Buchkritik: Mirco Drewes erzählt die Geschichte des brasilianischen Fussballs

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Es gibt kein Land auf der Welt, das so fussballverrückt ist wie Brasilien. Und kein Land auf der Welt dürfte so viele Ausnahmefussballer hervorgebracht haben: Bei Namen wie Pelé, Ronaldo, Romário oder Ronaldinho gerät jeder Fussballkenner ins Schwärmen. Der Berliner Autor Mirco Drewes hat sich die Mühe gemacht, die Geschichte des brasilianischen Fussballs und seiner Götter und Halbgötter zu erzählen. Samba tanzt der Fussballgott lautet der Titel des 307 Seiten dicken Taschenbuchs, das jetzt im Berliner Vergangenheitsverlag erschienen ist.

307 Seiten – das ist eine Menge Holz, zumal wenn sie nicht durch Bilder und Fotos aufgelockert werden. Aber es gibt ja auch viel zu erzählen. Schließlich ist der Fussball – nicht nur, aber vor allem in Brasilien – mehr als nur ein Sport.

Für viele Jungs aus ärmsten Verhältnissen war und ist er der einzige Hoffnungsschimmer, um zu Ruhm und Reichtum zu kommen; für schwarze Sportler bot er die Chance, die lange währende Rassendiskriminierung zu überwinden und Anerkennung zu finden; die Leidenschaft für den Fussball vereint alle Rassen und Klassen in diesem riesigen, vielseitigen und widersprüchlichen Land, er hat eine enorme sinn- und identitätsstiftende Funktion; er ist politisch, wenn er von Politikern und Funktionären zu ihren Zwecken missbraucht wird oder umgekehrt sich aus seiner Mitte Protest und Widerstand Bahn bricht und eine Militärregierung zum Einsturz bringt, wie 1985 geschehen; und er ist natürlich ein Wirtschaftsfaktor, der Milliardengelder bewegt und einzelne Spieler zu Multimillionären und internationalen Werbe-Ikonen gemacht hat.

„Fussball ist eine Metapher des gesellschaftlichen Lebens in Brasilien, eine Zusammenfassung seiner wichtigsten Charakteristika“, zitiert der Autor den brasilianischen Soziologen Mauricio Murad. Mirco Drewes hat sich tief in die Materie eingearbeitet und ihm gelingt es, ein ausgesprochen differenziertes Bild von der vielschichtigen Bedeutung des Fussballs in und für Brasilien zu zeichnen.

Das Buch unterteilt sich in neun Großkapitel, die in kurze Unterkapitel unterteilt sind. Die Großkapitel tragen folgende Titel:

  1. Fussball – ein brasilianisches Lebensgefühl
  2. Vom britischen Societyevent zum brasilianischen Volkssport
  3. Schwarze Vorkämpfer – Friedenreich und Leônidas
  4. WM 1950 in Brasilien – die Mutter aller Niederlagen
  5. Garrincha – Die Freude und Tränen Brasiliens
  6. Pelé – der König und sein Schatten
  7. Sócrates – Revolutionär und Ballzauberer
  8. Romário – Narziss und Goldfuß
  9. Götter und Grenzgänger – Ronaldo und Ronaldinho

Er erzählt die Geschichte vom Anfang bis zur Gegenwart, vom Fussball-Pionier Charles Miller, Sohn schottischer Einwanderer, der im Jahr 1894 vier Fussbälle nach Brasilien brachte und die ersten Spiele unter Bekannten organisierte, bis hin zum Confederations Cup 2013, den Brasilien mit seinem jüngsten Ausnahmetalent und Hoffnungsträger Neymar gewann.

Die Geschichte des brasilianischen Fussballs ist nicht von den Lebensläufen seiner herausragenden Talente zu trennen. Arthur Friedenreich, Sohn eines deutschen Einwanderers und einer ehemaligen schwarzen Skalvin, war der erste große Star dieses Sports. „Der faszinierende und heute weitgehend vergessene Stürmer darf nicht nur als einer der besten Fussballer aller Zeiten und bemerkenswerte Persönlichkeit angesehen werden“, schreibt Drewes. „Besondere Anerkennung verdient sein schwerer Weg als erster farbiger Spieler in der Geschichte des offiziellen Ligabetriebs in Brasilien.“

Erst Leônidas da Silva schaffte jedoch als erster farbiger Spieler den Aufstieg in die Nationalauswahl und zum ersten farbigen internationalen Fussballstar. Der tschechische Torhüter Fratisek Planicka sagte voller Ehrfurcht über Leônidas: „Wenn er schießt, kann man nur Gott um Beistand bitten. Alles andere ist sinnlos. Er hat den Teufel im Leib und muss Augen in den Fußspitzen haben.“

Leônidas sollte nicht der letzte brasilianische Fussballspieler sein, der seine Gegner zur Verzweiflung trieb und bei Publikum und professionellen Beobachtern den Eindruck hinterließ, einen Halbgott, Gott oder Außerirdischen vor sich zu sehen, so unfassbar und außergewöhnlich war ihre Ballkunst, die allen physikalischen Gesetzen zu widersprechen schien.

Mirco Drewes erzählt die wechselhaften Biografien dieser Ausnahmespieler wie Garrincha, Pelé und Sócrates sehr detailreich, beschreibt ihre divenhaften Launen und charakterlichen Widersprüche, stellt ihr Leben und Wirken in den gesellschaftlichen Kontext, lässt Spiele wie das „falsche“ Finale zwischen Brasilien und Uruguay bei der WM 1950 in Brasilien wieder aufleben („die Mutter aller Niederlagen“) und macht nachvollziehbar, was den brasilianischen Fussball so einzigartig und unvergleichlich macht.

Wer dieses Buch gelesen hat, wird dann nicht nur das Wichtigste über die Geschichte des brasilianischen Fussballs und seiner bedeutendsten Protagonisten wissen. Er wird auch das Land Brasilien in all seiner Emotionalität, Leidenschaft, Religiosität, seinem Aberglauben und seiner Widersprüchlichkeit besser verstehen. Denn das eine ist vom anderen nicht zu trennen.

Gleichwohl, ein paar Kritikpunkte kann ich mir nicht verkneifen: Abgesehen davon, dass ein paar Fotos dem Buch gut getan hätten, ist es bei aller Detailliebe insgesamt zu lang. Sprachlich ist es mal kurzweilig und amüsant, mal wissenschaftlich anspruchsvoll, dafür aber mit zu wenig Quellen belegt. So frage ich mich, wer am Ende die Zielgruppe des Buches ist. Cover und Titel (das Wort „Samba“ im Zusammenhang mit Brasilien gehört endlich auf den Index, weil es so abgedroschen ist!) sprechen vielleicht den gemeinen Fussballfan an, der dürfte mit dem Text und der Länge dann aber seine Schwierigkeiten bekommen. Der gebildete, kulturinteressierte Leser wiederum dürfte von den zahlreichen Spielberichten gelangweilt sein und sich mehr wissenschaftliche Belege wünschen.

Alles in allem hat Mirco Drewes aber eine Fleißarbeit hingelegt, viele interessante und amüsante Details zusammengetragen und sie treffend eingeordnet. Trotz einiger Abstriche ist die Lektüre dieses Buches auf jeden Fall ein Gewinn.

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