Loucura! Karneval in Ouro Preto

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Ich bin nicht zum Vergnügen in Brasilien. Aber wo ich schon zur Karnevalszeit hier war, wollte ich die Gelegenheit nicht ungenutzt lassen, den in Brasilien sehr bekannten Karneval des nahegelegenen, ehemaligen Goldgräberstädtchens Ouro Preto kennenzulernen. Was ich dort erlebte, kann man nur mit einem Wort beschreiben: Loucura!

Ich nahm am späten Vormittag des Rosenmontag einen Bus von Belo Horizonte nach Ouro Preto. Da ich nicht wusste, was mich erwarten würde, ließ ich die Rückkehr noch offen. Geplant war, noch am selben Tag zurückzufahren. Ich wollte aber nicht ausschließen, über Nacht zu bleiben. Die Hotels und Pousadas waren sicher ausgebucht, Restplätze nur zu Höchstpreisen zu bekommen. Ich hoffte, ortsansässige Freunde wiederzutreffen, die ich vor einigen Jahren dort kennengelernt hatte. Sie würden bei Bedarf sicher einen Schlafplatz für mich finden. Einer dieser Freunde arbeitete früher in einer Pousada in der Nähe der Busstation. Dort wollte ich als erstes vorbeischauen. Sofern er Zeit haben sollte, wäre er auch ein guter Guide, um mich durch’s erwartete Getümmel zu lotsen.

Während der Fahrt kam ich mit meiner Sitznachbarin aus Belo Horizonte ins Gespräch, die ihrem Freund aus Panama den Karneval und die komplett erhaltene Stadt des portugiesischen Barock zeigen wollte. Sie erzählte, dass es praktisch keine Rückfahrmöglichkeiten mehr mit dem Bus am selben Tag gab. Die einzige Möglichkeit sei gegen 16 Uhr nachmittags gewesen, was natürlich keinen Sinn machte, weil das Programm erst am Nachmittag begann. Sie hatte nur noch eine Rückfahrmöglichkeit für 20 Uhr aus der Nachbarstadt Mariana bekommen. Ich stellte mich innerlich darauf ein, über Nacht bleiben zu müssen.

Abgerutschter Hang am Busbahnhof von Ouro Preto

In Ouro Preto angekommen, konnte ich einen Blick auf den enormen Erdrutsch werfen, den es im Zuge der massiven Regenfälle vor einigen Wochen am Busbahnhof gegeben hatte und der zwei Taxifahrer das Leben gekostet hatte.

Dann ging ich zur nahegelegenen Pousada, um besagten Freund mit meinem Besuch zu überraschen. Letztlich war ich jedoch der Überraschte: Die Pousada war – mitten in der  Hochsaison des Karnevals – verwaist, das Eingangstor mit einer Kette verschlossen. Ich konnte mir keinen Reim darauf machen. Ob die Pousada durch die Erdrutsche auch in Mitleidenschaft gezogen worden war? Sehen konnte man davon nichts.

Ich schlenderte also durch die Stadt, wo zwar mehr Leute als üblich unterwegs waren, aber sie war (noch) bei weitem nicht so überfüllt, wie ich erwartet hatte. Viele Leute schliefen wahrscheinlich noch ihren Rausch vom Vortag aus.

An der zentralen Praça Tiradentes und der Hauptstraße mit den Bars und Restaurants war am meisten los. Ouro Preto ist wegen der dort ansässigen Staatlichen Universität eine Studentenstadt. Viele der Häuser im Kolonialstil sind „Repúblicas“, also Studentenwohnheime.  Dort war auch schon einiges los. Doch wer nicht Student ist oder wenigstens einen kennt, für den gibt es keinen Zugang. Wenn man den Karneval von Ouro Preto richtig kennenlernen will, müsste man eigentlich in die Repúblicas. Ich hatte dort aber keine Kontakte. Letztlich machen die Studenten dort allerdings eh nichts anderes, als sich in jeder erdenklichen Weise zu vergnügen (Sex & Drugs & Rock’n Roll).

Ich schlenderte weiter durch die hügeligen und bisweilen steilen Straßen aus Pflastersteinen bis zur Igreja N.S. das Mercês, in deren Nähe ich im Jahr 2004 mal ein Zimmer bewohnt hatte. Zu meiner Freude entdeckte ich dort einen Freund von damals, der mich auch gleich erkannte. Wir setzten uns in ein benachbartes Lokal, tranken ein Bier zusammen und tauschten unsere Neuigkeiten aus. Ich erklärte ihm meine Situation und er sagte, im Haus seiner Familie sei zwar alles mit Gästen voll, aber sollte ich nichts anderes finden, würde man schon irgendwie eine Lösung finden („Sempre tem um jeito“). Außerdem konnte er mir berichten, dass der gesuchte Freund nicht mehr in der Pousada arbeitete und derzeit als Straßenverkäufer tätig sei. Er sehe ihn praktisch täglich, am wahrscheinlichsten würde ich ihn an der Praça Tiradentes antreffen. Da Altamir nach Hause musste, gab er mir vor der Verabschiedung noch seine neuen Kontaktdaten. Später wollten wir uns eventuell wiedertreffen und gemeinsam feiern.

Ein „bloco“ zieht durch die Straßen von Ouro Preto

Ich machte mich zur Praça Tiradentes auf, um nach David (Name geändert) Ausschau zu halten. Wie von Altamir gesagt, verkaufte er dort an einem kleinen Stand Sonnenbrillen und Karnevals-Krimskrams. Er hatte sich äußerlich verändert, sah mit Bart und Rastalocken nun wie ein Hippie aus. Ein Freak – im besten Sinne – war er schon früher gewesen. Wir erkannten uns auf Anhieb. Er freute sich riesig, mich zu sehen. Er überließ den Stand seinem Kollegen und kehrte mit mir in einem schlichten Lokal ein. Er hatte vor über einem Jahr nach 15 Jahren seinen Job in der Pousada quittiert, weil er als allein verantwortlicher Geschäftsführer praktisch rund um die Uhr arbeitete und nie Freizeit hatte. Danach hätten ständig die Geschäftsführer gewechselt. Die Regenfälle von Dezember und Januar taten dann ihr Übriges, um die Pousada mit ihrem großartigen Stadtpanorama in die Knie zu zwingen. Der Eigentümer wolle ihn zurück, erzählte David. Schließlich sei die Pousada in 15 Jahren doch auch so etwas wie sein Zuhause geworden. Doch noch konnte er sich nicht dazu durchringen.

David erzählte, dass er  jetzt auf einem heruntergekommenen Landsitz außerhalb Ouro Pretos lebe, der einer alten, reichen Frau gehöre, die in Belo Horizonte wohne und sich nicht um ihr wertvolles Gut kümmere. Er lebe dort, ohne Miete zu bezahlen. Die geizige Frau gebe ihm aber nicht einmal Geld für Putzmittel. Sie will also einen Verwalter für ihr „sitio“, ohne dafür ein Gehalt zu bezahlen. Das ist selbst in Brasilien nicht üblich.

Über meine aktuelle Schlafplatz-Notlage in Kenntnis gesetzt, bot David sogleich an, bei ihm auf dem Landsitz zu übernachten. Da er Hinz und Kunz in Ouro Preto kennt, erkundigte er sich aber zunächst bei einigen Leuten, ob es für den Abend jemanden gebe, der mich nach BH zurück bringen könne. Doch alle verneinten: Am Rosenmontagabend würde niemand privaten Personentransport machen. Dazu muss man wissen, dass es in Brasilien neben den offiziellen Buslinien noch einen illegalen Personentransport gibt, also Leute, die mit ihren Privatautos und Vans Personen transportieren. Manchmal ist das sogar billiger als mit dem Bus, auf jeden Fall aber billiger als mit dem Taxi. Eine Taxifahrt ins ca. 80 km entfernte Belo Horizonte kam gar nicht in Frage, wäre viel zu teuer gewesen.

So stand also fest, dass ich über Nacht bleiben würde. Darüber war ich zunächst gar nicht so glücklich. Denn was ich bis dahin vom Karneval gesehen hatte, war nicht sonderlich spektakulär. In der ganzen Stadt waren Bühnen aufgebaut, die Hauptbühne befand sich an der Praça Tiradentes. Dort trat am Abend eine Samba-Schule aus Ouro Preto auf. Die Einheimischen machten sich darüber lustig, denn Samba passt zu Ouro Preto in etwa wie Rheinischer Frohsinn nach Berlin. Ein sogenannter „bloco“ zog vorher durch die Straßen, eine Musikgruppe, die einen kleinen Motivwagen mit einer Puppe aus Pappmaché durch die Menge zog. Das Wetter war immerhin ideal: Bewölkt und daher nicht zu heiss.

Karneval 2012 in Ouro Preto
Karneval an der Praca Tiradentes in Ouro Preto

David musste noch bis 22 Uhr an seinem Stand arbeiten. Dann wollten wir uns gemeinsam ins Getümmel stürzen, was er nach eigener Aussage noch nie gemacht hatte, obwohl er ein Einheimischer ist und zumindest früher immer gerne gefeiert hat. Aber die Einheimischen sehen den Touristenansturm zu Karneval vor allem als Gelegenheit, um daraus Profit zu schlagen. Die Preise für Unterkünfte, Getränke und Gastronomie sind gesalzen bis hin zu unverschämt. David konnte mich immerhin in Lokale und Kioske abseits der Touristenwege führen, wo wir günstiger einkaufen konnten.

Die eigentliche Party begann erst am späten Abend. Das Geschehen konzentrierte sich auf die Hauptstraße (R. Conde de Bobadela) und vor der Bühne, die am Platz vor dem Kino aufgebaut war. Es war inzwischen gerammelt voll, vor allem mit Leuten im Studentenalter, aber man fand auch ältere Semester. Die Menge tanzte, drängelte, war in ständiger Bewegung. Natürlich wurde auch Ai Se Eu Te Pego von Michel Teló vom DJ aufgelegt, aber noch beliebter war die Balada Boa (Tche Tcherere) von Gusttavo Lima, wo die Menge richtig abging.

Da David, wie schon gesagt, Hinz und Kunz kannte, traf er überall Freunde, die sich uns anschlossen. So war ich von Einheimischen umringt, die mich wie ein Sicherheitscordon umgaben. Die Stimmung war ausgelassen. Sie hätte aber auch jeden Moment umkippen können. Brasilianer haben ein hitziges Temperament. Es hätte genügt, dass ein Mann die falsche Frau anmacht, weil er in dem ganzen Gedränge nicht bemerkt, dass sie in männlicher Begleitung unterwegs ist, und gleich hätte eine Schlägerei losgehen können.

Daher war die Militärpolizei omnipräsent. David war gewissermaßen als „Botschafter des Friedens“ unterwegs, grüßte jedermann, indem er Hände schüttelte oder freundschaftlich auf Schultern klopfte, was ich ihm nachtat. Wir konnten ungestört und ausgelassen feiern. Wie alle anderen waren wir hier auf die nahegelegenen Getränkestände mit ihren übertriebenen Preisen angewiesen. Doch wir fanden einen Stand, der Caipirinha zu fünf Real pro Becher verkaufte. Das war in Ordnung. Und es war die beste Caipirinha, die ich je getrunken habe! Einmal kaufte ich eine kleine Wasserflasche am benachbarten Stand. Der Besitzer wollte mich beim Wechselgeld über’s Ohr hauen, doch einer meiner Begleiter intervenierte sogleich und so bekam ich gleich mein richtiges Wechselgeld. War angeblich nur ein Versehen.

David war ein hervorragender Guide, ließ mich nicht einmal alleine die etwas abseits gelegenen Dixie-Klos aufsuchen. Für diese Menge an Leuten, die auf den Beinen waren, reichten sie bei Weitem nicht. Dementsprechend dreckig und überlastet waren sie. Das Bürgermeisteramt hatte die Karnevalisten ausdrücklich aufgefordert, das Weltkulturerbe von Ouro Preto zu respektieren und nicht mit menschlichen Ausscheidungen zu beschmutzen. David sagte mir, dass die Polizei einen sogar festnehmen würde, wenn sie jemanden dabei erwischte. Aber dann muss man auch entsprechend Vorsorge treffen!

Wir tanzten und feierten bis etwa vier Uhr morgens. Und es war alles in allem großartig! Wahnsinn! Irre! Oder wie man auf Portugiesisch sagt: Uma loucura!

David und ich machten uns zu dem Landsitz auf, wo er wohnte. Der war weiter, als gedacht. Wir mussten erst etwa zehn Minuten mit einem überfüllten Linienbus fahren und dann noch etwa 20 Minuten über einen Feldweg laufen. Das war im angetrunkenen Zustand kein Vergnügen. Aber schließlich kamen wir an. Im Dunkeln konnte ich kaum etwas erkennen, nur, dass zum Haupthaus einige Nebenhäuser gehörten.

Wir schliefen im Haupthaus, wo uns die Hunde freudig begrüßten. Es war dreckig und roch nach Hundepisse. Doch ich war zu müde und durch, um mich groß daran zu stören. Ich legte mich auf ein altes Sofa, das mir David anbot und schlief bis zum späten Morgen.

Nach dem Aufstehen konnte ich mir bei Tageslicht ein Bild von dem Landsitz machen. Er war eigentlich wunderschön, dem portugiesischen Kolonialstil nachempfunden und  mitten in einem Naturschutzgebiet gelegen. Leider war er wirklich in einem bemitleidenswerten Zustand . Aber wenn man etwas Geld und Arbeit investierte, könnte man daraus ein großartiges Refugium oder Resort machen.

Landsitz bei Ouro Preto
Vernachlässigter Landsitz bei Ouro Preto

Nach unserem bescheidenen Frühstück aus Keksen und muffigem Kaffee machten wir uns zu Fuß zur Bushaltestelle auf. David begleitete mich zum Busbahnhof in Ouro Preto, um mir bei der Suche nach einer Rückfahrmöglichkeit zu helfen. Der Busbahnhof war sehr belebt, die Leute standen Schlange an den Ticketschaltern. Wie wir erfuhren, hatte sich die Situation nicht entspannt und es gab zur Stunde keine freien Plätze.

Aber wir bekamen ein Angebot von einem der illegalen Transporteure, der elf Plätze in einem Van anzubieten hatte zu je 30 Reais. Das war zwar etwas teurer als mit dem regulären Bus (ca. 25 Reais), aber ein guter Preis, wie Daniel versicherte. Normalerweise würden 50 Reais verlangt. Wir schlugen ein.

Es dauerte, bis alle Plätze vergeben waren und wir losfuhren. Ich nutze die Fahrt, um so weit wie möglich meinen Schlaf nachzuholen. Allerdings nervte und beunruhigte mich der riskante Fahrstil des Fahrers. Er fuhr mit 120 in 80er-Zonen, hielt einen viel zu geringen Sicherheitsabstand zu den Vorderautos, telefonierte mehrmals am Handy. Es drängte mich, den Fahrer um mehr Vorsicht zu bitten. Da er gegenüber einer anderen Mitfahrerin aber schon sehr pampig gewesen war, ließ ich es lieber bleiben, um keinen Streit zu riskieren und am Ende noch irgendwo ausgesetzt zu werden. Es genügt ja auch, dafür zu sorgen, dass sich vor Ort herumspricht, wie wenig vertrauenswürdig dieser Fahrer ist…

Glücklicherweise kamen wir am Nachmittag trotzdem heil in BH an. Mein kleines Abenteuer war beendet und gut ausgegangen.

Fazit: Der Karneval in Ouro Preto ist eine Reise wert, sofern man es nicht auf das offizielle Programm absieht und die Nacht mal abfeiern möchte. Idealerweise schließt man sich dabei vertrauenswürdigen Einheimischen an und macht sich so viele Freunde wie möglich. Dann kann man eine tolle Open-Air-Party erleben. Wegen der steilen Straßen aus Pflastersteinen ist festes Schuhwerk dringend zu empfehlen.

Loucura! Karneval in Ouro Preto

8 Gedanken zu „Loucura! Karneval in Ouro Preto“

  1. Olá Gregory,
    Sou Aline, sua seatmate de Belo Horizonte, apenas hoje tive tempo de entrar no seu blog, meu namorado voltou ao panamá a 5 dias.
    Fico feliz em saber que você aproveitou seu carnaval em Ouro Preto, Gostei muito do que você escreveu no blog, foi bom ter dado tudo certo ao voltar para BH.
    Você escreve algumas coisas bem interessantes.. Você sabe que eu não posso ler em alemão… Mas felizmente temos o Google tradutor né?
    Até mais

  2. Olá Gregory,
    Sou Aline, sua seatmate de Belo Horizonte, apenas hoje tive tempo de entrar no seu blog, meu namorado voltou ao panamá a 5 dias.
    Fico feliz em saber que você aproveitou seu carnaval em Ouro Preto, Gostei muito do que você escreveu no blog, foi bom ter dado tudo certo ao voltar para BH.
    Você escreve algumas coisas bem interessantes.. Você sabe que eu não posso ler em alemão… Mas felizmente temos o Google tradutor né?
    Se ainda estiver em BH não deixe de visitar o local que eu sugeri „Inhotim“ não sei se você se lembra ou ainda tem o folheto que te dei no ônibus.
    Até mais..

  3. Hi Tanja, danke fuer den Kommentar. Was Deine Frage betrifft: Wenn es ums Abfeiern geht, ist das wirklich eher was fuer „juengere“ Leute (sagen wir mal meinetwegen bis 50…). Das Programm am Nachmittag und fruehen Abend ist fuer jede Altersgruppe geeignet, ich habe auch Familien mit Kleinkindern gesehen.

  4. Hi, schöner Bericht – schön geschrieben und man sieht, es ist dann doch noch ein stück anders, wie der Karneval in Brasilien in den Medien dargestellt wird – trotzdem schön.

    Da du den Karneval in Ouro Preto ja ganz allgemein empfiehlst, gilt das für jede Altersgruppe?

    Grüße,
    Tanja

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