Die Esotherikerin

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Man hört nie auf, einen anderen Menschen kennenzulernen. Und je länger man ihn/sie kennt, desto größer können die Wendungen und Umwälzungen sein. Eben dies habe ich jetzt mit meiner drei Jahre älteren Schwester erlebt. Sie ist 54 Jahre alt, also in einem Alter, wo man bestimmte Gesetzmäßigkeiten des Lebens begriffen haben und eine gewisse Lebensreife erworben haben sollte. Immerhin hat sie es ja auch mit Ach und Krach geschafft, bis heute zu überleben, auch wenn hier und da Hilfe von anderer Seite (v.a. Mutter) nötig war, was aber ebenfalls kein Beinbruch ist, wenn es nicht zur Regel wird. Im schlimmsten Fall fängt einen in Deutschland ja noch das Arbeitsamt oder Jobcenter auf, wenngleich das dann wirklich der letzte Strohhalm vorm Absturz ist.

Meine Schwester hat dies so weit es ging vermieden, hat sich immer mit viel Leidenschaft in ihre Tätigkeiten gestürzt, aber das Pech, in Branchen zu arbeiten (saisonale Marktständlerin, Köchin, Masseurin uvm.), wo man für viel Arbeit wenig verdient. Sie schrammt also irgendwie ständig am Existenzminimum entlang und ist damit schließlich nicht allein.

Verantwortung für Nachwuchs musste sie nie übernehmen, was in ihrem Fall Segen wie Fluch zugleich ist. Hätte sie Kinder gehabt, hätte sie das eventuell bodenständiger, realistischer gemacht. Oder sie wäre völlig zerrieben worden von der Last. Auf Kosten der Kinder. Wer weiß. Hätte, hätte, Fahrradkette.

Trotz alledem ist sie ein positiver Mensch geblieben, der anderen nur Gutes tun will.

Osho – Der indische Meister

Früh (in den 80er Jahren) hat sie sich für asiatische Kultur und Weltanschauung interessiert, identifizierte Baghwan (Osho) als ihren Herrn und Meister und pilgerte zu ihm nach Poona. Sie ging völlig darin auf und verfolgte von da an einen alternativen, ökologischen Lebensstil. Alles sehr lobenswert und von den lautersten Motiven getragen.

Ähnlich wie meine Mutter ist sie jedoch ein sehr intuitiv handelnder Mensch, der die komplizierten Verstandesdinge gerne ausblendet bzw. einfach nicht erfasst. Aber sie sind ja trotzdem da, ob es einem passt oder nicht.

In so einem Fall besteht dann das Risiko, dass sich eine Person zu sehr in eine Ersatzwelt flüchtet (Drogen, Alkohol, Süchte generell, Spinnereien, Verschwörungstheorien, Esotherik…etc.).

Ich höre schon den Aufschrei bei Erwähnung dieses letzten Wortes. Und es gibt sicher Vieles, was für den einen oder anderen absolut hilfreich ist, um einfach mal runterzukommen. Jeder soll nach seiner Façon selig werden.  Ich habe – auch um meiner Schwester einen Gefallen zu tun – vieles in ihrem esotherischen Umfeld ausprobiert, auch wenn ich mir ein innerliches Schmunzeln oft nicht verkneifen konnte, weil mich diese Dinge einfach nicht erreichen. Mir reicht es, gute Musik aufzulegen, und ich entschwebe. Oder ich bewege mich in der Natur. Auch großartig, um abzuschalten und zu mich auf den Boden der Tatsachen zurückzubringen.

Die Lebenskunst

Generell befürworte ich auch die These, dass es neben dem Materiellen/Greifbaren absolut sicher eine weitere Welt gibt, die wir nur mit unserem Sechsten und Siebten Sinn erfahren können. Diese Welt gibt es. Ich sehe, erlebe und erfahre sie inzwischen täglich. Ich brauche diesen ganzen Klimbim nicht, um mich mit dem Dasein eins zu fühlen. Ich bin es hier. Und ich erfahre, dass sich alles zum Guten fügt, wenn ich die Dinge laufen lasse. Natürlich heisst das nicht, dass ich den ganzen Tag in Kontemplation und Nichtstun verharre. Was erledigt werden muss, wird erledigt. Und einfach stehenbleiben können wir auch nicht. Von nichts kommt schließlich nichts. Aber handele immer im Einklang mit Dir und mit der Natur.

Als ich aushilfsweise als Lehrer an zwei Berliner Grundschule tätig war, ist mir dieses Prinzip noch einmal absolut klar vor Augen getreten: dein wahrer Charakter erweist sich darin, wie du all den vorhersehbaren und unvorhersehbaren Ereignissen in deinem Leben begegnest und wie du im wahrsten Sinne des Wortes dein eigenes Leben „meisterst“.

Merke also: Sei der Meister deines eigenen Lebens! Sei ein Lebenskünstler!

Und höre da allein auf deine innere Stimme, nicht auf das Geschwätz der anderen. Hör auf deinen Bauch, wenn du Entscheidungen treffen musst. Und nutze deinen Verstand. Und eigne dir so viel Wissen an, wie irgend möglich. Denn je mehr du verstehst, desto besser wirst du das Leben meistern. Es ist gar nicht so schwer, wie es scheint. Gehe keiner Herausforderung aus dem Weg, löse die Probleme so vernünftig und gewissenhaft wie möglich. Mach immer das Beste aus Dir und jeder Situation. Dann wirst du sehen, dass du auf dem richtigen Weg bist. Denn wenn du auf dem richtigen Weg bist, öffnen sich weitere und plötzlich hast Du ein ganzes Sammelsurium voller Möglichkeiten vor Augen.

Nicht immer muss da alles mit rechten Dingen zugehen. Wir alle machen Fehler, wir alle werfen auch mal unsere Prinzipien über Bord, wenn die Existenz auf dem Spiel steht oder die Lebensart, die wir gerne pflegen. Aber es geht auch nur um die Existenz, es geht nicht um Luxus oder sonstige überzogene Ansprüche ans Leben, nach dem Motto: Mit 40 will ich Millionär sein!

Es braucht wirklich erstaunlich wenig, um glücklich zu sein. Und wer sein Haus und seinen Garten hat, mit dem er sich oder gar noch andere versorgen kann, der kann sich schon sehr glücklich schätzen! Mit guten Freunden und Angehörigen wird ein Paradies draus!

Der Weg ist das Ziel

Der Weg dorthin ist für jeden Menschen anders. Jeder geht seinen Weg. Aber am Ende zählt, was hinten rauskommt, wie Helmut Kohl zu sagen pflegte. Der Ertrag kann dabei etwas weit Wertvolleres sein als der rein materielle Besitz. Der höchste Ertrag des individuellen Lebens ist es, sein Bestes aus den gegebenen Möglichkeiten gemacht zu haben und am Ende ausgeglichen und zufrieden auf sein Leben zurückblicken zu können. Das zufriedene Gefühl, das dir keiner nehmen kann: ja, ich habe das Beste aus mir herausgeholt. Ich bin die beste Version von mir geworden.

Im immateriellen Sinne hat meine Schwester für sich sicher einen langen Entwicklungsweg genommen. Sie kann auf einen großen Erfahrungsschatz zurückblicken. Wer also auf solche Sachen steht und zum Beispiel gerne mal eine sehr gute Shiatsu-Massage und solche Dinge erleben will, ist bei ihr richtig. Sie macht auch in Familienaufstellung. Sie hat die Gabe, sich in andere hineinzuversetzen und deren intimen Ausbrüchen mit Verantwortungsbewusstsein und Diskretion zu begegnen. Man darf sich also vertrauensvoll in ihre Hände begeben. Das ist zweifelsfrei ein großes Talent von ihr.

Aber ihr Mangel an Rationalität und Realitätssinn haben mich schon immer an den Rand der Verzweiflung gebracht. Ihr fehlt außerdem die nötige Dickhäutigkeit und Durchsetzungskraft, um ihren Aufwand in ein gesundes Verhältnis zum Ertrag zu bringen. Ihr ökonomischer Grundfehler war immer, zu viel Zeit und Mühe in Dinge zu investieren, die zu wenig Ertrag bringen. Aber das hat die Esotherik so an sich: Da sie bewusst die Vernunft ausblendet, um in andere Bereiche vorzudringen, landet man schnell im Hokuspokus und geistigen Nirvana. Wir dürfen unsere Rationalität nicht über Bord werfen, wir dürfen sie aber gerne auch mal abschalten, um abzuschalten. Seit Menschengedenken haben unsere Urahnen sich gerne bei jeder passender Gelegenheit die Birne zugehauen. Die Natur hat da wundersame Dinge zu bieten, damals wohl noch mehr als heute.

Also ein Hoch auf den Rausch, der uns aus uns selbst herauskatapultiert und mutiert und im besten Fall in neue Höhen schweben lässt oder einfach nur abtauchen. Alles in Maßen und mit Verantwortungsgefühl, natürlich. Niemand anderes darf dadurch in Mitleidenschaft gezogen werden.

Ich bin daher auch ein vehementer Befürworter von „Legalize It“! Mir sind zehn Kiffer lieber als ein Alkoholiker und/oder Karrierist. Es ist ein lukratives Geschäft, man könnte für biologisch einwandfreie Produkte sorgen und es würde zur allgemeinen Entspannung beitragen. Auch die Wahrnehmung der kleinen Wunder des Lebens verbessert sich, man wird dankbarer und gesegneter. Alles natürlich wie immer in Maßen. Alles, was über die Stränge schlägt, ist falsch. Harmonie und Ausgeglichenheit sind das Ziel. Equilibrium.

Die Ökonomie des Daseins

Daher erachte ich ökonomische Grundkenntnisse auch für absolut existenziell. Die müssen schon in der Schule gelehrt werden, und zwar am besten von Leuten, die aus der Praxis kommen. Und zwar wirklich ganz basistechnisch.

Ökonomie ist einer der beiden Grundpfeiler unseres Daseins. Und das meine ich nicht nur im engen wirtschaftswissenschaftlichen Sinne. Jedes Tier handelt ökonomisch. Ein Raubtier zum Beispiel wird nie mehr Energie in die Jagd investieren, als zum Überleben und Sattwerden notwendig. Den Rest des Tages liegt es faul in der Sonne und sammelt neue Kraft für den nächsten Feuerwehreinsatz. Ameisenvölker sind hochgradig organisiert, um ihr Tagwerk gemeinschaftlich zu leisten. Pflanzen wachsen nur da, wo sie den für sie passenden Nährboden gefunden haben. Dieses ökonomische Prinzip ist Naturgesetz und nicht auszuschalten.

Das war nach meinem Verständnis und aufgrund Hörensagen das Vermächtnis von Stephen Hawking, bevor er sich in die ewigen Jagdgründe verabschiedete: Die Naturgesetze, die uns bekannt sind, gelten universell. Das ganze Universum basiert darauf. Und das ist ein wichtiger Meilenstein. Es gibt keine materielle Welt da draußen im schier unendlichen Universum, die anders funktionieret als unsere. Unser Planet ist also weit und breit ein Unikum, weil sich nur hier nach unserem bisherigen Wissen einmalig die Bedingungen so gefügt haben, dass wir so viel Leben auf diesem Planeten haben. Unser Planet strotzt vor Schönheit und Leben.

Leider sind wir Menschen drauf und dran, als größter Entdecker wie Zerstörer des Planeten, alles kaputt zu machen mit unserem globalen Überfluss.

Dieses globale Wirtschaften muss ein Ende haben. Es ist absurd und zerstört uns unsere Lebensgrundlage. Wir brauchen das nicht. Wir können von sofort an alle in guten materiellen Verhältnissen leben, wenn wir gerecht verteilen und dem Überfluss abschwören.

Überhaupt wäre es an der Zeit, so etwas wie eine globale Schweigeminute einzuberufen, in der wir alle mal alle Räder anhalten und in uns gehen. Brauche ich das alles? Könnten wir es nicht einmal ganz anders machen und einfach das Ruder umwerfen?

Wir haben doch alles. Technologisch sind wir im Paradies angelangt. Es ist unfassbar, wie das Internet und die Mobilität die Welt zu einem Zwerg geschrumpft haben. Nun sollten wir daran gehen, das, was wir in der Hand haben, sinnvoll, ökonomisch angemessen, anzuwenden, Technologie und Natur verschmelzen und möglichst vollständig lokal produzieren und konsumieren.

Und was das Miteinander angeht, ist es auch nicht so kompliziert, wie manche meinen. Es braucht keinen Koran und keine Bibel und keinen Buddha und nichts und niemanden außer dem Grundsatz: Respektiert einander. Es muss nicht Liebe sein. Das wäre zu viel verlangt, wenngleich sie stets willkommen ist und uns beflügelt. Respektiert einfach nur einander, alles und jeden, die Mitmenschen, die Natur und ihre Gesetze. Fertig. Mehr ist es nicht.

Wieso dieser lange Exkurs? Weil ich damit erklären will, wie sehr sich für mich hier in Brasilien die wesentlichen Dinge des Lebens gelichtet haben, wie sich mein Blick auf die Welt aufgeklärt hat. Mit meinen Nachbarn rede ich täglich über solche Dinge und wir sind uns in unseren generellen Einschätzungen alle einig. Es muss sich was ändern. Die Zeit ist reif dafür. SO kann es nicht weitergehen.

Einsicht und Wirklichkeit

Auf diesem gewissermaßen Höhepunkt der Erkenntnis und Einsicht, im spirituellen Überflug schlagen plötzlich – wenn auch geplant – meine Mutter und meine Schwester aus Deutschland auf. Für meine 79-jährige Mutter ist es das zweite Mal nach gut zehn Jahren, für meine Schwester das erste.

Ich war extrem neugierig, wie meine Schwester auf Brasilien reagieren würde. Würde es sie genauso von der ersten Minute an packen wie mich damals? Oder würde sie – wie meine Mutter damals – völlig auf dem falschen Fuß erwischt werden?

Ich hielt beides für möglich, letzteres allerdings für wahrscheinlicher.  Drei Wochen zusammen in meiner Wohnung, mit all dem verborgenen Konfliktpotenzial zwischen uns: das musste krachen.

Und es krachte. Und wie. Sogar die Natur assistierte in jener ersten Nacht, die meine Mutter und Schwester schließlich in einer Pousada (Familien-Pension) verbrachten, weil es mit mir und meiner Schwester so nicht mehr ging. Es gab eine beeindruckende Blitzeshow am Nachthimmel über dem Meer und krachende Donnerschläge.

Noch nie in meinem Leben bin ich mit meiner Schwester so aneinandergeraten wie in den ersten zwei Wochen ihres Aufenthaltes. Und es entzündete sich an Nicklichkeiten, die sich aber als Beispiel für einen grundsätzlichen Verstoß gegen den Verhaltenskodex eigneten.

Der Verhaltenskodex, der aus meiner Sicht für meine Schwester angemessen und vorgeschrieben war, war Dankbarkeit. Mangels Moneten hatte meine Mutter nicht nur die Flüge für beide bezahlt und ihre laufenden Kosten in Deutschland übernommen, sondern noch 1000 Euro an mich überwiesen, um damit alle unsere Kosten zu begleichen, Ausflüge, Essen, Ausgehen. 1000 Euro für zwei Erwachsene für drei Wochen ist aus meiner Sicht ein unschlagbarer Preis für Brasilien. (Am Ende waren es 400 Euro mehr, aber die gingen auf meine Kappe.)

Meine Schwester traf mit lediglich 100 Euro hier an, mit dene  sie Geschenke für ihre WG-Mitbewohner erwerben wollte. Sie hätte ja auch auf die Idee kommen können, uns einfach einmal zum Essen einzuladen oder so etwas. Nein. Statt dessen hatte sie laufend Ideen, was wir alles machen könnten, was aber alles mit Kosten verbunden war. Auch übte sie viel Kritik an meinem Verhalten und an den Verhältnissen in meiner Wohnung, die ihr zu feucht und mit zu vielen Mücken geplagt war.

Nun ja, auf das Klima habe ich keinen Einfluss. Und die Wohnung ist top. Neuwertig und gut geschnitten und eingerichtet.

Meine Geduld war dann auch schnell zuende, als meine Schwester mir eine simple Bitte ausschlug, weil sie gerade am Frühstücken war. Da riss mir die Hutschnur. Noch schlimmer wurde es, als ihr aufgrund der Umstände die Verantwortung für meinen großen Hund zukam und er dabei auf der Landstraße unter die Räder kam und dabei starb. Die Schuld gab sie mir, weil ich es schließlich zugelassen hätte, dass die Hunde (Vater und Tochter) ihr gefolgt seien. Klar. Wie gut, dass ich ihr nicht meine Kinder anvertraut habe.

Aber selbst das schluckte ich nach einem Trauertag runter. Jeden anderen hätte ich längst hochkant aus meiner Wohnung geworfen. Nun blieb nur, sie auszulagern. Also bezahlte letztlich ich das Geld für sechs Übernachtungen in einer benachbarten Pousada.

Eine Entschuldigung bekam ich nicht zu hören. Für sie besteht ja nicht einmal eine Notwendigkeit dazu. Ich bin ja schuld.

Nun gut. An diesem Punkt gibt es für mich keine Gemeinsamkeit mehr. Wer sich so aufführt, hat hier nichts zu suchen. Der kann mich mal kreuzweise. Ich will sie nicht mehr sehen.

Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei. Nicht mal mit mehreren Wochen Abstand hat sich etwas an ihrer Einstellung geändert. Im Gegenteil. Zuletzt habe ich sogar noch mehr extrem beleidigende Nachrichten von ihr per WhatsApp erhalten. Ich sei ein Egoist, ein Irrer, ein Kranker.

Nun denn. Wie sie meint. Kann ich mit leben. Sie ist weit, weit weg. Und ich bin hier. Glücklich.

 

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