Aufbruch mit Hindernissen

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Nun bin ich unfreiwillig noch einen Tag länger in Porto Seguro gebleiben. Der Grund dafür ist, dass eine Busreise mit Hund in Brasilien nicht so einfach ist.

Als ich vorgestern Nachmittag am Busbahnhof das Ticket nach Teófilo Otoni, MG lösen wollte, wurde ich von dem Mitarbeiter des Unternehmens Contijo darüber aufgeklärt, dass ich erstens auch ein Ticket für meinen Hund kaufen müsse (zum gleichen Preis wie für einen Erwachsenen) und zweitens eine bestimmte Service-Nummer des Unternehmens anrufen müsse, um zu erfahren, was darüber hinaus zu beachten sei.

Das tat ich umgehend vom Handy aus (der Anruf war immerhin kostenlos). Die Frau am anderen Ende der Leitung klärte mich darüber auf, dass die Reise nicht länger als 24 Stunden dauern dürfe (was der Fall ist), ich einen Impfpass für das Hundeweibchen vorlegen müsse (habe ich), darüber hinaus aber auch eine Reiseerlaubnis benötige, von einem Veterinär ausgestellt. Sobald ich die hätte, könnte ich die Tickets kaufen und müsse dann erneut unter dieser Nummer anrufen, damit sie freigegeben werden.

Ich erzählte das meinem freundlichen Nachbarn und er erklärte sich bereit, am nächsten Tag (dem geplanten Abreisetag) mit mir und meinem Hündchen zu einer Veterinärin im Zentrum zu fahren.

In der Zwischenzeit wollte ich schonmal meinen Koffer packen, musste aber feststellten, dass ich die Nummer vom Sicherheitsschloss in der Zwischenzeit vergessen hatte. Der Koffer ist nämlich nicht von mir, sondern von einer brasilianischen Freundin in Berlin, die sich wiederum zuvor meinen (größeren) Koffer für ihre Reise nach Brasilien ausgeliehen hatte, bevor ich wusste, dass ich selbst bald nachfolgen würde. Der Code stammt also nicht von mir. Und da ich den Koffer seit Wochen nicht benutzt habe, war mir der Code schlicht und einfach entfallen. Ich wusste nicht einmal, ob ich ihn mir irgendwo notiert hatte und wenn ja, wo.

Da diese brasilianische Freundin inzwischen wieder in Deutschland ist, wurde sie von meiner Frau kontaktiert. Aber selbst die Eigentümerin des Koffers wusste nicht mehr, wie der Code lautet.

So brachten mein Nachbar und ich am gestrigen geplanten Abreisetag erst einmal den Koffer zu einem Schlüsseldienst, dem es nach etwa einer halben Stunde gelang, den Koffer zu öffnen. Er berechnete 30 Reais dafür (für brasilianische Verhältnisse eher viel, aber ich bin ja auch ein Gringo…).

In der Zwischenzeit hatten wir die Veterinärin Dra. Fábia Coelho aufgesucht, welche sich mein Hundeweibchen nicht genauer anschaute, aber reklamierte, dass der Impfstoff, der im Pass dokumentiert sei, nichts tauge. In Teófilo oder Belo Horizonte solle ich eine Veterinär-Klinik aufsuchen, um die richtige Impfung zu veranlassen. Dann stellte sie ein handschriftliches Attest aus, dass mein Hundeweibchen „von undefinierter Rasse“ in perfektem Gesundheitszustand sei. Dafür berechnete sie 60 Reais, was auch mein Nachbar ziemlich happig fand.

Was den Impfstoff angeht, wollte mein Nachbar der Aussage der Veterinärin nicht all zu viel Glauben schenken. Die Veterinäre wollten ihre eigenen Impfstoffe verkaufen und es passe ihnen nicht, dass Pet-Shops ebenfalls welche vertrieben. Ich kann es derzeit nicht beurteilen.

Wir überlegten, gleich zum Busbahnhof zu fahren um die Tickets zu kaufen, verschoben es aber auf später, unmittelbar vor die Abfahrt. Da der Karneval nun auch in Porto Seguro vorbei ist, die Stadt sich deutlich geleert hat und es drei Optionen pro Tag für die Strecke gibt, sahen wir darin kein großes Risiko.

Da hatten wir aber falsch gedacht. Als wir mit Estrela in Transportkiste und Gepäck an der Rodoviária ankamen und ich zwei Tickets kaufen wollte, wurde ich darüber in Kenntnis gesetzt, dass es nur für einen Bus noch zwei Tickets gab. Die Plätze lägen aber nicht nebeneinander. Das sei aber Vorschrift, wenn jemand mit einem Tier reise. Die Zentrale würde in diesem Fall keine Autorisierung für die Fahrt geben. Wir meinten, es würde sich doch sicher ein Passagier finden, der bereit sei, den Sitzplatz zu tauschen. Der Ticketverkäufer wollte dies nicht ausschließen, hielt es aber für riskant, diese Wette einzugehen. Mein Nachbar war zeitlich unter Druck, weil er einen Termin hatte, sonst hätten wir die Sache vor Ort womöglich geregelt bekommen. So brachen wir unverrichteter Dinge die Zelte wieder ab, mein Nachbar brachte mich mit Estrela noch schnell zurück zu meinem Apartment.

Nun musste erst einmal geklärt werden, ob es überhaupt noch Sinn machte, nur bis Teófilo Otoni zu fahren, wo die Oma meiner Frau auf Kurzbesuch ist oder ob ich nicht gleich bis BH fahren sollte. Als geklärt war, dass die Oma noch einen Tag dranhängen konnte, um dann mit uns gemeinsam nach BH zurück zu fahren, fuhr ich mit dem Fahrrad erneut zum Busbahnhof, um nun mit einem Tag Vorlauf die Tickets zu kaufen. Das war nun auch gar kein Problem, es gab viele freie Plätze.

Danach rief ich die zentrale Servicenummer des Unternehmens an, um eine Freigabe der Tickets zu bekommen. Das zog sich hin, mehrmals wurde ich in die Warteschleife geschickt, einmal brach die Verbindung ab und ich musste erneut anrufen, geriet zum Glück aber an die selbe Mitarbeiterin, die meine Daten schon aufgenommen hatte. (Alles natürlich auf Portugiesisch! Wäre ich der Sprache nicht mächtig, wäre ich völlig aufgeschmissen gewesen.)

Ich wollte mich schon freuen, dass meiner Abreise am nächsten Tag nun nichts mehr im Wege stehen würde, da hatte die Frau am Telefon noch einen beunruhigenden Hinweis für mich parat: Sollte auch nur einer der anderen Passagiere etwas gegen Hunde oder Tier haben, könnten wir die Reise nicht antreten. Immerhin schränkte sie ein, dass dies selten vorkomme.

Sollte es allerdings entgegen aller Wahrscheinlichkeit doch vorkommen, dann fange ich an zu glauben, dass die Götter etwas gegen meine Abreise aus Porto Seguro haben. Jedenfalls per Bus.

Sacangem (Sauerei)

Es ist Übrigen sehr aufschlussreich, sich etwas länger an einem Ort aufzuhalten. Denn die freundliche Fassade so mancher Person hier hat doch erhebliche Risse bekommen. Glücklicherweise handelt es sich dabei ausnahmslos um Leute der Peripherie, mit denen ich wenig zu tun habe, auf die ich nicht angewiesen bin und auf die ich mich nicht verlassen muss.

Den vermeintlichen Freund eines in Berlin ansässigen brasilianischen Freundes, der mir hier wie einem VIP-Gast zur Verfügung stehen wollte, wenn ich ihn brauchte, der mich aber im Stich ließ, als ich ihn dann mal wirklich brauchte, habe ich an anderer Stelle schon erwähnt.

Dann gab es noch jene Französin, der ich freundlicherweise 40 Reais geliehen hatte, die sie mir am nächsten Tag zurückzahlen wollte, was aber am Ende mehr als zwei Wochen gedauert hat, mit viel Druck.

Jetzt hat sich noch die Schwester meiner bisher geschätzten und verreisten Nachbarin Malú dazu gesellt, deren Internet ich die letzten Wochen benutzen durfte (gegen Bezahlung, versteht sich).

Diese Schwester wohnt im Haus meiner verreisten Nachbarin und war schon einige Male ausfällig gegen mich geworden. Sie scheint mit ihrem Leben reichlich überfordert zu sein und hütet das Haus und die dort befindlichen Hunde mehr schlecht als recht.

So hatte ich mich mit meinem ausgeprägten Verantwortungsbewusstsein seit Malús Abwesenheit überwiegend um den Garten und die Hunde gekümmert, verfütterte das von mir gekaufte Hundefutter für Kleinhunde an die verbliebenen zwei filhotes, kaufte die Impfampullen nicht nur für mein, sondern auch für die beiden anderen Hundebabies.

Als ich vor drei Tagen am späten Vormittag zusammen mit jenem Bekannten, der bei mir einen Dokumentarfilm in Auftrag geben will auftauchte, um schnell meine Mails zu checken, wurde ich schon sehnlichst von den drei großen Hunden und dem inzwischen einzig verbliebenen Hundemännchen erwartet. Sie hatten offenbar seit dem Vorabend nichts mehr zu Essen und zu Trinken bekommen.

Ich betrat also mit meinem Zweitschlüssel das Haus und sah, wie die Schwester meiner Nachbarin noch im Bett lag. Ich konnte es mir nicht verkneifen, während ich das Hundefutter für die Großen aus der Küche holte, laut vor mich hin zu sprechen und zu beklagen, wie wenig Verantwortungsbewusstsein die Schwester doch habe.

Sie sprang kurz darauf aus dem Bett und beschimpfte mich in derbsten Worten. Mein Begleiter, der aus Angst vor den großen Hunden draußen in der Auffahrt stand, hörte alles mit. Ich solle gefälligst verschwinden, meine Zeit hier sei abgelaufen, ich solle gefälligst den Schlüssel abgeben und mein Hundeweibchen, das ich auf ihren Wunsch für zwei Tage dort gelassen hatte, damit das verbliebene Hundemännchen nicht so allein ist, gefälligst mitnehmen.

Ich erwiderte, dass sie mir gar nichts zu befehlen habe, denn ich hätte keinerlei Vereinbarung mit ihr sondern nur mit der Hauseigentümerin. Und mein Hundeweibchen würde ich selbstverständlich ad hoc wieder mit zu mir nehmen, denn hier sei es offensichtlich nicht in guten Händen.

Ich beendete meine kurze Internetsession und machte mich mit Estrela und meinem Bekannten von dannen. Mein 58-jähriger Bekannter, der weder meine Nachbarin noch ihre Schwester kannte, obwohl er ein nativo ist, war entsetzt von dem Auftritt jener Schwester. Er sagte, an meiner Stelle hätte er sofort die Polizei gerufen. Ich habe aber besseres zu tun, als meine wertvolle Zeit mit solchen Sachen zu verplempern.

Mir war allerdings die Lust vergangen, überhaupt noch einmal zu diesem Haus mit der durchgeknallten Schwester zurückzukehren.

Als ich am nächsten Tag nach Hause zurückkehrte, sah ich die Schwester grußlos mit dem Fahrrad an mir vorbeifahren. Es war mit hoher Wahrscheinlichkeit anzunehmen, dass sie so schnell nicht zurückkommen würde.

Also nutzte ich die Gelegenheit, schnappte mir schnell meinen Computer und veröffentlichte auf meinem Blog die Geschichte vom Aufbruch zu neuen Horizonten.

Ich hinterlegte die Impfpässe der beiden anderen Hundebabies auf einem Tisch im Haus, schloss es ab und versteckte den Schlüssel an einer Stelle, die ich mit der Schwester vorher einmal vereinbart hatte.

Meiner Nachbarin teilte ich per SMS mit, dass ich am nächsten Tag abreisen würde, den Schlüssel an besagter Stelle versteckt hätte, ihre Schwester kein Benehmen und Verantwortungsgefühl besitze, ich ihr dagegen sehr dankbar sei für ihre Hilfe, die ich ihr niemals vergessen würde.

Vergangene Nacht bekam ich dann eine SMS zurück, in der Malú schrieb, der Schlüssel sei nicht gefunden worden, wo genau ich ihn hinterlassen hätte. Außerdem wollte sie wissen, welche Person ich mit  zu ihrem Haus genommen hätte. Das letzte Hundebaby sei verschwunden und sie sei hinterher zu erfahren, wer bei ihr zu Hause gewesen sei.

Es ist offensichtlich, dass Malús Schwester mich angeschwärzt und schlecht gemacht hat und mir auf ihre dumme und niedrige Art und Weise eins auswischen will.

Aber da ist sie an den Falschen geraten. Den Hund kann nur jemand entwendet haben, den die großen, freilaufenden (!) Hunde kennen. Mein damaliger Begleiter mit Sicherheit nicht. Der hat sich vor Angst fast in die Hosen gemacht, als er mit mir da war. Vielleicht hat sich der kleine Kerl, der keinen allzu gesunden Eindruck gemacht hat, auch einfach in die Büsche geschlagen, hat sich verlaufen, ist dort gestorben, wie zwei andere Geschwister bereits zuvor. Vielleicht ist die Geschichte mit dem verschwundenen Hund auch nur eine Lüge der Schwester.

Außer dafür, dass ich den Schlüssel an der vereinbarten Stelle versteckt habe, habe ich für alles Zeugen und Beweise. Also können die mich alle mal kreuzweise.

In meiner Antwort-SMS erinnerte ich Malú daran, dass in Wahrheit sie mir noch 30 Reais schulde. Denn die Französin hatte das letzte Hundeweibchen verkauft. Ich hatte mit ihr und Malú daraufhin vereinbart, dass ich von dem Betrag 30 Reais abbekäme, weil ich die Impfungen gekauft und den beiden anderen Hundebabies von meinem Kleinhundefutter abgegeben hatte. Bis heute habe ich die 30 Reais nicht erhalten. Aber diese Französin hat sich ja schon vorher als schlechte Schuldnerin erwiesen.

Ich erklärte Malú in der SMS, sie könne mit den 30 Reais verbleiben und ansonsten mit Gott (Fica com Deus).

Das alles zeigt einmal mehr, dass man sich hier in Brasilien nicht zu sehr mit fremden Leuten involvieren sollte.

Einige Leute haben den lieben langen Tag nichts Besseres zu tun, als Streit zu suchen (caçar confusão).

Die Zeit ist also wirklich reif, hier vorerst einmal die Segel zu streichen.

Aufbruch mit Hindernissen

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