Mantega: 2013 wird das Jahr der Ernte

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Brasiliens Finanzminister Mantega gibt Butter bei die Fische. Nach dem enttäuschenden Wachstum von voraussichtlich gerade mal einem Prozent im abgelaufenen Jahr sollen die zahlreichen Maßnahmen zur Stimulierung der Wirtschaft in 2013 ihre volle Wirkung entfalten. Mantega prognostiziert ein Wachstum von vier Prozent.

Das hatte er Ende 2011 für 2012 zwar auch schon mal vorhergesagt und wurde eines Besseren belehrt. In der Zwischenzeit hat die Regierung jedoch in der Tat weitreichende Maßnahmen in die Wege geleitet und beschlossen, die teilweise schon im abgelaufenen Jahr ihre Wirkung entfaltet haben.

Da ist an allererster Stelle die massive Senkung des Leitzinses (SELIC) durch die Zentralbank (BC) auf ein historisches Tief zu nennen.

Lag der Zins Anfang 2012 noch bei 11%, so wurde er im Laufe des Jahres in sieben Stufen auf aktuell 7,25% gesenkt.

Um den Weg dafür frei zu machen, wagte Präsidentin Dilma im Mai 2012 sogar etwas bis dahin Undenkbares: Der garantierte Mindestzins für Spareinlagen (poupança) wurde gekappt.

Diese von der Regierung gewollte und von der Zentralbank exekutierte massive Zinssenkung hatte vor allem ein Ziel: Den Höhenflug der Landeswährung Real gegenüber dem Dollar zu beenden und damit den Wechselkurs auf ein angemessenes Maß zu drücken, spekulative Geldströme nach Brasilien zu kappen und die heimische Wirtschaft global wettbewerbsfähiger zu machen, weil ihre Produkte damit billiger werden.

Auch wenn Puristen darüber streiten mögen, wie unabhängig Brasiliens Zentralbank von der Regierung ist, zeitigten die Senkungen den gewünschten Erfolg: Der US-Dollar schloss das Jahr 2012 oberhalb von zwei Reais ab und legte im Jahresverlauf somit über neun Prozent gegenüber dem Real zu.

Präsidentin Dilma kann sich also rühmen, einstweilen den von ihr beklagten „Währungs-Tsunami“ abgewehrt zu haben.

Niedrige Zinsen haben den gewünschten Nebeneffekt, den Konsum und Investitionen zu stimulieren, weil Kredite günstiger zu haben sind. Dadurch wächst aber wiederum die Geldmenge, die im Umlauf ist.

Ökonomen betrachteten die Maßnahmen der Regierung und Zentralbank daher mit Argwohn, weil sie fürchteten, dass die ohnehin hohe Inflationsrate Brasiliens damit völlig aus dem Ruder laufen könnte.

Die Regierung versicherte aber gebetsmühlenartig, die Inflation im Griff zu haben. Das scheint bisher auch der Fall zu sein. Experten erwarten für 2012 eine Inflationsrate von 5,71 Prozent. Sie läge damit niedriger als 2011 und innerhalb der offiziellen Spanne zwischen 2,5 bis 6,5 Prozent.

Darüber hinaus hat die Regierung zahlreiche andere Maßnahmen ergriffen.

So werden umgerechnet über 60 Milliarden US-Dollar in den Ausbau von Straßen und Schienen investiert, ein ähnliches Programm soll Häfen und Flughäfen zugute kommen.

Das komplizierte Steuersystem soll laut Präsidentin Dilma vereinfacht werden, die Energieversorger wurden zur deutlichen Senkung der horrenden Stromkosten gezwungen.

Auch vor protektionistischen Maßnahmen schreckte die Regierung nicht zurück und erhöhte die Importsteuer auf diverse ausländische Produkte, insbesondere Autos. Das soll die inländische Industrie schützen und ausländische Hersteller dazu animieren, in Brasilien selbst zu produzieren.

Dass dies alles nicht von heute auf morgen geschehen und Wirkung zeigen kann, versteht sich von selbst.

Bei allen Defiziten, die man im eigenen Land erkennt und bekämpft, sieht sich Brasilien gezwungen, auf die globale Finanz- und Wirtschaftskrise angemessen zu reagieren, um sich selbst zu schützen.

Finanzminister Mantega vergleicht die gegenwärtige Krise in einem aktuellen englischsprachigen Gastbeitrag für mareeg.com mit der Großen Depression in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts.

Mit Sorge verfolgt die Regierung die Uneinigkeit der europäischen Staaten und die Entwicklungen in den USA. Mantega schreibt:

It is worrying that European leaders find it so difficult to agree on fiscal adjustment policies that make room for the stimulus measures needed to revive economic growth. Until now, European countries with fiscal leeway have insisted on spending and investment cuts that, together with tax increases, have reduced economic activity and increased unemployment, ultimately compromising tax collection – and thus fiscal consolidation.

In the US, despite a slight improvement, uncertainty lingers. In addition to the risk posed by the “fiscal cliff” in 2013, the main problem remains: the lack of effective counter-cyclical fiscal policies – for example, a public-investment program – to boost economic activity. Instead, the US has placed all of its chips on monetary easing, unleashing what I have called a currency war, in which global investors, chasing higher yields, flood into emerging countries, driving up their exchange rates.

Vor diesem Hintergrund sind Brasiliens protektionistische Maßnahmen absolut nachvollziehbar.

Solange Brasilien nicht nachlässt, an seinen selbst verschuldeten Defiziten zu arbeiten (Infrastruktur, Bildung, Steuersystem, Wettbewerbsfähigkeit der Industrie) ist es auf dem richtigen Weg.

Brasiliens Zentralbank deutet Ende der Zinssenkungsphase an

Brasilien: Regierung stimuliert Konsum für mehr Wachstum

 

4 Gedanken zu „Mantega: 2013 wird das Jahr der Ernte“

  1. Noch negativer als Reuters bewertet The Economist das Wirken der Regierung und forderte jüngst gar die Entlassung von Finanzminister Mantega. Ich weiß zwar nicht, welche Legitimation ein britisches Printprodukt hat, sich in die inneren Angelegenheiten eines anderen Landes einzumischen, aber nun gut. Hier ist einer der kritischen Artikel:

    http://country.eiu.com/article.aspx?articleid=389945223&Country=Brazil&topic=Politics&subtopic=Forecast&subsubtopic=Political%20stability&oid=719965656&aid=1#.UOUeXTBU714.mailto

  2. Reuters beschäftigt das Thema auch und hat eine Analyse vorgenommen. Der Autor lässt eher Kritiker zu Wort kommen und spricht von einer hohen und riskanten Wette, die Dilma eingegangen sei. Brasilien drohe, auf Abwege zu geraten. Ich teile diese Einschätzung nicht. Unter den gegebenen Umständen hat die Regierung die richtigen Maßnahmen ergriffen und Dilmas Popularität wird keinen Schaden nehmen im Hinblick auf die Präsidentschaftswahlen 2014. Wir werden es erleben.

    http://www.reuters.com/article/2013/01/04/us-brazil-rousseff-idUSBRE9030ID20130104?feedType=RSS

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