FIFA-Valcke: Der durch die Hölle ging

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Vor Journalisten in Lausanne hat FIFA-Generalsekretär Jérôme Valcke am vergangenen Dienstag gesagt, der Weltfussballverband sei bei der Organisation der WM 2014 in Brasilien „durch die Hölle“ gegangen. Insbesondere beklagte er sich über die wechselnden Ansprechpartner in der Politik, von denen einige erklärtermaßen gegen die WM seien.

„In Brasilien gibt es einige Politiker, die gegen die WM sind, und wir sind durch die Hölle gegangen, vor allem deshalb, weil es in Brasilien drei politische Ebenen gibt, bei denen es auf Grund von Wahlen zu Veränderungen kam, was dazu führte, dass wir nicht notwendigerweise mit den gleichen Leuten zu tun hatten. Es war schwer, immer wieder das Gleiche zu wiederholen“, sagte der FIFA-Generalsekretär laut brasilianischem Nachrichtenportal R7. Valcke obliegt die Federführung bei der Inspektion der Vorbereitungen.

Um schonmal die erwartbare Kritik während der am 12. Juni beginnenden Weltmeisterschaft wegzulenken, betonte Valcke, dass es nicht die FIFA sei, welche die WM organisiere, sondern „es war Brasilien, das sich entschieden hatte, die WM in zwölf Städten zu organisieren“. Gleichwohl gestand er ein, dass der mögliche Schaden am Ende auch an der FIFA hängen bleiben würde:

„Wir unterstützen Brasilien um zu garantieren, dass das Ereignis ein Erfolg wird, denn die FIFA gründet auf dem Erfolg der Weltmeisterschaft. Wenn die WM eine Blamage werden würde, wenn es ein Problem geben sollte, dann wäre das auch schlecht für uns“, so Valcke.

Er warnte die Medienvertreter bei der Gelegenheit schonmal vor, dass nicht alles perfekt laufen wird:

Ich sage nicht, dass alles rechtzeitig fertig sein wird, aber nach vielen Gesprächen, was die Stadien angeht, was wir an Notwendigkeiten brauchen und unter Berücksichtigung dessen, dass wir unsere Erwartungen und Anforderungen heruntergeschraubt haben, so ist das Notwendige vorhanden, um den Journalisten, den Mannschaften, den Fans und Schiedsrichtern eine WM zu garantieren, die eine unvergessliche Erinnerung sein wird, zumal, wenn das Drama von 1950 für Brasilien erlöschen sollte.

Mit Letzterem spielt Valcke auf die bisher einzige WM in Brasilien an, bei der die Seleção das Endspiel gegen Uruguay verlor – eine bis heute offene Wunde in der Volksseele.

Am 15. Mai – viereinhalb Monate später als vereinbart – sollen auch die fehlenden drei der 12 WM-Stadien an die FIFA übergeben werden, sprich das WM-Eröffnungsstadion Arena Corinthians in São Paulo, die Arena da Baixada in Curitiba und die Arena Pantanal in Cuiabá. Was Letztere angeht, schloss Valcke nicht aus, dass sie auch zur WM nicht vollständig fertig sein könnte. (Einen Überblick über den Status der Bauarbeiten an den Stadien liefert das brasilianische Portal uol.)

Das trifft auch für die Arena da Baixada in Curitiba zu, wie die Washington Post berichtet. Das Mediencenter ist ein Stahlgerippe und die Journalisten aus aller Welt müssen auf Zelte ausweichen, die auf Parkplätzen montiert werden.

WM-Organisation dürfte Brasiliens Ruf nachhaltig beschädigen

Schon jetzt, 35 Tage vor Anpfiff, darf man die Prognose wagen, dass sich Brasilien mit der Organisation der WM kein Ruhmesblatt erwerben wird.

Im Gegenteil. Die mangelhafte Vorbereitung des sportlichen Mega-Events und das zu erwartende Chaos dürfte Brasiliens Ruf nachhaltig schaden. Internationale Investoren verfolgen die Entwicklungen sehr aufmerksam. Und wenn sie sehen, wie eine international so erfahrene Organisation wie die FIFA in Brasilien graue Haare bekommen hat, dann dürften sie zu dem Schluss kommen, dass Brasilien ein zu unverlässlicher Geschäftspartner ist, um Investitionen zu wagen. Das ist fatal für die Perspektiven des Landes, für dessen weitere Entwicklung mangels eigener qualifizierter Fachkräfte ausländisches Knowhow notwendig bleiben wird.

Allerdings hat die FIFA durchaus auch ihren Anteil daran, dass die Dinge so aus dem Ruder gelaufen sind. Abgesehen davon, dass der Verband wegen seiner Arroganz und Korruptionsanfälligkeit in breiten Bevölkerungsschichten eine der meistgehassten Organisationen überhaupt ist, trat die FIFA gelegentlich wie der Elefant im Porzellanladen auf, zeigte wenig Gespür für die brasilianische Volksseele. Der WM-Slogan „All in one rhythm“ wurde schon von den höchsten Organen nicht vorgelebt.

Unvergessen bleibt Valckes Ausspruch von vor zwei Jahren, als er angesichts der sich schon abzeichnenden Verzögerungen öffentlich sagte, Brasilien brauche einen „Tritt in den Hintern“.

Das mag sachlich korrekt gewesen sein, diplomatisch war es nicht. Und sorgte für einen Sturm der Entrüstung, der nur mit allergrößter Mühe beruhigt werden konnte, indem FIFA-Präsident Blatter schleunigst nach Brasilien reiste, um bei Präsidentin Dilma einen Kotau zu machen.

FIFA ohne Gespür für nationale Empfindlichkeiten

Auch Valckes jetzige Äußerung zeigt, dass er bei aller Mühe nicht wirklich dazugelernt hat. Wer Brasilien kennt, die WM-Vorbereitungen verfolgt hat oder selbst schonmal versucht hat, dort geschäftlich etwas auf die Beine zu stellen, wird zwar sicher nachempfinden können, durch welche Hölle der Generalinspekteur gegangen sein muss – aber muss er das jetzt, so kurz vor der WM sagen? Wäre es nicht besser gewesen, nach der WM dem angestauten Frust Luft zu machen?

Negative Reaktionen sind ihm damit gewiss, wie schon jetzt die Kommentare unter brasilianischen Medienberichten zeigen. Zu beklagen, dass man aufgrund von Wahlen mit wechselnden Gesprächspartnern zu tun hatte, zeugt nicht von demokratischem Geist und provoziert die Entgegnung, dann solle die FIFA ihre WM künftig doch nur noch in Diktaturen austragen.

Dabei dürfte Valcke seine Äußerung nicht einmal so gemeint haben, wie sie rüberkommt. Sie dürfte eher darauf abheben, dass es überhaupt nötig war, Verhandlungen auf drei verschiedenen Ebenen führen zu müssen, nämlich mit der Bundesregierung, den Landesregierungen und den Bürgermeistern der Austragungsstätten, was beispielsweise das Thema Alkohol in den Stadien oder die FIFA Fan-Feste angeht.

Es wäre organisatorisch sicher sinnvoller gewesen, wenn die FIFA beim Lokalen Organisationskomitee/COL und der Bundesregierung verlässliche Partner gehabt hätte, welche die notwendigen Entscheidungen nach unten durchgesetzt hätten. Aber zwischenzeitlich (Oktober 2011) wurde der Sportminister wegen Korruptionsvorwürfen ausgetauscht und der amtierende Aldo Rebelo wollte sich Ende 2013 davon machen, wurde aber von der Präsidentin zum Weitermachen verdonnert.

Die Verabschiedung des WM-Rahmengesetzes wurde zu einer Zitterpartie, mit der die FIFA bei Politik und Bevölkerung den Eindruck zementierte, fremdbestimmt zu werden von einer Organisation, die sich um nationale Besonderheiten und Empfindlichkeiten nicht schert. Eine Steilvorlage für Populisten wie Ex-Weltmeister Romário, die sich in ihrer Aversion gegen die FIFA und die WM bestätigt fühlten.

Interkulturelle Kompetenz ist Schlüssel zum Erfolg

Es ist also viel Porzellan zerschlagen worden und das zermürbende Hin und Her zwischen den Verantwortlichen zeigt, wie wichtig interkulturelle Kompetenz bei internationalen Geschäften auf beiden Seiten ist.

Ist erst einmal der Wurm drin, dann gibt es in Brasilien kein Happy End. Dann gerät man in einen Teufelskreis von unklaren Zuständigkeiten, bei denen Einer in kafkaesker Weise den Schwarzen Peter an den anderen weiterreicht.

Die FIFA sollte daraus die Lehre ziehen, dass mehr Feingefühl und Einfühlungsvermögen in die Besonderheiten des Gastgeberlandes notwendig sind und das WM-Konzept entsprechend angepasst werden sollte.

Und Brasilien sollte eine ehrliche Fehleranalyse betreiben, mehr Selbstkritik üben, mit Fremdkritik souveräner umgehen und daran arbeiten, als Geschäftspartner verlässlich zu werden. Verträge sind nämlich keine unverbindlichen Absichtserklärungen, wie viele glauben, sondern einklagbare Zusagen.

Mit der WM hat Brasilien den Spiegel vorgehalten bekommen. Es hat sich als Land geoutet, das mit der Organisation eines solchen Events überfordert ist. Jetzt wird allerorten Brazil-Bashing betrieben. Bei allen Fortschritten, die es in den letzten Jahren gegeben hat, bleibt Brasilien ein Land, das erst an der Schwelle zum Global Player ist. Um international die Bedeutung zu bekommen, die es gerne hätte, gibt es noch sehr viel zu tun.

Im Oktober sind in Brasilien Präsidentschaftswahlen. Die Zustimmungsraten für die amtierende Präsidentin Dilma Rousseff sinken zwar, doch noch ist sie ihren beiden wichtigsten Konkurrenten haushoch überlegen. Es wäre an ihr, nach der WM eine ehrliche Fehleranalyse zu präsentieren und daraus Handlungsanweisungen abzuleiten. Dann könnte sie nach einer am Ende recht verkorksten ersten Amtszeit doch noch etwas Bleibendes für Brasilien geleistet haben.

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