Das Land der Entdeckungen

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Hinter der nächsten Biegung beginnt die Wildnis. Und in dieser Wildnis versteckt liegt ein kleines Paradies. Das hat mir Malú  gestern verraten und angeregt, dies mit der Kamera zu dokumentieren. Mal schauen, wann wir dazu kommen.

Es gibt noch eine andere Seite von Porto Seguro als die der Partymetropole und des Tourismusmagneten.

Diese Region hier ist nämlich gleichzeitig auch ein Naturparadies, das unter Schutz steht.

Es ist daher auch untersagt, Gebäude zu errichten, die höher als zwei Stockwerke sind. Um den Charakter der Stadt und der Landschaft zu bewahren.

Dank der Zeitverschiebung zwischen Deutschland und Brasilien und der Tatsache, dass es hier ab 4:30 Uhr hell wird, bin ich spätestens um 5:30 Uhr hellwach.

Bin gestern mit dem Mountainbike zur nahegelegenen Aussichtsplattform Mundaí gefahren. Sie liegt am Rande eines runden, naturbelassenen Parkes auf einem Hügel. Zwei Betonkreise von der Größe eines Hubschrauberlandeplatzes liegen an den besten Aussichtspunkten. Von hier aus hat man einen weiten Blick über die Küste, eingeschränkt nur durch die „Skyline“, welche die Naturgegebenheiten zeichnen.

Bin dann zum ersten Mal an den Strand, der zu der Stunde anfing, langsam zum Leben zu erwachen. Mitarbeiter der Strandbars fingen an, Stühle, Tische und Sonnenschirme für den zu erwartenden Ansturm herzurichten. Spaziergänger und Hundebesitzer schlenderten barfuß über den breiten Sandstreifen, der dank der begonnenen Ebbe im weiteren Verlauf des Tages immer breiter wurde.

Ich versuchte mir zu merken, in welcher Reihenfolge sich welche Bars stadtauswärts aneinanderreihen, beginnend beim Jamaica Beach Restaurant. Nicht alle haben aber ein aus der Strandperspektive sichtbares Namensschild. Zur Straße hin sind die Namen präsenter.

Nach dem Jamaica Beach kommt jedenfalls das Tôa Tôa, das mit zu den beliebtesten gehört. Es ähnelt in seiner Art sehr dem Axé Moi, welches zweifellos die berühmteste ist. Nicht erst, seit Michel Telós Welthit Ai Se Eu Te Pego – Nossa, Nossa hier seine Geburtsstunde erlebte.

Eine weitere fiel mir ins Auge, die wie ein Piratennest aussieht: Eine Art Fort aus Holzbalken gezimmert, in dessen Mitte ein Turm steht mit einer Piratenfahne oben drauf.

Ich lief bis zum Axé Moi, wo es schon am Vormittag deutlich voller war. Die besten Plätze in der ersten Reihe zum Strand hin waren fast alle schon besetzt. Ich fand noch einen Tisch am linken Rand mit direktem Blick auf einen Stand, an dem man sich ein Bräunungsmittel auf die Haut sprühen lassen konnte. Kostenpunkt: 10 Reais.

Der Service war sehr begehrt. Es waren natürlich vor allem Frauen, welche ihn in Anspruch nahmen. Ich dachte schon, ich hätte einen idealen Platz gefunden, um mich an schönen Brasilianerinnen satt zu sehen (haha). Aber Pustekuchen. Die allermeisten Frauen waren erschreckend unattraktiv. Wahrscheinlich Paulistas…

Es war trotzdem ein großes Vergnügen, das Schauspiel zu beobachten. Dieses ganze Gewusel der zahlreichen Strandverkäufer und Strandgäste war äußerst kurzweilig. Es wird alles Mögliche angeboten: Coco Gelado (gekühlte Kokosnuss), kalte Getränke, gegrillter Käse, Fisch, Krebse, Austern, Fleischspieße, Teigwaren, CDs, Hängematten, T-Shirts, Sonnenbrillen und was man sonst noch so brauchen oder genießen könnte. Die Strandverkäufer sind günstiger als die Bars. Aber sie lassen die Verkäufer gewähren. Vermutlich, weil sie die Nachfrage eh nicht bewältigen könnten, so viele Leute wollen zufriedengestellt sein.

Das große Vorzelt des Axé Moi hat fast etwas von Oktoberfest, so groß und voll ist es. Bier wird hier auch gerne getrunken, Brasilianer lieben es bem gelada, eiskalt.

Ich sitze an meinem Tisch unter meinem Sonnenschirm (übrigens kostenlos) und will irgendwann auch mal baden. Aber was ist mit meinem Rucksack und den Sachen?

Kein Problem. Ich bitte die beiden älteren Damen, die am Nachbartisch sitzen, doch bitte einen Blick darauf zu werfen, wozu sie sich sofort bereit erklären. Eine liebenswerte Oma, die zu dem Bräunungsstand gehört, lacht und findet meine Aktion mutig. Ich sage ihr, sie kann ja gerne mit einen Blick drauf werfen.

Das Axé Moi bietet seinen Gästen auch eine kostenlose, sichere Gepäckaufbewahrung an. Ich hätte sie auch in Anspruch genommen, wenn ich keinen meiner unmittelbaren Sitznachbarn für vertrauenswürdig erachtet hätte. Zu älteren Herrschaften kann man i.d.R. aber immer Vertrauen haben. Bei jüngeren sollte man schon genauer hingucken. Hier und da mischen sich auch Leute unter die Menge, die nicht so gut bei Kasse sind. Und da schafft Gelegenheit dann möglicherweise Diebe…

Aber das ist überall auf der Welt so. In Brasilien ist es mir im Gegenteil aber schon mehrmals passiert, dass mir eine liegen gelassene Sache nachgetragen oder sicher aufgehoben wurde, bis ich an den Fundort zurückgekehrt war.

Irgendwann hatte ich genug von Strand. Gefühlt waren es 15, 16 Uhr. Zu Hause angekommen, verriet ein Blick auf mein Handy, dass es gerade mal Mittag war.

Ich beschäftigte mich zu Hause mit einigen Dingen bzw. genoss das Nichtstun in meiner Hängematte.

Nachmittags wollte ich dann wieder zu meiner Nachbarin Malú, um ihr Internet zu nutzen.

Sie hatte mir am Vortag gesagt, dass sie zu ihrer Tochter nach Arraial d’Ajuda fahren würde und wollte gegen 16 Uhr wieder zu Hause sein.

Deutscher, der ich bin, stand ich dann auch pünktlich vor dem Haus (allerdings wissend, dass ich sie dort wohl kaum antreffen würde, es sei denn ihre Pläne hätten sich geändert). Statt ihrer traf ich zwei junge Brasilianer an, von denen einer mit ihr verwandt und der andere befreundet ist.

Mir war es unangenehm, das Internet zu nutzen, wenn Malú nicht da ist. Aber die Jungs winkten ab. Das sei überhaupt kein Problem. Also machte ich mich an die Arbeit.

Als das Wichtigste erledigt war, kam ich mit den Jungs ins Gespräch. Wir ließen eine Friedenspfeife kreisen und verstanden uns prächtig.

Wie sich herausstellte, sind sie enge Freunde von Chico. Und so konnten wir gleich unsere Erlebnisse und Erfahrungen mit ihm austauschen.

Ich hatte für den Abend geplant, die Ilha dos Aquarios (Insel der Aquarien) aufzusuchen. Dort ist jetzt zur Hochsaison jeden Freitag- und Sonntagabend Party. Ich habe viel Gutes darüber gehört und die Jungs bestätigten, dass es das wert sei, dort hinzugehen. Man muss mit einer Fähre kurz hinübersetzen. Es gibt verschiedene „Floors“ in der Naturlandschaft, auch einen Trance- bzw. Techno-Floor. Besondere Attraktion sind die großen Aquarien mit Fischen. Daher der Name.

Calango (Echse), wie der eine der Jungs genannt wird, wollte eigentlich nicht weg abends. Der andere, dem ich den Spitznamen Beck gegeben habe (er weiß schon, wieso) war sofort dafür zu haben. Ich überredete Calango, ebenfalls mitzukommen. Das mache doch viel mehr Spaß, außerdem zöge ich es immer vor, Einheimische als Begleiter dabei zu haben (die Einheimischen kommen übrigens überall zum halben Preis rein).

Die Jungs machten Essen. Es war schon dunkel, als noch eine französische Freundin von ihnen vorbeischaute. Wie sie mir erzählte, lebt sie jetzt seit eineinhalb Jahren in Porto Seguro, nachdem sie vorher mehrmals und immer länger geblieben war. Andere Ecken von Brasilien hat sie all die Jahre nicht kennengelernt, so sehr hat sie sich in diese Region verliebt. Und in einen Brasilianer dazu, von dem sie schwanger ist.

Ich kann es jetzt schon nachvollziehen. Man findet so schnell Freunde, die Stadt ist so lebendig, die Natur so überwältigend.

Musste zuvor kurz in meine Wohnung zurück und bemerkte am Wegesrand ein mausgroßes Tier, das über den Boden krabbelte. Eine große Spinne? Eine Fledermaus?

Es war offenbar eine Fledermaus, die sich vielleicht verletzt hatte.

Ich ärgerte mich, mein Handy nicht dabei zu haben, um das süße kleine Tier zu filmen. Auf dem Rückweg würde es sicher schon weggekrabbelt sein.

Es dauerte auch eine Weile, bis ich meine Sachen zusammen hatte. Als ich wieder auf die Straße trat, sah ich die kleine schwarze Fledermaus gleich zu meiner Rechten auf dem Boden. Sie schien geradezu auf mich gewartet zu haben. Nun zückte ich gleich mein Handy und stellte auf Videoaufnahme. Die Fledermaus begann, ihren Weg an der Mauer unseres Condomínios entlang fortzusetzen, angestrahlt vom Licht meines Handybildschirms. Vorher konnte ich mir das Gesicht des kleinen Tieres noch aus der Nähe anschauen. Es hatte einen ganz süßen, etwas verängstigten Blick, wie ein kleines Kind. Ich zeigte das Video gleich meinen neuen Freunden, die ebenfalls vermuteten, dass die Fledermaus verletzt war. Sie waren sich aber sicher, dass es sich um ein ausgewachsenes Tier handelte.

Wir saßen überwiegend draußen im „Vorgarten“ von Malús Haus, unterbrochen von einem kleinen Regenschauer. Um uns herum ziepte und zirpte es, was das Zeug hält. Eine faszinierende, tropische Geräuschkulisse. Die Jungs erzählten, dass hier unmittelbar in häuslicher Nachbarschaft Wildnis sei, mit allen möglichen exotischen Tieren. Toll. Ich liebe Natur, erst recht, wenn sie noch so ursprünglich und beseelt ist wie in Brasilien.

Wir hatten uns festgequatscht und bliesen die Party für den Abend ab. Ich ging nach Hause und konnte auch von meiner Hängematte aus Naturgeräuschen lauschen. Ich war so animiert, dass ich mir schließlich mein Fahrrad schnappte und nochmal zum Mirante Mundái fuhr. Würde das gefährlich sein zu dieser späten Uhrzeit?

Nein. War es nicht. An einem der beiden Betonkreise hatte sich sogar schon eine Gruppe von Leuten versammelt. Ich ging zu dem anderen und hatte wieder einen grandiosen Blick.

Die Siedlung hier oben ist sehr ruhig abends. Keiner macht Lärm. Am Mirante sind nur Häuser reicher Leute sowie eine katholische Kapelle. Ich hatte erwartet, dass es womöglich zu dunkel sei, den richtige Weg zur Aussichtsplattform zu finden. Umso mehr freute ich mich wieder einmal über diese kleinen Aufmerksamkeiten, die man in Brasilien erlebt. Obwohl der Mirante nach meiner bisherigen Erfahrung praktisch kaum frequentiert wird, gab es zwei Strahler mit gedämpftem orangenen Licht, die mir den Weg wiesen. Das sind so Kleinigkeiten. Aber sie machen einen Tag perfekt.

Ich hatte eine schlaflose Nacht, aus welchen Gründen auch immer. Und habe am frühen Morgen einen Dinosaurier gesehen. In echt. Ich blickte von meiner Hängematte aus über die Mauer meines Condomínio auf einen Baum. Die rechte Seite seines Laubes wirkte vor dem Hintergrund des sich erhellenden Himmels wie das Schattenbild eines großen, stehenden Pflanzenfresser-Dinosauriers mit ausgestreckten kleinen Armen. Aber er ließ sich nicht gern fotografieren.

Schaut euch das Foto auf meiner Facebook-Seite an, ob ihr ihn erkennen könnt.

Ankunft in Porto Seguro

Reise nach Brasilien – Salvador da Bahia

 

3 Gedanken zu „Das Land der Entdeckungen“

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