Ein YouTube-Video und die Debatte um den Datenschutz

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Habe etwas länger nicht geschrieben, weil ich sehr beschäftigt war, beruflich wie privat (was sich bei mir ohnehin nicht so scharf voneinander trennen lässt). Abgesehen davon, dass ich diese Woche geschäftlich auf Reisen war, feierte meine Tochter vergangene Woche ihren 5. Geburtstag, was in einem teils geplanten, teils ungeplanten Partymarathon endete. Ich hielt alles mit der Kamera fest, um daraus später kurze Dokumentarfilme zu schneiden und eventuell publik zu machen.

Ein Video drehte ich vergangenen Sonntag in einem Kindermuseum in Berlin, wohin wir sieben Kinder aus dem Kindergarten unserer beiden Kinder eingeladen hatten. Bevor ich es auf YouTube veröffentlichen und damit jedem der Elternteile, Kinder, Verwandten, Freunden und Freundesfreunden zugänglich machen wollte, wollte ich mir erst einmal das Einverständis der Erziehungsberechtigten einholen und schrieb eine Rundmail an alle, in der ich im Falle der Zustimmung auch um eine Versicherung darüber bat, dass später keine Forderungen jeglicher Art an mich gestellt werden würden.

Außerdem zog ich in Erwägung, eine gekürzte Version des Videos dem Kindermuseum anzubieten, um es auf seine Homepage zu stellen, wo es bislang kein entsprechendes Video gibt. Auch dafür sollten die Eltern ihr Einverständnis geben (das gut 10 Minuten lange fertige Video befand sich währenddessen im stundenlangen Hochlademodus bei YouTube).

Nachdem mir YouTube die URL des Videos mitgeteilt hatte, unter der das Video später zu finden sein würde, schickte ich noch einmal eine Mail an alle Eltern und teilte schon einmal den Link zu dem Video mit. Solange es kein Einverständis der Eltern gab, würde das Video dann nur für diejenigen sichtbar sein, die den konkreten Link kennen (Datenschutzeinstellung: „Nicht gelistet“).

Bevor das Video dann überhaupt verfügbar war, hatte ich von den Eltern zweier Kinder schon eine Antwortmail erhalten, in der sie sich nicht einverstanden zeigten. Ein Elternpaar schrieb:

Für …. erteilen wir kein Einverständnis das Bildmaterial zu veröffentlichen bzw. weiterzugeben.

Nicht veröffentlichen ist okay. Aber nicht weitergeben? Das hiesse ja, dass nicht einmal die Eltern der anderen Kinder das Material sehen dürften, dass ich es auch nicht meinen eigenen Freunden und Familienmitgliedern zeigen dürfte, geschweige denn über Facebook mit ihnen teilen!?

Es ist schwer für diejenigen, die mit den sozialen Netzwerken vertraut sind und sie u.U. sogar professionell nutzen, eine solche Geisteshaltung noch zu verstehen.

Was ist dabei, ein harmloses Video über einen wunderbaren Kindergeburtstag in einem Museum allen Menschen verfügbar zu machen? Vor allem, wenn so wunderschöne und lebendige Kinder dabei sind wie die meinen und deren beste, ebenfalls deutsch-brasilianische Freundin? Die anderen Kinder sind – aus filmischer, natürlich nicht privater Sicht gesehen – nur Statisten. Um sie geht es in dem Video nicht. Sie werden nicht beim Namen genannt.

Es geht in dem Video um den Geburtstag meiner Tochter und darum, was das Museum für die Kinder bietet. Angesichts der unüberschaubaren Fülle an Videos auf YouTube ist es außerdem sehr unwahrscheinlich, dass allzu viele Leute außerhalb des Verwandten- und Freundeskreises jemals auf dieses Video stoßen würden. (Anders wäre es natürlich, wenn das Museum eine „offizielle“ Version auf seine Seite stellen würde, das würde dann deutlich mehr Klicks erzeugen.)

Kaum hatte ich die Mails der beiden Eltern gelesen, dass sie ihr Einverständnis nicht erteilen, da war das Video hochgeladen und der Link aktiv.

Also schrieb ich eine Antwort an alle, dass das Video nun verfügbar sei, allerdings nur für diejenigen, die den Link dazu hätten, also nur die angeschriebenen Eltern.

Ich bat darum, sich das Video doch vielleicht erst einmal anzusehen, bevor mein eine Absage erteilt.

Heute Vormittag fand ich in meinem Postfach dann eine Mail von einer anderen Mutter, die für ihr Kind ebenfalls kein Einverständnis gab.

Ich habe daraufhin das Video in der Datenschutzeinstellung als „Privat“ deklariert. Nun kann es niemand mehr sehen, außer ich erteile der jeweiligen Person meine ausdrückliche Erlaubnis. Aber selbst das hat der oben erwähnte Vater in seiner Mail ja eigentlich auch nicht erlaubt. Hm.

Wieso ich das alles erzähle?

Weil es ein gutes Beispiel dafür ist, was einem begegnet, wenn man in den sozialen Netzwerken aktiv und mit ihnen vertraut ist. Und weil es ein gutes Beispiel ist für die Unwissenheit, Angst und Ignoranz, die in Bezug auf Soziale Netzwerke vor allem in Deutschland – und vor allem in gebildeten Kreisen – immer noch herrschen.

Viele Menschen in Deutschland empfinden die sozialen Netzwerke immer noch und vor allem als Bedrohung, insbesondere was den Datenschutz angeht.

Sie sehen nicht das Positive, die Erleichterung, den Fortschritt, der damit einher geht.

Ich mit meiner deutsch-brasilianischen Familie, wo Freunde wie Familie weit verstreut sind, genieße die Errungenschaften des Internet mit seinen Vernetzungsmöglichkeiten.

Ende des 20. Jahrhunderts musste man einen längeren Videofilm auf DVDs brennen, um sie an ausgewählte Freunde und verwandte per Post zu verschicken.

Heute sind wir im 21. Jahrhundert. Da kann man Fotos, Videos oder was auch immer über YouTube und Facebook etc. mit seinen Netzwerken teilen. Und wenn man verantwortlich damit umgeht, kann man trotzdem seine Privatsphäre gut schützen, soweit man es eben zulässt.

Wo ist also das Problem?

Das Hauptproblem ist, dass viele Menschen – auch in wichtigen Positionen – sich nicht mit dieser modernen Art der Kommunikation auskennen, unsicher sind, sie nicht zu nutzen wissen oder es auch nicht wollen. Es überfordert sie oder sie entscheiden aus „grundsätzlichen“ Erwägungen, an dieser Entwicklung nicht teilnehmen zu wollen.

Ich bin grundsätzlich der Überzeugung, dass ein Mensch mit seiner Zeit gehen sollte, wenn er nicht untergehen will. Das bedeutet ja nicht, dass man sich zum Sklaven solcher Entwicklungen machen muss. Anpassen, nicht Opportunismus. Man muss die gebotenen Möglichkeiten geschickt für sich zu nutzen wissen, dann sind sie eine unglaubliche Erleichterung und Bereicherung, dienen der Verbesserung der Lebensqualität. (Und – ganz nebenbei – können auch den Geschäftserfolg befördern.)

Es steht aber natürlich jedem frei, im 20. Jahrhundert stehen zu bleiben und sich mit diesem „neumodischen“ Kram nicht auseinanderzusetzen. Aber dann wird einem auch vieles im Leben entgehen, was ausgesprochen schön sein kann.

Ich persönlich finde YouTube genial (das sage ich, ohne Geld dafür zu bekommen). Bei allem Schwachsinn, den es dort gibt, kann man auch unglaublich tolle Dinge dort finden. YouTube ist für mich, der 20 Jahre lang professionell beim Fernsehen gearbeitet hat, das Fernsehen der Zukunft: Global, international, emotional, informativ, unterhaltsam.

Wer mag sich noch diese ganzen gefilterten und manipulierten Wirklichkeiten anschauen, welche die etablierten Medien inszenieren mit ihrer angeblichen Deutungshoheit? (Ich will nicht alles schlecht machen, es gibt nach wie vor auch sehr gute Sachen. Aber der Trend geht zur Irrelevanz und Bedeutungslosigkeit.)

Auch Twitter gefällt mir außerordentlich, denn dort kann ich mir mein ur-eigenstes Nachrichtenfeed einrichten, indem ich den von mir ausgewählten, von mir als glaubwürdig erachteten Primär- und Sekundär-Quellen folge, die meine Interessen teilen. Genial. Wozu brauche ich dann als Journalist noch eine Nachrichtenagentur? Nur noch, wenn es um offizielle Termine, Infos, ums Weltgeschehen geht. Aber selbst da kommt man über Twitter, Facebook und Apps auch schon sehr weit.

Deutschland ist in dieser Hinsicht ziemlich rückständig. Was die Nutzung und Anerkennung der Sozialen Netzwerke angeht, ist Brasilien Deutschland schon weit voraus. Die Brasilianer sind in den sozialen Netzwerken extrem aktiv, privat wie beruflich. Es passt zu ihrem Naturell, das ohnehin seeeehr kommunikativ ist.

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Ein Gedanke zu „Ein YouTube-Video und die Debatte um den Datenschutz“

  1. Über „Das Ende der TV-Ära“ schreibt auch Max Thomas Mehr im Online-Magazin Cicero.de – eine gute Analyse der gegenwärtigen Situation und Diskussion. Da ich nicht mehr auf deutsche Verlagserzeugnisse verlinke, müssen sich Interessierte den Artikel im Online-Magazin selbst suchen, was aber ja auch nicht allzu schwer ist, da ich den Titel des Artikels genannt habe.

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