Die Qual der Wahl

Vor einem Monat erschienen das Leben noch so normal, so beiläufig. Alltagsroutine. Doch das Coronavirus hat alles über den Haufen geworfen und die ganze Welt auf den Kopf gestellt. In einer radikalen Weise, die bis vor Kurzem niemand für möglich gehalten hätte. Nun stehen plötzlich unzählige Existenzen, Branchen, ganze Gesellschaften auf dem Spiel! Die Pandemie hat einen beispiellosen globalen Lockdown ausgelöst. Und stellt die Welt und unsere moralischen Grundüberzeugungen vor ein Dilemma: Lässt man lieber Menschen am Coronavirus sterben? Oder an den Folgen des Shutdowns?

Ich habe diese Frage schon vor knapp zwei Wochen in meinem vorangegangenen Blogbeitrag Die Coronapokalypse aufgeworfen und dafür in meinem privaten Umfeld einige verbale Prügel eingesteckt.

Inzwischen wird sie selbst in den Mainstream-Medien debattiert.

Es hilft ja auch nichts, die Fragen, die einem das Leben vor die Füße wirft, aus welchen Gründen und Motiven auch immer zu ignorieren und nicht beim Namen zu nennen. Denn es ist genau die Frage, die sich stellt.

Man mag es zynisch finden oder unmoralisch. Es ändert aber nichts an den Tatsachen.

Es ist ein klassisches Dilemma.

Niemand, der über einen Funken an Mitgefühl und Empathie verfügt, wünscht anderen den Tod, schon gar nicht durch das Virus.

Es ist daher auch richtig, alles menschenmögliche zu tun, um die Ausbreitung möglichst zu unterbinden, zu verlangsamen und Risikogruppen zu schützen.

Aus Sicht eines Epidemiologen ist es daher auch völlig konsequent, das öffentliche Leben und soziale Kontakte so radikal wie möglich herunterzufahren, um eine exponentielle Ausbreitung zu verlangsamen oder gar zu stoppen.

Aber die Sicht des Epidemiologen ist nur eine von vielen. Der Soziologe, Psychologe, Pädagoge, Politologe, Biologe oder Ökonom hat eine andere Perspektive.

Ich habe dieser Tage auf Twitter viele Kommentare gelesen, die „Schutz von Menschenleben“ und „Wirtschaft“ als zwei gegensätzliche Dinge betrachten, die vermeintlich nichts miteinander gemein haben.

Das ist ein riesiger Irrtum und zeigt, wie ahnungslos und ignorant viele Menschen sind, wenn es um wirtschaftliche Zusammenhänge geht.

„Wirtschaft“ scheint für sie etwas Abstraktes, Lebensfernes zu sein. Etwas, was sich außerhalb ihres Lebenshorizontes befindet. Sie denken da an große Konzerne, Milliardäre, Banken, Lobbyisten, Profite, den globalen rücksichtslosen Manchester-Kapitalismus.

Das gibt es natürlich alles, keine Frage. Und ich persönlich bin seit Jahr und Tag ein Gegner dieser neo-liberalen, geradezu faschistischen, weil menschenverachtenden Wirtschaftsideologie.

Aber das ist nur die eine Seite der Medaille.

Denn Wirtschaft ist in seinem eigentlichen Kern etwas sehr Praktisches, Alltägliches, Existenzielles.

Jedes Lebewesen, jeder Mensch hat existenzielle Grundbedürfnisse.

Und dazu zählen an allererster Stelle etwas zu Trinken und zu Essen. Kleidung und ein Dach über dem Kopf sind ebenfalls wünschenswert, wobei das schon von kulturellen wie klimatischen Umständen abhängt.

Hier in Brasilien, wo ich seit gut zwei Jahren lebe, kommt man mit ziemlich wenig Kleidung aus. Es ist meistens warm genug, dass dem Mann – zumindest in der Freizeit – eine kurze Hose und Flip Flops genügen, der Frau ein Bikini/Badeanzug, Rock/Tuch und Flip Flops.

Und was das Dach über dem Kopf angeht: Auch in der kleinsten Hütte ist ein Schlafplatz zu finden, und sei es der Boden, eine Bank, ein Tisch oder die Badewanne. Auch ein Zelt kann hervorragende Dienste leisten.

Brasilianer, zumal auf dem Land, sind ziemlich anspruchslos und arrangieren sich mit allem, was sie vorfinden. Erfrieren muss hier niemand, und verhungern eigentlich auch nicht, sofern man auf dem Land lebt. Denn das ganze Jahr über wachsen Früchte an den Bäumen und Gemüse in den Gärten, die Hühner legen Eier, die Kühe geben Milch, im Meer und den Flüssen kann man angeln, in Wald und Flur jagen. Und manchmal schlachtet man eben ein Huhn, ein Schwein, eine Kuh.

Ich kenne persönlich sehr viele Menschen, die genauso über die Runden kommen. Weil sie sich selbst zu versorgen und zu helfen wissen.

In der sogenannten „zivilisierten“ Welt ist das natürlich ganz anders. Und in einem Land wie Deutschland erzwingen schon allein die klimatischen Bedingungen andere Anstrengungen.

Der Unterscheid zwischen Stadt und Land ist überhaupt eklatant.

Das Leben in der Stadt steht in einem völlig anderen Kontext als das Leben auf dem Land. Und ein so dicht besiedeltes Land wie Deutschland inmitten von Europa nötigt seinen Bewohnern ein ganz anderes Lebenskonzept ab, als es z.B. in Brasilien der Fall ist.

Während sich das Stadtleben vor allem dadurch auszeichnet, dass sich der Einzelne in einem Geflecht von Abhängigkeiten und Arbeitsteilungen befindet, zeichnet sich das Landleben durch mehr persönliche Autonomie aus.

Bricht man es auf seinen Kern herunter, ist der Stadtmensch jemand, der den lieben langen Tag darauf angewiesen ist, dass das ihn umgebende System diversifiziert ist und funktioniert.

Während der Landmensch im Idealfall ein Selbstversorger ist, der so wenig wie möglich von anderen anhängig ist.

Das Stadtleben bietet im besten Falle eine unermessliche Fülle an Möglichkeiten, solange man die Mittel hat, sie zu nutzen und zu erwerben.

Das Landleben begnügt sich mit dem, was die Erde hergibt und der Alltag erfordert.

Während der Stadtmensch auf Konsum, Komfort, Vergnügen und möglichst hohes Einkommen fokussiert ist, begnügt sich der Landmensch mit dem, was die Natur ihm bietet.

Hier, wo ich lebe, bin ich von Wasserfällen umgeben. Wasser gibt es hier in Hülle und Fülle und kommt direkt vom Wasserfall kostenlos aus meinem Wasserhahn. Die ersten Siedler haben die entsprechenden Leitungen gelegt und Nachbarn pflegen sie bis heute, sollte mal ein Problem auftauchen.

Der Strom kommt hier zwar von einem Monopolisten, aber wenn ich wollte, könnte ich ihn mittels Windrad, Erdwärme, Solarzelle oder sonstwas selbst erzeugen.

Mein Grundstück wäre groß genug, um Hühner, Enten und/oder andere Nutztiere zu halten und darüber hinaus Gemüse anzupflanzen. Obstbäume habe ich bereits genug, und die Bananen und Limetten, die hier wachsen, übersteigen meinen persönlichen Verbrauch. Sie kommen bereits als Tauschobjekt infrage.

Währen der Stadtmensch auf ein „Einkommen“ angewiesen ist, um Miete, Strom, Wasser, Nahrung, Kleidung und weitere Annehmlichkeiten und Notwendigkeiten zu bezahlen, kann der Landmensch selbst Krisenzeiten ziemlich unbekümmert überstehen. Das Leben auf dem Land mag vielleicht weniger aufregend sein, aber es bietet mehr Stabilität und Gelassenheit , wenn die entsprechenden Umstände gegeben sind.

Es macht also bereits einen himmelweiten Unterschied, für welches Modell man sich entscheidet: auf dem Land oder in der Stadt zu leben.

Aber auch so stellt einen das Leben ständig vor die Wahl.

Was will ich mal werden? Wovon will/kann ich leben? Wie möchte ich leben?  Möchte ich Single bleiben? Möchte ich heiraten? Möchte ich Kinder haben? Möchte ich reich sein? Oder gebe ich mich mit weniger zufrieden? Möchte ich alt werden? Oder möchte ich es lieber kurz, aber dafür intensiv? Möchte ich etwas riskieren, oder bin ich eher vorsichtig und ängstlich?

Zwar wird nicht jeder mit denselben Ausgangsbedingungen geboren, aber dennoch bietet das Leben einem jeden eine Fülle an Optionen, Gelegenheiten und Möglichkeiten, mal bessere, mal schlechtere, abhängig auch von den eigenen Voraussetzungen und Talenten.

Die Einen wachsen mit dem goldenen Löffel auf, die anderen beginnen als Habenichtse. Dennoch ist nicht gesagt, dass derjenige, der alles in den Arsch geschoben bekommen hat, am Ende auch am besten abschneidet. Es gibt ja unzählige Beispiele von Leuten, die es vom sprichwörtlichen „Tellerwäscher zum Millionär“ geschafft haben, wenn man dies überhaupt als erstrebenswertes Ziel definieren will.

Jeder ist seines Glückes Schmied. Und selbst den benachteiligtsten Menschen bieten sich im Laufe der Zeit immer irgendwelche Möglichkeiten.

Man muss sie halt erkennen und ergreifen.

In der westlichen Wohlstandswelt, wie wir sie in Deutschland kennen, sind viele Menschen längst zu satt und bequem geworden und haben die Verantwortung für ihr Leben längst an „den Staat“, „das System“ delegiert.

Ich bin krank? Die Krankenkasse und das Gesundheitssystem sollen sich darum kümmern.

Ich bin arbeitslos und ohne eigenes Einkommen? Das soziale Netz soll mich gefälligst auffangen.

Ich bin alt? Die Rente soll mich gefälligst am Leben erhalten.

Ich habe einen Konflikt mit meinem Nachbarn, meinem/r Partner/in? Polizei und Justiz sollen das gefälligst regeln.

Mein Kind macht Probleme? Die Schule oder ein Psychologe soll das gefälligst lösen.

Undundund.

Das Anspruchsdenken in Ländern wie Deutschland ist extrem ausgeprägt. Nicht zuletzt, weil die Politik über Jahrzehnte diese Erwartungen geschürt hat, um Wählerstimmen zu gewinnen. Was auch solange funktioniert, wie es Geld zu verteilen gibt.

Aber diese Zeiten sind vorbei.

Es gibt nichts zu verteilen, wo nichts erwirtschaftet wird.

Wenn man angesichts einer Virus-Pandemie einfach mal die komplette Weltwirtschaft an die Wand fährt, dann gibt es nichts zu verteilen, außer das angesammelte Tafelsilber.

Mir scheint, viele Menschen haben eine völlig realitätsferne Vorstellung davon, was Wirtschaft/Ökonomie ist. Sie denken, das Geld fällt einfach so vom Himmel und steht grenzenlos zur Verfügung.

„Bedingungsloses Grundeinkommen für alle!“ ist so eine dieser irrationalen Erwartungen.

Für einen begrenzten Zeitraum in einer Krise wie dieser mag das ja akzeptabel sein, um akute Not aufzufangen.

Aber dieses Geld, das da großzügig unter die Leute geworfen wird, muss ja auch irgendwo herkommen.

Klar können Notenbanken einfach die Druckerpresse anwerfen und Geld bis zum Abwinken drucken.

Aber je mehr sie drucken, ohne dass es irgendwo erwirtschaftet wurde, desto wertloser wird es. Die Folge ist eine galoppierende Inflation (Geldentwertung), weil es eben nicht erarbeitet wurde. Es ist einfach bedrucktes Papier, das unter die Leute geworfen wird. Je mehr, desto wertloser.

Wenn jeder Depp einfach zur Bank gehen kann, um 1000 oder 10.000 Euro abzuheben, ohne irgendetwas dafür getan zu haben, dann ist dieses Geld WERTLOS!!

Geld hat als Tauschmittel nur solange einen Wert, wie ihm eine reale Gegenleistung entspricht.

Wenn jede/r ohne eigenes Zutun 1000 Euro in der Tasche hat, um im Supermarkt einkaufen zu gehen, wird der Händler zwangsläufig die Preise anheben und sagen: Ok, wenn das so ist, verkaufe ich das Kilo Bananen jetzt eben für 1000 Euro! Denn 1000 Euro sind ja nichts, hat ja jeder in der Tasche!

Eine kurzfristige, staatlich finanzierte Soforthilfe ist ja durchaus legitim und für viele Menschen in Not geradezu notwendig.

Aber das kann und darf keine Dauerveranstaltung werden!

Die Prognosen über die Dauer des Lockdowns sind jedoch bislang ziemlich nebulös.

In Deutschland ist bislang vom 20. April die Rede. Das sind immerhin noch drei Wochen, in denen die Kinder nicht in die Kita oder die Schule, Eltern nicht zur Arbeit gehen, das öffentliche Leben, Fabriken, Geschäfte, Restaurants, Kultur- und Sportveranstaltungen stillstehen. Und keiner mag sich festlegen, ob es nicht gar eine weitere Verlängerung geben wird, abhängig vom weiteren Verlauf der Infektionskurve.

Wenn Millionen Menschen auf Kurzarbeitergeld, Soforthilfen und sonstige staatlichen Zuwendungen (Rente/Pension, Arbeitslosengeld, Krankengeld, Hartz-IV, Soforthilfe) angewiesen sind, um über die Runden zu kommen: woher, bitteschön, soll dieses Geld kommen, wenn alles stillsteht?

Hat der Staat entsprechende Rücklagen, ok. Hat er sie nicht, muss er Geld drucken oder sich leihen. Und diese Schulden schränken seinen künftigen Handlungsspielraum ein und werden das Leben der jetzigen und künftigen Generationen dauerhaft belasten, wenn sie aus dem Ruder laufen, was in etlichen Ländern schon vor Corona der Fall war.

Ich persönlich würde mein Schicksal nie in die Hände anderer, auch und schon gar nicht die des Staates legen!

Verantwortung lässt sich nicht delegieren!

Jeder und jede ist primär und zu allererst für sein/ihr eigenes Leben selbst verantwortlich!!

Und da Krisen in jedem Leben an der Tagesordnung sind – ob Krankheit, Arbeitslosigkeit, Scheidung, Todesfall oder sonst welche Schicksalsschläge – muss jeder zuallererst für sich selbst vorsorgen.

„Spare in der Zeit, dann hast du in der Not!“, lautet ein altes, deutsches Sprichwort.

Wer sich auf andere verlässt, ist verlassen. Das sollte sich jeder (!) hinter die Ohren schreiben!

Zur Überlebenskunst gehört, sich eben nicht auf die Versprechungen und Beteuerungen anderer zu verlassen, sondern lieber selbst für sich vorzusorgen und so unabhängig von anderen zu sein, wie nur möglich.

Und angesichts der Krise, in der sich die Welt aufgrund dieses armseligen Coronavirus befindet, kann ich nur jedem raten, ernsthaft darüber nachzudenken, ob es wirklich der Weisheit letzter Schluss ist, deswegen mal eben die gesamte Weltwirtschaft an die Wand zu fahren – mit allen Folgen und Folgesfolgen, die das nach sich zieht…

2 Gedanken zu „Die Qual der Wahl“

  1. Ich habe mit Interesse verfolgt, wie du die Lage siehst.
    Auf den Punkt getroffen!!
    Vor allem so formuliert, das
    man es gut verstehen und nachvollziehen kann.
    Wir haben einen Virus und stehen Kopf.
    Vielleicht können,.. und das wünsche ich mir.. ein bisschen nachvollziehen..
    wie es in Kriegsgebieten (Syrien.. usw.) seit Jahren
    nicht mehr so ist, wie es sein soll.. Normalität!
    ….
    Viele Grüße aus Deutschland
    Dirk Liss.. Bonn

Schreibe einen Kommentar zu DirkLiss Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.