#Kopftuchverbot

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Österreich macht heute international Schlagzeilen mit einem neuen Kopftuchverbot an Grundschulen, beschlossen von der rechts-konservativen Regierung unter dem smarten Bundeskanzler Sebastian Kurz. Das neue Gesetz dürfte eine ebenso kurze Halbwertszeit haben, wie der Name des österreichischen Junior-Führers schon suggeriert.

Soweit ich das sehe, taucht das Wort „Kopftuch“ in dem Gesetzestext nicht explizit auf, wird daher nur elegant umschrieben als „weltanschaulich oder religiös geprägte(r) Bekleidung, mit der eine Verhüllung des Hauptes verbunden ist“ (siehe: Tagesschau.de).

Das ist in sich schon recht schwammig, zumal es Ausnahmen gibt. Die jüdische Kippa – ein unmissverständliches religiöses Symbol – bleibt weiterhin erlaubt, und wenn es keinen offensichtlich religiösen/weltanschaulichen Grund hat, dann auch das Kopftuch (z.B. bei Regen/Schnee oder wegen medizinischer Notwendigkeit wie Verbände).

Wer irgendwie ein praktisches Vorstellungsvermögen hat, merkt schon, dass dieses Gesetz in sich schon nicht praktikabel und konsequent ist. Und es verhüllt darüberhinaus nur schlecht, worum es eigentlich geht: eine spezielle Religionsgemeinschaft, nämlich die der Muslime, generell auszugrenzen und zu stigmatisieren. Die Verfechter brüsten sich zwar, dass sie damit etwas für die freie Selbstbestimmung der Kinder täten, aber so kann nur jemand reden, der keine Ahnung von Kinderseelen hat.

Keine Frage: Es gibt zweifellos radikale Muslime. Aber abgesehen davon, dass man sich fragen könnte, was sie denn so radikalisiert hat, stellen sie bei Weitem nicht die Mehrheit der in Österreich oder Deutschland oder sonst wo in Europa lebenden Muslime. Im Gegenteil.

Ich habe vor allem in der Zeit als Elternvertreter an der Grundschule meiner eigenen Kinder in Berlin Charlottenburg viel persönlichen und privaten Kontakt mit muslimischen Familien gehabt, waren schließlich die Familien der Schulfreunde meiner Kinder. Und sie mussten genau wie wir alle auch ihren Alltag organisieren und ihren Lebensunterhalt bestreiten. Selbst diejenigen, die von Hartz IV lebten, hatten deswegen kein entspanntes Leben. Eher im Gegenteil. Sie befanden sich auf dem harten Boden der Tatsachen und hatten kein Geld, ihren Kindern etwas Gutes zu tun. Die meisten hatten aber einen ganz normalen Job oder Laden und hatten sich sehr gut integriert. Das waren aber auch zumeist Muslime, die schon in zweiter oder dritter Generation in Deutschland lebten, genauso wie viele Italiener, Spanier, Griechen, Kroaten, Russen etc. etc.

Deutschland (und Österreich und Westeuropa überhaupt) hat sich längst zu einem Vielvölkergemisch entwickelt, wo man gar nicht mehr auseinanderhalten kann, wer eigentlich aus welchen Nationen und Völkern stammt. Osteuropa hinkt da historisch bedingt zwar hinterher, aber mit der Öffnung der Grenzen nach 1989 geht auch hier die Vermischung fröhlich weiter.

Das war in Europa schon immer so, und seit der Globalisierung hat sich diese Vermischung global noch gesteigert. Das ist Fakt.

Jetzt kann ich das zwar nicht gut oder richtig scheiße finden, ändert aber nichts an den Tatsachen.

Und wenn ich etwas eh nicht ändern kann, dann muss ich mich damit anfreunden und vielleicht meinen Blick auf das Positive richten.

Vielfalt ist nämlich etwas Gutes. Sie ist produktiv. Sie bringt durchaus schöne Ergebnisse hervor, wie ich an meinen eigenen deutsch-brasilianischen Kindern mit eigenen Augen sehen kann. Und meine Konfrontation mit der brasilianischen Kultur war auch ein langer Lernprozess, der frühestens mit meinem Tod beendet sein wird. Das Leben ist genau das: ein lebenslanger Lernprozess. Man lernt nie aus. Und je offener und neugieriger man dem Leben entgegentritt, desto besser. Denn dann passieren Dinge, die man niemals erwartet hätte. Und die bereichern dann ungemein.

Das „Kopftuch“ ist vor allem von den neuen Rechten zu einem Symbol hochstilisiert worden, an dem man exemplarisch sein Unbehagen an fremden Kulturen zum Ausdruck bringen will.

Bis zu einem gewissen Grad kann ich das sogar nachempfinden, wie das sein muss, wenn man nie groß von Zuhause in die weite Welt gereist ist, und wenn man es getan hat, dann um sich möglichst wie der Herr im Hause zu fühlen. Man kann schließlich auch mit geschlossenen Augen reisen, wenn man sich nicht für andere Kulturen und Menschen interessiert.

Die globalen Migrationsbewegungen finden jedoch statt, aus vielerlei Motiven, größtenteils aus wirtschaftlichen, weil sie eben heute technisch so einfach zu realisieren sind.

Das Kopftuch ist das denkbar ungeeignetste Mittel, um den Realitäten zu begegnen. Und diese Debatte ausgerechnet in die Grundschulen zu tragen und damit auf die Schultern noch viel zu junger Kinder abzuladen, ist moralisch zutiefst verwerflich!

Allein das ist für mich Beleg genug dafür, dass diese Neurechten-Bewegung eine Bande von Scharlatanen ist, die zwar eine große Klappe hat, aber sonst nichts gebacken kriegt. Populistischer Aktionismus, um den Applaus ihrer ignoranten und wirklichkeitsabstinenten Anhängerschaft zu ernten, die glauben, so einfach ließen sich die Dinge lösen.

Will man das Thema Religion generell aus den Schulen raushalten (dafür kann man durchaus sein), dann müssten alle religiösen Symbole und Bekenntnisse aus der Schule entfernt werden, ausnahmslos.

Aber wie und wieso sollte man das tun? Wieso soll man etwas aus den Schulräumen verbannen, was den Alltag der Kinder bestimmt?

Ich war ein Jahr lang Klassenlehrer einer 5. Klasse an einer Berliner Grundschule in Neukölln, die nahezu ausschließlich aus muslimischen Kindern bestand.

Ich will nicht bestreiten, dass das herausfordernd war, und ich ziehe meinen Hut vor all den ehemaligen Kollegen, die tagtäglich mit diesen Problemen an der Front zu kämpfen haben!

Für mich war das auch neu und herausfordernd, mit dieser Wucht mit der Thematik konfrontiert zu werden.

Die schon lange dort arbeitenden Kollegen waren über die Jahre mit der Problematik vertraut und gaben mir viele wertvolle Ratschläge. Aber man muss auch gestehen dass die meisten der langjährigen Kollegen von ihrem Beruf desillusioniert waren. Man badet aus, was die Gesellschaft als unerledigt vor die Tür wirft. Und das ist keineswegs nur das Thema Migration und Islam!

Schule ist immer ein Abbild der Gesellschaft, in der Schule bildet sich die Gesellschaft ab. Und sie hat zweifellos mit Herausforderungen zu kämpfen, die nicht leicht zu handeln sind.

Aber wer hat denn gesagt, dass das Leben einfach ist?

Im Vergleich zu Charlottenburg, wo ich vorher einige Monate als Seiteneinsteiger als Lehrer gearbeitet hatte, gab es verhältnismäßig deutlich mehr schwierige Schüler in Neukölln. Dass sie von ihrer Herkunft aus einem muslimischen Haushalt stammten, war dabei nicht ausschlaggebend, sondern eher die sozial schwachen Verhältnisse.

In meiner Klasse wie den meisten anderen lebten alle von Hartz IV und waren berechtigt, alle sozialen Leistungen, die der Berliner Senat für sozial Schwache bereithält, in Anspruch zu nehmen.

Es gab wie überall sonst auch Eltern, die sich für die schulischen Leistungen ihrer Kinder interessierten und ehrgeizig und anpassungswillig und engagiert waren, und es gab verhältnismäßig viele Eltern, die offenbar schon mit sich selbst und ihrem Leben überfordert waren.

Die Kinder sind das schwächste Glied in der Kette und müssen am Ende ausbaden, was ihre Eltern und die Gesellschaft ihnen antun.

Manche gehen damit bewusst um, andere sind sich dessen nicht bewusst, manche spielen den Helden, andere passen sich an, einige fangen bereits an, sich zu radikalisieren.

In meiner 18 Kinder zählenden Klasse gab es zwei Mädchen, die mit ihrer wachen Intelligenz aus der Gruppe herausragten. Eine war schon sehr belesen und sehr reflektiert. Die andere war die unangefochtene Spitzenreiterin in allen Fächern und darüber hinaus sehr kommunikativ und sozial eingestellt.

Die Erste kam eines Tages auf ich zu und sagte, heute sei der letzte Tag, an dem sie mir die Hand zum Abschied geben könne, denn am Wochenende würde sie sich dem Ritual unterziehen, nach dem sie ihr Haar bedecken und nicht berührt werden dürfe.

Ich war verblüfft und sprachlos, umarmte sie spontan und machte mir meine Gedanken.

Es war schwer auszumachen, aus welcher Motivlage sie heraus das machte. Ihre Eltern waren getrennt, ihre Mutter war berufstätig und eine sehr im Leben stehende moderne Frau, die ich nie mit Kopftuch gesehen hatte. Ich bat die Mutter zeitnah zu einem Gespräch und fragte, was es mit der Entscheidung ihrer Tochter auf sich habe. Sie erwiderte, es auch nicht zu verstehen. Es sei eine freie Entscheidung ihrer Tochter, sie habe sie nicht dazu gedrängt, im Gegenteil.

Das hielt ich für glaubwürdig und beließ es dabei. Da ich das Mädchen als sehr intelligent und reflektiert erlebte, ging ich davon aus, dass es für sie jetzt die richtige Entscheidung war. Ich sagte ihr, dass es für mich keinen Unterschied mache, dass ich sie weiterhin genau so wie vorher respektieren würde. Auf dem Schulhof war sie damit eh nicht allein, musste sich daher auch nicht als Außenseiterin fühlen (die sie trotzdem war, was aber mit ihrem Charakter und Verhalten anderen gegenüber zu tun hatte).

Ich fragte mich natürlich auch, ob sich das Mädchen damit einen Gefallen tat, die islamischen Regeln so streng auszulegen. In einem freiheitlichen Land wie Deutschland verschlechtert sie damit ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt erheblich, weil im globalen Arbeitsmarkt nunmal andere Gepflogenheiten gelten, das ist auch Tatsache.

Aber jeder geht seinen eigenen Weg. Es ist ja nicht gesagt, dass die Entscheidung dieser Schülerin ein Leben lang gelten wird.

Die andere Schülerin war auch im schulischen Islamunterricht sehr engagiert und las sehr gerne im Koran. Auch sie beschäftigte sich bereits mit der Frage, ob sie sich bei gegebenem Anlass (dem Einsatz der Periode) für das Kopftuch entscheiden solle. Sie fragte mich nach meiner Meinung, was ich für sich allein betrachtet schon für eine tolle Herangehensweise halte. Sie war nicht umsonst der Star der Klasse. Ich begründete ihr, wieso ich persönlich dem Kopftuch gegenüber skeptisch eingestellt sei, es aber letztlich ihre Entscheidung sei und ich sie in jedem Fall respektieren würde.

An den Kindern gehen die gesellschaftlichen Diskussionen nicht vorbei. Sie bestimmen und prägen ihren Alltag. Selbst wenn sie das Thema nicht voll umfänglich erfassen, setzen sie sich damit auseinander, weil es Teil ihrer Identitätsfindung ist.

Es darf daher nicht Sache eines freiheitlichen Staates sein, sich in diesen Prozess einzumischen, indem er einfach ein Verbot erteilt.

Damit hetzt er die Kinder und Familien nur gegen sich auf. Zumal, wenn es ausschließlich eine bestimmte religiöse Gruppe trifft!

Das trägt mit Sicherheit nicht zur Befriedung und Entspannung bei und wird die Wogen nur weiter nach oben treiben.

Den Islam treibt man nicht damit aus, indem man ihn verbietet.

Es gibt auch keinen Anlass, den Islam generell zu vertreiben.

Es gäbe dagegen Anlass, Religionen generell als Anlass und Rechtfertigung für schreiendes Unrecht zu ächten! In Wahrheit stehen doch ganz andere Interessen und Probleme dahinter. Und sie werden wie immer auf dem Rücken der Kleinsten und Schwächsten ausgetragen.

Europa schaut ja auch teilnahmslos dabei zu, wie unzählige Kinder auf der Flucht vor Krieg und Elend auf dem Weg verhungern oder verdursten oder ertrinken oder missbraucht werden.

Die Menschenrechte werden ohne mit der Wimper zu zucken zur Disposition gestellt, während sich die globale Elite den Schampus in die Gläser laufen lässt und sich das Volk polarisieren und instrumentalisieren lässt.

Es ist an der Zeit, sich um die wirklich wichtigen Themen zu kümmern, und das ist der Kampf gegen den Klimawandel und die schreiende soziale Ungerechtigkeit auf dem Planeten.

Nicht die Flüchtlinge sind schuld an ihrem Schicksal, es sind andere, die sie in die Flucht treiben und sich dann eine feuchten Kehricht um sie kümmern.

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