Ich bin auch ein Flüchtling

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Während die ganze Welt über die #Flüchtlingskrise debattiert, muss ich eingestehen, dass ich gewissermaßen auch ein Flüchtling bin, oder zumindest ein Migrant. Ein Sehnsuchts-Migrant. Ich habe mich entschieden, nach Brasilien auszuwandern, meinen Lebensmittelpunkt von Deutschland nach Brasilien zu verlagern. Ich habe mir einfach diese Freiheit genommen. Wobei auch das nicht so einfach läuft, wie es zunächst den Anschein hatte.

Der Begriff „Flüchtling“ trifft insofern nicht ganz auf mich zu, als ich ja vor nichts geflüchtet bin (jedenfalls nicht als Hauptmotiv), sondern einfach nur in dem Land leben will, in dem ich mich seit Jahren am wohlsten fühle. Ich kenne die Sprache, ich kenne die Kultur, ich mag die Lebensart und ich liebe diese umwerfende Natur.

Ich gehe mal davon aus, dass die meisten von uns eine solche Entscheidung für sich selbst ebenfalls als legitim und selbstverständlich empfinden. Ob aus beruflichen oder privaten Gründen: Wir nehmen für uns das Recht in Anspruch, uns überall auf der Welt niederlassen zu dürfen. Glücklicherweise wird es gerade uns Deutschen im Ausland auch nicht so schwer gemacht wie vielen anderen. Der Deutsche Reisepass ist der freizügigste der Welt. Er öffnet uns die Tore in viele Länder.

Auch in Brasilien bieten sich da diverse Möglichkeiten an, wie man auf der Seite der Brasilianischen Botschaft in Berlin ersehen kann.

Jeder Inhaber eines Deutschen Reisepasses darf ohnehin visumfrei 90 Tage im Land bleiben. Inhaber anderer Nationalitäten dürfen ihren Aufenthalt sogar um weitere 90 Tage verlängern. Deutsche allerdings nicht, wie ich gestern bei der dafür zuständigen Bundespolizei-Dienststelle (Polícia Federal) erfahren habe (Seite nur auf Portugiesisch!).

Brasilien handelt international nämlich nach dem Prinzip: Wie Du mir, so ich Dir. Da Deutschland den Brasilianern nur 90 Tage visumfrei erlaubt, macht Brasilien es umgekehrt genauso.

Dauervisum auf basis der kinder

Mein Touristenvisum sollte allerdings eh nur für den Anfang herhalten. Da ich zwei Kinder aus einer inzwischen geschiedenen Ehe mit einer Brasilianerin habe und diese somit auch die brasilianische Staatsangehörigkeit haben, bemühe ich mich seit meiner Ankunft am 12. Dezember 2016 um eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis auf Basis meiner Kinder. Zwar gab es von verschiedenen Seiten den Vorbehalt, die Aufenthaltserlaubnis sei daran gebunden, dass die Kinder auch in Brasilien leben. Doch eine auf Migrationsangelegenheiten spezialisierte Agentur in São Paulo hatte mir noch während meiner Anwesenheit in Deutschland versichert, dass die Bundespolizei in Belo Horizonte keinen Nachweis dafür verlange.

Diese dauerhafte Aufenthaltserlaubnis konnte die mir zur Seite stehende Agentur allerdings noch nicht beantragen, weil dafür zunächst die Anerkennung der in Deutschland vollzogenen Scheidung (homologação) notwendig ist. Leider steht im deutschen Scheidungsurteil nicht ein Wort zu unseren Kindern, zum Sorgerecht und den Unterhaltsansprüchen. Denn meine Ex-Frau und ich haben uns darauf verständigt, wie zuvor beides zu gleichen Teilen auszuführen, das sogenannte Wechselmodell, zu dem der BGH erst kürzlich ein Urteil gesprochen hat. Da meine Ex und ich uns also einig waren und die Richter keine Regelung zu dekretieren hatten, steht auch nichts dazu im Urteil.

Weil nach brasilianischem Recht eine solche Regelung aber ausdrücklich im Urteil stehen muss, musste hier nochmal ein Scheidungsverfahren eingeleitet werden. (Ohne Kinder wäre die Sache schneller erledigt gewesen).

Nun warte ich also darauf, dass dieses Verfahren endlich zum Abschluss kommt. Es hat sich auch deshalb länger hingezogen als üblich, weil ich zu einer ungünstigen Zeit in Brasilien eingetroffen bin: ab Weihnachten und bis zum Ende des Karnevals – also zwei bis drei Monate lang – ist das ganze Land gewissermaßen im Sommerferien-Modus. Das Arbeitsleben ist auf Sparflamme. Wer nur irgend kann, verbringt die Zeit auf dem Land oder am Strand, bei Freunden, mit der Familie.

Arbeiten um zu leben

Das ist durchaus einer der Gründe, wieso ich Brasilien so liebe. Die Brasilianer arbeiten, um zu leben. In Deutschland nimmt die Arbeit einen viel zu großen Raum im Leben ein.

Das Leben ist hier einfach mal zwei Gänge runtergeschaltet (abgesehen vielleicht von Metropolen wie São Paulo, einer Stadt, die niemals schläft…). Das Leben hier ist entschieden stressfreier, entspannter, geselliger, fröhlicher und gleichzeitig lebendiger. Das pure Leben. Vom entspannten Chillen bis zur überbordenden Lebensfreude.

Brasilien hat viele Probleme und ist keineswegs perfekt. Aber welches Land ist das schon? In Deutschland gibt es auch viele Dinge, die sehr unzufrieden machen und daher Fernweh, Fluchtinstinkte wecken.

Unterm Strich nehme ich die brasilianischen Widrigkeiten lieber in Kauf als die deutschen/europäischen. Mein Glücks- und Zufriedenheitspegel ist hier in Brasilien einfach weit höher als in Deutschland.

Vielleicht schlägt das Pendel irgendwann auch wieder um. Who knows? Dann gehe ich eben wieder zurück.

Meine größte Sehnsucht gilt natürlich meinen Kindern in Berlin. Auch in kulinarischer Hinsicht machen sich Defizite bemerkbar. Haribo! Chips! Leckeres italienisches, griechisches, thailändisches, türkisches etc. Essen!

Aber sonst?

Ich bin vollauf zufrieden. Glücklich. Entspannt. Und voller Tatendrang!

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