Malkovich als Unterweger in der Berliner Philharmonie

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Was für ein großartiger Abend in der Philharmonie! Hollywood-Star John Malkovich spielt den österreichischen Serienkiller Johann (Jack) Unterweger in The Infernal Comedy von Michael Sturminger.

Eine passendere Besetzung kann man sich kaum vorstellen. Malkovich brillierte bereits in seinen berühmtesten Filmen als unwiderstehlicher Verführer (Gefährliche Liebschaften) oder emotionsloser Killer (In the Line of Fire). Nun spielt er den Prostituiertenmörder Jack Unterweger, der in den 80ern und Anfang der 90er Jahre der österreichischen Literatur- und Intellektuellenszene sowie den Frauen den Kopf verdrehte.

Der Wiener Autor und Regisseur Michael Sturminger hat aus Unterwegers Geschichte ein Musiktheater verfasst mit dem Titel: The Infernal Comedy – Confessions of a Serial Killer.

Inszeniert ist es wie eine Lesung mit Musikbegleitung. Auf der Bühne steht ein Tisch mit Leselampe und einer Karaffe Wasser, auf dem einige Exemplare einer Autobiographie drapiert sind. Hinter dem Tisch sitzt das Orchester Wiener Akademie unter der Leitung von Martin Haselböck.

John Malkovich tritt unter großem Applaus auf wie ein Dandy: Weißer Anzug, schwarz-weiß-gemustertes Hemd, das leger über den Hosenbund fällt, Sonnenbrille. In der lockeren, amerikanischen Manier eines Late-Night-Moderators begrüßt er das Publikum, reisst ein paar lockere Witze über seinen österreichischen Akzent, den bisherigen Verlauf seiner Tournee und die politischen und finanziellen Probleme mit den Griechen. Er preist seine Autobiographie an, die er natürlich an den Mann bringen will, was ja der eigentliche Zweck dieser Veranstaltung ist.

Malkovich hat längst das Publikum gefangen genommen. Ein Hollywood-Star auf Tuchfühlung, sehr locker, lustig, charmant. Dieser Mann muss niemandem mehr etwas beweisen. Er weiß, wer er ist, was er kann.

Doch wer spricht da eigentlich? Ist es Malkovich, der über sich spricht, oder ist es schon Unterweger?

Erst nach ein paar Minuten bemerkt man, dass das Stück längst angefangen hat. Es ist Unterweger, der hier spricht, und es ist seine Autobiographie, die hier auf dem Tisch liegt und die nun erzählt wird. Posthum. Denn Unterweger erhängte sich 1994 in seiner Zelle, nachdem er wegen neunfachen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt worden war.

Acht Kapitel  umfasst die „höllische Komödie“. Malkovich ist dabei nicht der einzige Darsteller. Zwei Sopranistinnen (Bernarda Bobro und Martene Grimson) stehen ihm zur Seite, die verschiedene Rollen einnehmen: Mutter, Geliebte, Opfer.

Malkovich monologisiert, verführt, stranguliert. Und die Frauen singen. Berühmte Arien: „Sposa son disprezzata“ („Ich bin eine verachtete Braut“) von Antonio Vivaldi, „Ah, perfido!“ („Ach, Treuloser“) von Ludwig van Beethoven oder „Ah, se Edmundo fosse l’uccisor“ („Ach, wenn Edmundo der Mörder wäre“) von Carl Maria von Weber und einige mehr.

Eine außergewöhnliche Kombination. Mord, Totschlag, Verführung, Liebe, Hass, Verachtung: Das sind Themen, die schon in berühmten Opernstoffen verarbeitet wurden.

Mit diesen Arien bekommt Unterwegers Geschichte eine ungeheure Tiefe und Ambivalenz. Welche verführerische Macht hat dieser Schurke ausgeübt, der ungestraft die ihm verfallenen Frauen an den Brüsten begrapscht und sie dann nonchalant und seelenruhig mit ihren BHs erwürgt. Und trotzdem hören sie nicht auf, ihm in leidenschaftlichen Arien ihr Liebesleid zu klagen. Verstehe einer die Frauen!

Am Ende bereitet Unterweger auf der Bühne seinen Selbstmord vor, legt sich eine Kordel um den Hals – und bricht lachend ab. „Sie glauben doch nicht wirklich, dass ich mich jetzt hier vor Ihnen umbringe?!“ Auch die Autobiographie steht nicht zum Verkauf.

Was ist also wirklich? Was ist die Wahrheit in dieser ungeheuren Geschichte?

Nicht einmal auf den Wikipedia-Artikel ist Verlass! Er sitzt angeblich Legenden auf, die der Hochstapler Unterweger selbst in die Welt gesetzt hat.

Unterweger alias Malkovich verlässt die Bühne und lässt ratlose Frauen und Männer zurück, die ihn eigentlich verachten müssten und sich dennoch seiner Faszination nicht  entziehen können.

Frenetischer Applaus im nicht ausverkauften Großen Saal der Philharmonie.

Ein großartiges Stück mit einem hervorragenden Ensemble und wunderbaren Sängerinnen. Das alles übrigens auf Englisch mit deutschen Obertiteln. Weitere Termine demnächst.

P.S.: Drei Tage nach Veröffentlichung dieser Rezension hatte ich eine Mail von Michael Sturminger, dem Autor des Stücks, in meinem Postfach. Er schrieb:

danke für ihre wunderschöne rezension.

mit herzlichen grüssen,

michael sturminger

Das empfand ich als großes Lob aus wahrhaft berufenem Munde.

Malkovich als Unterweger in der Berliner Philhamonie

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