Bildung

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Bildung ist auch so ein Thema, über das seit Jahrzehnten reichlich und kontrovers gestritten wird. Und wie bei allen Grundsatz-Streitigkeiten auch, fängt die babylonische Verwirrung schon bei der Sprache an, denn im Verlauf der Debatte stellt sich dann heraus, dass man die ganze Zeit aneinander vorbei geredet hat, weil jeder unter dem Begriff „Bildung“ sehr unterschiedliche Dinge assoziiert und versteht, abhängig vom persönlichen Background, dem „Bildungsgrad“ und der vorhandenen Intelligenz.

Unter „Bildung“ versteht die bildungsorientierte Mittel- und Oberschicht eben Schule, Gymnasium, Studium, Karriere, Pensionierung.

Schule hat hier eine Institution zu sein, welche den Nachwuchs für diesen Weg abrichtet und trainiert: Auslandsaufenthalt hier, Hospitanz dort, Internship hier, estage dort. Damit am Ende des Lebens eine wunderbar geradlinige Karriereleiter zu identifizieren ist, die dich für die Wahren und Großen und Wichtigen Dinge qualifiziert! Das Große Karriereversprechen, bei dem Reichtum, Anerkennung und eventuell auch Bekanntheit das Ziel aller Anstrengungen sind! Werde reich! Werde berühmt! Werde wichtig!

Nun ja. Es mag eine Binsenweisheit sein, aber Geld macht nicht glücklich. Weil es eben so vergänglich und verdorben ist. Es stinkt, wenn es anfängt, zum Selbstzweck zu verkommen – was ihm immanent angeboren ist. Die Jagd nach dem Geld und dem Reichtum zentrifugiert dich in einen Teufelskreislauf, aus dem du alleine nicht mehr rauskommt, wenn überhaupt. Es saugt dich auf und verschlingt dich wie ein gewaltiger Strudel, der dich auf den Grund des Bodensees zieht…

Das Glück der Erde liegt auf dem Rücken der Pferde, sagt eine alte Volksweisheit. Und wer weiß, wie sie damals gemeint war, als das Pferd noch das Auto ersetzte. Ein Statussymbol? Oder eine Metapher für den Müßiggang, aus erhabener Perspektive durch eine wundervolle Landschaft zu reiten, mit Pferd und Natur eins geworden?

Diejenigen, welche Bildung nur in diesem engen Horizont von Karriere und Lebenslauf sehen, haben zwangsläufig andere Vorstellungen darüber, was Schule leisten soll, als diejenigen, für die Schule eher eine lästige Pflicht ist, weil sie sich eigentlich gar nicht so sehr für all diese Sachen interessieren, weil sie für ihren eigenen Alltag und ihre Perspektiven irrelevant sind. Weil andere Dinge zählen und wichtig sind.

Es macht keinen Sinn, für die gesamte Menschheit ein Bildungsversprechen abzugeben, das viele Menschen überhaupt nicht wollen, nicht brauchen und das auch die Gesellschaft nicht benötigt, weil es eben für das alltägliche Leben irrelevant ist.

Ich kenne hier in Brasilien unzählige Familien, die auf dem Land leben, genug zu essen und zu trinken haben und ansonsten auch keine allzu großen Ansprüche an das Leben stellen. Wenn sie mal in die nächste Großstadt reisen, ist das für sie schon eine Weltreise! (Diese Menschen haben übrigens einen extrem geringen ökologischen Fußabdruck…)

Natürlich sollten alle Menschen lesen und schreiben und rechnen können, weil man das wirklich braucht und es enorm hilft. Der Rest ist im Grunde schon verhandelbar.

Je mehr die Kinder in der Schule ihre eigenen Interessen verfolgen können, desto besser. Und das sollte möglichst ergebnisoffen und mit so wenig Vorgaben wie möglich stattfinden. Lediglich die notwendigen Mittel und Materialien bereitstellen und dann machen lassen, mit Anleitung, mit Hilfe und Unterstützung und praktischen Anregungen.

Neugier und Interesse entfalten sich von selbst, wenn ein entsprechendes Umfeld bereitgestellt wird. Und da sollten Schulen auch durchaus experimentierfreudig sein und sich durch besondere Profile von anderen unterscheiden: hier der musische Schwerpunkt, dort der sportliche oder der mathematisch-naturwissenschaftliche oder gar der ökonomisch/juristische, sofern sich entsprechende Tendenzen beim Kind bereits erkennen lassen. Je breiter und vielfältiger das Angebot, desto besser.

Aber man soll eben auch die Kirche im Dorf lassen und nicht vom Staat erwarten, er habe dafür zu sorgen, dass die Wirtschaft gefälligst ihren systemtreuen  karrieregeleiteten Nachwuchs serviert bekomme!

Das ist auch eine Form des Kindesmissbrauchs! Wenn ihm keine Wahl gelassen wird und es instrumentalisiert wird.

Überhaupt scheinen manche karrieregeilen Eltern ihrem Nachwuchs wenig Aufmerksamkeit zu schenken. Eher sowas wie ein lästiges Anhängsel, das nur Stress macht und zusehen soll, das es die Karriere-Erwartungen der Familie und „Freunde“ gefälligst widerstandslos erfülle!

Solche Kinder tun mehr mir leid als diejenigen, die auf dem Land aufwachsen und vielleicht nur vier Stunden in der Dorfschule verbringen, um danach mit ihren Freunden zu spielen oder Zuhause abzuhängen.

Wer erinnert sich schon an einzelne Unterrichtsstunden aus der längst vergangenen Schulzeit. Es sei denn, es war ein besonders peinlicher, guter oder lustiger Moment.

„Bildung“ und Karriere sind also gar nicht so erstrebenswert, wie viele Leute das tagtäglich propagieren. Nicht umsonst finden sich die meisten Herz-Kreislauf-Erkrankungen unter karrieregetriebenen Managern. Und die Selbstmordraten im karrieregetriebenen Japan sind erschreckend.

Wenn sich der Mensch darauf reduzieren lässt, ein materiell „produktives“ Rädchen im auf Profit getrimmten kapitalistischen Wirtschaftsgefüge zu sein, hat er definitiv die Arschkarte gezogen!

Denn das System kennt keine Gnade und keine Menschenwürde. Es frisst alles auf, mit Stumpf und Stil.

Wer sich diesem System unterwirft, ist verloren und hat keine Zukunft.

Denn er/sie ist eine quantité negligeable, eine vernachlässigenswerte Größe. Ersetzbar. Oder gar ersatzlos zu streichen. Mit einem einzigen Federstrich.

Wer also Herr seines eigenen Lebens sein und bleiben will, muss sich dieser Doktrin widersetzen und wo er geht und steht Widerstand leisten, sei er noch so klein und zaghaft.

Rom wurde nicht an einem Tag erbaut. Veränderungen brauchen Zeit. Aber die Zeit ist da, der Geschichte den notwendigen Schubs zu geben, um sich in die richtige Richtung zu bewegen. Und dafür werden alle gebraucht, die guten Willens sind.

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