es gewesen, der mich in einem langen Telefonat überzeugt hatte, doch zur Trauerfeier zu kommen. Wenn alle Pastoren so gesegnet wären wie Pfarrer Sommerhoff!

Zehn Jahre ist das jetzt also her. Es kommt mir vor wie eine Ewigkeit, wie ein Leben aus einer anderer Zeit. Ich habe längst meinen Frieden mit Wolfgang geschlossen.

Eine Weile hatte ich mir noch den Kopf darüber zerbrochen, wie das sein konnte, dass mein Vater ausgerechnet in meiner Nähe und der seiner Enkelkinder sterben sollte. Oder etwa wollte?? Wusste er, spürte er, dass seine letzte Stunde geschlagen hatte? Wollte er sich davor noch diesen letzten Willen erfüllen?

Doch es ist müßig, darüber nachzudenken. Wir werden es ohnehin nie erfahren. Es bleibt ein ewiges Geheimnis.

Das Geheimnis seines Todes.

Amen.

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