Brief aus Brasilien (5)

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Bin am gestrigen Nachmittag von einem verlängerten Wochenende auf dem Land nach Belo Horizonte zurückgekommen. Hier mein Bericht in Tagebuchform.

Dienstag, 15. November 2011 (Ausrufung der Republik, Feiertag)

Bin am Samstag Abend, also vor drei Tagen, mit Zé Paulo, seiner Frau und seinen zwei Söhnen in seinem Auto auf’s Land gefahren. In Brasilien ist heute Feiertag, weshalb viele Brasilianer die Gelegenheit zu einem verlängerten Wochenende genutzt haben. Zé Paulo musste allerdings am Montag wieder arbeiten, so daß der Wochenendausflug für ihn und seine Familie schon am Sonntag endete. Ich dagegen entschied mich kurzfristig, noch zwei Tage dranzuhängen und dann alleine mit dem Bus nach Belo Horizonte zurückzufahren.

Panoramaaufnahme der Fazenda Mato Dentro
Die Fazenda Mato Dentro bei Sitio Novo, Minas Gerais

Wir fuhren in die Nähe von Sitio Novo auf eine Fazenda (Bauernhof), die von der Familie eines ehemaligen Ziehkindes der Oma bestellt wird. Das ist tiefste Pampa, oder wie man in Brasilien sagt: „Roça“ (sprich: Hossa). Die Familie von Nega und Almir lebt unter sehr einfachen Verhältnissen: Kein Festnetz, kein Internet, Handy-Netz gibt es bestenfalls, wenn man auf den nächsten Hügel steigt. Bei schlechtem Wetter und Gewitter fällt schonmal für eine Weile der Strom aus. Als wir am späten Samstag Abend während eines kräftigen Gewitters eintrafen, gab es kein fließend Wasser. Erst am nächsten Morgen machten sich Zé Paulo und Almire auf Ursachensuche und fanden eine undichte Stelle in der oberirdischen Rohrleitung, die vom zur Fazenda gehörenden See ins Haus führt.

Gerade diese Einfachheit, Schlichtheit und Naturverbundenheit ist es, die das Landleben – jedenfalls für eine befristete Zeit – auch so attraktiv macht. Man ist mitten in der Natur, umgeben von tropischen Pflanzen und Tieren. Auf dem Hof selbst gibt es nahezu alles, was man sich vorstellen kann: Hühner, Enten, Truthähne, Schweine, Kaninchen, Kühe, Pferde, Hunde, Fische, Zuckerrohr, Bohnen, Bananen, Mangos, Jabuticaba, Kokosnuss, Kohl, Passionsfrucht, Eukalyptus, Jaca, Bambus, Acerolakirsche, Himbeeren, Tomaten, Zwiebeln, Kräuter, Fenchel, goiaba, Limetten, coranto, jacaré, capivara, paca, Affen, sariema, Apfelsinen, Lychee undundund.

Bei aller Armut, die Almir, seine Frau, ihr Sohn und ihre zwei Töchter erleiden (eine Tochter lebt bei der Oma in BH): An Essen mangelt es nicht! Und noch weniger an Gastfreundschaft und Herzlichkeit!

Wenn Familienmitglieder hier zusammenkommen, dann wird ausgiebig gefeiert: Bier und Cachaça (Zuckerrohrschnaps) getrunken, gegrillt, geschwoft, gegessen. Ich hatte jedenfalls am Sonntag Abend nach all der Trinkerei einen so dicken Kopf, dass ich mich außerstande sah, meine Sachen zu packen und wieder nach BH zurückzufahren. Also blieb ich.

Am nächsten Morgen begleitete ich Almir auf einem Eselskarren zur Kooperative, wo er 37 Liter Milch ablieferte, die er vorher per Hand von den Kühen gemolken hatte. Mittags machte ich mich mit dem 15-jährigen Sohn und der 9-jährigen Tochter ins ca. 3 km entfernte Sitio Novo auf, um ein paar Einkäufe zu tätigen: Ich zu Pferde, der Sohn und die Tochter mit einem klapprigen Mountainbike, wobei die Tochter auf der Fahrradstange saß. Ich hatte dabei das weitaus bequemere Verkehrsmittel, weil die Lehm- und Schotterstraße über viele Anhöhen führte, die mit dem Fahrrad nur schwer zu nehmen waren. Das Pferd setzte dagegen bei jeder Anhöhe gleich zum Galopp an, um sie schnell zu überwinden. Mein Hintern lässt mich das noch einen Tag später spüren. Sitio Novo ist ein kleiner Ort, der außer einer Kirche, zwei Supermärkten, einer Bäckerei, einer Schule und einigen Bars nur wenig zu bieten hat. Immerhin gibt es auch ein Lan-House, das wir nach unseren Einkäufen aufsuchten, damit ich einen Blick in meine Mails werfen konnte. Leider waren die Betreiber über’s Wochenende nach BH verreist, also blieb ich notgedrungen offline.

Ich zu Pferde
Vor dem Ausritt nach Sitio Novo

Die Kinder hatten viel Spaß mit meinem MacBook Pro, das ich mitgebracht hatte: Schauten sich die zahlreichen Videos und Fotos an, hörten sich die darauf gespeicherte Musik an. Mit Photo Booth machten wir ungezählte Fotos, wobei wir die zahlreichen Effekte benutzten, die aus unseren Gesichtern hässliche Fratzen machten. Das war ein riesen Spaß!

Ausserdem vertrieben sich Almir, sein Sohn, ein netter Landarbeiter aus der Nachbarschaft und ich uns die Zeit mit Fingerhakeln und Armdrücken. Zu meiner eigenen Überraschung hatte ich beim Fingerhakeln sogar tatsächlich eine Chance gegen die kräftigen Landarbeiter und gewann einige Male. Beim Armdrücken war ich schwächlicher Städter dagegen erwartungsgemäß abgeschlagen.

Gestern schlachtete Almirs Frau ein Huhn, das es dann am Abend zu Essen gab. Zum Frühstück gibt es Eier direkt von den freilaufenden Hühnern.

Heute Nachmittag will mich ein Nachbar mit seinem Motorrad nach Mateus Leme bringen, was etwa 20 Minuten entfernt liegt (Entfernungen werden hier in der Zeit gemessen, die es braucht, sie mit dem entsprechenden Verkehrsmittel oder zu Fuss zu überwinden). Dort fahren halbstündlich Busse nach Belo Horizonte ab. Am Busbahnhof in BH wird mich Zé Paulo abholen, was wir schon am Sonntag bei seiner Abfahrt verabredet hatten, sollte in der Zwischenzeit kein telefonischer Kontakt zustande kommen. Da ich meinen wertvollen Computer und meine Videokamera dabei habe, ist es mir zu riskant, am Busbahnhof einen Linienbus zum Haus der Oma zu nehmen. Solche Vorsichtsmaßnahmen sind in Brasilien leider unvermeidlich.

Hier auf dem Land kennt jeder jeden, was die Kriminalität etwas in Grenzen hält. Trotzdem ist bei Almir auch schon zweimal eingebrochen worden.

Nachmittags:

Haben sehr wechselhaftes Wetter mit kräftigen Regenschauern. Gegen 14:30 Uhr war klar, dass unter diesen Umständen an eine Abreise nicht zu denken war. Die Straße ist eine einzige rutschige Matschpiste. Auf dem Motorrad würde ich unter Umständen klitschnaß und verdreckt, mein Computer und die Kamera beschädigt werden. Auch der Bus, der hier wenige Male am Tag an der nächsten Biegung vorbeikommt und nach Mateus Leme fährt, fällt bei solchen Straßenverhältnissen aus.

Am Vorabend waren uns die Zigaretten und das Bier ausgegangen. Sohn Marcel machte sich daher schon am Vormittag mit dem Fahrrad nach Sitio Novo auf, um beides zu besorgen. Als gegen 13 Uhr das Mittagessen fertig war, war er aber immer noch nicht aufgetaucht. Wir machten uns Sorgen, dass ihm etwas passiert sein könnte. Ich machte mich mit den beiden Töchtern zu Fuß auf den Weg, um ihm entgegenzugehen. Als wir um die nächste Biegung kamen, kam uns Marcel entgegen. Er hatte in Sitio Novo einen Platten bekommen und musste im strömenden Regen zu Fuß zurück. Wir waren erleichtert, ihn gesund und heil wiederzusehen und setzten uns zu Tisch. Es gab Reis, Bohnen, gekochtes Hühnerfleisch vom Vortag, gebratenen Fisch, den Almir am Vormittag aus dem Weiher gefischt hatte, eine Suppe aus Palmenherzen sowie ein feigenartiges gekochtes Gemüse, das nach einer Mischung aus Salzkartoffel und Spargel schmeckte. Ich machte etwas Butter und Salz auf die geöffnete grüne Frucht und empfand das darin befindliche Fruchtfleisch als wahre Delikatesse.

Während der üppigen Mahlzeit auf der offenen Veranda beobachteten wir das Wetter.  Kaum hörte der Regen mal auf und die Sonne kam kurz durch, machte ich mir schon Hoffnungen, doch noch abreisen zu können. Die anderen hofften dagegen auf noch mehr Regen, damit ich noch bei ihnen bleiben würde. Sie sollten recht behalten.

Ich stieg also am Nachmittag auf den Hügel, um ein Netz zu bekommen und Zé Paulo in BH bescheid zu geben, dass ich wetterbedingt noch eine Nacht bleiben müsse. Obwohl mein Handy kein Guthaben hat (ein Aufladeversuch am Vortag in Sitio Novo war misslungen), hatte mir Zé Paulo gesagt, dass ich bei VIVO nur die 9090 vorwählen müsse, dann gehe der Anruf auf seine Kosten. Die Anrufversuche misslangen trotzdem. Wie es der Zufall so wollte, kam aber Manel gerade vorbei, jener Nachbar, der mich später mit seinem Motorrad eigentlich nach Mateus bringen wollte. Er hatte das gleiche Netz wie ich und sogar Kredit auf dem Chip, was in Brasilien keine Selbstverständlichkeit ist (viele, v.a. arme Brasilianer nutzen ihr Handy nur, um erreichbar zu sein). Er bot mir sofort sein Telefon an und ließ mich meinen Anruf tätigen, was auch auf Anhieb gelang.

Zé Paulo ist also informiert und wird die Oma unterrichten, die wiederum meine Familie in Deutschland informieren kann, wenn meine Frau im Haus der Oma anruft.

Die Familie hier ist überglücklich, dass ich noch bleibe. Sie hatten schon die ganze Zeit auf mich eingeredet, doch noch ein paar Tage zu bleiben und sahen es mit Genugtuung, dass mir der Regen einen Strich durch die Rechnung machte. So einfach und „ungebildet“ die Leute hier sind, ihre Herzlichkeit und Gastfreundschaft ist überwältigend.

Almir und seine Frau Nega spielen mit dem Gedanken, dass einer von ihnen auch nach BH mitfährt, um dort ein paar Sachen zu erledigen. Sie haben nicht das Geld dafür (ca. 12 Reais pro Fahrt), ich bot aber gleich an, das Ticket zu bezahlen. Wäre mir auch recht, eine einheimische Begleitung zu haben. Das sorgt gleich für weniger Aufmerksamkeit.

Jabuticaba-Fruechte am Baum
Jabuticaba-Baum

Habe mittags mit den beiden Töchtern Juciléia (9) und Jucélia (15) eine Wanderung rund um die Fazenda gemacht und neben etlichen tropischen Obstbäumen und Vögeln auch Affen zu Gesicht bekommen, die aber gleich über die Bäume das Weite suchten, als wir uns näherten. Die Mädchen wissen alles über die Natur hier, kennen alle Pflanzen, alle Tiere, alle Gefahren. Sie haben ihr ganzes bisheriges Leben auf dem Land verbracht, genauso wie ihr Vater. Es beeindruckt mich in Brasilien immer wieder, auch in so jungen Menschen so ortskundige Guides zu finden, die darüber hinaus noch ausgesprochen freundlich, lustig und anhänglich sind. Die neunjährige Juciléia pflückte eine pampelmusengroße Apfelsine, die wir später verspeisten und die herrlich saftig und süß schmeckte. Wir hätten auf dem Weg noch etliche andere Früchte essen können, aber ich bin da vorsichtig, um mir den Magen nicht zu verderben. So ließ ich die massenhaft reifen Jacuticaba-Früchte links liegen. Das sind weintraubenähnliche dunkelrote Früchte mit einem einzigen größeren Kern darin, die überall an den entsprechenden Baumstämmen und Ästen kleben und aus denen in Brasilien auch Wein gemacht wird. Für die vielen Insekten hier ein wahres Festmahl. Die Mangos, die hier ebenfalls massenhaft wachsen, sind leider noch nicht reif.

 

Mittwoch, 16. November 2011 (vormittags)

 

In der Nacht hat es wieder kräftig geregnet, seit Tagesanbruch hat sich aber das Wetter beruhigt. Will heute auf jeden Fall nach BH zurück, wie auch immer. Wie es aussieht, wird Almir mitkommen. Nega hat schon vor einiger Zeit ihren Personalausweis verloren und bleibt aus Sorge vor irgendeiner Kontrolle lieber hier, obwohl sie große Sehnsucht nach ihrer dritten Tochter hat, die bei der Oma lebt.

Nega hat gestern meine wenige Wäsche, die ich dabei hatte, gewaschen. Wir hängten sie in der überdachten Veranda auf, damit sie trotz des Regens trocknen kann. Die heutige Kontrolle hat jedoch ergeben, dass sie fast genauso nass ist wie gestern. Im Haus des Patrons oben gibt es einen Wäschetrockner sowie alle sonstigen technischen Geräte. Nega meinte, ich könne Manel, der den oberen Teil der Fazenda hütet fragen, ob ich den Trockner benutzen dürfe. Will aber nicht so viele Umstände machen. Nega hat zwar ein altes Bügeleisen, aber der Stecker passt nicht in die Steckdose.

Nega hätte gerne einen Wäschetrockner. Aber dafür hat sie kein Geld. Ich meinte, eigentlich wäre es doch die Aufgabe ihres Patrons, ihnen solche notwendigen Geräte hinzustellen. Aber sie sagte, er sei sehr geizig. Eigentlich müssen sie sogar um Erlaubnis fragen, ob sie die hier wachsenden Früchte essen dürfen. Da er aber so selten da ist, tun sie es einfach.

Baum mit reifen Mangos
Baum mit reifen Mangos

Viele dieser Reichen hier in Brasilien sind unerträglich. Sie wollen alles nur für sich haben, beuten ihr Personal aus, bezahlen gerade mal den gesetzlichen Mindestlohn von derzeit 545 Reais für ihr Personal. Für die Landarbeiter, die wie Almir und seine Familie auf der Fazenda wohnen, sind Kost und Logis frei. Fernando dagegen, Almirs regelmäßig vorbeischauender Cachaça-Kumpan, arbeitet auf einer Fazenda, bekommt dort aber nur Mittagessen und das salario minimo. Davon muss er noch seine Wohnung bezahlen und monatlich mit 200 Reais seine Ex-Freundin mit den gemeinsamen zwei Kindern alimentieren. Da bleiben nicht mal 250 Reais zum Leben.

Etwas später:

Almir kann jetzt doch nicht mit, weil morgen seine Kühe geimpft werden. Ob wir nicht morgen fahren könnten? Ich verneine entschieden. Morgen gibt es dann wieder einen Grund, wieso es nicht geht.

Wegen des Regens fährt kein Bus nach Mateus, hat Juciléia gerade gesagt. Mittags wird neuer Regen erwartet. Nega sagte, es gebe einen Nachbarn, der einen für 10 Reais im Auto dort hinfährt. Das klingt nach einer guten Option.

Abends:

Bushaltestelle nach Mateus Leme

Bin wieder zurück in BH. Am Ende ist Almirs Frau Nega mitgefahren, obwohl sie keinen Personalausweis mehr hat. Eilten gegen 12:30 Uhr zu Fuss zur Haltestelle des Busses nach Mateus Leme, wofür wir fast eine halbe Stunde brauchten. Das Wetter blieb trotz einiger großer dunkler Wolken warm und trocken. Nach wenigen Minuten traf der Bus ein und brauchte etwa eine halbe Stunde nach Mateus. Ich konnte nachvollziehen, wieso er bei starkem Regen nicht fährt, weil die Lehmpiste über steile Hügel hoch und runter führt. Bei Regen sicher eine wahre Rutschpartie.

In Mateus gab es wider meine Erwartung keinen Busbahnhof. Man musste sich in der Stadt an die richtige Bushaltestelle stellen, um den gewünschten Bus zu bekommen. Die Einheimischen hatten da etwas widersprüchliche Angaben, schließlich fanden wir aber die richtige und warteten eine ganze Weile. Der für 14:30 Uhr angekündigte Bus kam mit 15-minütiger Verspätung, fuhr aber mit wenigen Stopps zum großen Busbahnhof in BH. Die Strecke von knapp 70 Kilometern dauerte eineinhalb Stunden. In BH nahmen wir dann ein Taxi zum Haus der Oma, weil keiner die Mittel oder die Zeit hatte, uns abzuholen. War mit 30 Reais auch nicht so teuer wie befürchtet. Klappte also alles soweit reibungslos.

Brief aus Brasilien (4)

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