Aus dem Alltag: Stromausfall

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Es ist jetzt das zweite Mal innerhalb von 24 Stunden, dass hier in der Region von Paraty für mehrere Stunden der Strom ausgefallen ist. Das wirft bei vielen Leuten alle Pläne über den Haufen, die man für den Tag gehabt hat.

Der erste längere Stromausfall war von vorgestern Nachmittag 16 Uhr bis gestern Nachmittag 13 Uhr.

Heute früh um 7 Uhr war der Strom wieder weg! Als ich gegen 8:30 Uhr zu Fuß bei einem kleinen Lebensmittelladen in der Nachbarschaft einkehrte, um eine Packung Kekse zum Frühstück zu kaufen, erzählte mir die Verkäuferin, diesmal solle der Ausfall nur von kurzer Dauer sein. Man arbeite kurzfristig an der Leitung von dem Richtung Rio gelegenen Nachbarstädtchen Mambucaba zu uns. Um acht Uhr solle der Strom wieder da sein.

Das klang harmlos, auch wenn es schon nach Acht war.

Tatsächlich war der Strom selbst am heutigen Nachmittag um 15 Uhr noch nicht zurück.

Der vorangegangene Ausfall war einem heftigen Sturm mit Starkregen geschuldet, der zwei Strommasten niedergehauen hatte, allerdings an einem anderen Abschnitt, von hier aus Richtung Süden, Paraty. Angesichts der Ernsthaftigkeit des Schadens war er vergleichsweise schnell behoben.

Das ist ja eigentlich generell meine Erfahrung in Brasilien, dass wirklich akute Infrastrukturprobleme schnell angepackt und behoben werden. Da sind die Brasilianer den Deutschen meilenweit voraus.

Umgekehrt hapert es eben an der Langfristplanung. Irgendwie arbeitet man hier in Brasilien immer von der Hand in den Mund, kurzsichtig und kurzfristig, aber nicht langfristig.

Deswegen finde ich die deutsch-brasilianische Mischung ja sehr charmant, weil beide Seiten voneinander profitieren können. Was der Brasilianer an Spontanität und Kreativität einbringt, kann der Deutsche mit Verlässlichkeit, Ernsthaftigkeit und Professionalität veredeln.

Nicht weit von hier entfernt befindet sich ja das einzige Atomkraftwerk Brasiliens, „Angra Um“ und „Angra Dois“, mit einem aktiven Meiler. Ein dritter ist in Bau. Viele meiner Nachbarn haben dort gearbeitet oder kennen Leute, die dort arbeiten. Und sie schwärmen in höchsten Tönen.

Das Werk ist nämlich von Siemens erbaut und wird auch von deutschen Experten geführt. Zahlreiche Siemens-Mitarbeiter leben im Umfeld des Werkes, das mit seiner weißen, runden Kuppel und einem schlaksigen Schornstein aus der Ferne wie ein spaciges sakrales Gebäude wirkt, umgeben von dieser atemberaubenden Küste und dem tropischen Regenwald.

Trotz der unschuldig wirkenden weißen Fassade strömt dieser Bau etwas Bedrohliches aus, wenn man weiß, dass es sich um einen Atomreaktor handelt. Man weiß ja nie. Es gab schon Zwischenfälle. Aber es beruhigt natürlich trotzdem, dass der Meiler wenigstens von Siemens und nicht aus Russland ist. Da vertraut man dem deutschen Sachverstand und der pingeligen Vorsicht.

Eine brasilianische Zufallsbekanntschaft erzählte mir vor einiger Zeit mal eine wilde Geschichte, wie er dank seiner praktisch-pragmatischen Fähigkeiten gewissermaßen zum Teamleiter bei der Lösung eines Problems wurde. Es war mir alles zu technisch, um es im Detail verstehen zu können, aber die Geschichte bestätigte meine Meinung, dass sich ur-deutsche und ur-brasilianische Eigenschaften wunderbar ergänzen können. Die Deutschen waren mit ihrem Latein am Ende, weil sie nicht die Bedingungen vorfanden, die sie benötigt hätten, um das Problem zu lösen. Der Brasilianer passte die Erfordernisse an die Gegebenheiten an, um das Problem zu lösen.

Er vollzog im pädagogischen Sinne den Transfer und übertrug das theoretische Wissen auf die praktischen Gegebenheiten! Perfekt!

So können sich also verschiedenen Talente ergänzen und gemeinsam einer Lösung zuführen!

Der Strom ist inzwischen wieder zurück und ich kann diesen Artikel posten.

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