Die Proteste in Brasilien während des Confed Cups

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Wer hätte das gedacht. Brasilien läuft sich beim gegenwärtig stattfindenden Confederations Cup für die WM 2014 warm. Doch statt dass die Brasilianer die Erwartungen erfüllten und sambatanzend ein Fussballfest feierten, gehen plötzlich tausende Menschen auf die Straßen und protestieren gegen alles mögliche. Und plötzlich wird Brasilien zu einem Thema in den deutschen Medien.

Da kann man den Protestlern ja nur dankbar sein. Sie haben den perfekten Moment für sich zu nutzen verstanden. Ansonsten interessieren sich die deutschen Medien ja herzlich wenig für das fünftgrößte Land der Erde, das sich in den letzten Jahren anschickte, ein bedeutender Player in der globalen Welt zu werden. Und wenn sie sich interessierten, dann hauptsächlich für Samba, Karneval, Rio de Janeiro, Kriminalität und Favelas.

Jetzt sind alle irgendwie irritiert, zeigen aber durchaus Sympathie für die Demonstranten (sofern es keine Randalierer sind). Deren Kritik ist ja auch so nachvollziehbar, selbst für Leute, die von Brasilien nur klischeehafte Vorstellungen haben. Die Demonstranten sind gegen steigende Buspreise im Besonderen und Inflation im Allgemeinen (wer wäre das nicht), gegen Korruption (=korrupte Politiker), gegen Kriminalität (die fürchten die Touristen auch), gegen Steuerverschwendung für eine WM, die nur Reiche sich leisten können, und bei der das Geld dann dort fehlt, wo es dringender benötigt würde, nämlich bei der Bildung und Gesundheit (kennen wir in Deutschland und anderswo auch).

Alle Welt sympathisiert also mit den Protestlern. Sogar ein Sport1-Kommentator, der nicht einmal Fortaleza richtig aussprechen kann, aber meint, seinen Sermon zum Thema beim Spiel Brasilien gegen Mexiko dazu geben zu müssen und von einer Schere zwischen Arm und Reich spricht, die in Brasilien immer weiter auseinander klaffe (das Gegenteil war in den letzten Jahren der Fall). Brasilianische Schauspieler, Fussballspieler und sogar die brasilianische Präsidentin Dilma Rousseff erklären ihre Solidarität mit den Demonstranten. Nur FIFA-Chef Blatter nicht, der allen Ernstes glaubt, wenn der Ball erstmal richtig rollt, könne der gemeine fussballbegeisterte Brasilianer nicht anders, als alle Demonstrationen sein lassen.

Sieht nicht so aus, als würde Blatter recht behalten. Dennoch muss sich erst einmal zeigen, wie nachhaltig der Protest ist.  So schnell, wie er dank der in Brasilien exzessiv genutzten Sozialen Medien ausgebrochen ist, so schnell kann er bei diesem impulsiven Volk auch wieder verpuffen. Lass die Brasilianer nur den Confed Cup gewinnen und schon bekommen wir die ausgelassensten Partybilder von den Straßen frei Haus geliefert…

Selbst in Brasilien rätselt die Elite des Landes darüber, wie es plötzlich zu einem solchen Ausbruch der Unzufriedenheit kommen konnte. Hat Brasilien in der ersten Dekade des 21. Jahrhunderts nicht traumhafte Wachstumsraten erlebt? Wurde mit der Bolsa Família nicht die schlimmste Armut bekämpft? Haben nicht Millionen Brasilianer unter Ex-Präsident Lula den Aufstieg in die Mittelschicht geschafft? Wurde die Arbeitslosigkeit nicht so gesenkt, dass man selbst angesichts der gegenwärtigen globalen Wirtschaftskrise von Vollbeschäftigung sprechen kann? Werden nicht weiterhin händeringend Fachkräfte gesucht? Werden nicht Milliarden in die Verbesserung der Infrastruktur investiert, die auch nach der WM dem Land zugute kommen wird? Und hat die Regierung der Arbeiter-Präsidentin Dilma Rousseff nicht Milliarden auf den Weg gebracht, um das Bildungs- und Gesundheitssystem zu verbessern? Und profitieren nicht tausende Bauarbeiter und ihre Familien von den Milliardeninvestitionen in Stadion-, Flughafen- und Straßenbauten anlässlich der WM 2014 und den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro?

Vor diesem Hintergrund erscheint der jetzige Protest geradezu irrational. Wer sind diese Protestler? Woher kommt diese scheinbar plötzliche Unzufriedenheit?

Die Zusammensetzung der Demonstranten ist so heterogen und diffus, dass man sie schwer auf einen Nennen bringen kann. Und ihre politischen Ziele sind es nicht minder. Es ist von der Erhöhung der Busfahrpreise in großen Metropolen wie São Paulo und Rio de Janeiro die Rede, welche das berühmte Fass zum Überlaufen gebracht hätten. Diese unpopuläre Maßnahme öffnete ein Ventil und nun sind die Demos ein Sammelbecken für weitere Dinge, die in Brasilien falsch laufen. Die kommenden sportlichen Mega-Events liefern dafür eine gute Projektionsfläche.

Wer mag schon die FIFA und das Olympische Komitee mit ihren korruptionsanfälligen Strukturen, mit ihrer Arroganz  und Selbstgefälligkeit? In Brasilien ist die FIFA besonders unbeliebt, seit Generalsekretär Valcke von einem Tritt in den Hintern sprach, den Brasilien brauche, um bei den WM-Vorbereitungen voran zu kommen. Er hatte objektiv zwar recht, verletzte die Brasilianer mit diesem undiplomatischen Satz aber zutiefst in ihrem Stolz. Und der entstandene Schaden konnte bei aller nach außen zur Schau getragenen Versöhnung nicht wirklich wieder gut gemacht werden. Und irgendwie ist die FIFA aus Sicht des Volkes ja auch ein Spiegelbild des politischen Systems in Brasilien: Ein Club reicher und privilegierter Funktionäre, die nur ihre eigenen Interessen verfolgen.

Größter Unruhestifter und Kritiker des Systems ist Ex-Weltfussballer Romário, seit 2011 Kongressabgeordneter für die Sozialistische Partei (PSB) und Vorsitzender des Sportausschusses. Er ist in den Sozialen Netzwerken sehr aktiv und genießt eine enorme Popularität in der Bevölkerung als eine Art Volkstribun, der gerne Klartext redet, gegen die Reichen und Mächtigen wettert und für den kleinen Mann auf der Straße kämpft. Er hat früh angefangen, die WM, die Organisation derselben und die hohen Kosten anzuprangern. Da er oftmals mit seiner Kritik unsachlich über’s Ziel hinausschießt und auch vor persönlichen Beleidigungen nicht zurückschreckt, hat er sich mehr Feinde gemacht als nötig. Aber viele teilen im Kern seine Kritik und dank seiner Popularität konnte er viel erreichen. Ihm ist es zu verdanken, dass die FIFA bei den Eintrittspreisen für Brasiliens Bedürftige, Behinderte, Rentner und Studenten bei Confed Cup und WM Konzessionen machte, die es anderswo zuvor nie gab. Er wetterte gegen eine WM, die zwar in Brasilien stattfinde, aber nicht den Brasilianern gehöre. Er prognostizierte, dass Brasilien die schamvollste WM aller Zeiten austragen werde, weil vieles nicht so funktionieren werde wie geplant. Er ließ eigene Untersuchungen anstellen, welche die ausufernden Kosten der WM offen legten.

Romário ist der eigentliche Wortführer der Unzufriedenen und spiritus rector der Demonstranten. So sehr er in vielen Dingen recht hat, so hat er gleichwohl in breiten Teilen der Bevölkerung falsche Erwartungen geschürt. Natürlich gehört die WM nicht den Brasilianern allein, nur weil sie in Brasilien stattfindet. Und dass nicht jeder der will ins Stadion kann, ist schon aus Kapazitätsgründen klar. Und dass nicht jeder sich ein WM-Ticket leisten kann, weil die Tickets sehr begehrt und teuer sind, kann man zwar beklagen, ist aber nunmal kommerzielle und marktwirtschaftliche Realität.

Andere Dinge wie die verbreitete Korruption in Politik und Gesellschaft, das mangelhafte Bildungs- und staatliche Gesundheitssystem, die rückständige und wachstumshemmende Infrastruktur, die alltägliche Gewalt, die von Polizei, Drogenbanden und Einzeltätern ausgeht, die unbefriedigende Rechtssicherheit undundund sind zweifellos große Probleme, die Brasilien schon lange mit sich rumträgt und endlich beseitigt werden müssen.

Präsidentin Dilma weiß um diese Probleme und geht sie ernsthaft an. Allerdings steht sie einer fragilen Koalition vor, was ihre Handlungsfreiheit einschränkt. Das politische System ist aus sich heraus kaum reformfähig, da seine Mitglieder kein Interesse an einer Veränderung haben. So kann ihr der Protest der Straße in die Hände spielen und ihr helfen, systemimmanente Widerstände zu überwinden. Dafür bedarf es einer Zivilgesellschaft, die in Brasilien allerdings noch in den Kinderschuhen steckt. Schließlich ist es nicht so lange her (1985), dass die Militärdiktatur zu Ende gegangen ist. Viele beklagen zwar die gesellschaftlichen Verhältnisse in Brasilien, engagieren sich aber nicht, um sie zu ändern.

Vielleicht erlebt Brasilien in diesen Tagen den Beginn einer außerparlamentarischen Opposition, die sich zu organisieren beginnt, und die Geburt eines politischen Bewusstseins, das für gesellschaftliche Veränderungen sorgt. Schön und notwendig wär’s. Noch bin ich aber nicht davon überzeugt. Dafür haben sich nach meiner Einschätzung zu viele mit dem Status Quo abgefunden oder arrangiert, ist das „Bürgertum“ zu wenig ausgeprägt, die neue Mittelschicht zu konsumorientiert und die breite Bevölkerung zu unpolitisch. Aber ich lasse mich gern eines Besseren belehren.

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