Familientreffen (Schicksal)

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Meine Mutter ist dieser Tage 80 Jahre alt geworden. Morgen feiert sie im Süden Deutschlands, wo sie seit Jahrzehnten lebt, mit Freunden und Familie. Meine Teilnahme war natürlich fest vereinbart, doch dann änderten sich die Umstände und ich traf die schmerzliche Entscheidung, meine Teilnahme abzusagen. Nun findet das Familientreffen also ohne mich statt…

Vor zehn Jahren war ich auch nicht dabei. Auch jenes Mal aus freien Stücken angesichts der in diesem Fall rein familiären Umstände. Und wenn ich zurückdenke, in welcher Situation ich mich damals, im Jahr 2009, befand, erschrecke ich geradezu, wie sehr sich das Leben eines Menschen im Laufe einer Dekade doch fundamental verändern kann! Es würde einen dicken, fetten Roman hergeben!!

Damals war ich noch mit einer Brasilianerin verheiratet, meine beiden Kinder noch im Krippenalter, ich bei einem TV-Sender in der Börsen- und Wirtschaftsredaktion tätig, noch unwissend aber ahnend, dass ich diesen gut bezahlten Job wahrscheinlich nicht mehr allzu lange haben würde.

So kam es dann auch, im Herbst des Folgejahres.

Inzwischen bin ich längst geschieden, lebe ohne meine Kinder in Brasilien und habe ein völlig anderes Leben, einen völlig anderen Alltag.

Und das ist gut so, auch wenn ich dafür einen Preis zahle und gezahlt habe (genauso wie alle unmittelbar Beteiligten). Einen hohen Preis. Diese zehn Jahre zwischen dem 40. und 50. Lebensjahr waren kein Zuckerschlecken. Im Grunde sogar die härtesten und schwierigsten und herausfordernsten meines ganzen bisherigen Lebens. Sie haben Kraft gekostet. Viel Kraft. Aber ich war vorbereitet.

Jetzt fühle ich mich ein wenig wie ein von all den Kämpfen körperlich geschwächter Krieger, der vom König die Gnade gewährt bekommen hat, sich bereits jetzt auf’s Altenteil zu legen, seine Wunden zu lecken und das Leben etliche Gänge herunterzuschalten.

(Die leichte körperliche Schwäche wird von einer mentalen Stärke umso mehr kompensiert. Erfahrung ist durch nichts zu ersetzen!)

Die Arbeit hört nie auf. Solange wir leben, müssen wir unser Haus in Ordnung halten, unseren Lebensunterhalt bestreiten, uns zu unserer Umwelt und unserem Umfeld irgendwie verhalten.

Aber ich schlage zehn Kreuze, dass ich mich nicht mehr in der Situation von vor zehn Jahren befinde.

Es war rückblickend ein Befreiungsschlag. Eine Entfesselung. Ein Ablegen von Dingen und Umständen, die mich nicht nach vorne brachten, sondern im Gegenteil zunehmend belasteten und auf der Stelle treten ließen oder mir gar das Gefühl gaben, in einer Sackgasse zu stecken.

Ich musste raus! Ich wollte raus!

Es hätte auch alles ganz anders kommen können. Mein Name sei Gantenbein. Denn wir sind ja nicht Herr über alle Umstände, in denen wir uns befinden, und unsere eigenen Entscheidungen sind auch von den Entscheidungen anderer abhängig.

Ich hatte mir damals alles anders vorgestellt, natürlich Frau und Kindern absolute Priorität eingeräumt und mein Leben darauf umgestellt.

Doch meine Ex-Frau und ich hatten, wie sich nun herausstellte, völlig unvereinbare Lebenskonzepte. Die Trennung war unausweichlich, aber zu guter Letzt gütlich.

Wenn man sein Leben halbwegs mit wachen Sinnen lebt, dann gibt es immer Weggabelungen und verschiedene Optionen. Mal entscheiden wir uns richtig, mal falsch. Manchmal haben wir keine Wahl. Manchmal haben wir eine, doch wir zahlen einen hohen Preis dafür. Manchmal wiederum wird uns eine gute Gelegenheit auf dem Silbertablett präsentiert.

Das Leben ist die Abfolge der Prioritäten, die du dir im Laufe der Zeit gesetzt hast. Und welche Optionen sich auftun, hängt von deinen Konditionen ab.

Wer nichts hat, hat es schwerer, als derjenige, der schon mit dem Goldenen Löffel auf die Welt kommt. Doch es ist nicht gesagt, dass der in materieller Hinsicht Arme dem Reichen deswegen grundsätzlich unterlegen sei. Im Gegenteil.

Menschen, die von Geburt an gelernt haben, sich in schwierigen oder gar lebensfeindlichen Situationen durchzuschlagen, sind in Krisenzeiten denjenigen deutlich überlegen , die alles in den Arsch geschoben bekommen haben.

Beim Untergang der Titanic haben nicht die Reichen und Egoisten überlebt, sondern überwiegend die armen Passagiere aus dem Unterdeck oder die Arbeiter aus dem Maschinenraum. Weil sie einen vielfach erprobten Überlebensinstinkt hatten, stark waren und sich selbst zu helfen wussten.

Egoisten und Opportunisten laufen dagegen mittelfristig Gefahr, unter die Räder zu geraten. Weil ihnen eben keiner beisteht, wenn sie mal Hilfe brauchen. Weil jeder weiß, dass von denen auch keine Hilfe zu erwarten ist.

Von Familienmitgliedern erwartet man in der Regel, dass sie sich gegenseitig in der Not beistehen. Aber jeder lernt mit der Zeit, dass die Familie auch nur ein Mikrokosmos unter vielen ist, in dem sich die gleichen Dinge vollziehen wie anderswo in der Gesellschaft auch.

Ein Familien- oder auch Klassentreffen ist daher immer aufregend und spannend, aus welchem Anlass auch immer. Denn in der Konfrontation mit denjenigen Menschen, mit denen wir nolens volens irgendetwas gemeinsam haben und in der Zeit, die man gemeinsam zurückgelegt hat, begegnet man sich letztlich selbst und sieht, wo man damals und wo man heute steht.

Das Leben ändert sich und wir uns mit dem Leben.

Das Leben ist ein langer, ruhiger Fluss. Voller Stromschnellen und ruhiger Passagen, mal mit einem Wasserfall, voller Hindernisse und Herausforderungen. Doch irgendwann mündet er ins Meer oder in einen anderen Fluss oder er verläuft sich oder versickert…

In meinem speziellen Fall bedauere ich es zwar einerseits sehr, an diesem Wochenende  nicht die Gelegenheit zu haben, so viele Familienmitglieder, Freunde und Bekannte wie das tapfere Schneiderlein auf einen Schlag zu treffen, an allererster Stelle meine eigenen Kinder.

Aber angesichts der besonderen Umstände ist es die momentan einzig mögliche und daher beste Lösung, zumal wir heute dank Internet trotzdem alles live verfolgen können, wenn wir wollen.

Das ersetzt zwar nicht den persönlichen Kontakt, ist aber immerhin eine Option, die besser ist, als gar keinen Kontakt zu haben.

Es ist letzten Endes eine „ökonomische“ Entscheidung, in die aber nicht nur finanzielle, materielle Faktoren einfließen, sondern auch ideelle, substanzielle, ökologische. Sogenannte „weiche Faktoren“. Ein Abwägen von Aufwand und Ertrag. Es sind so viele Dinge, die da zusammenkommen, dass man gar keine mathematische Rechnung aufmachen kann. Es ist am Ende ein Bauchgefühl.

Es ist die Einsicht, dass alles seine Zeit und seinen Ort hat.

Diesmal hat es sich nicht gefügt, aus welchen Gründen auch immer.

Dafür wird es beim nächsten Mal umso besser!

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