Mein persönlicher Jahresrückblick

Wer 2020 erlebt und überlebt hat, der wird dieses Jahr so schnell nicht vergessen, wohl bis ans Lebensende nicht. Darin dürften sich alle einig sein. Es war ein Jahr, das aufgrund der Corona-Pandemie eine völlig ungeahnte und niemals für möglich gehaltene Wendung genommen hat und unzählige Existenzen und Gewissheiten über Bord geworfen hat. Es hat jeden gefordert, der mitten im Leben steht und darauf vertraut, dass alles mehr oder weniger seinen gewohnten Gang geht. Ging es aber nicht! Auch nicht für mich. Wenngleich ich diese stürmische Zeit im Vergleich zu vielen anderen in einem verhältnismäßig sicheren Hafen verbrachte, dank auch meiner ganz individuellen Lebensumstände.

Brasilien wurde auch schwer von der Pandemie getroffen, beziehungsweise vielmehr von dem monatelangen Lockdown, den Gouverneure und Bürgermeister während der ersten Welle, beginnend im März, verhängten.

Der umstrittene Präsident Jair Bolsonaro gehörte selbst zu den wenigen Staatsoberhäuptern der Welt, die es wagten, die Gefährlichkeit des Virus zu bagatellisieren („uma gripezinha“) und die Folgen eines wirtschaftlichen Lockdowns für verheerender zu halten.

Damit behielt er zweifellos recht.

Ohne die Gefährlichkeit des Sars-Virus generell herunterspielen zu wollen, musste von Anfang an jedem vernunftbegabten und über umfassendes Weltwissen verfügenden Menschen klar sein, dass die Folgen eines globalen Lockdowns in einer globalen Weltwirtschaft unübersehbar wären. Sie könnten ganze Branchen in den Ruin stürzen.

Und so ist es ja auch. Ob Luftfahrt, Automobilindustrie, Maschinenbau, Tourismus, Hotellerie, Gastronomie, Veranstaltungswirtschaft, Medien und und und : Niemand ist unter normalen Umständen in der Lage, einen solchen Lockdown über Monate zu überstehen, es sei denn, er hat ein dickes Polster im Rücken. Das dürfte aber für die Wenigsten zutreffen, die eher mit dem Rücken zur Wand stehen und Kredite am Laufen und Kosten an der Backe haben.

Hätte Deutschland kein etabliertes Soziales Netz und so viele Milliarden in die Hand genommen, um Betroffene aufzufangen und zu stützen, wäre in Deutschland schon längst Land unter.

Auch in Brasilien haben viele nur überlebt, weil die Bundesregierung (Governo Federal) auf die Schnelle eine App an den Start brachte, mit der jeder Bedürftige und Berechtigte eine monatliche Soforthilfe von 600 Reais (pro Kopf/Haushalt, je nach dem) beantragen und abrufen konnte. Trotz aller Probleme, die es gab, funktionierte das System überraschend gut, wenn man im Vergleich dazu an das Desaster mit der Corona-Warn-App der deutschen Bundesregierung denkt…

Brasilianer sind eh Überlebenskünstler, und wer arm ist, weiß, dass er „von denen da oben“ eh wenig zu erwarten hat, die Eliten sich in Wahrheit einen feuchten Kehricht scheren und lieber alles in die eigenen Taschen stecken. Aber das weiß man eben, so war das schon immer…

Natürlich haben auch diesmal die schlitzohrigen und durchtriebenen Lokal- und Überregional-Politiker die Gelegenheit zu nutzen gewusst,  sich vor dem Hintergrund der Pandemie persönlich an öffentlichen Geldern zu bereichern (womit nicht Bolsonaro gemeint ist). Das scheint mitunter die eigentliche Profession dieser ganzen Provinz-Prinzen zu sein, sich und ihren Clan maximal profitieren zu lassen, ohne das Volk zu sehr auf die Barrikaden zu treiben. Und da gerade das arme Volk sich mit Brosamen zufrieden gibt, reicht schon eine monatliche Cesta Básica (Sack mit Grundnahrungsmitteln) vom Präfekten, dass die Meisten Gott und Jesus und der Mutter Maria für diese Gabe und Großzügigkeit danken.

Die immer besonders besorgten Alten und Kranken und Pensionäre und Lehrer begrüßten freilich jede Maßnahme, welche die Menschen möglichst zuhause eingesperrt ließ, denn so fühlten sie selbst sich am sichersten, wenn sie nicht umhin kamen, mit anderen Menschen in persönlichen Kontakt treten zu müssen.

Hier in meiner Region, wo ich seit bald drei Jahren lebe, gibt es offenbar einen hohen Anteil an Bürgern, die schon pensioniert und/oder begütert sind und denen es deswegen natürlich wenig ausmacht, die Pandemie in den eigenen vier Wänden beziehungsweise auf eigenem Grund und Boden auszusitzen. Und diese Fraktion setzte sich stimmungsmäßig während der ersten Welle durch, sodass unser Bürgermeister im Jahr der Kommunalwahl hohe Zustimmungsraten für seine rigide Lockdown-Politik bekam und tatsächlich Ende des Jahres schon im ersten Wahlgang die absolute Mehrheit und damit die Wiederwahl gewann.

Ich war von Anfang an ein Gegner eines länger hingezogenen Lockdowns, wie mein Blogpost vom 19. März bezeugt.

Und je länger er dauerte, desto verheerender schätzte ich die Folgen ein.

Auch für mich war er ein finanzieller Ausfall, denn sechs Monate lang konnte und durfte ich keine Gäste in meinem kleinen Gästehaus empfangen!

Nun war aber 2020 ohnehin erst mein zweites Jahr als Gastgeber, und obwohl das Jahr nach dem gelungenen Vorjahr sehr vielversprechend begann und weiteres Wachstum versprach, war ich für unerwartete Rückschläge gewappnet, sodass ich diese Delle aussitzen konnte.

In der Tat genoss ich geradezu die Ruhe und Gelassenheit, die mir diese Zeit bot. Denn hier auf dem Land, wo ich lebe, war meine Bewegungsfreiheit praktisch nicht eingeschränkt. Es gab zwar Sperren an den Ortseingängen, aber da ich Einwohner bin und hier jeder jeden kennt, waren sie für mich kein Hindernis. Auch in die kleinen Nachbarstädte Paraty und Pereque konnte ich fahren, um Einkäufe im Supermarkt zu erledigen. Vereinzelt wich ich für andere Dinge auf den Online-Handel aus, was auch funktionierte.

Einmal musste ich mein Auto in die Reparatur in der knapp 100 km entfernten Stadt Ubatuba bringen. Aber auch das ging reibungslos, die Werkstatt funktionierte und die Bundesstraße war frei.

Die erste Zeit des Lockdowns verbrachte ich viel im Haus einer befreundeten, ortsansässigen Seniorin, die sich genauso wenig Sorgen um das Virus machte wie ich. Wir genossen unsere Freiheit in der umgebenden Natur und machten viele Ausflüge, aßen und tranken gut und hatten viel Gesellschaft, die genauso locker war wie wir.

Das Einzige, was mir zum Glück noch fehlte, war eine wunderbare Frau, die mir Gesellschaft leisten würde, um die Tage und Wochen in der häuslichen Quarantäne noch besser zu überstehen.

Und diese Frau tauchte im Mai urplötzlich am Strand auf. Kurz darauf waren wir zusammen und mein Heim verwandelte sich in ein Liebesnest. Gemeinsam unternahmen wir unzählige Ausflüge, vor allem per Kayak, das ich mir inmitten der Pandemie angeschafft hatte, als die örtlichen Läden unter Hygiene-Regime wieder öffnen durften.

Das Liebes-Glück währte nur sechs Monate, und auch mein noch junger (adoptierter) Hund starb unerwartet kurz vor Weihnachten.

Aber so ist das Leben. Es hat seine Sonnen- und seine Schattenseiten.

Ich für meinen Teil darf mich glücklich schätzen, das Jahr 2020 weitgehend unbeschadet überstanden zu haben.

Kaum waren im September die inländischen Restriktionen aufgehoben, setzte sogleich eine Reisewelle ein, die manches wieder gutmachte, was ich vorher „verloren“ hatte.

Das Jahr 2021 könnte – wenn nichts dazwischenkommt – sogar ein besonders erfolgreiches Jahr für mich werden!

Viele, die vorher noch zögerlich waren, wollen nun unbedingt zu mir und mein Haus und meine Region kennenlernen!

Denn die Corona-Krise hat gelehrt: Das Leben ist kurz und kann sich jederzeit ändern! Also verschiebe nicht auf morgen, was du heute kannst besorgen!

2 Gedanken zu „Mein persönlicher Jahresrückblick“

  1. Habe mit viel Interesse Deinen Jahresbericht gelesen, wenn ich auch bei manchem anderer Ansicht bin. von Europa aus und besonders von Österreich aus sieht man halt manches anders, aber das ist ja auch gut so. Alles gute fürs neue Jahr, finde bald eine neue, nette Freundin, dein Peter. R.

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