Code Of Conduct

Es gibt eine Sprache, die verrät tausendmal mehr über dich, als Millionen Worte es jemals tun könnten: die Körpersprache!
Ein erfahrener Blick genügt, um eine Person (und sogar Tiere, Pflanzen, Gegenstände) auf Anhieb einzuschätzen, zumindest ein erstes Vor-Urteil über sie zu treffen. Daher ist es für jeden Menschen wichtig, von früh an an seiner Körpersprache zu arbeiten, sich bewusst mit ihr auseinanderzusetzen. Doch überzeugend wird sie erst, wenn sie ihr Fundament in deinem tiefsten Inneren hat und somit mit Deinem Selbst kongruent ist.

Geist und Körper arbeiten Hand in Hand.

Was auch immer du tust oder lässt, sendet ein Signal nach außen. Wenn du dich bestimmten Situationen und Erfordernissen verweigerst, wird es als solches wahrgenommen und registriert. Wenn du pro-aktiv nach vorne gehst, wird sich das in deiner Körpersprache niederschlagen. Denn wer aktiv und positiv in die Zukunft schaut, lässt eine andere Haltung zutagetreten als jemand, der Angst hat und sich am liebsten vor allen und allem verstecken würde…

Wir alle kennen solche Situationen, ausnahmslos. Denn niemand kommt auf die Welt und findet sich auf Anhieb in jedem Ambiente zurecht. Jeder hat seine verwundbare Achillesferse und wird entweder Situationen zu vermeiden suchen, wo sie zutage treten könnte, oder wird lernen, mit solchen Situationen umzugehen.

Und letztlich haben wir alle keine Wahl, als unsere Überlebenskompetenz zu verbessern, indem wir mit möglichst verschiedenen und ungewohnten Situationen umzugehen lernen, ohne zu scheitern oder uns dauerhaft lächerlich zu machen.

Das ist nicht einfach und jeder fällt dabei auf die Schnauze. Ausnahmslos jeder. Es gibt kein Entkommen. Du kannst das Leben nicht so steuern und lenken, dass dir keine unerwarteten Dinge widerfahren.

Also fange beizeiten an, solche Situationen zu trainieren und meistern zu lernen. (Schule muss genau dies tun: den jungen Erdenbürgern das Rüstzeug an die Hand geben, um das Leben meistern zu können. Ganz praktisch und pragmatisch, nicht theoretisch.)

Je eher und je mehr und je öfter es dir gelingt, Situationen zu deiner oder gar aller Zufriedenheit zu lösen und zu meistern, desto größer wird dein Selbstvertrauen werden.

Denn du weißt, dass Probleme keine unüberwindbaren Hindernisse mehr sind. Man kann sie lösen. Und wenn es alleine nicht geht, dann suchst du dir eben Gefährten und Helfer, die sich mit dir gemeinsam an die Lösung des Problems machen.

Das ist ein lebenslanger Lernprozess, dem du nicht aus dem Weg gehen kannst. Denn je weniger du gelernt hast, mit absoluter Wahrscheinichkeit auftretende Probleme anzugehen, desto härter werden sie dich treffen.

Das Leben ist komplex und voller Höhen und Tiefen. Niemand ist vom Gipfel gestartet und hat sich dort ununterbrochen halten können.

Wir alle fangen als unbeschriebene Blätter an. Der eine mit einer guten Mitgift, der andere mit nichts. Und es ist nicht gesagt, dass der/diejenige, dem/die alles in die Wiege gelegt wurde, deswegen am Ende auch am besten abschneidet.

Im Gegenteil.

Die Beispiele sind Legion von Menschen, die mit nichts angefangen und im Leben große Erfolge und Reichtümer erzielt haben. Weil sie den entsprechenden Willen und die Energie aufbrachten, sich aus ihrer Misere selbst zu befreien.

Ich kenne viele Personen sehr persönlich, die das geschafft haben, und es nötigt mir großen Respekt ab.

Das Leben ist kein Ponyhof. Und wer die Schuld immer nur bei anderen oder den ungünstigen Umständen sucht, sollte lieber mal sich selbst kritisch hinterfragen, ob es nicht vielleicht am eigenen Willen und der Durchsetzungsfähigkeit gemangelt hat und man sich deshalb damit begnügen muss, kleinere Brötchen zu backen.

Quem não tem condições , nāo tem opções, sage ich immer meinen brasilianischen Freunden:

Ohne Konditionen keine Optionen.

(Oder wie ein früherer Vorgesetzter in der Nachrichtenredaktion zu sagen pflegte: Keine Arme, keine Kekse.)

Man muss sich seine Optionen hart erarbeiten und erkämpfen.

Aber wer die Konditionen (Voraussetzungen) hat, wird nicht zwangsläufig das Bestmögliche daraus machen. Denn wenn jemand dumm oder bequem oder verwöhnt ist, wird ihm der Reichtum so schnell durch die Finger rinnen wie die Körner einer Sanduhr.

Runter geht’s immer. Rauf dagegen selten ohne das eigene Zutun, die eigene Anstrengung.

Doch um sein ganzes Gewicht in die Waagschale werfen zu können, braucht es eine Aufgabe, die einen motiviert und antreibt, eine Sache, die aus einem inneren Bedürfnis und Antrieb heraus die Kräfte freisetzt, die es braucht, um sie zu realisieren.

Diese Aufgabe zu finden, ist der wichtigste Schritt in die Selbständigkeit und Unabhängigkeit.

Erst, wenn du ein Ziel vor Augen hast, kannst du auch darüber nachdenken, wie du es am besten und schnellsten und mit angemessenem Aufwand erreichen kannst.

Niemand möchte von Natur aus mehr arbeiten als nötig. Dieser ökonomische, energiesparende Ansatz ist allen Lebewesen gemein.

Doch während sich viele vom Diktat ihrer Umwelt und ihres Umfeldes beugen lassen und Dinge tun, die sie meinen, tun zu müssen, obwohl sie sie gar nicht tun wollen, gibt es umgekehrt Leute, die sind von ihren Ideen, Zielen und Projekten so elektrisiert, dass sie ohne Pause und mit unbändiger Kraft ihre ganze Existenz hineinwerfen, um sie zu realisieren, koste es, was es wolle. Sie haben sprichwörtlich Feuer unterm Hintern!

Menschen können viel erreichen, wenn sie sich der richtigen Sache verschreiben: nämlich der, die ihren Talenten und Eigenschaften am meisten entspricht. Und wenn es diese Aufgabe, diesen Beruf bisher nicht gab, so erfinde ihn/sie!

Die Welt ändert sich laufend und damit die Aufgaben und Herausforderungen und zur Verfügung stehenden Lösungsansätze.

Das Leben ist ein permanenter Anpassungsprozess: analysieren, was möglich ist und dann schauen, wie und mit welchen Mitteln es realisierbar ist.

Das ist aufregend! Das ist spannend! Das ist abwechslungsreich! Abenteuerlich!

Das ist Leben!!

In Brasilien pulsiert dieses Leben! Deswegen hat mich dieses Land vom ersten Tag an, als ich es zum ersten Mal betrat, elektrisiert!

Hier ist was los, wenn man unter Menschen ist. Und abseits der Zivilisation ist es die Natur, die für spektakuläre Budenzauber sorgt!

Brasilianer sind ein sehr kommunikatives, kontaktfreudiges, gastfreundliches, hilfsbereites und serviceorientiertes Volk, das lieber alle Fünfe gerade sein lässt, immer irgendeine Lösung für ein praktisches Problem findet und jeden Moment des Lebens zu genießen versucht.

Brasilianer sind Feierbiester, die ihre Freizeit in vollen Zügen zu genießen verstehen. DAS ist ihr Sinn des Lebens: so viel Zeit wie möglich mit Freunden und Familie zu verbringen, gemeinsam zu essen, zu trinken, zu feiern, zu tanzen, zu chillen, zu reisen, zu reden, am Strand oder Wasserfall oder sonstwo in dieser wundervollen Natur zu sein.

Brasilianer lieben ihr Land und ihre Wurzeln und ihre Kultur. Sie sind aus tiefstem Herzen Patrioten und haben einen starken Draht nach oben zum Allmächtigen, zu Jesus Christus und/oder der Mutter Maria oder anderen Guten Geistern. Das ist nicht aufgesetzt (wenngleich es auch viele Frömmler gibt, bei denen es doch sehr falsch rüberkommt, zumal, wenn man deren Alltagsverhalten kennt), sondern kommt aus tiefster Liebe und Überzeugung.

Es ist für mich und meine Freunde und Nachbarn hier auch schlicht unvorstellbar, dass es Menschen geben sollte, die angesichts dieser Herrlichkeit, die uns umgibt, nicht demütig und sprachlos beziehungsweise euphorisiert werden und eingestehen müssen, dass es wohl doch sowas wie einen Master Of The Universe geben muss, oder wie auch immer man es nennen will: Eine Macht, die in und um uns ist, die gewaltig und mächtig ist, ehrfurchtgebietend und gleichzeitig voller Liebe, die sich vor allem in dieser grenzenlosen Großzügigkeit von Mutter Erde ausdrückt!! Ein Paradies, eigentlich.

Man kann sich angesichts dieser natürlichen Vielfalt und Produktivität nur dankbar davor verneigen: Es ist ein unfassbar grandioses Geschenk, das uns das Universum oder wer auch immer gemacht hat!! Ein sich selbst ständig erneuernder und reproduzierender, lebendiger Organismus, der unzählige Lebewesen ernährt und kreiert. Eigentlich unglaublich, wenn man es nicht mit eigenen Augen gesehen und allen Sinnen erfahren hat.

Hier in Brasilien gibt es das noch, diese unbändige und ungebändigte Natur, ursprünglich, nicht vom Menschen auf sein kleines, beschränktes Niveau  heruntergestutzt und vernichtet. Ob zu Wasser, zu Lande oder in der Luft: Brasilien hat immer noch eine unfassbare Vielfalt an Naturwundern zu bieten, nicht nur den Amazonas. Sondern nahezu überall außerhalb der Metropolen, nicht selten sogar selbst dort.

Aber unter den brasilianischen Menschen ist es auch durchaus lustig, kurzweilig und aufregend.

Man knüpft in Brasilien rasend schnell Kontakte (am besten, wenn man des Portugiesischen oder wenigstens Spanischen mächtig ist, aber auch Körpersprache funktioniert gut). Das geht natürlich erstmal nicht allzusehr in die Tiefe, doch selbst beim ersten Kennenlernen kann das Gespräch schnell auf die wesentlichen Dinge des Lebens und der Existenz zusteuern: Brasilianer philosophieren gerne über den Sinn des Lebens, über Gott und die Welt. Man diskutiert über alles, was gerade so als Gesprächsthema auf der Agenda steht. Und man streitet deswegen nicht gleich verbissen, sondern tauscht die Argumente und eigenen Erfahrungen und Kenntnisse aus und schaut, ob man Übereinstimmungen findet.

Brasilianer sind nicht rechthaberisch und sie sind im Alltag ziemlich tolerant gegenüber jedermann und jede Frau.

Es gibt hier zwar auch viele konservative Menschen, vor allem unter den Älteren, aber da die Generationen in Brasilien in der Regel noch nah beieinander und miteinander leben, findet auch ein permanenter Austausch und Realitätsabgleich statt.

Brasilianer reflektieren laut über das, was sie gerade denken oder erleben oder meinen. Sie denken nicht vorher groß darüber nach, höchstens über die Dinge, die sie permanent durch’s Leben begleiten, nämlich die Frage: Wer bin ich? Wie bin ich? Was mache ich? Ist es richtig oder falsch? Reicht es zum Leben? Und ist es zum Wohlgefallen Gottes, Jesus‘, der Mutter Maria, der afrikanischen Gottheiten oder irgendwelcher anderen spirituellen Geister?

Lebe ich mit meinen Nachbarn, Freunden und Familienmitgliedern im Frieden?

Das ist überhaupt der wichtigste Punkt, die

CONVIVENCIA,

DAS GUTNACHBARSCHAFTLICHE ZUSAMMENLEBEN.

Während sich in Deutschland viele Nachbarn gegenseitig das Leben schwer machen und mit rechthaberischen Prozessen überziehen, suchen die Brasilianer immer ein gutnachbarschaftliches Verhältnis. Man stellt sich möglichst mit allen gut, grüßt freundlich und aufmerksam, hält ein Schwätzchen, erledigt alles mit Freude an der Sache und Hilfsbereitschaft.

Konflikte können angesichts des hitzigen Temperaments schonmal ausarten, aber danach verträgt man sich in der Regel wieder oder geht sich halt künftig aus dem Weg.

Brasilianer streiten zwar gern, aber sie tun es meistens in einem Tonfall, der persönliche Beleidigungen und Provokationen scheut wie der Teufel das Weihwasser. Denn persönliche Beleidigungen und üble Nachrede bringen hier das Blut sofort zum Wallen! Es sei denn, man weiß sie als frivole und zotenhafte Gags zu verpacken. Brasilianer frotzeln gerne und schmerzfrei.

Bei aller Kommunikationsfreude und Spontanität gibt es aber gewisse Codes of Conduct, die beherzigt werden müssen. Man legt hier zwar nicht jedes Wort auf die Goldwaage und redet frei von der Leber weg, doch gleichzeitig ist man äußerst wachsam, nicht aus Versehen etwas zu sagen, was den oder die anderen beleidigen und damit in Wallung bringen könnte. (Es sei denn, es geschieht in der bewussten Intention, Gegner zu provozierem oder lächerlich zu machen, vor allem im politischen Geschäft.)

Und für den Fall, dass man vielleicht doch ungewollt etwas Unangemessenes gesagt oder getan haben sollte, verabschiedet man sich lieber mit den Worten „E desculpe qualquer coisa!“ – „Verzeihung für alles/was auch immer es sei“, um sich und den anderen die Absolution für etwaige Missverständnisse und Fehlverhalten zu erteilen.

Natürlich gibt es auch Ausnahmen und nicht alle sind so, doch in all den Jahren, die mich Brasilien schon begleitet, habe ich diese Verhaltensmuster als Grundlage des brasilianischen „Volkscharakters“ kennengelernt, egal in welcher Region. Das ist der Code of Conduct, den jede/r Brasilianer/in lernt und beherzigt und kennt, egal, ob er/sie sich nun immer daran hält.

Denn es gibt durchaus nicht wenige Leute, die es verstehen, nach Außen diesen Code zu beherrschen, im wirklichen Handeln aber das Gegenteil zu tun und dein Vertrauen zu missbrauchen und auszunutzen.

Ich nenne diese Leute Parasiten (das klingt sehr abfällig, ist aber nur eine Metapher für Lebewesen, die sich an einen Wirt andocken und über ihn ernähren).

Davon gibt es in Brasilien sehr viele, was sicher auch damit zusammenhängen mag, dass es hier kein soziales Netz wie in Europa gibt und jeder es zu einer eigenen Fertigkeit bringen muss, sich auf irgendeine Weise über Wasser zu halten. Und das ist durchaus nicht einfach, angesichts der begrenzten Möglichkeiten vor allem für sozial Schwache.

Wer Geld hat, muss in Brasilien auf nichts verzichten. Er genießt ungeheure Privilegien und hohe Servicequalität, die allerdings auch ihren Preis hat.

Brasilien ist nicht Dritte Welt oder Schwellenland, wie es gemeinhin angenommen wird. Brasilien ist ein durchaus sehr hoch entwickeltes Land in vielen Sektoren. Und wenn man sich die Größe des Landes vergegenwärtigt, dann ist es auch in der Fläche nicht völlig von zivilisatorischen Errungenschaften abgeschnitten. Möglich ist alles, die Frage ist, was es kostet und ob es das wert und gewünscht ist.

São Paulo zum Beispiel ist eine hochmoderne Stadt, die Berlin völlig in den Schatten stellt. Es ist eigentlich kaum zu glauben, wie es überhaupt möglich sein kann, einen solchen Moloch mit Abermillionen von Einwohnern täglich so zu organisieren, dass er weitgehend reibungslos läuft und funktioniert. (Störungen treten immer auf, werden aber auch zügig behoben, sogar hier bei mir auf dem Land.)

Wenn jemand sowas kann, dann die Brasilianer (womit allerdings nicht unbedingt die Politiker gemeint sind). Die brasilianischen Organe für den Zivilschutz (Polizei, Feuerwehr, Rettungswesen) sind sehr geübt in der Organisation von Massenveranstaltungen, die Millionen auf die Straße bringen können, wie den Karneval. Sie sind straff organisiert und technisch modern ausgerüstet und kennen ihre impulsiven Pappenheimer aus dem Effeff.

Sie wissen, was sie erwarten kann und wird, und sie sind für alle diese Eventualitäten gerüstet und trainiert.

Zu dieser pragmatischen Klugheit gehört, dass die brasilianische Polizei (die in diverse Einsatzbereiche spezialisiert ist, von zivil bis militärisch) an den bekannten Brennpunkten immer bereits Präsenz zeigt: ihre modernen SUVs stehen mit eingeschaltetem Signallicht vor Ort, die Polizisten stehen mit Schussweste und der Waffe im Anschlag oder griffbereit davor.

Das vermittelt allen sofort ein sichtbares Sicherheitsgefühl. Die Polizei muss im Notfall nicht erst herbeigerufen werden, sie ist bereits da und hält ein wachsames Auge auf alles, was rundherum geschieht.

Es ist ein harter Job, den diese militärisch gedrillten Jungs (Frauen sind aus nachvollziehbaren Gründen in der Unterzahl) ausüben. Es geht nicht selten um Leben und Tod, denn die gewaltbereiten Täter (auch hier sind die Frauen klar unterrepräsentiert) machen selbst ohne viel Nachdenken von Stich-oder Schusswaffen Gebrauch.

Da klingt alles sehr gefährlich, aber statistisch gesehen sind solche Gewalttaten im öffentlichen Raum trotzdem Ausnahmen. Die meisten Gewalttaten geschehen in Brasilien im häuslichen, familiären Umfeld, nicht vor aller Augen in der Öffentlichkeit. Und die Opfer sind in der Regel auch nicht irgendwelche Unbeteiligten, sondern gezielt ausgewählt.

Wer sich allerdings auf Raub und Diebstahl spezialisiert hat, dem ist jedes vielversprechende Opfer recht, das ihm zufällig über den Weg läuft. (Ausländische Touristen eher nicht, denn das erzeugt besonders viel Fahndungsdruck, unerwünschte Aufmerksamkeit und Ärger.)

Hier, wo ich lebe, spielen Gewalt und Kriminalität ohnehin kaum eine Rolle. Jeder kennt sich, nichts bleibt auf Dauer verborgen, die Gefahr der Entdeckung ist groß und die Gefahr der unmittelbaren Bestrafung durch die Betroffenen umso mehr. Solche Konflikte werden hier in der Regel in Selbstjustiz erledigt. Keiner ruft dafür die Polizei herbei, die selbst keine Lust hat, sich in fremde Angelegenheiten einzumischen und ansonsten ohnehin Wichtigeres zu tun hat, wie zum Beispiel die Drogengangs und -kartelle zu bekämpfen.

Auf dem Land, fern der Großstädte, bleibt einem eh nichts anderes übrig, als möglichst gut auf sich selbst aufzupassen, denn fremde Hilfe bräuchte eh zu lange, um einzutreffen und würde sich allein deswegen kaum auf den Weg machen. Auch da sind die Brasilianer sehr realistisch und pragmatisch. Wachhunde sind dafür ein erstes, probates Mittel.

Mit irgendwelchen Wehwehchen ins Krankenhaus gehen oder deswegen die Ambulanz anrufen? Die husten dir einen und schicken dich wieder weg oder legen auf!!

Es muss schon wirklich ernst sein. Ansonsten bist du auf dich selbst und dein unmittelbares Netzwerk an Freunden und Nachbarn gestellt.

Ich mag das. Weil es das reale Lebensrisiko abbildet und dich aufmerksamer und wachsamer macht.

Du übernimmst wieder Verantwortung für dich selbst und dein Leben und erwartest nicht, dass andere deine Probleme lösen, es sei denn, es geht nicht anders. Dann ist Hilfe auch verhältnismäßig schnell verfügbar.

Selbst in der tiefsten Pampa gibt es eine gewisse Infrastruktur, welche eine medizinische Erstversorgung und Erreichbarkeit garantiert. Größere Ortschaften haben sogenannte Postos de Saúde, Gesundheitszentren, die eben für die Landbevölkerung oder andere Betroffene bereitstehen.

Ich musste sie mal in Anspruch nehmen, als ich vor gut drei Jahren mitten in den Outbacks von Minas Gerais an einem Wasserfall stürzte und eine stark blutende Platzwunde am Kopf davontrug. Es hätte mein Todestag sein können…

Ich fühle und fühlte mich in Brasilien immer gut und sicher aufgehoben. In Gottes Händen, sozusagen. Von Schutzengeln umgeben. Was immer auch geschah, Hilfe war nah.

Auch deshalb, weil ich nicht unvorbereitet und nicht unbegleitet gehe bzw. fahre, wenn ich mich in riskantere Umgebungen begebe.

Die Risiken sind mit einiger Erfahrung einzuschätzen. Man weiß, wo man im Grunde völlig sicher ist, und wo nicht. Und so vermeidet und umgeht man möglichst Situationen, die dich in eine missliche Lage mit ungewissem Ausgang bringen könnten.

Böse Überraschungen bleiben auf diese Weise meistens aus und man kann das Leben in vollen Zügen und entspannt genießen.

Ich jedenfalls fühle mich hier pudelwohl und habe genau das Leben, das ich mir gewünscht habe und das zu mir passt.

Es ist perfekt.

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