Brief aus Brasilien (6)

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Ich empfinde es als großes, göttliches Geschenk, die Gegenwart der Oma zu erleben, die ich – wie die meisten in der Familie – einfach nur „mae“[mai]/Mutter rufe.

Sie ist die Ur-Mutter und im wahrsten Wortsinne Ur-Oma:

Ein Mensch voller Liebe, Lebensweisheit, Klugheit, Güte, Kraft, Wärme und Humor. Ich kenne niemanden Vergleichbares.

Tief im Glauben verwurzelt, wartet sie nur auf den Tag, endlich ins Paradies einziehen zu dürfen. Ich hoffe für sie, dass es wirklich eines gibt. Wenn nicht, dann müsste eigens eins für sie eröffnet werden.

Auf meine Frage, was die wichtigsten und prägendsten Erfahrungen in ihrem Leben gewesen seien, antwortete sie nur: sofrimento. Leiden. Schmerz. Sie hat in ihrem Leben sehr viel Leid erfahren und auch bewusst auf sich genommen. Aber es hat sie nicht gebrochen. Sie hat es ertragen, sie hat es erduldet, sie hat es überwunden.

Ich bin froh, meinen Teil dazu beigetragen zu haben, dass das Paradies noch ein bisschen auf sie warten muss.

Ende letzten Jahres war die Oma sehr krank geworden. Das staatliche Gesundheitssystem wollte nichts mehr für sie tun. Also blieb nur die teure Behandlung auf private Rechnung. Niemand in der Familie hatte das Geld dafür außer mir, der ich gerade betriebsbedingt gekündigt worden war und als Kompensation eine recht großzügige Abfindung erhalten hatte. Die Abfindung hätte dicke gereicht, mir und meiner Familie mindestens ein Jahr lang in Deutschland ein sorgloses Leben zu garantieren. In Brasilien noch wesentlich länger.

Doch sie ist größtenteils dafür draufgegangen, dem Herrgott noch etwas Lebenszeit für die Oma abzukaufen.

Ich bedauere es nicht im Geringsten. Mein Leben, das Leben der Großfamilie der Oma, die Welt wäre um ein Vielfaches ärmer ohne einen Menschen wie sie.

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