Brief aus Brasilien (3)

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Widrigkeiten einer Flug-Umbuchung. Eigentlich wäre ich heute auf dem Weg zurück nach Deutschland – hätte ich nicht meinen Flug umgebucht. Aber wie alles in Brasilien hat sich auch dies zu einer größeren Geschichte ausgewachsen.

Am Dienstag dieser Woche rief ich das Reiseportal, über das ich meinen Flug gebucht hatte, aus dem benachbarten Internet-Café über Google-Mail aus an (extrem billig, kann ich nur weiterempfehlen). Beim ersten Mal war die Verbindung so schlecht, dass mich die freundliche Dame am anderen Ende der Leitung nicht verstand. Ab dem zweiten Versuch klappte es aber reibungslos. Ich erklärte mein Anliegen, wonach ich meinen Rückflug gerne nach hinten verschieben wolle. Ob das möglich sei und was das koste? Es war grundsätzlich möglich, weil mein Ticket eine Gültigkeit von einem Jahr hat. Was es kostet, konnte mir der diesmal männliche Kollege nicht sagen. Das wüssten nur die Kollegen, welche die Umbuchung schließlich ausführen würden. Wann ich denn zurückfliegen wolle?

Das war eine gute Frage. Darüber war ich mir noch nicht ganz im Klaren. Ob es nicht möglich sei, den bevorstehenden Flug erst einmal abzusagen und später mitzuteilen, wann ich tatsächlich fliegen wolle? Nein, das war nicht möglich. Ob der Flug denn nicht weiter gültig bleibe, wenn ich ihn nicht bestätigte, wie eigentlich vorgeschrieben, und nicht antreten würde, war meine nächste Frage? Nein, dann würde er verfallen. (Ich muss dazu sagen, ich habe erst einmal in meinem Leben einen Rückflug verschieben lassen, und das war vor ziemlich genau sieben Jahren, als ich meine Frau in Brasilien kennenlernte. Damals hatte ich den Flug über ein brasilianisches Reisebüro in Berlin gebucht, denen einfach eine Mail geschickt und die kümmerten sich dann um alles.)

Ich sagte dem Herrn von fluege.de, dass ich mir das dann nochmal überlegen würde. Bis wann sie denn bescheid wissen müssten? Er antwortete, ich sollte es nicht unbedingt erst am Tag vorher mitteilen, weil die Kollegen die Anfrage noch bearbeiten müssten und mir dann eine Mail schicken würden mit den neuen Flugdaten, die ich dann per Mail bestätigen müsste. Wenn ich mich aber zwei Tage vorher, sprich am nächsten Tag melden würde, sei das alles noch gut machbar.

Reiseportal verweist auf Fluggesellschaft

Also ging ich nochmal in mich, hielt Rücksprache mit meiner Frau in Deutschland und entschied mich für den 23.11. Rief am nächsten Tag (Mittwoch) wieder über’s Internet bei fluege.de an. Die Dame am andere Ende der Leitung nahm meinen Wunschtermin auf und erklärte, ihn sofort weiterzugeben, so daß ich bald einen Alternativtermin per Mail bekommen würde.

Als ich allerdings am nächsten Tag (Donnerstag), also gestern, wieder im Internetcafé war und mein Postfach öffnete, fand ich folgende Mitteilung:

Im Falle einer Umbuchung möchten wir Sie bitten sich direkt an Ihre Airline zu wenden.

Na, grossartig!

Da ich den wesentlichen Teil meines Fluges, nämlich den von Rio nach Paris, mit Air France zurückzulegen hatte, vermutete ich diese als Ansprechpartner. Im Internet fand ich die Kontaktdaten der Air France in Brasilien (für Anrufe aus brasilianischen Metropolen die 4003-9955, ansonsten die 0800 888-9955) und rief dort vom Haus der Oma aus an, das über Festnetz verfügt.

Der Herr am anderen Ende der Leitung wollte mir partout weißmachen, dass Air France nicht die zuständige Airline sei. Das konnte er anhand der Ticketnummer ersehen, die ich ihm durchgeben wollte. Aber er unterbrach mich ständig und meinte, die müsse mit einer anderen Ziffernfolge beginnen. Das konnte ich einfach nicht glauben. Mein Flug von Belo Horizonte nach Rio ging zwar mit der brasilianischen TAM, aber Air France musste doch mein zentraler Carrier sein. Ich gab dem Herrn meinen Airlinecode durch. Damit konnte er etwas anfangen. Er schaute nach und meinte, ich müsse mich an die TAM wenden, das sei meine zuständige Fluggesellschaft.

Fluggesellschaft verweist auf Flughafenschalter

Über die Telefonauskunft (120) bekam ich die zentrale Hotline der TAM angesagt (4002-5700). Die Dame dort am anderen Ende der Leitung konnte mit meinen Flugdaten etwas anfangen, hatte aber eine schlechte Nachricht für mich: Ich müsse zum internationalen Flughafen Confins in Belo Horizonte fahren, um dort am Schalter die Umbuchung vorzunehmen. Der Schalter sei täglich von 4:30 bis 22:30 Uhr geöffnet. Das wollte ich nicht glauben. Die freundliche Dame hielt nochmal Rücksprache, doch es war tatsächlich so. Die Hotline konnte da nichts mehr ausrichten. Meine Frage, ob es nicht im für mich näher gelegenen Flughafen Pamulha einen entsprechenden TAM-Schalter gebe, musste sie leider verneinen.

Ich weihte die Oma und eine gerade ebenfalls anwesende Tante ein. Der Flughafen Confins bzw. Tancredo Neves liegt außerhalb der Stadt. Das war eine ziemliche Aktion, für diese Umbuchung extra dort rauszufahren. Es gab die Möglichkeit, mit einem Linienbus dort hinzufahren, das würde aber ziemlich lange dauern und die entsprechende Bushaltestelle war auch ein paar Kilometer entfernt. Vielleicht würde einer der Onkel Zeit haben, mich mit dem Motorrad oder Auto dorthin zu fahren.

Ich ärgerte mich über diesen ganze Ärger. Man stelle sich mal vor, ich hätte jetzt noch weiter weg irgendwo in der Pampa gesteckt!  Ich beschloss, nochmal bei fluege.de anzurufen. Die waren schließlich mein Reisevermittler, bei denen hatte ich gebucht, die hatten meine Daten. Also sollten die sich auch um den ganzen Mist kümmern!

Ich rief aus dem Internet-Café an, damit es nicht so teuer wird und da vom Telefon der Oma aus eh keine internationalen Anrufe möglich sind.

Die freundliche Damen am anderen Ende der Leitung erinnerte sich an mich. Es käme nicht so oft vor, dass jemand aus einem brasilianischen Internetcafé aus anrufe, sagte sie. Ich erklärte ihr meine missliche Lage und sagte, das sei ja doch etwas zuviel des Guten, für eine Umbuchung 80 Kilometer zu einem Flughafen hin und 80 km zurück zu fahren. Das fand sie auch und hielt kurz Rücksprache mit ihren Kollegen. Sie konnte aber trotzdem nichts für mich tun. Sie hatten keinen Zugriff mehr auf das Ticket, das sei bereits bei der Fluggesellschaft hinterlegt. Wieso ihr Kollege mir denn dann gesagt habe, dass es reichen würde, zwei Tage vor Abflug den gewünschten Reisetermin mitzuteilen? Sie meinte, das hätte der Kollege nicht wissen können. (Übrigens hatte sie auch vermutet, dass Air France mein Ansprechpartner gewesen wäre). Sie könne mir nur empfehlen, am Flughafen von Confins anzurufen und mich zur TAM durchstellen zu lassen und nachzufragen, ob eine Umbuchung noch möglich sei. Eine Nummer dafür hatte sie aber nicht parat. Die fand ich dann selbst im Internet heraus. (TAM-Schalter Confins: 3689-2276)

Zurück bei Donna Marcelina, rief ich von dort aus die Nummer der TAM am Flughafen Confins an. Es ging aber keiner dran. Ich versuchte es über die zentrale Flughafennummer (3689-2700/01/…/06). Die Dame stellte mich aber nicht durch sondern gab mir nur eine Nummer, die meiner glich, nur dass die letzten beiden Ziffern vertauscht waren (3689-2267). Ich versuchte es also auch unter dieser Nummer, mit demselben Ergebnis. Keiner ging dran, auch nach etlichen weiteren Versuchen nicht.

Es führte wohl kein Weg daran vorbei, als zum Flughafen zu fahren. Sollte eine Umbuchung möglich sein, dann musste ich ja eh vor Ort sein, um die anfallende Gebühr zu entrichten.

Onkel will mich fahren – taucht aber nicht auf

Donna Marcelina telefonierte herum und es ergab sich dann, dass ihr Sohn Vanilson bereit war, mich nach seiner Arbeit mit dem Motorrad dort hin zu fahren. Gewöhnlich war so gegen 17 Uhr mit ihm zu rechnen.

Er tauchte aber nicht auf. Über Handy war er nicht erreichbar. Zu Hause war er auch noch nicht. Ich wurde unruhig und begann mich im Geiste darauf einzustellen, doch schon am nächsten Tag nach Deutschland zurückzufliegen.

Die Oma beruhigte mich und sagte, so ein komischer Kerl ihr 42-jähriger Sohn auch sei, ich könne mich darauf verlassen, dass er käme. Als er um 19 Uhr immer noch nicht da war, war mein Vertrauen dahin. Wir schafften es, Vanilson über Handy zu erreichen. Wie sich herausstellte, hatte sein Motorrad ein Problem und er war gerade dabei, daran rumzufrickeln. Kam aber nicht auf den Gedanken, mal bescheid zu sagen.

Nun war Alarm angesagt. Wir schickten die drei Kinder, die gerade im Haus von Donna Marcelina wohnen, zu Fuß zum ca. 2 Kilometer entfernten Haus der Tochter eines ihrer Ziehkinder. Die hatten nämlich ein Auto, das allerdings zuletzt in der Reparatur war. Sollte es immer noch kaputt sein (ein Idiot hatte während einer gründlichen Autowäsche aus unerfindlichen Gründen die Auto-Batterie falsch eingesetzt und damit beschädigt), dann konnten sie zumindest vielleicht bei Nachbarn eines ausleihen, was sie schon öfters getan hatten. Leider erreichten wir diese Ziehenkelin telefonisch nicht, daher wurden die Kinder losgeschickt mit dem Auftrag, auszurichten, dass Grazyele bitte sofort die Oma anrufen solle. Da Gra gerade erst Mutter geworden ist, war davon auszugehen, dass sie auch zu Hause war.

Unterdessen rief die Oma ihren Sohn Zé Paulo an. Der hatte auch ein Auto und ein Motorrad, aber keine Zeit, mich zu fahren. Nun ging an ihn die Frage, ob er seinem Bruder Vanilson sein Motorrad ausleihen könne, damit der mich zum Flughafen bringt. Zé Paulo war einverstanden. Nun musste nur noch geklärt werden, wie Vanilson an das Motorrad von Zé Paulo kommt. Dazu sollten sich die beiden Brüder miteinander kurzschließen.

Meine Nervosität stieg. Der TAM-Schalter hatte ja nur bis 22.30 Uhr auf. Und man musste erst mal dort hin kommen. Ich ärgerte mich über mich selbst. Wieso hatte ich nicht am Nachmittag den Bus genommen, statt mich auf irgendwelche Zusagen zu verlassen?

Schließlich tauchte der Sohn von Vanilson mit dem Motorrad bei Donna Marcelina auf. Wir verstanden es so, dass es jetzt losgehen würde und er mich fahren würde. Also traten die Oma  und ich kurz darauf aus dem Haus. Doch William war weit und breit nicht  mehr zu sehen. Die Oma vermutete, dass er noch das Motorrad von Zé Paulo holen musste.

Während wir so dastanden und warteten, kamen die Kinder zurück. Sie hatten schlechte Nachrichten. Das Auto der Ziehenkelin war immer noch kaputt und sie konnten kein anderes auftreiben. Und wieso Grazyele nicht angerufen habe, wie wir es den Kindern aufgetragen hatten? Das Telefon sei irgendwie auch kaputt, so die Antwort.

Ich verfluchte diesen Tag und meinte, vielleicht sei es doch besser, wenn ich meine Sachen packte und den Flug morgen nehmen würde. Donna Marcelina ermahnte mich mit einem Sprichwort: Meine Mutter habe mich auch nicht mit der ersten Wehe auf die Welt gebracht! Ich konnte ihr triumphierend entgegnen, dass es genau so  aber gewesen sei. Sie könne gerne bei meiner Mutter nachfragen.

Am Flughafen Confins

In diesem Moment tauchte endlich Vanilson auf dem Motorrad von Zé Paulo auf. Es war 19:40 Uhr. Ich setzte mich hinten drauf und los ging’s stadtauswärts über die Avenida Cristiano Machado und die Autobahn Linha Verde (Grüne Linie). Statt den direkten, beschilderten Weg zu nehmen fuhr Vanilson erst Richtung Sete Lagoas. Das gehe schneller, hatte er sich von zwei Militärpolizisten an einer Tankstelle bestätigen lassen. War aber weiter, wie sich herausstellte. Dieser Umweg macht nur bei starkem Verkehr Sinn. Aber egal. Gegen 20 Uhr 30 kamen wir am Flughafen an. Am TAM-Schalter wurde ich gleich bedient. Der Flug war problemlos umzubuchen (Kostenpunkt 219 Reais). Jetzt fliege ich sogar mit Lufthansa. Super!

Vanilson war noch nie am Internationalen Flughafen gewesen. Also schauten wir uns vom Absperrzaun aus ein bißchen das Rollfeld an und ich lud ihn zu einem kleinen Imbiss ein. Wir staunten allerdings nicht schlecht, als für zwei Cola und zwei Coxinhas 19 Reais verlangt wurden. Aber ich war in Spendierlaune.

Und was ist die Moral von der Geschicht’? „Sempre tem um jeito“: Irgendwas geht immer in Brasilien! Und auf Freunde und Familie ist Verlass!

Der Flughafen Confins gefällt mir übrigens sehr gut (und liegt übrigens nur 36 km von Belo Horizonte entfernt, wie uns ein Straßenschild auf der Rückfahrt aufklärte). Er ist übersichtlich, gepflegt und hat ein offenes Ambiente. Ich denke, in dieser Hinsicht ist Belo Horizonte schon gut auf die Fussball-WM 2014 präpariert. Überhaupt ist die Hauptstadt von Minas Gerais einer der wenigen Austragungsorte der Copa, der im Zeitplan liegt. Heute will ich mir mal die Arbeiten am Stadion „Mineirão“ anschauen.

Brief aus Brasilien (3): Widrigkeiten einer Flugumbuchung

Brief aus Brasilien (2)

 

3 Gedanken zu „Brief aus Brasilien (3)“

  1. Die staatliche Flughafengesellschaft INFRAERO will nun gegen die Mondpreise für Erfrischungen an den Flughäfen der 12 WM-Städte vorgehen und sogenannte „lanchonetes populares“ einrichten, also einfache Imbisse, die mit festgelegten, niedrigeren Preisen den anderen Konkurrenz machen sollen. Eine coxinha soll dann nicht mehr als R$ 3,20 kosten dürfen:

    http://www.estadao.com.br/noticias/cidades,infraero-cria-lanchonete-popular-para-tentar-reduzir-precos-em-aeroportos,829687,0.htm#!/EstadaoSaoPaulo/status/164525264913702912

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