Mein Cello und ich

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…und unsere Begegnungen. So heißt das Buch meines berühmten Namensvetters Gregor Piatigorsky, das ich als cellospielender Heranwachsender mit Wonne verschlang, weil es in sehr amüsanter Weise beschreibt, wie glamourhaft und gleichzeitig leidvoll das Leben eines berühmten Konzertmusikers ist. Das Buch war mir Ansporn, es auf meinem Instrument zu einiger Meisterschaft zu bringen und gleichzeitig Mahnung, mich nicht irgendwelchen Illusionen hinzugeben und meine Fähigkeiten lieber realistisch einzuschätzen.

Ich spielte wirklich nicht schlecht. Selbst mein anspruchsvoller Vater, selbst Schulmusiker/Organist/Chor- und Orchesterleiter, zollte mir Respekt und Anerkennung und musizierte gerne mit mir zusammen, entweder im Rahmen eines Orchesters oder im Duett mit ihm am Klavier bzw. der Orgel.

Mein Cello hat mich seit meinem 9. Lebensjahr begleitet. Ich fing also verhältnismäßig spät an im Vergleich zu den Wunderkindern der Branche, aber angesichts der Größe des ganzen Violoncellos (es gibt auch halbe und Dreiviertel-Celli für Kinder) ist eine gewisse Körpergröße ohnehin vorgegeben.

Es war nicht mein Wunschinstrument. Ich hätte damals lieber Trompete gespielt. Aber da war mein Vater autoritär (meine Stiefmutter und er wollten sich vermutlich auch den entsprechenden Lärm im Haus ersparen…).

Ich fügte mich dem Diktat und lernte bei einem begabten Schüler meines Vaters in häuslichen Privatstunden Cellospielen. Musikalisches Talent hatte ich mit in die Wiege gelegt bekommen, also kann man sich im Grunde mit jedem beliebigen Instrument anfreunden. Wenn ich könnte, würde ich heute am liebsten alle Instrumente auf der Welt spielen können!! Für leidenschaftliche Musiker gibt es da keine Limits.

Und das Cello ist ja durchaus ein wunderbares Instrument! Aller Anfang ist schwer und mühsam und frustierend, weil es eine Weile braucht, bis man ein Instrument soweit beherrscht, dass ein schöner und sauberer Ton herauskommt. Und wenn man dann berühmten Cellokonzerten lauscht und mit eigenen Augen sieht und mit eigenen Ohren hört, was die Profis da hervorzaubern, kann man an der Aufgabe schon fast verzweifeln. Man erkennt, dass dieser Weg ein weiter sein wird und man bis dahin bestenfalls Etappensiege feiern wird.

Aber genau das ist der pädagogische, nicht zu überschätzende Wert dieser Übung: sie erfordert viel Geduld, Konzentration und Durchhaltevermögen!

Mein Spiel wurde über die Jahre immer besser und Gelegenheiten für geselliges Zusammenmusizieren und Auftritte vor Publikum blieben nicht aus und wurden immer zahlreicher.

Ob im privaten Hauskonzert, dem Schulorchester, Kirchenkonzerten und liturgischer Begleitung oder mit musizierenden Freunden in Kammerbesetzung – das Violoncello wurde mein ständiger und fester Begleiter.

Als mein Vater überzeugt war, dass es mir Ernst war mit dem Cellospiel und ich gute Erfolge vorweisen konnte, nahm er ein paar tausend D-Mark in die Hand, um beim angestammten Kölner Geigenbau Bünnagel ein nicht zu teures aber brauchbares Instrument zu kaufen. Das war für meinen sonst eher knauserigen (als Studienrat aber durchaus gut verdienenden) Vater in der Tat eine außerordentliche und seltene Investition in seinen Sohn.

Darüberhinaus finanzierte er auch eine bessere Ausbildung an der Rheinischen Musikschule in Köln , ein zumindest damals hoch angesehenes Konservatorium mit professionellen Instrumentallehrern (mein erster Cellolehrer war ja selbst Amateur gewesen, was aber durchaus von Vorteil ist).

Im Bergischen Land wohnend und in Bergisch Gladbach zur Schule gehend, musste ich einmal die Woche mit dem Cello per S-Bahn zum Kölner Hauptbahnhof, dort eine Bahn-Verbindung nach Köln-Ehrenfeld nehmen um meine Unterrichtsstunde bei dem Kölner Cellisten Thomas Blees wahrzunehmen. Je nach Zeit und Wetter genoss ich diese Ausflüge in die rheinische Metropole auch zum Schlendern und Genießen.

Mein Cellolehrer war ein recht zurückhaltender, schüchterner Mann. Es war nicht einfach, mit ihm warm zu werden, zumal ich selbst zu jener Zeit eher schüchtern war. Und er war ein Vollprofi auf seinem Instrument: technisch ausgezeichnet, mit absolutem Gehör ausgestattet. Das schüchterte mich umso mehr ein. Jede Cellostunde mutierte damit unversehens zu einer Prüfung, ob das tagtäglich zuhause Geübte auch seinen Ansprüchen genügte.

Ich war zu jener Zeit auch nicht allzu glücklich, da meine häusliche Situation konfliktträchtig war, vor allem in Bezug auf meine schwierige Stiefmutter.

Da ich in meiner Freizeit auf dem Land aber wenig Ablenkung hatte, mutierte das Cello unversehens zu meinem treuesten Gefährten. Ich vertiefte mich immer mehr in das Instrument, war in vielen Orchestern und Musizierrunden aktiv und übte täglich stundenlang. (Der Rekord dürfte bei etwa acht Stunden liegen…)

Ich spielte die bekannte Celloliteratur hoch und runter, von Bachs Cellosuiten bis zu den berühmten Sonaten und Konzerten der Musikgeschichte. Oft bekam ich in den Ensembles die Rolle des Ersten Cellisten zugewiesen, der im Basso Continuum Solisten begleitete oder selbst Solo-Auftritte hatte (allerdings war es mir nie vergönnt, als Solist mit Orchesterbegleitung ein großes Cellokonzert zu spielen geschweige denn aufzuführen).

Da zu jener Zeit die Kirchenmusik noch einen hohen Stellenwert besaß und finanziell gut ausgestattet war, bekam ich auch immer öfter „Mucken“ – also bezahlte „Gigs“ bei für diesen Anlass ad hoc zusammengestellten Ensembles. Schließlich erteilte ich gar selbst einem Anfänger an meinem Gymnasium seinen ersten Cellounterricht. Ich begann also sogar Geld mit diesem Hobby zu verdienen!

Je näher das Abitur rückte, desto mehr kreisten meine Gedanken um die Frage, was ich denn später beruflich werden wollte, und Cellist war eine durchaus ernsthaft von mir erwogene Option.

Ich hatte aber auch ernstzunehmende Konkurrenz, sowohl an meiner Schule als auch außerhalb, vor allem an der Rheinischen Musikschule.

Auch die Karriere meines Cellolehrers ließ mich grübeln: Er war ausgezeichnet, unerreichbar besser als ich, ein Vollblutmusiker, der alte Schätze der Celloliteratur ausgrub und auf Tonträgern einspielte. Er gab öffentliche Kammermusik-Konzerte und unterrichtete eben an dieser Musikschule.

Aber trotz aller Exzellenz: er war weder reich noch berühmt (hatte aber immerhin ein gutes Auskommen und genoss Anerkennung). Die Vorstellung, mein Leben lang mit meinem Cello verheiratet zu sein und damit meinen Lebensunterhalt bestreiten zu müssen, erschien mir gerade angesichts der Konkurrenz als ein allzu anspruchsvolles Unterfangen.

Parallel hatte ich meine Fühler ohnehin längst in den Journalismus ausgestreckt. Denn ich liebte es zu schreiben, sowohl Fiction wie sachlich  über Kultur und Tagesgeschehen. Ich verantwortete die Schülerzeitung an meinem Gymnasium und schrieb gelegentlich Konzertkritiken für die Lokalzeitung.

Nach dem Abitur stand ohnehin erstmal der Wehrdienst bzw. Zivildienst an. Ich verweigerte den Dienst an der Waffe und entschied mich für den fast zweijährigen Zivildienst bei einem Sozialen Mobilen Hilfsdienst der AWO in Bonn-Bad Godesberg – weit genug weg, um meinem ungemütlichen und weit abgelegenen Zuhause den Rücken zu kehren und endlich frei und unabhängig zu sein.

In der Ziviwohnung bezog ich ein Dreierzimmer mit zwei mir bis dahin völlig fremden Jungs, die aber eine ähnliche Sozialisation wie ich hatten. Platz war genug, um meine Cellopraxis nicht zu vernachlässigen. Aber wir teilten die Wohnung mir drei älteren Zivis in zwei anderen Zimmern, die mit Klassik praktisch nichts am Hut hatten und einen an rebellischer Rockmusik orientierten Lebensstil pflegten und mich Landei mit dem Cello anfangs verspotteten. Ich trat zwar noch dem Orchester der Uni Bonn bei, um weiter aktiv zu bleiben, doch die Zeit und Lust, in der Ziviwohnung zu üben, ließ rapide nach.

Die Rocker-Jungs fanden zwar Gefallen an mir und wurden somit auch tolerant gegenüber meinem Cello (sie kamen sogar alle zu einer Aufführung des Uniorchesters! Das erste Mal in ihrem Leben ein Klassikonzert! Bei dem übrigens alle einschliefen…), aber mein Alltag und mein Lebensumfeld hatten sich völlig verändert. Ich machte völlig neue Lebenserfahrungen, der Alltag drehte sich um die Patienten, die wir pflegten oder versorgten. Auch die Freizeit kannte nun andere Prioritäten: vor allem abends in unsere Stammkneipe zu gehen, essen, trinken, flirten, feiern. Party.

Mein Cello versank in der Bedeutungslosigkeit. Und je länger ich es stehen ließ, desto unerfreulicher war die erneute Beschäftigung mit ihm, denn man gerät doch ziemlich schnell aus der Übung, vor allem was die technisch anspruchsvolleren Passagen angeht. Will man nicht rapide im Niveau absinken, bleibt tägliche und ständige Übung ein Muss. Aber das war nicht mehr zu leisten.

Außerdem hatte ich seit dem Abiturjahr ein neues Hobby: mit vier Schulkameraden hatte ich ein a capella-Quintett gegründet, mit dem wir zunächst nur drei Lieder im Stil der Comedian Harmonists zum Besten gaben. Lediglich für ein einmaliges Kulturevent an unserer Schule gedacht, schlug unsere Performance vor großem Publikum auf Anhieb so ein, dass wir schon im Anschluss Einladungen zu privaten Feiern erhielten. Wir sprangen auf den Zug auf, erweiterten peu á peu unser Repertoire und tourten schließlich vor allem an den Wochenenden durch die Lande, von einem Auftritt zum nächsten.

Das Cello war abgemeldet.

Als ich dann in Köln zu studieren anfing – zunächst sogar einige Semester Musikwissenschaften – kehrte die Liebe zum Cello nicht zurück. Ich sang lieber im Unichor mit, wo nahezu alle meine Kommilitonen und -ninnen aktiv waren. Außerdem war meine Studentenwohnung sehr klein und ich teilte sie mit zwei Studentinnen, die mit Klassik wenig am Hut hatten. Es macht nunmal keinen Spaß ein Instrument zu üben, wenn du das Gefühl hast, dass sich andere Leute unter Umständen dadurch belästigst fühlen.

Während des Studiums kristallisierte sich immer mehr heraus, dass der Beruf des Journalisten verheißungsvoller und aufregender war. Und so kam es dann auch. Noch während des Studiums wurde ich bereits sogenannter „fester freier Mitarbeiter“ beim WDR-Fernsehen in Köln, arbeite als Rechercheur und Autor für ein medienkritisches Format. Es wurde mein Beruf. Nach dem WDR zog es mich nach München zum in Gründung befindlichen neuen Nachrichtensender N24 des ProSieben-Konzerns.

Das Cello fristete ein völlig vernachlässigtes Dasein im Keller oder einer Zimmerecke und staubte vor sich hin. Packte ich es in einem seltenen Anfall von Sentimentalität mal aus und versuchte ein paar Töne, merkte ich gleich, dass ich weit von meiner früheren Meisterschaft entfernt war und legte es umso desinteressierter wieder weg.

Als ich neben meiner festangestellten Berufstätigkeit als Nachrichtenjournalist auch noch eine Familie gründete, war eh keine Zeit und Geduld mehr gegeben, das Cellospiel zu pflegen. Ich glaube, meine Ex-Frau hat mich nie cellospielen gesehen…

Nun bin ich seit zwei Jahren in Brasilien, und mein Cello steht im Keller des Hauses meiner Ex-Frau.

Ich hatte es dort zurückgelassen in der Erwartung, dass sie es wie verabredet bei nächstbester Gelegenheit nach Brasilien mitbringen würde.

Denn hier in Paraty hat mich die Lust wieder gepackt, zumal das musikalische Leben der Stadt sehr lebendig ist und ich als Cellist sehr willkommen und gefragt wäre. Einige befreundete Musiker warten schon sehnlichst darauf, dass ich endlich mein Cello wieder in Händen halte.

Weniger ambitionierte Versuche, das Cello wieder zum Klingen zu bringen, hatte ich zuletzt in meiner Berliner Wohnung getätigt. Und da ich diesmal erheblich anspruchsloser und entspannter an die Sache heranging, wurde ich positiv überrascht: ich schaffte es doch ziemlich schnell wieder, dem Cello schöne und saubere Töne zu entlocken. Virtuosität war nun nicht mehr der Anspruch.

Nun ist der Transport eines Cellos auf internationalen Flügen nicht so einfach, wie ich inzwischen herausgefunden habe. Eine tolle Seite dazu findet sich im Internet: The Cello Practice Helper .

Zum Jahreswechsel steht familiärer Besuch aus Deutschland an. Ich hatte gehofft, dass es diesmal endlich möglich sein würde, mein Cello mitzubringen.

Doch nach gegenwärtigem Stand der Dinge scheint es wieder nicht zu klappen. Aber noch ist nicht aller Tage Abend.

Falls jemand eine glänzende Lösung parat hat (weil er/sie z.B. bei einer Fluggesellschaft arbeitet…): Immer her damit!!

Einfach Mail an parabenstv 〈at〉gmail.com

Update 12.12.19: Problem gelöst! Nach mehreren Telefonaten und Recherchen im Internet hat sich eine Lösung gefunden. Das Cello kommt! (Sofern nichts Unerwartetes dazwischenkommt. Aber wird schon 😉 )

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