Credibility – Credibilidade

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Es war eine glückliche Fügung, dass das Internet in meinem ansonsten perfekten Apartment nicht verfügbar ist. Sonst hätte ich wohl kaum so viel Kontakt mit meiner Nachbarin Malú gehabt, die mir ein wertvoller Guide, Freundin, Ratgeberin und Schwester im Geiste geworden ist.

Sie ist eine 58-jährige Frau mit viel Lebenserfahrung, die als einzige unabhängige Lokaljournalistin vor Ort gleichermaßen gefürchtet wie geschätzt wird.

Der Chef des größten kommerziellen Radiosenders vor Ort hat ihr schon zweimal unter windigen Vorwänden die Bundespolizei an den Hals geschickt. Malú ist ihm ein Dorn im Auge, weil die Reichweite seines Dudelsenders regelmäßig einbricht, wenn Malú mit ihrem Webradio on air geht. Aber sie tut nichts Verbotenes. Also zog die Polizei unverrichteter Dinge wieder ab.

Das einfache Volk liebt sie, weil sie die Dinge, die von der weitgehend korrupten Lokal-Politik vermasselt oder vernachlässigt werden, in ihren Online-Kolumnen beim Namen nennt und publik macht. Sie wird überschüttet mit Informationen, Fotos, Anfragen. Sie hätte Arbeit für Fünf, klagt sie des Öfteren.

Die Gespräche mit ihr sind für mich als Journalist und Blogger sehr aufschlussreich. Wir tauschen unsere Erfahrungen aus. Da sie schon seit etwa drei Jahren online publiziert, ist sie mir einige Zeit voraus.

Sie erzielt mit ihrer Arbeit nennenswerte Einnahmen, wenngleich sie ihre Lebenshaltungskosten nicht vollständig tragen.

Sie kann da auf andere Geldquellen aus ihrem früheren Leben in Rio de Janeiro zurückgreifen.

Sie liebt ihre Unabhängigkeit. Jahrelang hat sie ähnlich wie ich unter den Zwängen einer Redaktion und Vorgesetzter gearbeitet und sich gefragt, ob es das sei, weswegen sie Journalistin und nicht Ärztin geworden sei, wie es ihr Alternativplan vorgesehen hatte.

So stieg sie aus, aus dieser Medienmaschine, die hier in Brasilien letztlich nicht viel anders läuft als anderswo auch: Eine Ansammlung geltungssüchtiger, eitler Profilneurotiker, vor allem und gerade beim Fernsehen, das diese Art von Wichtigtuern offenbar anlockt wie das Licht die Motten. Und die größten Opportunisten und Intriganten kommen am Weitesten. Der Rest gibt sich minderbezahlt der kompletten Selbstausbeutung hin. Dankeschön.

Brauchen wir nicht. Hatten wir schon und war größtenteils völlig unbefriedigend.

Es tut also gut, mit einer Kollegin zu sprechen, die eine Schwester im Geiste ist. Ihr Gesicht ähnelt dem eines weisen Indianerhäuptlings. Ihre Ansichten sind klar und sie formuliert sie deutlich. Sie weiß, wovon sie redet und sie setzt sich ernsthaft mit den Dingen auseinander. Ein toller Typ.

Wir inspirieren uns gegenseitig. Sitzen beide in ihrem Haus konzentriert an unseren Computern, schreiben unsere Texte, erledigen unsere Social-Network-Tätigkeiten, laden Daten hoch und runter. Und schwärmen von den neuen Erzählmöglichkeiten, welche die Multimedia-Welt bietet.

Wie finanziert sich das? Indem sie Akquise betreibt und lokale Geschäfte oder Unternehmungen auf ihrer Seite Werbung schalten oder sie Vergünstigungen von Betroffenen/Kunden erhält, weil sie sich ihrer Sache mal angenommen hat.

Ihr Kapital ist ihre Credibility, ihre Glaubwürdigkeit. Eben weil sie sich nicht verbiegt, eben weil die Leute wissen, wer sie ist, wie sie denkt, wofür sie steht, kommen die Leute zu ihr und bitten sie, ihre Interessen, Projekte, Ideen, Geschäfte zu vertreten, zu promoten (divulgação, nennt sie das).

Sie promotet nur, was sie selber gut findet. Ihre Anhänger/Follower wissen, dass etwas interessant ist, wenn sie es promotet. Und ihre Empfehlungen helfen vielen, ihre Projekte auf die richtige Spur zu bringen.

Es ist eine Gradwanderung. Nach deutschen Maßstäben würde man wahrscheinlich sagen, hier findet eine redaktionelle Vermischung von redaktionellen Inhalten mit Werbung/PR statt. Aber das ist zu kurz gedacht. Solange gewährleistet ist, dass der/die Publizist/in seiner/ihrer Linie treu bleibt und nicht etwas anpreist, nur weil es dafür Geld gibt. Das wäre dann in der Tat eine Art von Käuflichkeit, die nicht akzeptabel ist.

Welche Alternative gibt es denn auch? Mit Journalismus allein verdient man heutzutage kein Geld mehr. (Hat man übrigens auch früher nicht, wie eine US-Studie aufgezeigt hat.)

Oder hast Du schon für mein Blog gespendet, z.B. über flattr?

Der Publizist muss sich also andere Erlösquellen suchen, sich querfinanzieren. Es geht nicht anders. Der Leser/User hat sich daran gewöhnt, alles kostenlos zu nutzen.

Als unabhängiger Blogger und Publizist ist es dennoch und gerade deshalb von allergrößter Wichtigkeit, ein genaues Gespür dafür zu haben, was geht und was nicht.

Denn die Glaubwürdigkeit des Publizisten darf in keinem Fall beschädigt werden. Sie ist das höchste Gut, sein größtes Kapital.

Je länger ich Malú kenne, desto besser verstehe ich sie. Was wäre gewesen, wenn ich in der üblichen Journalistenmanier für eine Stunde zu einem Interview vorbeigekommen wäre und ihr ein paar Fragen gestellt hätte? Ich hätte kaum etwas über sie erfahren, trotzdem aber über sie berichtet. Zwangsläufig eher Belangloses und Oberflächliches.

Selbst ein ganzer Tag mit ihr hätte mich nicht sehr viel weiter gebracht. Weil sie selbst ein paar Tage brauchte, um sich mir wirklich zu öffnen. Sie wusste ja auch nicht, an wen sie da geraten war und ob sie mir trauen konnte. Nun ist das Vertrauen praktisch unerschütterlich.

Wir diskutieren. Jede Ansicht ist erlaubt, keiner sagt dem anderen, was er zu tun oder wie er zu denken hat. Gedankenfreiheit. Meinungsfreiheit. Handlungsfreiheit. Und nicht ihre institutionalisierten und ritualisierten Surrogate.

Es ist mir eine große Freude und Ehre, mit der Bekanntschaft und Freundschaft eines solchen Menschen beschenkt worden zu sein. Muito obrigado, Senhor.

Ankunft in Porto Seguro

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