Bolsonaro und die Abholzung des Amazonas

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Seit durch Greta Thunberg und #FridaysForFuture die Klimadebatte an Fahrt aufgenommen hat, richtet sich der Fokus der Weltöffentlichkeit zunehmend auch auf das sonst in den Nachrichten eher vernachlässigte Brasilien mit seinen schier unerschöpflichen Naturreserven, allen voran auf den Amazonas und die indigene Bevölkerung. Die Wahl des Rechtspopulisten Jair Bolsonaro zum Präsidenten provozierte einen Aufschrei unter Naturschützern, NGOs, Menschenrechtlern und sonstigen Interessierten. Die Angst geht um, dass sich unter seiner Führung die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen beschleunigen werde, insbesondere die weitere Abholzung des Amazonas.
Ich habe dazu in einem geschlossenen Brasilienexpertenforum auf XING , dem ich seit Jahren angehöre, einen lesenwerten Gruppenbeitrag von einem langjährigen deutschen Expat in Brasilien gelesen, den ich mit seiner freundlichen Erlaubnis als Diskussionsbeitrag hiermit über meinen Blog weiterverbreiten darf:

Vor dem G20-Gipfel in Japan (28.-29.06.2019) befasste sich der Deutsche Bundestag auch mit dem Thema Umwelt in Brasilien. In dieser Debatte äußerte die deutsche Bundeskanzlerin große Besorgnis über die brasilianische Umweltpolitik. Angela Merkel informierte, dass sie während des G20-Gipfels in Japan ein sehr ernsthaftes Gespräch mit dem brasilianischen Präsidenten Jair M. Bolsonaro führen würde.
Zweifellos kann man den derzeitigen Präsidenten Brasiliens kritisieren. Er avisierte auch einige mögliche Änderungen im Agrar- und Umweltrecht Brasiliens, die während des Präsidentschaftswettbewerbs 2018 in die Diskussion geworfen wurden. Weltweit setzte eine hysterische Panik ein und es wurde dem Präsidenten Bolsonaro unterstellt, dass er den Amazonas abholzen will.
Bisher können wir aber feststellen, dass sich neben den mündlich geäußerten Ideen die Politik nicht wirklich geändert hat. Ich weiß nicht, was als nächstes kommen könnte, aber ich möchte mich viel mehr auf die reale Situation der brasilianischen Umwelt und der damit verbundenen Politik konzentrieren.
Das Arsenal von Bolsonaro zur Beantwortung der Fragen der deutschen Kanzlerin war und ist groß. Es gibt unwiderlegbare Daten von mehreren nationalen und internationalen Institutionen, darunter Embrapa, NASA und ESA, welche zeigen, dass Brasilien ein Gebiet zur Erhaltung und zum Schutz der einheimischen und ursprünglichen Vegetation aufrechterhält, das entspricht 66,3% des brasilianischen Staatsgebietes (Quelle: Greenpeace, NASA). Es ist ein Gebiet, das nie berührt oder für wirtschaftliche oder wohnungswirtschaftliche Aktivitäten genutzt wurde und auch nicht genutzt werden wird.
Obwohl es sich im Fall Brasilien um eine Weltagrarmacht handelt, werden nur 9% des Territoriums für landwirtschaftliche Aktivitäten genutzt (Quelle NASA und ESA 2018, Welternährungsorgansiation der UNO 2018).
Die einheimische Vegetation, die in privaten ländlichen Gebieten ohne wirtschaftliche Kompensation erhalten bleiben muss, beträgt 20,5%; 13,1% werden der Natur so zurückgegeben, dass die Biodiversität wieder entsteht (also keine Monokultur von Pflanzen und Bäumen), indigene Gebiete tragen mit 13,8% zu den nativen Naturflächen bei; von Menschen nie betretene und nicht registrierte Gebiete repräsentieren weitere 18,9%.
Diese Gebiete gehören der Union und sind als Biomasse weitgehend unbekannt.
In der Europäischen Union ist die Realität umgekehrt. Die natürliche Vegetation nimmt lächerliche 0,3% des Territoriums ein, und selbst der berühmte Schwarzwald in Deutschland, der nicht heimisch ist, weil er eine homogene Vegetation ist, hat fast keine Artenvielfalt. In Deutschland existieren gerade mal auf Rügen, im östlichen Bayern sowie in Grenzregionen zu Polen hin native Naturflächen.
Besonders schlimm ist es um ein europäisches Land gestellt, wenn es um Landwirtschaft geht: Dänemark. Das Land nutzt 72% seiner gesamten Fläche für intensive Landwirtschaft, speziell Schweinezucht. Der produzierte Dung wird aufgearbeitet und auf den Landwirtschaftsflächen wieder eingesetzt. Die unterirdischen Wasserläufe der dänischen Landfläche verlaufen grösstenteils Richtung Ostsee. Die NASA und ESA haben in 2017 und 2018 Wärmefotos der angrenzenden maritimen Bereiche der Welt veröffentlicht. Die Ostsee in der dänischen Umgebung weist deutlich erhöhte Wassertemperaturen auf, auch ist die Meeresfauna stark verändert. Die dänische Regierung macht dafür die glaube Erderwärmung verantwortlich.
Unser Energiematrix in Brasilien speist sich zu 54% seit vielen Jahren aus erneuerbarer Energie (v.a Wasserkraftwerke, Red.), was lange vor der Diskussion über die globale Erwärmung hier schon Realität war. Derzeit bewegt sich unsere Fahrzeugflotte mit rund 50% auf Ethanolbasis. Ethanol hat die im Benzin enthaltenen krebserregenden Aromastoffe vollständig ersetzt und damit auch die Emissionen von Partikeln und anderen gesundheitsschädlichen Verbindungen wie Kohlenmonoxid, Formaldehyd und flüchtigen organischen Verbindungen, die photochemischen Smog erzeugen, massiv reduziert. Dieselkraftstoff ist bereits seit den 70er Jahren für den privaten Personenverkehr verboten. Bis zum Jahr 2023 wird Diesel in der nationalen Matrix auf 15% reduziert.
Mit den laufenden Maßnahmen, wie unter anderem dem RenovaBio-Programm, wird Brasilien seine CO2-Emissionen bis 2029 um 690 Millionen Tonnen reduzieren, was mehr als einem Jahr Gesamtemissionen aus Frankreich entspricht.
Brasilien, sagen wir Präsident Bolsonaro, könnte Bundeskanzlerin Merkel daran erinnern, dass Brasilien eine viel bessere technologische Mobilitätsoption hat als Deutschland und andere europäische Länder, die beabsichtigen, Verbrennungsmotoren durch Elektroautos mit Batterie zu ersetzen – eine Illusion, dass sie auf diese Weise keine Emissionen verursachen werden. Reduktion ja, aber Emission Null – weit entfernt.
Der brasilianische Präsident könnte die Bundeskanzlerin nach der deutschen Umweltpolitik fragen, die derzeit Energie aus der Verbrennung von Kohle und Erdgas nutzt. Brasilien sollte darauf bestehen, dass das Klimaabkommen von Paris auch von Deutschland einzuhalten ist.
Unter Berücksichtigung der Ökobilanz emittieren die für den europäischen Kontinent geplanten Elektroautos heute etwa 92 gCO2e/km und mit allen bis zum Jahr 2032 theoretisch umgesetzten Fortschritten 74 gCO2e/km.
Mit Blick auf Brasilien könnte die deutsche Bundeskanzlerin lernen, dass aufgrund des nahezu neutralen CO2-Fußabdrucks von Ethanol der Ausstoß von Treibhausgasen aus aktuellen brasilianischen Fahrzeugen derzeit einen Ausstoß von 58 gCO2e/km aufweist. Im Jahr 2018 wurde das neue Gesetz Rota2030 verabschiedet. Mit der Implementierung gehen wir in Brasilien Richtung 47 gCO2e/km. Technologisch implementieren wir in Brasilien das neue Flex-Ethanol-Hybridauto, das im Oktober 2019 auf den nationalen Markt kommt und bereits als das sauberste Auto der Welt gilt, da es nur 39 gCO2e/km emittiert. Bei vollständiger Umsetzung bis 2030 werden die Emissionen nur 27 gCO2e/km erreichen.
Es wirkt schon sehr konfus, wenn europäische Politiker gerade Brasilien auf die Notwendigkeit zur Einhaltung der Umweltstandards hinweisen wollen. Statt dessen sollten sie sich lieber demütig zeigen und von Brasilien an dieser Stelle lernen.
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Frank P. NeuhausPartner/Gesellschafter iManagementBrazil Ltda., São Paulo, Brasilien

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